Einzelbild herunterladen
 

Nassauische Allgemeine Zeitung.

^ S«S Montag -eit 5. September 1883.

T>tf Nassauische Slllgkmeuik Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, läßlich und beträgt der Pränumeration-Preis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postreßulaiiv nunmehr auch Lr den ganzen Umfang beS Dhuru» und TariS'schen Verwaliunß-bezirkS mit 3«b< griff des Postansschlak- 2 fl., für die übrigen Länder des dentsch.ö'sttrreiSissKen Postdereins, wie für das Ausland 2 st. 24 fr, Inserate werden die »ierspaltig Petitjeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung den 28. Friedrich, Sanggaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Zur Sheueruttgs/rage.

£ Die anhaltende Theuerung der ersten Lebensbe­dürfnisse, gegenüber den Ergebnissen eines allgemein alö gesegnet angesehenen Jahres, fordert mit Recht zur- gründlichen Untersuchung einer so auffallenden und für das Wohl der unteren Volksklassen so beunruhigenden Erscheinung auf. In den Zeiten der Noth wird die Frage in der Regel zu leidenschaftlich discutirt und ist die Notb vorüber, so ist sie nicht mehr im Stande, die Aufmerksamkeit des Pubiicums zu fesseln. Es ist deßhalb zur wirklichen Aufklärung über die Ursachen der in der neueren Zeit so oft ohire wirklichen Mangel wiederkehrcndeu Theuerungen, noch wenig geschehen. Die Ansichten darüber stehen sich noch schroff entgegen.

Während die Einen in absoluter Freiheit des Han­delsverkehrs das beste Mittel erkennen wollen, den Fluctnationen in den Preisen der Lebensmittel vorzu- beugen, wollen die Andern nur wucherische Umtriebe als die Ursache derselben angesehen und gegen dieses Getreibe vom Staate eingeschritten wissen. Wie ge­wöhnlich, so scheint auch hier die Wahrheit in der Mitte zu liegen. Weder absolute Handelsfreiheit noch das Einschreiten des Staats gegen den s. g. Getreide­wucher als solchen, wird zu dem erwünschten Ziele füh­ren; denn die Natur dieses Handelszweiges ist weder der Art, daß sich der Staat aller Aussicht über densel­ben entschlagen, noch sich verleiten lassen darf, mit Ver­ordnungen gegen ihn vorzuschreiten, die ihm den Cha rakter eines ehrlichen Gewerbes nehmen, wodurch er nothwendig den wirklichen Wucherern in die Hände ge­spielt werden muß, die sich hinter ihren niederen Agen­ten verstecken, und die stets auch auf die Landwirthschaft mehr oder minder nachtheilig einwirken.

Wenn man alle Thatsachen, die in der neuesten Zeit als die Ursachen der bestehenden Theuerung geltend ge­macht worden sind, zusammensaßt, so geht daraus un­zweideutig hervor, daß das Gleichgewicht zwischen Be­gehr und Markt leicht dadurch gestört werden kann, wenn zu Zeiten großen Vertrauens in den Bestand der politischen Verhältnisse, d. h. wenn die Staatspapiere keine erheblichen Kfemrqj auf Gewinn oder Verlust dar­bieten , das Börsenspiel sich auf die Lebensmittel wirft, die immer ein sicheres Object für diese Art Betriebsam­keit unter solchen Verhältnissen abgeben, da sie die Pro­ducenten zu natürlichen Alliirteu hat und die meisten Staaten kein Mittel mehr in der Hand haben, densel­ben mit den eigenen Vorräthen Concurrenz zu. ma­chen;*) während in den Staatspapieren, Eisenbahn- Effecten re. enorme Capitalien repräsentirt sind, die je, den Augenblick zu allen möglichen Speculationen benutzt werden können.

Man hat zwar vielfältig behauptet, daß alle Capi­talien der Welt nicht im Staude seien, den Fruchthandel zu monopolisire»; diese Behauptung ist aber schon deß halb falsch, weil dann, wenn nur ein vcrhâltnißmäßig kleiner Theil Früchte in feste Hände kommt, d. h. durch Börsenmaucuvcr dem Markte entzogen wird, die allge­meine Angst alles aufbietet, um den Börsenwölfen ihr Spiel leicht zu machen. Hierzu tragen in der Regel die Regierungen in übel verstandener Vorsorge für das allgemeine Wohl, das ihrige nach Kräften bei, indem sie die reellen Fruchthändler und armen Schlucker von Agenten, die nur ganz untergeordnete Werkzeuge sind, vom Markte zu vertreiben suchen, wodurch die allge­meine Bcsorgniß nur unnöthig vermehrt und die kleine Speculation erst recht zu allen möglichen Kniffen anf- gemnntcrt wird. Daß die Landwirthe, welche ein er­hebliches Quantum Feldflüchte verkaufen können, immer seltener werden, wodurch der Fruchthandel sich in wenigen Händen conrentrirt, trägt auch das seinige zum leich­teren Gelingen der großen Speculationen in Lebens­mitteln bei.

Daß solchen Uebelständen gegenüber der möglichst freie Verkehr im effectiven Getreidehandel nur von gu­ter Wirkung sein kann, liegt klar vor Augen, daß der unreelle Getreidchandel, welcher an den Börsen getrie­ben wird, bekämpft werden muß, wenn dieser Handel in seinen naturgemäßen Canälen bleiben soll. Uns

*) Man war ja so eifrig daran, alle Naturalwirthschaft des Staates und der Körperschaften als unzweckmäßig über Bord zu werfen und die ganze öffentliche Verwaltung auf eine reine Geldwirthschaft zurückzuführen. Dazu kam noch die Auf­hebung der Naturalgaben und Zehenten, so daß wir im Falle solcher plötzlich auftauchender -Besorgnisse nicht mehr in den öffentlichen Vorrälhen des Staates, der Gemeinden und Stif­tungen die nöthigen Mittel besitzen, das öffentliche Vertrauen zu erhalten und auf den Markt und dessen natürliche Haltung zu wirken.

scheint cs deßhalb , daß diejenigen Regierungen, welche gegen den Börsen- resp. Differenz-Handel mit Getreide aufgetreten sind, das Uebel richtig erkannt haben, und daher daran sind, das Uebel an der Quelle zu ver­stopfen. Wenn diese Operation überall und mit Er­folg in Anwendung gebracht wird, so läßt sich von: den­selben auch noch das Gute erwarten, daß die großen Capitalien in Staatspapieren u. s. w. in ruhigen Bör- senzeiten sich mehr als bisher der Industrie zuwenden werden. Auch dürften sie dann mehr in der Landwirth- schaft angelegt werden, wodurch sie auf. die Produc­tion der Lebensmittel vortheilhaft einwirken müßten, anstatt daß sie so zur unnöthigeu Vertheucrung dessel­ben dienen.

Vesttschlanb.

* Wiesbaden, 3. Septbr. (Assisenverhaudlung gegen Christian Walz, dessen Sohn, Jacob August Walz und Martin Falkenmey er, sämmtlich von Winkel, wegen ausgezeichnete» Diebstahls.) Die drei Angeklagten wurden von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Assisenhofe die beiden Ersteren je zu sieben Jahren Zuchthaus und Letzterer zu sechs Jahren Zuchthaus unter Niederschlagung der Unter- suchungSkosten verurtheilt.

Wiesbaden, 5. Sept. (Assisenverhaudlung gegen Johann Schmuck 39 I. alt von Niederolm im Großh. Hessen, wegen Brandstiftung.) Am Morgen des 12. Juni l. J. brach in dem Hause des Jacob Schmuck zu Mosbach Feuer aus, welches durch die Hilfe der her­bei eilenden Personen bald gelöscht wurde, und nur einen unbedeutenden Schaden anrichtete. Der Brand war an fünf verschiedenen Stellen ausgebrochen und fanden sich auch Spuren von leicht brennbaren Stoffen und Brennmaterialien, |bie an einzelnen Stellens au« zu häuft waren. Dieses Verbrechens sind die Brüder Jacob und Johann Schmuck augcklagt. Joh. Schmuck wohnte bei seinem Bruder. Jac. Schmuck wurde wäh­rend der Untersuchung geisteskrank und befindet sich jetzt in der Irrenanstalt zu Eichberg. Der Angeklagte Jac. Schmuck soll unter Mitwirkung seines Bruders die Brandstiftung vorgenomMeu haben, um durch die Ver­sicherungssumme Eis â'V'châMchiM zu befriedigen, und in. der Hoffnung, von dem Bauplatze noch Geld zu lösen.

Die Verhandlung leitet Asslsenpräsident Frost; als Staatsanwalt fungirt Staatsprocurator-Substitut Flach; als Vertheidiger Procurator Dr. Leisler jun.

* Wiesbaden, 5. Sept. Die neueste hiesige Fremdenliste vom 3. d. zahlt 21,865 Kurgäste. Ange- kommen vom 31. August bis 2. September 423. Dis zum 1. Sept, waren in E m s 4964, in Schwal - b ach 2318, in Schlangenbad 1007 Kurgäste ein­getroffen. Die Weilbacher Kurliste Nr. 9 zählt 137 Kurfremde.

Vom Lande, 2. Sept. DemFrankf. I." wird vom 28. August unter Bezugnahme auf den be­vorstehenden evangelischen Kirchentag , d. h. um eine Unterstützung für denselben von Seiten des Staats zu molivireu, aus Berlin geschrieben: daß Preußen ein paritätischer Staat mit evangelischer Pol itik s e i. Diese Phrase schmeckt stark nachJesui- tismus" im populären Sinne und scheint eine kleine Probe von dem Geiste zu sein, der dem evangelischen Kirchentage schon im Voraus von vielen Seiten beige- legt wird und die Sympathien für denselben bisher auf so niederem Niveau gehalten hat.

t/ Vom Westerwalde Eine traurige Er­scheinung ist die fortdauernd starke Auswanderung der Bevölkerung des Westerwaldes »ach America. Für sehr irrig halte ich die Ansicht, daß dieselbe durch Ueber- völkerung hervorgerufen werde; ich. finde, daß wir der arbeitsamen und arbeitsfähigen Hände im Lande eher zu wenig als zu viel haben, daß es an Gelegenheit zum Verdienst durchaus nicht fehlt. Wohl aber halte ich diese Auswanderung wenigstens ihrem größten Theile nach für eine Nachwehe dertollen Jahre." Gewissen­lose Volksverführer hatten den Glauben in der Bevöl­kerung verbreitet, -daß s i e im. Stande seien, einen Zu­stand zu schaffen, in welchem Jeder, auch ohne Betriebs­fonds und ohne sich sonderlich anzustrengen, ein behag­liches Leben führen könne; hierzu sei vor Allem noth­wendig, daß die bestehende Ordnung umgestürzt und sie ans Ruder gebracht würden. Nachdem hierzu 'alle Aussicht verschwunden war, gelang es diesen Verführern dennoch, in vielen Orten den Wahn zu verbreiten und bis zur Stunde zu erhalten, daß sie eben im Begriff gewesen seien, den Stein der Weisen zu erfinden, daß

derAbsolutismus in Europa" keinen materiellen Auf­schwung zulaffe, daß dieß nur in Republiken mög­lich sei, also: Auf nach America, dem Lande der Frei­heit! Eine weitere fordauernde Anregung zur Aus­wanderung liegt nach meiner Erfahrung darin, daß jeder, der in derneuen Welt sein Glück gemacht" nicht er* mangelt, seine Bekannten und Verwandten hiervon als­bald und sehr häufig mit argen Untertreibungen in Kennt­niß zu setzen; während die Tausende und über Tausende lwi welchen das Gegentheil eingetreten ist, theils aus Beschämung, theils weil die Tiefe des Elends, in wel­ches sie gerathen sind, ihne jede Mittheilung unmöglich macht, unterlassen, den Ihrigen von ihrem Unglücke Nachricht zu geben. Endlich ist es gar nicht zu be­streiten, daß die große Zahl von AuSwandcruNgs-Bu- reaus, Agenten oder Unter-Agenten bei vielen Sa «Meuten, welche in ganz erträglichen Verhältnissen lebten, den Ge­danken an Auswanderung erst in Anregung gebracht hat. Man muß es mit angesehen haben, wie die Landleute, namentlich in den Aemtern Selters, Wallmerod und Marienberg von den Agenten auswärtiger Specu- lauten besonders den Hrn. Gcilhausen, Simon und Eckstein zu Koblenz und Anderen zu Cöln förmlich be­stürmt worden, um meiner obigen Behauptung Glauben zu schenken. Sehr sachgemäße Bestimmungen gegen die­ses Treiben enthält die vor mehreren Wochen erlassene Verordnung des Ministeriums des Innern, wodurch na­mentlich die Unteragenten ganz abgeschafft worden sind. Auch ist den Kreisämtern zu Hadamar u. Hachenburg*) ange ordnet, daß unconcessionirte und auswärtige Agenten, wie dieß in Preußen schon längst .geschieht, verhaftet und bestraft werden sollen. Hierdurch ist wenigstens eine Ursache» der übertriebenen Auswanderung beseitigt. Von der mehr und mehr sich wieder einstellenden Bc^ sonnenhcit und Abkühlung, sowie von der Enttäuschung Vieler, die ihren, wenn auch bescheidenen doch sicheren Nahrungdstand aufgeben, um sich und die Ihrigen einer ungewissen Zukunft Preis zu geben, muß das Weitere erwartet werden. .

Dillenburg, 1. Sept. (Assisenverhaudlung gegen Wilhelm Henn jun. und Heinrich Schilling aus Waldernbach wegen Meineids. Präsident: Hr. Hof­gerichtsrath von Bierbrauer, als Staatsanwalt fun* girt Hr. Substitut S ch r ö der, als Vertheidiger Hr. Procurator Brau». Wilhelm Heun 47 Jahre alt, Maurer von Gewerbe und Heinrich Schilling 40 Jahre alt, Strohdecker fiiib augeklagt, bei ihrer Vernehmung als Zeuge» in der Weise die Unwahrheit gesagt zu ha­ben, daß sie jede Betheiligung und Anwesenheit, Aber» Haupt Wissenschaft, an bem in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1849 begangenen Forstdiebstahle im Lah- rcr Gemeindewald, wobei der Förster Strioff von Lahr mißhandelt wurde, entschieden leugneten, wogegen sich indessen später herausstellte, daß beide allerdings an die- sem Diebstahle Theil genommen. Sie sind deßhalb deS Meineids angeklagt. Die heute vernommen werdenden Zeugen bestätigen im wesentlichen das bereits gesagte und nachdem Beide deS Verbrechens für schuldig befun­den, verurtheilt sie der Gerichtshof, Wilhelin Heun zu 5 Monaten und Heinrich Schilling zu 4 Monaten Cor- rectionshaus und beide Theile zum Ersatz der entstande­nen Kosten.

Dillenburg, 2. Sept. (Assisenverhaudlung gegen Friedrich Triesch und bessert Ehefrau Lisette geb. Hartmann aus Oberscheld wegen Verletzung des Offenbarungseides und Vervortheilung ihrer Gläubiger und gegen Mathias Göbel aus Oberschold wegen Bei­hülfe bei dem Verbrechen.) Präsident: Hr. Hofgerichts­rath von Bierbrauer, Staatsanwalt: Substitut Schröder, Vertheidiger: Hr. Proc. Braun. Friedrich Triesch 40 Jahre alt, Fuhrmann und dessen Ehefrau Lisette geb. Hartmann sind angeklagt, bei der, in Folge des über ihr Vermögen erkannten Cyncmses, stattgefun- benen eidlichen Vernehmung über ihre vorhandenen Ver- mögenSobjecte, eine Quantität Eichenholz und eine Par- thie Holzkohlen, welche sie später für 11 fl. 15 kr. ver­wertheten , verheiuzjicht zu haben, um ihre Gläubiger damit zu vervorth,eilen. Mathias Göbel ist bei dem Verwerthen der Kohlen thätig gewesen und hat nach vollführtem Verkaufe eine Belohnung von Triesch erhal­ten. Er ist deßhalb der Beihülfe an dem Verbrechen angeklagt. Der Leumund sämmtlicher Angeklagten ist kein guter, namentlich soll Toirjch dem Trunke ergeben sein. Da indessen die hergebrachten Beweißmittel nur höchst unvollständig sind, so erkennen die Geschworenen

") Dasselbe ist, nach den uns vorliegenden Kreisdlätterlt, auch von anderen Kreisänstern geschehen. Die Redaction,