Nassauische Allgemeine Zeitung.
^. 9M Donnerstag den 1. September 1833.
Die,,Nassau!schk SlUnfmeinr Zeitn«^' mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumerationspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch ür den ganzen Umfang des kburn- und Talis'schcu Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 fL, für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 st. 24 fr. — Inserate werden die diersfaliig Petitzeile oder deren Naum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Hudtblick auf die Thätigkeit des Dundes- tages.
Der Bundestag hat seine dießjährigcn Ferien ange- treten. Seine Thätigkeit während des letzten Zeitraums war eine vielfältige und angestrengte. Er hat sich mit Angelegenheiten einzelner, mit Angelegenheiten der Nation beschäftigt. Aber auch zur Befriedigung der letz- tcrn, oder sagen wir lieber der politisch Denkenden und Thätigen in ihr? Oder auch nur der Cönservativen unter diesen, derer welche nicht systematisch oder nach vorherrschender Stimmung wider die Negierungen und die gegebene Verfassung stehen? Oder ist dieß gleichgültig, oder ist cs nur ein untergeordnetes Moment?
Nach unserer Ueberzeugung keineswegs, so wahr cs auch sein mag, daß von dem Bund und der Bundesverfassung anders und mehr verlangt wird, als sie lei- sten können und sollen, daß darin ein Grund vieler unberechtigter Unzufriedenheit und Feindschaft und vieler Ansprüche und Forderungen liegt, die durch den Bund nicht befriedigt, und nur durch richtigere Einsicht beseitigt werden können. ES war eben so vor 1848.
Aber warum kam die richtigere Einsicht, warum kommt sie nicht? Weil sich der Irrthum au Wahrheit anhängte und auch jetzt noch anhängt — die Wahrheit, daß die Bundesverfassung und der Bund auch das nicht leisten, was sie leisten sollen und leisten könnten. Das sagen zum wenigsten viele, denen sich dann diejenigen nahe stellen, welche auch heute noch behaupten: die Buu. Lesverfassung und Versammlung sind unmächtig, dieje- - nigen wahren und unabweislichen Bedürfnisse zu be- friedigen, deren Befriedigung die Nation mit Recht fordert und fordern darf und muß. Aus dem was die erstere» sagen, und bis 1848 sagten, gingen die Bestrebungen und Versuche, sowohl regierungsseitige als volksseitige, hervor, die Bundesverfassung zu reformiren und das Bundesorgan zu nationaler Thätigkeit zu bringen. Dem was die andere» behaupteten, entstammten die revolutionären Anstrengungen und Projccte von 1848, zu welchen auch der Verfassungsplan der von Haus aus Cönservativen, den Staatenbund in einen monarchischen Einheitsstaat umzuwandeln, zu zählen ist.
Bis 1848 befanden wir uns in dem ungesunden und nach unten wie nach oben gefährlichen Zustande, daß nur sehr wenige die bestehende Verfassung und das in ihr geordnete Centralorgan achteten, liebten, nach seinem Werth erkannten und daß bei sehr vielen das Gegentheil der Fall war, daß nur wenige auf Reform, viele auf Revolution dachten, oder doch nur Heil sahen in Verfassungsänderungen, die dem Bestehenden an die Grundlage gingen, was eben auf dasselbe hinaus kam. Weil große und weitverbreitete Unzufriedenheit war mit der bestehenden Verfassung und bem bestehenden Regiment, weil ohne Energie nach Reformen gestrebt wurde und weil die revolutionären Gedanken mehr Energie hatten — darum wurde das Bestehende unfest und darum bekamen wir die Revolution. So lange wir uns in demselben Zustande befinden, kommen wir aus der Revolution nicht heraus. Freilich fehlt es den revolutionären Gedanken augenblicklich an Energie, der Energie, welche im Anlauf gegen das Bestehende sich erhebt. Aber dasselbe war bis 1848 der Fall, d. h. bis zu einem Momente, der jene Gedanken entfesselte. Man kann sagen: die Regierungen sind besser gerüstet. Aber das Ungesunde und Gefährliche des , Zustandes bleibt dennoch.
Wie ist da nun zu helfen? Man hat gesagt: 1848 hat das deutsche Volk seine Gelegenheit, 1850 haben die Regierungen die ihrige verpaßt. Man hat gesagt, während ersteres zu weit greift, thaten diese nicht genug. Beide Theile sind in der bekannten Weise getadelt wor- den und der meiste Tadel ist begreiflicherweise auf die Regierungen gefallen, denn die meisten Stimmen erheben sich aus ihrem Widerpart. Dieß soll hier jedoch nicht näher erörtert werden. Wir wollen fragen: haben diejenigen Stimmen recht, welche vor einiger Zeit sich erhoben und behaupteten: so wenig an die Reform der Bundesverfassung, die in Dresden angefangen und auf den Wicderzusammentritt in Frankfurt vertagt wurde, als an Bethätigung des Bundesorgans für die nationalen Sachen wird noch gedacht und es ist recht und gut, daß bem so ist? Man schien darin Recht zu haben in facto. Wenn dein so wäre, so würden wir doch aber entschieden in Abrede stellen, daß es recht und gut wäre. Die revolutionären Gedanken und der revolutionäre Zustand werden erst damit aufhören, wenn die Bundesverfassung und das Centralorgau zeigen, was sie zur Befriedigung der wahren Bedürfnisse 'bcr Na
tion vermögen, mit anderen Worten: wenn die erstere nach Möglichkeit reformirt, und geschähe dies auch nicht, wenn nur das andere in einem weiteren und höheren Sinn, nach seiner verfassungsmäßigen Aufgabe thätig, die bestehende Verfassung also nur ausgeführt wird. Daß dies Hülfe bringen würde, kann man vom Feinde lernen, von den revolutionären Parteien. Es gehört zu ihrem revolutionären Gebühren, daß sie am lautesten den Bund tadeln. Er besteht. Aber sie verwerfen auch jeden Gedanken und Versuch der Reform.
Nach unserer innigsten Ueberzeugung haben Oesterreich und Preußen — mächtig genug in ihrem Vereine den Bund zu großer und befriedigender Wirksamkeit zubringe», jedes schon für sich mächtig genug ihn daran zu verhindern — beide haben, sagen wir, das größte Interesse im angedeuteten Sinne ihn zu beleben. Es gehört zum Schließen der Revolution in Deutschland und den Nachbarstaaten. Beide stärken sich selbst durch Gesammtdeutschland. Lähmen sie in Gemeinschaft den Bund, so verewigen sie die Mißstände und die Mißstimmung. Wir lasen unlängst (man schrieb so aus Berlin) cs könne zuverlässig versichert werden, daß man in der Ratiborer militärischen Zusammenkunft den Anfang einer Verständigung zu erblicken habe, welche der Thätigkeit deö Bundestages eine ganz andere, von den bisherigen Hemmungen und Störungen freie Gestalt verleihen werde. Preußens König wolle nicht bloß Frieden mit Oesterreich, sondern ein neidloses und darum festes und wirksames Zusammengehen Preußens mit dem Kaiserstaate und den übrigen deutschen Staaten. Er habe cs nie vergessen, und werde es nie vergessen, was Deutschland von Preußen erwarten könne und erwarte. Als bloßer Hemmschuh finde Preußen die ihm angewiesene Stellung im europäischen Staatensysteme nicht. Und dieß möchten sich alle diejenigen gesagt sein lassen, die immer noch mit Zuversicht darauf rechneten, daß Preußen seiner bisher am Bundestage befolgten Politik auch fernerhin treu bleiben werde.
Wir wissen nicht aus welchen speciellen Gründen diese Versicherung beruht. Aber wir möchten ihr gar zu gern Glauben schenke», und wir würde» die Anfänge der Erfüllung als den größten Segen für das gemeinsame Vaterland begrüßen, wenn wir sie nach Beendigung der bundestäglichen Ferien zu sehen bekämen.
Wir Deutsche haben viele Jahre bis 1848 in Mißmuth, theils ziellos theils falsche Ziele verfolgend dahingelebt. Der heftig bewegende Moment überraschte uns und verging ohne Nutzen für die Gestaltung unsrer Verhältnisse, ohne Fortschritt, und manchem Gelegcn- heitsgcminn standen ebenso beträchtliche GelegenhcitSein- bußen und Schädigungen gegenüber. Jetzt lebt die verstimmte Nation theils abermals ziellos, theils mit desperaten oder doch solche» Entwürfen sich tragend, die gleichfalls umwälzcrisch oder doch jum wenigsten träumerische und also schädliche Projccte sind. Dieß thut und kann nicht gut thun. Das politsche 5)enfen und Thun bedarf einer geregelten Bahn, eines sichern Anhalts, eines zumal im höheren Sinne gesetzmäßigen Ziels. Und das Alles ist eben nur zu finden im redlichen wahrhaften, rüstigen Vollziehen und im Bessern und Ausbilden des Verfassungsgesetzes, das besteht. Wahrlich es thnt noth, daß unsere Regierenden dahin leiten, darin vorangehen. Es wird auch wenn sie cs thun schon Noth genug haben, daß die Nation mit diesem Wege sich aussöhnt, außer welchem nichts bleibt als — Unsicherheit und Unbehagen, Revolution und Repression.
Oben heißt es vielfach: wer mag solche Aussöhnung hoffen?--und unten ebenso oft: wer mag hoffen, daß die deutsche Gesammtverfassung durch die Centralstelle ehrlich vollzogen oder gar gebessert würde nach den Bedürfnissen und Möglichkeit? Beides führt auf Ver- sänmiüß des Nöthigen, das geschehe» könnte und auf Gedanken der Gewalt. Beides ist Desperation, während die Redensart, daß am Vaterlande nicht zu verzweifeln sei unverstanden oft genug im Munde geführt wird.
Wir haben Erfahrung gemacht, oben wie unten, schlimme aber lehrreiche Erfahrung. Dort glaubte man fälschlich nicht an die Revolution, hier setzte man trüge- rische Hoffnungen auf sie. Sollte man immer und immer nicht lernen wollen, was minder entschuldbar sein mochte vor 1848, daß die Revolution so lange vor der Thür ist als das Bestehende, Verfassung und Regiment, seine Kraft und seinen Werth nicht darthut, und daß es die Revolution hereinbringt, statt der bestehenden eine andere Verfassung, diese Verfassung nicht wollen, Aenderungen wollen, welche mehr sind als Entwickelung, zunächst Vollziehung des vorhandenen Gesetzes? Es ist
Unnatur wenn es an dieser fehlt, wenn das Gesetz eine todte Form ist. Es ist gleiche Unnatur, wenn ein Volk über das Gesetz hinansstrebt das ihm geschichtlich gegeben ist. Beidcm folgt nothwendig die Strafe. Beide Unnaturen bedingen einander. Beide hören auf, wenn nur erst eine in Natur sich wandelt. Und darin liegt ein Grund zur Ermuthigung für den Theil, der damit aufangen will zu thun, was vernünftig und Schuldigkeit ist. (A. A. 3 )
Deutschland.
* Wiesbaden, 31. Aug. HAssisenverhandlung gegen Erasmus Hieronimus von Oberliederbach, wegen Tödtung) Der Angeklagte wurde von den Geschworenen für schuldig befunden und von bem Assisen- Hofe zu einer Correctionshansstrafe von 3 Jahren, sowie in die Untersuchungskosten im Betrage von 103 ff. 25 fr. verurtheilt.
* Wiesbaden, 1. Septemb. (Assisenverhandlung gegen Peter Moos, 38 Jahre alt, von Winden, wegen Veruntreuung.) Petcr Moos wurde im Jahr 1848 zum Gemeittderechner in Winden gewählt. Seine Dienstleistung hatte nicht befriedigt, dâs H. KreiSamt Idstein hatte mehrfach Veranlassung, wegen Säumigkeit in Abführung der Selber an die H. Receptur zu Usingen mit Strafen gegen denselben einzuschreiten. Ein bei Stellung der Rechnung für das Jahr 1851 entdeckter Recuß von 52 fl. 49 fr. veranlaßte in Verbindung mit mancherlei Beschwerden der Gemeindebediensteten, die ihr Guthaben aus der Gemeindecasse nicht erhalten konnten, eine am 27. Aug. v. I. vorgenommene Casscnvisitation, bei welcher sich ein bei dem vorzufindenden Cassabcstand von 182 fl. 31 % fr. nicht unbe- trächtlichcs Deficit von 141 fl. 26% fr. resp, da mehrere ciugegangene Posten noch nicht eingetragen waren, von 174 fl. 48% fr. herausstellte; selbst der in der Gasse Vorgefundene Baarvorrath von 41 fl. 5 fr. soll, wie der Angeklagte cingesteht, zum großen Theil wenig- stciis, erst bei der Visitation schnell von dem Angeklagten entliehen und heimlich in die Casse gelegt worden sein. Peter Moos besitzt einiges Vermögen und hat noch ehe die peinliche Untersuchung gegen ihn einge- leitet war, seine ganze Schuld der Gemeinde Winden ersetzt. — Der Angeklagte, von den Geschwornen für schuldig erkannt, wurde zu drei Monaten Correctionshaus und in die Kosten im Betrage von 63 fl. verurtheilt.
Die Verhandlung leitete Assiseiivicepräsident Forst, als Staatsanwalt fungirte Staatsprocurator - Substitut Flach, als Vertheidiger Prokurator L a n g.
* Wiesbaden, 1. Sept. Nach der gestern ausgegebenen Knrliste beträgt die Zahl der bisher einge- troffenen Kurfremden 21,220. Seit dem 26. August waren bis zum 30. d. Mts. 778 Personen hier an- gelangt.
Frankfurt, 31. Aug. Nach einer bem „Nürnb. Corr." zugehende» Mittheilung von gutunterrichteter Seite ist die Angabe, welche schon am 16. d. M. öffentlichen Blättern gemacht wurde, daß Dänemark gegen die von Oesterreich am 11. dieses angemeldeten Forderung wegen der Kosten der Execution in Holstein bei der Bundesversammlung eine Verwahrung erhoben habe, ungcgründet. Eine Verwahrung Dänemarks ist, wie man versichert, auch bis jetzt noch nicht eingereicht worden. Doch scheint man vollkommen darauf gefaßt zu sein, daß ein solcher Schritt geschehen wird; die ganze seitherige HandlnngStveise des Cabinets von Copen- Hagen läßt Dieß voransseheu. Andererseits soll aber auch daran nicht zu zweifeln sein, daß Oesterreich sich durch eine dänische Verwahrung nicht wird abhalten lassen, seine Forderung, die mit Fug und Recht an Dänemark gerichtet ist, weiter zu verfolgen und ihre Erfüllung zu erwirken. Die Exekution in Holstein war auf Beschluß und im Auftrage des Bundestags erfolgt. Es entspricht daher vollkommen bem Bundesrechte, daß Oesterreich seine Forderung bei der Bundesversammlung annietbete. Dänemark wird auszuweichen suchen. Man ist begierig darauf, aus welcher Seite es dabei Unterstützung finden sollte. — Eine öffentliche Zeichnung auf die Acticn der Frankfurter Bank wird nicht statthaben. Von hiesigen und auswärtigen Häusern liegen bereits bedeutende Aufträge vor.
* In Zweibrücken ist dieser Tage ein „Reichs- vcrfassungskämpfer", der sich freiwillig den Gerichten gestellt hat, Heinrich Heydenreich, 27 Jahre alt, Rentner aus Speyer, welcher der Theilnahme an den hochverrätherischen Attentaten zu»! Umsturz der Staats- verfassuug rc. angeklagt war, von den Geschwornen freigesprochen worden. Heydenreich war im Jahre 1849