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Nassauische Allgemeine Zeitung.

Wr /»y. Dienstag den 23. August 1853«

Die,.Nassauische Mncmeine Zeitung^ mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntaqs «»«genommen, täglich und beträgt dèr PrännmerationSprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiid nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Taris'schen Verwaltungsbeziits mit Int,griff des Postausschlag« 2 fl., für die übrigen Länder dcâ deutsch-österreichischen Postvereins, wie für das Ausland 2 fl. 24 kr. Inserate werden die Vierspalti, Petltzcile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedri S, Langgassè 42, auswärts bei den nächstgelegeukn Postämtern, zu machen.

Germuus und Zöpfl.

(Fortsetzung.)

S. 53 sagt Gewinns, daß dadurch, daß die Lan­des Herren an die Spitze ihrer protestantischen Landes­kirchen gestellt wurden, deren monarchische Gewalt einen Zuwachs ihres Einflusses," erhalten habe; und dadurch die Ausbildung der Absolutie selbst in diesen kleinen Staaten angebahnt," sowie diekleinstaatliche Theilung befestigt" wurde; es wird anerkannt, daß dießfür Deutschlands Machtstellung nach Außen verderblich" war, es wird jedoch darin, daß diegefährliche Ueber- macht des Kaisers dadurch gebrochen wurde, wie die des Papstes, mehr Vortheil als Schaden, mehr Noth­wendigkeit als Wahl" gefunden. S. 54:Dem Kai- ser zu beweisen, daß er nicht ein Monarch, sondern in der hündischen Aristokratie der Fürsten nur der Erste unter Gleichen war, waren Ideen, die schon bei dem schmalkaldischen Bündnisse zur Rede kamen und im Re- ligionsfrieden von 1552 durchgekämpft wurden. Die protestantische Bewegung setzte die Reichsreform trotz Kaiser und Papst durch, die die Verbindung zwischen Kaiser und Papst so lange verhindert hatte." Unter den Veränderungen, welche im Gefolge hiervon in der dentschen Staatsverfassung stattfandcn, wird S. 55 aufgeführt, daßdie staatliche Sonderung eS über die Einheit gewann." Eingeräumt wird, daß dem schäd­lichen Einflüsse deS Auslandes auf die Zersplitterung deutscher Kraft und Staatsentwickelung dadurch aller­dings ein Anhalt gegeben worden sei: doch wird darin ein, wenn gleichleidiger," doch wirklicher und unleug­barer Gewinn von dem großenGesichtspunkte der nationalen Unabhängigkeit, ja der europäischen Freiheit betrachtet" gefunden, denndas verderbliche Bestreben undeutscher Kaiser nach allgemeiner nationaler Entwicke­lung ward dadurch gehemmt." S. 58:Als 157980 die nördlichen Provinzen (Utrechter Union) von Philipp II. abfielen, geschah dieß ganz nach den Grundsätzen der calvinischen Reform, die 'hier Boden gegriffen .hatte: daß einem Volke und seinen Stäuben immer das ua - türliche Recht zustehe, einem Tyrannen, der seiner Pflicht zuwider handelt, nachdem er vergebens vermahnt war, ihrerseits die Pflicht aufzusageM" Auf S. 168 wird als ein Ausspruch der Ästen calvinischen Staatsrechts­lehrer die in der Form einer Warnung eingekleidete Drohung aufgeführt,daß eS Staaten gebe ohne Für­sten, aber nicht ohne Volk." Daß Calvin selbst diese Ansichten anderer calvinistischen Lehrer vom Widerstands­rechte des Volkes gegen die Obrigkeit nicht theilte, wird S. 64 erwähnt. Hieran reiht sich S. 65 die Erklä­rung :Wenn Calvin in seinen dogmatischen Ansichten nicht freier und nicht minder conservativ, in seinen po­litischen Ansichten nicht weniger gemäßigt als Luther war, so lag gleichwohl in seiner Reform weit mehr als im Lutherthum die Anlage, kirchlich und politisch den nächsten Schritt vorwärts zu thun zur demokratischen Fortbildung der protestantischen Ideen." Anerkannt wird S. 69 und 70, daßder Calvinismus sehr die Staatseiuheit von Frankreich gefährdete, einen Besitz, den die langen Arbeiten des Königthumes der Nation eingetragen hatten, und den wider aufzuopfern, weder in ihrer Neigung noch in ihrem Vortheil lag." S. 103:So war denn auch Frankreich in dem Augen­blicke, als die evangelische Lehre Eingang fand, von dem Eingang des germanischen Sondergeistes, von dem Zer falle in kleine Staatsgebiete bedroht. Seine Einheit schien nicht erhalten werden zu können, ohne das Opfer des Protestantismus, wie der Protestantismus nicht in Deutschland ohne das Opfer der Einheit! Durch die ganzen Religionskriege in Frankreich ziehen sich die Plane der protestantischen Großen hin, sich unabhängige Fürstcnthümer zu bilden. Der Prinz von Eoudâ faßte Anjou und Poitou für sich ins Ange, der Herzog von Bouillon Perigord und Limosin u. s. w. Bouillon hatte nichts Geringeres im Sinne, als Frankreich zu einer Art Föderativ-Republik ninzuschaffeu unter dem Schutze des Churfürsten von der Pfalz, und die ein­zelnen Provinzen zu Statthalterschaften der protestanti­schen Edeln zu machen." Nachdem angeführt ist, daß der Calvinismus durch die lästige Strenge in seiner Sittencensur bei den Großen keinen Anklang fand, wird von ihm S. 70 gesagt:Auf das Volk zurückgedrängt, entfaltete er schnell seine demokratischen Anlagen, die alles Regiment in Schrecken versetzten." In Bezug auf Deutschland heißt cs sodann S 71:In Deutschland war das Volk gewöhnt worden, sich bei allen kirchlichen Bewegungen passiv in Bezug auf den Staat zu verhal­ten: der unruhige staatsgefährliche Geist des Calvinis­

mus verlängnete sich gleichwohl auch hier nicht." Nach­dem erzählt ist, wie die calvinistischen Grundsätze nach England kamen und die lutherischen Ansichten verdräng­ten, so wird gesagt:Die demokratischen Staats­ideen kamen auch hier in ihrem Gefolge." Die Revo- fution in England, welche den König auf das Schaffet und einen Cromwell an die Spitze des StaateS brachte, wird mit den Worten eingelMt S. 78:Jetzt schien in England die Zeit gekommen zu sein, wo die demo­kratische Entwickelung des Protestantismus Boden grei­fen, die Ideale der Wiedertäufer, das Reich der Ver­nunft in Staat und Kirche verwirklicht werden sollte." S 84 liest man:In der amerikanischen Verkostung wurde späterhin das politisch-kirchliche Ziel vollständig erreicht, das die folgerichtigen Geister in Deutschland im Anfänge der Reformation über alle bestehenden Ver- bältnisse hinwegsehend, in Aussicht genommen hatten." Die Einwanderer in Nordamerika werden S. 89 also charaktcrisirt:Es waren vorzugsweise germanische Ein­wanderer, die sich hier seit dem 17. Jahrhundert zu- sammenfanden, Deutsche, Holländer, Schweden, Englän­der, und ans England hauptsächlich Männer des alten Volkes der Sachsen.ES waren vorzugsweise Pro­testanten, und zwar der reinsten Farbe, Purita­ner und Quäcker in Ueberzahl.....Republika­nischer Geist durchdrang die Pflanzer u. s. w."

In Bezug auf den Wechsel, in welchem sich Frank­reich bald zwischen den beiden Richtungen, die den Norden und den Süden mit einander verfeindeten, dem Protestantismus und Katholicismus befand, wird S. 101 gesagt:In diesem Wechsel nun ist nicht das wenigst Merkwürdige, die stete Solidarität zu beobachten, die zwischen dem Protestantismus und allen staatenverkleinern den, particu - laristischen Bestrebungen, und dem Katholicis­mus und allen staatenvergrößernden cen­tral ist is ch en Richtungen besteht." Die Bewegung, welche im vorigen Jahrhundert Frankreich ergriff, die nationale Freiheit und Thätigkeit auf dem politi­schen ©ebieie zu entwickeln", wird S. 129 geschildert alsd er fr ei e Geist des Protestantismus, der jetzt auf dem Umwege der Literatur" (welche kurz zuvor S. 101, als zwischen heidnischer Freigeisterei und christlicher Bigotterie schwankend" bezeichnet worden war) hereindrang, und zunächst auf dasselbe Ziel hinrückte, zu dem man in den freien germanischen Staaten unter Religionskämpfen gelangt war." Dieses Ziel wird (ebendas, u. S. 130) näher dahin beschrieben, daß nicht allein für das Volk, sondern durch das Volk gehandelt werde, daß die Nationen nicht nach Theorien beglückt werden sollen, sondern nach ihrem eigenen Willen und zu ihrer eigenen Zufriedenheit, worin das Höchste gelegen sei, was der Staat über­haupt erlangen kann. Es sollen Volköreformen treten an die Stelle der fürstlichen Selbstregiernng, an die Stelle der Bevormundung, und des Volkes eigene Ge­setzgebung an die Stelle der königlichen Allmacht; mit einem Worte, an die Stelle der Verbesserung der Ver­waltung sollte eine Veränderung der Verfassung treten. Dazu schien die durchgreifende Gewalt des Volkes unentbehrlich." Als Grund hievon wird S. 130 ausdrücklich angegeben,daß noch keine Er­fahrung ein Beispiel dafür geliefert habe, daß es je möglich sei, aus der unumschränkten Monarchie einen dauernden und aufrichtigen Uebergang zur verfassungs­mäßigen zu machen, daß einen königlichen Weg zur Volksfreiheit gebe!" Endlich heißt cs S. 136:Die politische Idee hatte sich in America von der reli­giösen Beimischung gelöst, ja sie hatten sich unter dem dortigen reinen DemokratiSmns, unter dem die Glieder aller Nationen gleich befriedigt lebten, selbst von nationalen Bedingungen frei gemacht. Die g er in a n is ch-protest a n tis che Besonderheit war nicht länger eine Bedingung ihres Weiter­wirkens." (Schluß folgt.)

Deutschland.

* Wiesbaden, 22. August. (Assisenverhandlung gegen Christian Bastian von Niederems wegen Schrift- fälschung.) Der Angeklagte wurde von den Geschwor­nen für schuldig befunden und von dem Assisenhofe zu 2 Monaten CorrectionöhauS verurteilt. Die Kosten betragen 44 fl. 36 fr.

(Assisenverhandlung gegen Phil. Jac. Greff von Hausen wegen ausgezeichneten Diebstahls.) Greff ist angeklagt, am 12. April d. I. den Brüdern Wagner in Fischbach nach gewaltsamer Erbrechung der Haus­

thüre ein Hemde und ein Taschentuch und am 25. April von der Bleiche in Hausen Wäsche im Werth von 3 fl. gestohlen zu haben.

Der Angeklagte wurde von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Assisenhofe zu 2% Jahr Zuchthaus, geschärft durch Kosibeschränkung, verurtheilt. Die (kosten wurden niedergeschlagen.

* Wiesbaden, 23. August. (Assisenverhandlung- gegen Jakob Rumpf von Hasselbach, 19 Jahr alt, Taglöhner, wegen Mordversuchs). Am 29. März d. I. wurde die 28jährige Wilhelmine Scheurer von Hasselbach auf dem Weg zwischen Maulof und Seelen­berg schwer verwundet gefunden. Dieselbe hatte an ihrem Körper 22 Wunden, darunter drei Schußwun­den, eine an der rechten Wange, die zweite und dritte am Hinterkopf und im Nacken. Wilhelmine Scheurer bezeichnete als den Thäter den Angeklagten. Letzterer ist der That auch geständig. Derselbe lebte in vertrau­ten Umgang mit der Scheurer, der nicht ohne Folgen blieb, was den Angeklagten bestimmte, die Scheurer mit etwas Geld zu versehen und fortzuschicken. Von Heidel­berg wurde dieselbe mit Zwangspaß in ihre Heimath zurückbefördert. Deßhalb beschloß der Angeklagte sich des Mädchens zu entledigen. Er verschaffte sich in Camberg eine Pistole, Pulver und Schrot und erbot sich etwa 4 Tage später der W. Scheurer, die eine Ver­richtung in Seelenberg hatte, sie dorthin zu begleiten. Auf dem Weg dorthin ließ der Angeklagte in einem Hohlweg seine Begleiterin vor sich gehen und feuerte aus der Entfer­nung von etwa 3 Schritten auf dieselbe sein Pistol ab, wodurch dieselbe im Nacken verwundet wurde und zu­sammenstürzte. Der Angeklagte riß die Scheurer wie­der in die Höhe und lud auf's Neue das Pistol, indem er vorgab, jetzt wolle er sich selbst erschießen. Die Scheurer wollte ihm das Pistol entreißen, der Ange­klagte befahl ihr aber fortzugehen, und als sie entlau­fen wollte, hielt er ihr das Pistol an die rechte Seite des Gesichtes und schoß die Scheurer nieder. Rumpf rüttelte sie einigemal an den Schultern, und als sie wieder ein Lebenszeichen von sich gab, kniete er auf sie nieder und stieß ihr fortwährend die Mündung des Laufes in das Gesicht und schlug sie so heftig über den Kopf, daß der Schaft der Pistole abbrach und die Scheurer das Bewußtsein verlor. Als sie wieder zur Besinnung kam, hörte sie leise Tritte, die Tritte kamen näher und sie hörte die Worte: Ei wer hat dir denn etwas zu Leid gethan? Die Person hob ihr die Arme in die Höhe und warf sic hin und her. Die Scheurer stellte sich todt, worauf die Person fortlief. Sie öffnete die Augen und erkannte den Rumpf. Kurz darauf wurde sie in ihrem hilflosen Zustand gefunden. Bemer- kcuswerth ist, daß Rumpf der Scheurer während der Mißhandlung den Taufschein und ZwangSpaß, den sie bei sich hatte, abnahm, auf daß man nicht wisse wer sie sei, wenn sie aufgefunden werde. Der Angeklagte hak einen schlechten Ruf.

Die Verhandlung leitet Assisenpräsident Tr epka, als Staatsanwalt fungirt Staatsprocurator Reich­mann, als Vertheidiger des Angeklagten, Prdcurator Dr. Groß m a n n.

* Wiesbaden, 23. August. Die Geschäfts­führer der nennnndzwanzigsten (hier in Wiesbaden ge­haltenen) Versammlung der Gesellschaft deutscher Aerzte und Naturforscher übergeben den amtlichen Be­richt über die Verhandlungen derselben der Oeffentlich- feit. Als ein besonderes Verdienst ist hervorzuheben, daß der Bericht vor Beginn der diesjährigen Versamm­lung in die Hände der Mitglieder und Theilnehmer ge­langt, was im vorigen Jahre nicht der Fall war.

Diez, 20. August. Se. f. Hoheit der Erzherzog Stephan erwartet einen mehrtägigen Besuch seiner Stiefmutter, dar Erzherzogin Marie, welche sich vom Schlosse Schaumburg zum Besuche ihrer Tochter, der Herzogin von Brabant, welche heut in Belgien cinzieht nach B r ü s s e l begeben.

WormS, 20. August. Nächsten Mittwoch den 24. d. M. erfolgt die feierliche Eröffnung der Eisen­bahnstrecke von Osthofen bis WormS.

Freiburg, 20. August. DieFreiburger Ztg." schreibt: Es durchläuft die Zeitungen eine Nachricht, daß das erzbischöfliche Ordinariat die Weisung an die Geistlichkeit erlassen habe, sie hätten sich der Theilnahme an Festessen zur Feier des Geburtstags Sr. k. Hoheit deS Regenten zu enthalten, weil der kommende 9. Sept, ein Freitag, somit ein Fasttag sei. Wir sind in der Lage, diese Nachricht als eine falsche zu bezeichnen (die erste Mittheilung darüber brachte dieBad. Lan- deSztg.") und können dabei noch bemerken, daß der