Einzelbild herunterladen
 

Nassauische Allgemeine Zeitung.

jVr ^S« Montag den 22. Angsst 1SM

Die,,Naffam'sche Allgemeine Zeitung" mit dem beNctri,tischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag« ausgenommen, täglich und beträgt der PräuumerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregnlativ nunmehr auch für den ganzen Umfang deS Thurn- und Taris'schcn Berwaltungsbczirts mit Inbegriff des Poffausschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch,österreichischen PostvereinS, wie für daS Ausland 2 fl. 24 tr. Inserate werden die VierspalliA Aetitzeile oder deren Raum mit 3 (r. berechnet Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, tlaNggaffe 42, auswärts bei den nâchstgelegencn Postämtern, zu machen.

Gervinus und Zöpfl.

DieEinleitung in die Geschichte des n eu nzeh nt e n Iahr hunderts v o n G. G.Ger- vinus hat die verschiedensten Beurtheilungen gefunden, je nach dem politischen und religiösen Standpuncte der Leser und Kritiker; die Einen brechen über sie den Stab als das Product eines aus Verbissenheit und Eitelkeit in das demokratische Lager übergelaufenen s. g. Alt- liberalen und die Andern halten sie für einen Trost und Labsal der Demokratie in der jetzigen für ihre Geschäfte nicht ganz günstigen Zeit. Wer dieß Schriftchcn des bekannten Literarhistorikers ohne politische und religiöse Befangenheit liest, wird zugestehen müssen, daß cs neben vielem Irrigen, offenbar Falschem und Geineinschädli­chem auch manche Wahrheit enthält, die zum Vortheile der Monarchie recht gut benutzt werden könnte. Durch die gerichtliche und polizeiliche Verfolgung dieses Büch­leins ist es in Hände von Personen gelangt, welche die zu dessen Verständniß erforderliche Bildung und ein eigenes geschichtliches und politisches Urtheil nicht haben und bei welchen es durch das Bestechende seiner Dar­stellung und durch die gewandte Vermischung von Wahrem mit Falschem nur zum großen Nachtheile der Monarchie wirken kann, während unverfolgt aller Wahrschein­lichkeit nach nur von solchen gelesen worden wäre, welche in der Geschichte und Politik nicht fremd sind und sich eine eigene Anschauung zu bilde» vermögen.

Der bekannte Professor deö Staatsrechts Hein­rich Zöpfl zu Heidelberg hat i» seinem Merkchen die Demokratie in Deutschland, einen Beitrag zur wissenschaftlichen Würdigung der gedachten Ein- leitung geliefert. Zöpfl' S Kritik ist ruhig und würdig gehalten und verdient von Allen gelesen zu werden, welche die Schrift des Professor G e r v i n u S gelesen haben. Die Zöpfl'sche Beurtheilung ist zwar nicht ganz vollständig, unseres Erachtens aber in den meisten Puncten für diejenigen überzeugend, welche sich über­zeugen lassen wollen von Denen, welche den wissent- jchastlichen Beruf dazu haben. Als Gegengift gegen die verkehrten und verderblichen Ansichten des Professor GervinuS theilen wir den Lesern einige der Anschau­ungen deS Professor Zöpfl mit.

GervinuS sagt:Gesetz aller geschichlichen Ent­wickelung ist ein regelmäßiger Fortschritt von der geisti­gen und bürgerlichen Freiheit der Einzelnen zu der der Mehreren und der Vielen. Aus der Geschichte der griechischen Staatenwelt ist aber dieses Gesetz schon von Aristoteles mit treffender Schärfe entwickelt worden". Auf Seite 4 bis 10 seiner Schrift widerlegt Zöpfl seinen College» Gervinus in diesem Puncte gründlich und weist auf das schlagendste nach, daß dieser seinen Gewährsmann Aristoteles ganz falsch verstanden habe, wie denn die Politik und die Rechtsphilosophie nicht die stärksten Seiten des Prof. Gervinns zu sein scheinen. Da diese Partien beider Bücher kein allgemeines, son­dern nur Interesse für den Mann vom Fache haben; so wollen wir darauf nicht näher eingehen.

Gervinus stellt in seiner Einleitung der Demo­kratie den endlichen Sieg in Aussicht und sagt nament­lich :dieser östliche Siegeszug der Freiheit, das scheint alle Geschichte mit Zuverlässigkeit zu verkünden, wird vollendet werden. Deutschlands Geschichte seit der Reformation hat denselben regelmäßigen, nur langsame­ren Verlauf genommen, wie die Geschichte Englands und Frankreichs. Sie hat uns durch die religiöse Frei­heit (Reformation) und geistige Freiheit (Literaturperiode deS vorigen Jahrhunderts) an die Schwelle der staat­lichen Freiheit geführt, und läßt uns hoffen, daß wir auch diese in einem Maaße erringen werden, das den gründlichen Vorbereitungen entspricht." Durch die ganze Schrift des Prof. Gervinus zieht sich der Gedanke durch, daß die Demokratie eine Konsequenz der Refor­mation sei; er identificirt gewissermaßen die Demokratie mit der Reformation. Zöpfl tritt dagegen mit Ent­schiedenheit aus und vertheidiget die Reformation gegen einen solchen Vorwurf in seinen Augen und gegen ein solches Lob nach der Anschauung des Gervinus. Er sagt pag. 12 fgg. namentlich:Die hauptsächlichste Triebkraft, durch welche die demokratischen Ideen in das Leben nicht nur der europäischen, sondern auch der nordamericanischen Menschheit eingeführt wurden, ist nach H. Prof. Gervinus der Protestantismus. Nach ihm sind S. 19die demokratischen Ideen, deren Kampf die ganze Zeit vom AuSgauge des Mittelalters an bis zu uns ausfüllt, durch die Reformation in die Ge­schlechter geworfen", so wie früherdurch Erbtheilung und Wahlrecht, durch Lehenwesen und Vasallenthum,

durch ihren Hang genossenschaftliche Verbände zu be­gründen", so warfen die germanischen Völker späterhin durch die Spaltungen des Protestantismus den römischen Ideen von Staats-, Rechts- und Religions­einheit unüberwindliche Hindernisse entgegen." Der deutsche Geist der Genossenschaft, der in den mittleren Zeiten das Princip einer airstokratischen Freiheit aufrecht erhielt, hat sich in der neueren Zeit an einen Geist des Individualismus (germanisch protestantischen Individualismus) umgebildet, der die Saat demokrati­scher Freiheit gestreut hat.

S. 45 unter der Rubrik:Anticipation der demo­kratischen Consequenzen germanisch-protestantischer Staats­und Kirchenbildung in einzelnen Entwürfen zu Luthers Zeit", wird gesagt:die germanisch-protestantischen Umbildungen im Staat und Kirche verlangten Zeit zu ihrer Reise; die demokratischen Entfaltungen namentlich, deren Keime im Grundwesen des Protestan tismuS lagen, konnten^ sich in größeren Staatskreisen erst all- mälig entwickeln. Einzelne Setten, einzelne vordringeude Geister schritten gleich im Anfänge der Reformation zu den Consequenzen der neuen Richtung, die erst ihr ent­ferntestes Ziel und Ende sein sollten;" und S. 46; Neben den kirchlichen Forderungen gingen dann auch die politischen bis zu den demokratischen Consequenzen vor, die erst viel spätere Zeiten durchsetzen ^sollten." Nach Aufzählung der vielerlei einzelnen politischen For­derungen, von der Aufhebung der Leibeigenschaft bis zur Forderung der Abschaffung von fürstlicher Regierung, Forderung der Republik und Staatseinheit in Deutsch­land, wird alseine mehr als alle diese einzelnen For­derungen merkwürdige Vorwegnahme von Grundsätzen, die erst viel später praktisch wurden," ihregrundsätz- liche Rückführung auf Freiheit und Gleichheit" erwähnt, zu der die Menschen durch Christus erlöst seien, die Berufung auf ein göttliches Recht (auf angeborene Menschenrechte, wieman später sagte)." (S. 48.)Die Zeit hat auch den Verlauf der kirchlichen und staatlichen Veränderungen, zu denen Luthers Lehre den Anstoß gab, nichts weniger als übereilt." Es wird sodann ge­zeigt, daß die reformatorischen Ideen sich zuerst in Deutschland und in England einen monarchischen Kör­per in den Gestaltungen schufen, die Staat und Kirche unter Luthers und Cranmers Einflüssen einnahmen; daß sie sodann im Westen Europa» eine aristokratische Phase im Calvinismus hatten, und in dessen puritanischen Fortbildungen (welche S. 45 als der schon zu Luthers Zeit von einzelnen Jnspirirten und Wiedertäufern er­faßte Begriff einer vernunftgemäßen Reinigung des Christenthums und seiner Formen bezeichnet worden waren) vorübergehend in England und auf die Dauer in America ihre demokratische Entfaltung fanden. Von Luther wird (S. 50) erzählt, daß erin aller Weise die weltliche Gewalt befestigte; aber er hatte auch nothwendig, sich auf sie zu stützen," denn er hatte seine Sache gegendas verbundene Papstthum und Kaiserthum durchzufechten, und was hätte noch im dreißigjährigen Kriege aus dieser Sache werden sollen, wenn Fürst und Volk getrennte Wege gingen? Ihre Einigkeit war freilich um den schweren Preis er­kauft, daß das Volk sich seinen Fürsten einfach unter­ordnete." (Forts, folgt.)

Deutschland.

* Wiesbaden, 22. August. Gestern Nachmit- tags ist Sr. Durchl. der regierende Fürst Georg Vic­tor zu Waldeck, nach einem mehrtägigen Aufenthalt ven hier wieder abgereist. Dem Vernehmen nach wird die Vermählung des Fürsten mit Seiner hohen Verlob­ten, der Prinzessin Helene am 14. September in Bieb­rich stattfinden. Am 19. dess. Mts. begibt sich I. k. Hoheit, die verwittwete Frau Herzogin in Begleitung der Prinzessin Sophie nach Petersburg, um dem Vernehmen nach, einen Theil des Winters dort zuzubringen.

* Wiesbaden, 22. August. Heute wurden im diesseitigen Hofgerichtsbezirke die Assisen für das dritte Quartal mit der Verhandlung gegen Christian Bastian, 34 Jahre alt, aus Niederems, wegen Schriftsälschung und Betruges, eröffnet. Am 30. December v. I. fuhr Christian Bastian als Frachtfuhrmann, welches Ge­werbe er damals noch betrieb, in neuerer Zeit aber auf- gegebeu hat, von Bendorf nach Limburg. Von dem Handlungshause Remy und Gräff zu Bendorf erhielt Bastian eine Ladung Waare für den Kaufmann Peter Joseph Hammerschlag zu Limburg und bat, nachdem er die Waaren aufgeladen hatte, ihm einen Vorschuß von drei preußischen Thalern auf seinen Lohn zu geben, den

Hammerschlag zu bezahlen hatte. Johann Gräff, Theil­haber der Handlung Remy und Gräff, bezahlte dem Christian Bastian die verlangten drei Thaler und ließ ihn auf dem für Peter Joseph Hammerschlag bestimm­ten Frachtbriefe, auf welchem die abzuliefernden Waaren verzeichnet waren, eine Bescheinigung darüber unterzeichnen. Der Angklagte lieferte am anderen Tage die Waa­ren richtig ab. Er übergab dem Heinrich Reinelt, Hand« lungSdiener bei Kaufmann Hammerschlag, den Fracht­brief, nachdem er die oben erwähnte, mit seinem Namen unterschriebene Bescheinigung davon abgeschnitten hatte und erhielt den ganze» Betrag des Frachtlohnes ausge­zahlt. Der Angeklagte ist geständig.

W Idstein, 21. Aug. Am 18. d. wurde der Gemcindeförster Schäffer von WürgcS zwischen 4 und 5 Uhr Nachmittags im Gemeindewald erschossen. Dieses Mordes ist der Domänenförster Jacob Ko- wald dringend verdächtig. Derselbe wurde deßhalb von dem Herzoglichen Kreisamt Idstein verhaftet und dem dortigen Hcrzogl. Justizamt vorgeführt. Kowald lebte mit Schäffer, der im Jahr 1848 die früher von Kowald bekleidete Gemcindeförsterstclle in Würges er­hielt , notorisch in Feindschaft. Förster Schäffer ist offenbar aus ganz geringer Entfernung von hinten in die rechte Seite zwischen die Rippen hineingeschossen.

Frankfurt, 16. Aug. Gegen die in der letzten Sitzung der Bundesversammlung von Oesterreich ange­meldete Forderung von sieben Millionen Gulden für die Execution in Holstein hat Dänemark Verwahrung eingelegt, da jene Execution nicht nach den Normen der Bundesezecution erfolgt sei.

In Schloß Langenselbold erwartet man in Kurzem die Entbindung der Gemahlin deS verbannten Prinzen Dom Miguel (geb. Prinzessin von Löwenstein-Wertheim.)

Darmstadt, 18. August. Dem Vernehmen nach wird die Wiedereinberufung der Kammern im Septem­ber, spätestens anfangs October stattfinden.

Hanau, 19. August. Der von Ronge in früheren Jahren gestiftete jüngere Frauenverein hat bekannt ge. macht, daß er aufgelöst worden sei.

Würzburg, 19. August. (W. Anz.) Die erste» zwei Bände von Dr. E. Vehse'sGeschichte der Höfe von Bayern, Würtemberg, Baden und Hessen" wurden gestern in einer hiesigen Buchhandlung polizei­lich mit Beschlag belegt.

Stuttgart, 17. Aug. Zu der bevorstehenden In« spection der Buiideötruppen waren auch zwei württembergische Offiziere bestimmt, deren einer an der Jnspection der preußischen Truppen Theil nehmen sollte. Unser König hat aber die Verwendung württem- bcrgischcr Offiziere abgelehnt, wie man hört, weil er eine solche jnspectiou für überflüssig hält. So schreibt derNürnb. Corr."

Freiburg, 15. August. (A. Ztg.) Es ist un­richtig, daß der Erzbischof gegen die Mitglieder des großherzoglichen Oberkirchenrathes die Excommunication ausgesprochen hat. DaS erzbischöfliche Ordinariat hat dieselben aufgefordert Sr. K. Hoh. dem Regenten in Unterthänigkeit zu erklären, daß sie als Katholiken fort­an nicht mehr Verordnungen vollziehen könnten, welche den allgemeinen Satzungen der Kirche widersprechen. In dem lebhaften Schriftcnwechsel, welcher sich darüber entspann, wurde der Öberkirchenrath auf die Denkschrift der Bischöfe verwiesen und den Gliedern desselben von dem Ordinariat eröffnet, daß der Erzbischof in ihrer Weigerung einen Ungehorsam erkennen würde, gegen welchen er seine geistliche Strafgewalt gebrauchen müßte. Erst vor wenigen Tagen wurde den Mitgliedern der genannten Staatsbehörde von dem Ordinariat eine letzte Frist gestellt.

Mannheim, 18. Aug. Frhr. v. Wechmar wird das Portefeuille deö Ministeriums des Innern nun de­finitiv übernehmen; hieran knüpfen sich voraussichtlich mehrere Veränderungen im höheren Staatsdienste. Nachdem die L oca ld a mpfsch is f f ah r t auf dem Neckar schon vorher wegen zu geringer Betheiligung fer­ner gelegener Ortschaften auf den Dienst zwischen Se­ckenheim und hier beschränkt worden, mußte sie schließ­lich bis auf Weiteres ganz eingestellt werden. Ver­anlassung zu dieser Maßregel gab die Unzuverlässigkeit und Fahrlässigkeit der seitherigen Schiffsbedingung, durch welche die Eigenthümer der Schiffchen mehrfach zu Scha­den gekommen. Sobald erst wieder ein tüchtiges Per­sonal von auswärts beschafft ist, wird der Dienst wieder ausgenommen.

Berlin, 19. August. Der Prinz von Preußen wird sich unmittelbar nach dem Schluffe der Manöver des Garde- und des 3. Armeecorpö nach Olmütz be-