Nassauische Allgemeine Zeitung.
jVr 194. Freitag des 19. August 1653.
Dir 9?<iffauif*r NllgkMeme 3«titn<V' mit dem belltkristischen Beiblatt „Der Äattderer" ersinnt, SoimtaqS ausgenommen, täglitl! und beträgt der PränumeratioiiSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang des rimra- nnd Taris'schcn Berwaltungsbezirks mit Jnbtgriff des PaKaufschlags 2 kl., für die übrigen Länder des trutsd)«öflerreidtif»en PostoereinS, mir für daS Ausland 2 st. 24 fr. — Inserate werden die vierspaltig Petitzeilc oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung we W. Friedr, ch, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern- zu macht».
Die Weteeidepreise und derSetreidehaudel.
Dom Niederrheine, 11. August, wird der „A. Z." geschrieben. Der gemeine Mann traut seinen Ohren nicht, wenn er hört, daß die Brodtaxen noch immer in die Höhe gehen, jetzt, wo er sich nicht nur mitten in der Ernte weiß, über deren günstigen Ausfall er nicht allein von allen Seiten her Erfreuliches vernommen, sondern auch mit eigenen Augen die Fluren im vollen Schmucke der goldnen Aehrcu prangen sah. Vom Oberrheine wird gemeldet, daß die Roggenernte über den Ertrag eines Mitteljahres hinausgehe und die Kartoffeln allem Anscheine nach trefflich gerathen werden. Durchweg Günstiges verlautet aus der Gegend von Köln und aus dem jülicher Lande, des Heiligen römischen Reiches Kornkammer, wie es ehedem genannt wurde und wenn der „D. Z." vom Niederrheine geschrieben wurde, daß der Roggen dort um etwa % unter der WiMerüke bleibe, so wird dagegen doch anerkannt, daß Walzen, Gerste und Hafer zu den besten Erwartungen berechtigen. Halten sich nun, trotzdem daß der liebe Gott gnädig das ©einige gethan, alle Lebensmittel auf hohen Preisen, so erübrigt kaum eine andere Erklärung als Sp e c u l a nte nin a n öv er. Heißt es doch, daß in diesem Sommer mehrfach die Frucht schon auf dem Halme gekauft worden sei. Zu Berlin hat sich neuerdings die Polizei ins Mittel gelegt, eben so zu Luxemburg, wo kürzlich ein Theuernugscrawall ent» stand." Die Freihändler am pommerischen Haff, werden daS freilich als eine national-ökonomische Tod- Todsünde betrachten; der Volksinstinct urtheilt jedoch anders und möchte in diesem Falle der Wahrheit vielleicht näher stehen. So viel ist sicher, daß der Pro- ductenhandel am Rhein und namentlich zu Köln, großenteils zum unsoliden Wettgeschäft gewor. den ist und reeller Bedarf und reelles Angebot nicht mehr als die wesentlichsten Factoren der Preisbewegung anzuschen sind, seit bedeutende Quantität.n umgesctzt werden, die in der Wirklichkeit gar nicht exustiren und wobei einzig und allen auf Differeusvergmung specu- lut wird.
Aus Wien meldet das „Dresd. Journal" {©. u.) daß in den letzten Tagen ein weitverzweigter Club von Getrcidcwucherern entdeckt wurde, deren Umtriebe zur Erzielung hoher Gctreidepreise selbst ins Ausland sich erstreckten und die zur Erreichung dieses Zweckes sich der verderblichsten Mittel, der Ausstreuung falscher beunruhigender Gerüchte, bedienten. Die officielle „Oest. Corr." sprach erst gestern die Ueberzeugung aus, daß nach tcn vorliegenden amtlichen Berichten zu schließen, die jetzige Theuerung durchaus in keinem Verhältniß zu den vorhandenen Vorräthcn stehe und eine künstlich erzeugte zu nennen sei. Das „Mannheimer Journal" ist der entgegengesetzten Ansicht. Es Meint, in dem Falle, daß der gegenwärtige Getreidepreis ein küustlü cher und Folge einer Verschwörung von Kornwucherern wäre, würden gleich reiche Handelsleute Getreide ans ferner Gegend kommen lasten und billiger verkaufen, — weil alsdann mit dem billigeren Preise auch schon ein schöner Profit zu machen wäre? Dann würden wieder Andere kommen, mit noch geringeren Preise zufrieden sein und so einen wahren Normalpreis Herstellen. Die Kaufleute seien ja gleich bei der Hand, wo sie nur irgend einen Profit in Aussicht haben, und vor der Coucurrenz müßten alle die Gespenster und Luftbilder dieser Verschwörungen in der Luft zeruuncn! —• Leider müssen wir diese Ansicht eine utopische nennen, jedenfalls ist der gezogene Schluß unrichtig. Der Getreidehandel ist nicht frcigeaebeu mit der Einzelne findet keine Veranlassung den Retter der Gesellschaft zu jpwieu. Der Wunsch von den höheren Preisen zu prost- tiren, Liegt weit näher, ist dem Wesen des Handels weit entsprechender. Auch darf hierbei nicht übersehen werden, daß der Getreidehändler nicht nöthig hat, sich sei- nen Markt zu suchen und es von ihm abhängt, den passendesten Zeitpunct zum Losschlagen mit seiner Waare abzuwarten) das Bedürfniß zu kaufen, ist bei Getreide weil größer als das Bedürfniß zu verkaufen mit in je weniger Händen sich der ganze Vorrath befindet, um so leichter ist es, den Preis in seiner ungewöhlichen Höhe zu halten. Es ist nicht zu leugnen , daß der Getreidchandel auch sein gutes bat. Früher konnte der Bauer wegen Mangel an billigen Verkehrswegen sein Getreide nur ans den nächsten Märkten in den Handel bringen ; gerieth cs in einer Gegend flut, so sanken die Preise, mißrietheu sie, so stiegen sie und kam es zur Hungersnoth, denn fehlte es an Händ- t"n, die Getreide aus ferneren Gegenden kommen lie
ßen, wo cs billig war, auch vertheuerte es wieder die Frucht. Mit der Vermehrung der Verkehrswege und Erleichterung der Fracht thaten sich Getreidehändler auf, welche den Uebcrfluß der einen Gegend nach der anderen führten und zwar sogar von einem Welttheile in den andern. Diese Vortheile, meint das „Mannh. I.", müßten noch größer sein, wenn nicht so viele dadurch vom Getreidehandel abgehajten würden, daß man Getreidehändler und Wuchcrep für identisch hält. Wäre der Getreidehandel nicht anrüchig gemacht, so würden viele und große Geschäfte sich damit abgeben, und würde für bessere und rechtzeitige Ernteberichte, aber von tüchtigen Sachverständigen, gesorgt, so würde man früher sich entschließen, aus weiter Ferne Getreide kommen zu lassen, anstatt jetzt lange zuzuwarlen. Nun kommen die neuen Getreidesendungen erst mit dem Spätjahre und erbrechenden Winter, während sie, jetzt schon begonnen, die um diese Zeit gern steigenden Preise drücken wurden. Ueberhaupt würden die großen Schwankungen in den Getreidepreisen erst dann aufhören, wenn der Getreidehandel erst recht ausgebreitet ist. Die Ausbreitung, die Freigebung des Getreidehandels müßte allerdings ihre guten Wirkungen haben, insofern eine wohlthucnde Coucurrenz zum Besten deS Pnblicums dadurch erzielt würde, wenn sich dadurch eine Masse von Kleinhändlern aufthäte, denen es um den raschen Umsatz ihrer Einkäufe und Vorräthe zu thun ist und die im eigentlichen Sinn die Vermittcr des Verkehrs, die Mittelspersonen zwischen Producenten und Consu- menten dort bilden, wo es diesen nicht gelegen oder nicht möglich ist, sich wechselseitig anfzusucheu, insofern wurden die Preise dem richtigen Verhältniß zwischen Angebot und Nachfrage entsprechen. Wo aber durch Anhäufung von großen Vorräthen in einer Hand, wie eS jetzt möglich hub üblich ist das Angebot vermindert wird, die Nachfrage dagegen dieselbe bleibt da tritt ein unnatürliches Verhältniß ein, dessen Nachwirkung der Konsument in den höheren Preisen, die er zahlen muß, empfindet. Wenn noch überdicß diese günstige Lage der Getreidehändler zu'Emtgungen über den Preis benutzt wird, wo durch Agiotage durch Börsenwettspiele die Getreidepreise in diese Höhe getrieben werden, da wird eine Ueberwachung von Seite der Re-- gierungen einzutreten haben, da wird darauf gesehen werden müssen, daß die Getreidehändler Getreidehändler bleiben und nicht zu Getreidewucherern werden. — Man suche jedoch die Ueberwachung sich nicht dadurch zu erleichtern, daß man den Getreidchandel nur Einzelnen gestattet, welche baun ebenso gut als Monopolisten hafteten würden, wie diejenigen, die bei dem jetzt bestehenden Vorurtheil sich damit noch befassen und daS Monopol des Getreidehandels factisch genießen. Man begünstige vielmehr die allgemeine Ve» brcitmig des Getreidèhandels, sorge für praktische Einrichtungen zur Erleichterung deS Verkehrs und das Vorurtheil gegen den Getreidehandel wird mit dem Anlaß zu gerechten Beschwerden gegen den Mißbrauch desselben von selbst schwinden.
Dcnlschländ
0 Aus dem Nheingau, 16. August. Am Samstage sahen wir am hiesigen Ufer zum erstenmal daS von ben Gebrüder ElS n er in Coblenz gebaute neue Dampfbootchen „Erbprinz von Nassau." Dasselbe ist klein und zierlich, geht nicht tief im Wasser — kaum 2 Fuß— fährt dabei sehr schnell und trägt 70 bis 80 Passagiere. Wie wir hören, passirt es täglich mehrmals die. Strecke zwischen Biebrich und Mainz, Dienstags und Freitags — an den Mainzer Markttagen — wird cs aber bis Geisenheim fahren und an jedem diesseitigen Uferorte ohne ßanbebiütfe dicht am Ufer anlegen, um das, den Markt besuchende Publicum aufzunehmen und zurückzudringen. Dasselbe stellt sehr niedrige Preise, um ein bedeutendes billiger als die großen Boote und wird dadurch den letzter,! leicht großen Abtrag thun. Seine Vortheile : raschere und billigere Beförderung werden es bei den Localfahrten bestens empfehlen.
Dieser Tage wurden in einem Wäldchen bei Winkel die Reste der Leiche eines der aus diesem Orte tm verflossenen Jahre kurz nacheinander spurlos vcrschwnn- denen 3 Männer aufgefunden. Die Leiche befand sich in einer von Moos erbauten Hütte und war der Schädel mit einem Strick umwunden, was die Todesart deS Unglücklichen ahnen läßt. Er hinterließ eine Witte mit 6 unmündigen Kindern.
△ Eltville, 17. Ang. Von der Traubenkrank heit, deren der Correfpondent der Mittelrh. Ztg, erwähnt, hat man, Gott sei Dank! tarier noch nichts
verspürt. Nur ein am hiesigen Spital befindlicher Wein» stock ist mit einer Art Schimmel bedeckt und trägt Spuren seines Absterbcns. Da andere in der Nähe befindliche Stöcke gesund sind, so dürfte nur ein örtlicher Fehler vorliegen, der keinesfalls epidemisch ist. — Die bisherige günstige Witterung befördert sehr das Vorschreitett der Trauben mit steht bis jetzt noch eine günstig Ernte in Aussicht. — Auch die Kartoffeln versprechen gut auszufalleu; deren Kraut sieht noch ganz gesund aus. — Die übrigen Früchte gaben im Allgemeinen eine gute Ernte und bleibt es eine höchst auffallende Erscheinung, wie trotzdem die Preise noch immer höher steigen können. ES dürfte hier die dringlichste Nothwendigkeit zu energischen Maßregeln Seitens der Regierung verließen, um dem verderblichen Treiben der Wucherer Einhalt zu thun. Allgemein hört man vom Aufkäufen der Früchte durch Händler, mitunter sogar auf dem Halme und ein Händler gibt dem andern die Thüre in die Hand, um den Bauer zu bestürmen. Die wenigsten dieser Händler sind als solche concessionirt und daher auch nicht besteuert; eS dürfte daher eine strenge polizeiliche Ueberwachung derselben auszuüben sein..
Frankfurt, 17. August. (Fr. Bl.) F.M.L. von Prokesch-Osten hat mit seiner Gemahlin eine Ferienreise angetreten. — Graf Thun , der frühere Puiidespräsi- dialgesandtè begleitete die Erzherzogin Marie Henriette bis Gießen und begab sich nach seinem Posten in Berlin zurück. — Das Gefolge der Frau Erzherzogin Marie Henriette, Herzogin von Brabant, hat nach einem Rasttage heute früh mit dem ersten Zuge der TaunuSbahn Frankfurt wieder verlassen, um heute mit der Frau Erzherzogin in Coblenz zusammen zu treffen Der vornehmere Theil deS Gefolges hat schon gestern früh Frankfurt verlassen und sich nach dem Schlosse Johannisberg begeben; Fürst Richard Metternich, der sich in dem Gefolge befindet, bewirthet sie auf dem Schlosse seines Vaters. Sie gesellen sich von Johannisberg aus dem anderen Tdcile deS Gefolges bei. — Wie man sagt, hat der nordamerikanische Consnl für Frankfurt, Hessen und Nassau, Hr. Grâde, bei der Vereinigten Staatenregier- ung um Enthebung vom hiesigen Consulate nach gesucht.
Dem Vernehmen nach sind (nach einer Mittheilung der „D. A. Ztg.") Folgendes die Hauptbestimmungen des vom politischen Ausschuß der Bundesversammlung vorgelegten BundespreßgesetzentwurfS: Um das Geschäft eines Druckers und die damit zusammen« hängenden Zweige betreiben zu dürfen, ist eine Concession erforderlich, welcher zwar nicht allein auf richterlichem Wege, aber auch nicht ohne schützende Formen auf dem Verwaltungswege zu endeten ist. Cautionen, verantwortliche Herausgeber und Hinterlegung des Gedruckten bei einer Behörde vor (?) der Ausgabe werden gesetzlich eingeführt für politische Zeitungen; bei solchen Publicationen , welche weder politische noch sociale Gegenstände behandeln, kann davon abgesehen werden. Preßvergehen sollen nicht vorzugsweise den Geschworenen zur Beurtheilung zugewiesen werden.
Aus Rheinheffen, 16. Aug. (M. I.) Merkwürdig und schreckenerregend ist das rasche Aufsteigen der Fruchtpreise zu einer Zeit, in welcher gerade alle Hände vollauf beschäftigt sind, den Segen Gottes in der Natur für dieses Jahr einzuheimsen. Ernte, ungestörte und rasche Ernte und Tbcnerung zu gleicher Zeit ist etwas fast noch nicht Erlebtes. Was ist die Ursache davon? hört man allerwärts fragen und die Antwort ist fast immer gleichlautend: Die mißrathene Ernte! Um zu erfahren, in wie weit dieses Letztere in unserer rheinbessischen und bayrischen Pfalz Wadrheit ist, darüber sollen Sie die nacbfolgcnden Thaffachen unterrichten. Die Roggen- oder Kornernte, welche an den meistew Orten deS genannten Bezirkes bereits über zehn und an vielen Orten auch schon über vierzehn Tage bis drei Wochen zu Ende ist, fiel fast durchgehends nicht so- schlecht auS, wie man eS nnS von mancher Seite glau< ben macheu will. Ich habe mich an Ort unu Stelle überzeugt und wohl leider gefunden, daß man auS einem Haufen (zebn Garben guten Gebindes) nur drei bis vier, höchstens fünf Kümpfe ausdrischt und daß die Zahl der Orte, die so unglücklich sind, fast ein Drit» theil der Pfalz auSmachcn, wobei ich hauptsächlich die mit sandigen Gemarkungen umgebenen Orte zrvischen Mainz und Bingen, wie einen Theil der bayrischen Pfalz im Auge habe. Dagegen liefert der Haufen in fast zwei Drittheilen RheinbayernS und der hessischen Rhcinprovinz durchschnittlich vier bis sieben Kümpfe und an nicht wenigen Orten sogar sieben bis neu» Kümpfe. Mag für manche Orte die feurige Roggen- ernte eine mißrathene sein, so ist sie doch fâr die mei-