Nassauische Allgemeine Zeitung.
J' 909. XX
Dienstag den 6. September
1SS3.
©ft, Naffomscke StUflemrine Beihtng“ mit dem beUelristlschen Belblatt „Der äßonbenr" erscheint, Sonntag« auÄfltnommtn, täglich und beträgt der Pränumerationspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulari» nunmehr auch 6r den ganzen Umfang des Tburn- und Taris'scken Verwaltungsbezirks mit Jubtgriff des Postausschlag« 2 fl., für die übrigen Länder deâ deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das ÄuSlaud 2 fl. 24 fr. — Inserate werden die vicrsPaltix Petitzeile ober deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auâwärtS bei den nächstgelegcncn Postämtern, zu machen.
Zur orientalischen Frage.
Nie haben die Nachrichten /aus dem Orient mehr widersprochen, als im gegenwärtigen Augenblick. Das „I. des DebatS" und die „Judep. Beige" behaupten sehr entschieden, daß die neuen Abänderungen des Wiener Entwurfs nicht im mindeste» die friedliche Beilegung der Streitfragen trüben können. Constantinoplcr Berichte in den Regierungsblättern dagegen lassen darauf schließen, daß die hohe Pforte bis jetzt den schlechtesten Willen zeige, dem Wunsche der europäischen Mächte sich zu fügen. Während man einerseits die Abfahrt der alliirten Flotte und den Rückmarsch der Russen anzeigt, kommen von der andern Seite nur Nachrichten von Rüstungen der Pforte und Winkel-zügen des Divans. Die Börse neigt, wie wir angezeigt, auf Seite der Pessimisten. Es ist sehr schwer in den jetzigen Ver hältnissen sich immer das Urtheil klar zu erhalten. Nicht allein die politische Leidenschaft erfindet Nachrichten oder trübt die wahren Thatsachen , auch von den Staatsmännern wird auf die Presse gewirkt, um Hoffnungen zu beleben oder zu vernichten. Endlich kommen noch die Fälschungen hinzu, welche die Gewinnsucht d r Börsenspieler sich erlaubt. So oft in der orientalischen Frage wieder eine neue Wendung eintrat, und ein neues Borrücken deS diplomatischen Processes zu erwarten stand, tauchten die tollsten Widersprüche auf. In einem solchen Zwischenact ist Vorsicht und Kritik am meisten noth, und je weni ger man glaubt, desto weniger hat man Gelegenheit getäuscht zu werden. Nach dem ,-,J. -deS Dübats" sind die Abänderungen des Divans am 31. Aug. in St. Petersburg bekannt geworden. Entschließt sich das russische Cabinet so rasch wie im Juli bei dem Beschluß der Wiener Conferenz, so kann im günstigsten Fall am 4. oder 5. Sept. durch den Telegraphen die 9£ad)ri^t in Paris und in allen europäischen Hauptstädten eilige« troffen sein. Bis dahin haben die Conjecturèn freies Eviel. DaS „I. des Tübarst.', weiches abermals im Gerüche steht, russische Mittheilungen empfangen zu haben, spricht indeß zuversichtlich davon, daß Rußland die Vorschläge der Pforte annehmen werde.
Die „Zeit" bezeichnet in ihrer neuesten Nummer die Abänderungen, welche die Pforte in dem von der Wiener Conferenz vorgeschlagenen Entwürfe der an das St. Petersburger Cabinet zu richtenden Note getroffen hat, großentheils als durchaus unerheblich, so daß man kaum begreift, welchen Grund die Rathgeber des Sultans gehabt haben mögen, an der ursprünglichen Wortfassung Anstoß zu nehmen. Neben diesen durchaus unwesentlichen und unerheblichen Veränderungen befinde sich jedoch eine einzige, die wichtig genug ist, um begründete Veranlassung zu der Besorgniß zu geben, daß Se. Majestät der Kaiser von Rußland derselben seine Genehmigung versagen wird. Der dritte Satz des Notenentwurfes lautet in dem ursprünglichen Texte folgendermaßen: „Wenn die Kaiser von Nuß. land zu allen Zeiten ihre, eifrige Vorsorge für die Erhaltung der Freiheiten und P r i v i l e. gien der orthodoxen griechischen Kirche im osmanischen Reiche gezeigt haben, so haben die Sultane es niemals verweigert, dieselben vvn neuem durch feierliche Acte zu bestätigen, welche ihr altes und beständiges Wohlwollen gegen ihre christlichen Unterthanen bezeugten." Die Pforte verlangt, daß dieser Satz in folgender Weise abgcändert werde: „Wenn die Kaiser von Rußland zu allen Zeiten, ihre eifrige Vorsorge für den Cultus der orthodoxen griechischen Kirche gezeigt haben, so haben die Sultane niemals unterlassen, über die Erhaltung der Freiheiten und Privilegien dieses Cultus und dieser Kirche im oSm anische n Reiche zu wachen und dieselben von Neuem durch feierliche Atte zu bestätigen, welche ihr altes und beständiges Wohlwollen gegen ihre christlichen Unterthanen bezeugten." Der Zweck dieser Abänderung ist klar. Die Pforte will von einer Vorsorge deS Kaisers von Rußland für die Erhaltung der Freiheiten und Privilegien der griechischen Kirche im osmanischen Reiche nichts wissen. Dem Kaiser wird zwar das Recht nicht bestritten, im Allgemeinen für den Cultus der orthodoxen griechischen Kirche Sorge zu tragen; er soll aber vicht das Recht haben, sich um die Erhaltung der Freiheiten und Privilegien der griechischen Kirche im os- manif^en Reiche zu bekümmern. Wir glauben, daß der Kaiser von Rußland sich schwerlich entschließen wird, zu einer Abänderung des von ihm in ver ursprünglichen Fassung - bereits genehmigten Ent
wurfes seine Zustimmung zu .geben, deren Zweck so offen auf der Hand liegt.
Ungeachtet dieser Andeutungen der „Zeit" behauptet der „Nürnb. Corr.", gestützt auf die Angaben eines Wiener Correspondenten, daß Freiherr v. Meyendorff gelegentlich einer Conferenz mit dem Grafen Buol die Ueberzeugung ausgesprochen hat, daß der Kaiser von Rußland die von der Pforte beantragten Modificationen der Wiener Note an nehmen werde, da dieselben ganz unerheblicher Natur sein sollen. Jedenfalls dürfe man überzeugt sein, daß kein neuer, die vollständige Lösung erschwerender Zwischenfall eintreten werde, und daß demnach jede Befürchtung einer weiter» Verwickelung als gehoben betrachtet werden könne. Der Herr Gesandte soll noch hinzugesetzt haben, daß man den definitiven Abschluß der diplomatische» Acte, welche zum Vollzug der Ausgleichuugsnvte »och erforderlich find, in einigen Wochen erwarte» könne. Für die Räumung der Donaufürstenthümer soll das russische Cabinet sich bereits bestimmt ausgesprochen haben, obwohl über die Zeit, wann sie erfolgen soll noch kein definitiver Beschluß gefaßt worden zu sein scheint. Wichtig und auf die definitive Lösung sämmtlicher Streitpunkte förderlich einwirkend dürfte der Umstand sei», daß vo» Rußland keine Forderungen auf Entschädigung für seine Kriegskosten gestellt werden sollen, wodurch die Pforte sowohl in politischer als finanzieller Hinsicht von einer großen Verlegenheit befreit würde. Die Nachricht klingt zwar etwas unwahrscheinlich, zum wenigsten voreilig, sie soll jedoch aus vollkommen verläßlicher Duelle stammen.
Weitere Aenderungen des in Nr. 205 mitgetheilten Textes sind nach Angabe englischer Blätter folgende: statt die „Vorstellungen des Fürsten Menschikoff bei der Hohen Pforte in Erwägung zu ziehen", ist abgcändert: die Mittheilungen (communiculiorm) rc. In der Stelle: „ . . . daß die Regierung Sr. Mas. des Sultans dem Buchstaben und beut Geist der FriedenSfestfetzungen von Kudschuk-Kainardschi und Adrianopel bezüglich der Protection des christlichen Cultus treu bleiben wird rc." wird geändert' „. . . von Kudschuk-Kainardschi, bestätigt durch den Vertrag von Adriauopel, in Bezug auf den Schutz des christlichen Cultus durch die Pforte. Hier wird noch beigefugt: „und hat derselbe (Reschid Pascha) besannt zu machen, daß Seine Maj. der Sultan rc." Endlich 5) wo cs im Texte heißt: „daß der griechische Cultus in voller Gleichheit thttlnxhme an den Vortheilen, welche den andern chnst- lieben Rite» bewilligt worden sind rc." ist die vorge- schlageuc Aenderung: „die Vortheile, welche änderen christlichen Gemeinden, als osmanischen. Unterthanen, bewilligt sind und bewilligt werden mögen rc."
Dem „Wanderer" wird aus Constairti ii opel geschrieben: /,Die Modificationen des Wiener Vorschlags, welche der Divan zur Bedingung der Annahme der neuen Note machte, sind nicht so unbedeutend, daß man ihre Annahme Seitens der Wiener Conferenz und des St. Petersburger Cabinets mit Bestimmtheit Voraussagen könnte. Namentlich soll jener Punkt der Wiener Note, in welchem alle von der Pforte mit anderen Mächten über religiöse Angelegenheiten abgeschlossenen Verträge annullirt und in eins zusammengefaßt werden, auf Opposition gestoßen sein. Es hängt jetzt Alles von der Ansicht ab, welche über die von ban Divan vorge» brachten Modificationen bei der europäischen Diplomatie sich ausbilden wird. — Hr. de la Cour vereinte seine Bcinühungeii mit denen des Frhkii. v. Bruck, um die Annahme des Wiener ProjccteS zu Wege zu bringen. Was Lord Rcdcliffe betrifft, so sandte er seine Mitthei- luugen an den Minister des Aeußern, ohne beim Sultan Audienz zu nehmen, oder auch nur mit einem der Minister persönlich zu verkehren. Sonderbarer Weise hat ihm aber dieß Benehmen seinen frühere» Einfluß bei teil Türken wieder gegeben." (S. u. London.)
Dem „Dr. Journal" wird ans Wien geschieben: „Man hält sich .hier vollkommen übjrjeiigt, daß aus ber türkisch-russischen Frage keine weiteren Verwickelungen zwischen Rußland und den Großmächten hervorgehen werden. Was die Frage von der Räumung der Do- naufürstenthümer betrifft, so zweifelt man'hier nicht daran, daß Rußland sich hierin den Wünschen der vier vermittelnden Mächte willfährig zeigen werde. Erscheinungen, welche in Bezug auf die Sicherheit des Eigenthums und der Person, namentlich der christlichen Bevölkerung gegenüber, in der Türkei noch zu gerechten Besorgnissen Veranlassung geben, erwecken jedoch hier die Ansicht, daß die Räumung der Donaufürstenthümer
von den vermittelnden Mächten fernerhin weniger in den Vordergrund gestellt werden dürfte."
Deutschland.
* Wiesbaden, 6. Sept. Gestern Abend sind Se. Hoheit der Herzog und I. Hoheit die Frau Herzogin im besten Wohlsein aus Norderney in dem Residenzschloß zu Biebrich eingetroffe».
* Wiesbaden, 6. Scptbr. (Assisenverhandtung gegen Martin Oswald von Rüdesheim, 49 I. alt, Taglöhner, wegen Brandstiftung.) Am 20. März L I. an einem Sonntag brach des Abends in dem Hause des Martin Oswald von Rüdesheim auf dem ,Speicher Feuer aus, welches das Dach dieses Hauses, sowie jenes deS dem Richard Keisch gehörigen Hauses zerstörte und noch einige andere benachbarte Gebäude beschädigte. Martin Oswald hat einen schlechten Ruf; er hat im Jahre 1837 wegen Diebstahles und wegen Verletzung eines Handgelöbnisses an Eidesstatt eine Zuchthausstrafe von 2% Jahr verbüßt. Sein Haus war unverhältnißmäßig hoch versichert. Gegen den Angeklagten sprechen eine Menge Umstände. Oswald war auffallenderweise einige Tag vor dem Brand thätig seine Geräthschaften vom Speicher zu schaffen ; im Keller fand sich eine große Anzahl derselben verborgen. Die Kinder des Angeklagten waren am Abend vor dem Sranb nicht zu Bett gebracht worden. Auf dem Speicher Halte der Angeklagte Laubrauschwellen aufgeschichtet. Johl Schlotter von Rüdesheim, der den Angeklagten genau kennt, geht von der Unterstellung aus, daß Oswald die Wellen gestohlen habe, so wie daß er einen besondere» Zweck mit diesen leicht entzündbaren Wellen gehabt haben müsse, weil Oswald in der Regel besseres Holz zu stehle» pflege. Martin Oswald hatte eine Zeit vor dem Brande wiederholt davon gesprochen, es habe ihm von Feuer geträumt. Zur Zeit als der Brand ausbrach befand sich Oswald in einem Wirthshause, das er sonst nicht zu besuchen pflegte. Sein in sich gekehrtes Wesen fiel auf, nicht minder, daß er bei der Nachricht es brenne in seinem Hause, gar keine Bestürzung, ja sogar als man den Ort des Brandes noch nicht kannte, auch nicht die mindeste Neugier an Tag legte. Oswald hat während seiner Untersuchungshaft wiederholt Versuche gemacht, seinem Leben ein Er .e zu machen, weßhalb ihm Nachts stets die Zwangsjacke angelegt werden mußte.
Die Verhandlung leitet Assifenpräfident Trepkss; als Staatsanwalt fungirt Staatsprocurator-Substitut Fläch; als Vertbcibiger Procurator Dr. Geiger.
% Vom Rhein 3. Sept. Wenn.man mehrere Erscheinungen, welche bei der jüngsten Entwiklung der orientalischen Angelegenheiten an den Tag getreten sind, genauer .betrachtet, so wird man unwillkürlich zu der Annahme geleitet, daß die griechische Kirche in dem türkischen Gebiete nicht sonderlich über die Aussicht erfreut ist, welche sie unter das Papstthum des Kaisers von Rußland zu bringen droht. Da nun diese Kirch« bei dem unverbleiblichen Zerfall des türkischen Reiches sich unmöglich auf eigenen Füßen erhalten kann, so fragt cs sich, auf welche Seite sie sich wenden wird. Daß sie in einem solchen Falle sich am besten zur lateinischen Kirche hingezogen fühlen muß, geht schon .allein auS ihrer Lehre und Organisation hervor. Die Abneigung gegen das russische Papstthum, weiches das weltliche Regiment nach sich ziehen muß, wird aber auch vereint mit der nahen Freundschaft bot katholische» Mächte dazu mitwirken, eine Vereinbarung beider Kirchen herbeizuführen, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Daß ein vormals katholischer Fürst den griechischen Thron jein- nimmt und ein solcher zu seinem Nachfolger bestimmt ist, dürfte auch nicht außerhalb der Berechnungen liegen, die ein solches Ereigniß vorzubereitcn die Bestimmung zu haben scheinen.
X Bad-Ems, 4. Sept. Hofrath Dr. Spengler dahier hat von der mcdicinisch-chirnrgischen Gesellschaft des Kantons Bern „rücksichtlich aus seine gründlichen Kenntnisle und seine Verdienste um die Wissenschaften" das Diplom als Ehrenmitglied erhalten; cs schließt sich diese Auszeichnung an jene an, die demselben von den gelehrten Corporationen zu Erlangen, Breslau, Marburg, Bonn rc. in der letzten Zeit geworden sind.
Unter den hier noch in ziemlicher Masse anwesenden Fremden ist besonders Frau von Arnim (Bettina) und der Komponist Henri Herz zu merken; unter den Gelehrten noch Prof. Welcker aus Bonn und Prof. Tell- kampf aus Breslau. .
□ Vom Westerwald Die Einbringung der