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Nassauische Allgemeine

Donnerstag dm 18. August

«833.

Dir Naffamschr Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag» ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumeratimispreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulariv nunmehr auch für den ganzen ilmsang de» Zturn» und Taris'schen Verwaltuq^bezirk» mit Inbegriff de» Postausschlag» 2 fL, für die übrigen Länder de» deutsch-österreichischen Postoerem», wie für da» Ausland 2 st. 24 fr. Inserate werden die vierspaltist Petitjeile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, stanggaffe 42, auswärts bei den nächstgslegeueu Postämtern, zu machen.

TW. Ueber Hebung der UolKswohlfahrt.

Wenn auch das Herzogthum Nassau in seinen aus­gedehnten Fruchtfeldern des Lahn-, Aar- und Maintba- leS, in seinen kostbaren Weinbergen, in seinen weltbe­rühmten Mineralwassern einen, man kann sagen uner­schöpflichen Reichthum birgt, so sind doch, und man darf das nicht verkennen, für die Bewohner der Hochebenen und Bergabhänge des Landes noch manche Wege zur Hebung der bürgerlichen Wohlfahrt offen.

Es ist hinsichtlich des LandbancS eine unleugbare Wahrheit, daß die Bearbeitung von 15 Morgen Land, welche in 60 Parccllen vertheilt in allen Ecken und Enden einer Gemarkung herumliegen, mehr Aufwand an Zeit und Kräften erfordert, als wenn diese Land, fläche in 3 Komplexen von je 5 Morgen, nach den verschiedenen Bodeneigenthümlichkesten vertheilt, vorliegt. Während man in letzterem Falle einen Kornacker von 5 Morgen in einemhin ackern, säen und eincrudten kann, muß in ersterem Falle, wo die 5 Morgen in ca. 20 Stücken vorliegen, der Ackerer 20mal mit dem Pfluge absctzen, und wieder Anfängen, und alle dazwi­schen liegende Zeit, welche er zum Fahren mit dem Vieh von einem Acker zum andern braucht, ist verloren; ebenso verhält es sich mit dem Säen und Schneiden der Frucht, nur daß hier blos der Arbeiter nicht auch das Vieh unnütze Zeit verbraucht. Dagegen wird bei dem Aufladen und Nachhaufefabrcn nicht allein die an­geführte Zwischenzeit unnötig verbraucht, sondern es werden auch dadurch, daß ein nur theilweise beladener Wagen auf den kreuz und quer durcheinander liegenden Stücken oft viertelstundenweit herumgefahren werden muß, bis er voll beladen ist, die Kräfte des Viehes in bedeutendem Maße vergeudet.

Es ist ferner eine unleugbare Wahrheit, daß, wenn eine Landfläche von 15 Morgen unter 3 Gutsbesitzer vertheilt ist, so daß Jeder nur 5 Morgen bat, mehr Aufwand an Personen, Vieh und Zeit erfordert wird, als wenn dieselbe in Einer Hand ist. Statt daß Ein Gutsbesitzer allein mit einem mäßigen Gespann die 15 Morgen leicht bearbeiten kann, werden bei der angege­benen Vertheilung 3 wenn auch geringe Gespanne in Thätigkeit gesetzt, und die Familienväter zackern im Felde herum, drei mit ihrem Vieh machen alle diesel­ben Hin- und Herwege im Felde, welche in jenem Falle nur Einer zu machen braucht.

Es ist sodann hinsichtlich der Gewerbe und des Fabrikwesens eine unleugbare Wahrheit, daß, wenn von den Dreien in dem Preise eines Fabricats steckenden Koefficienten : Werth des Rohproduktes, Arbeitslohn und Unternehmergewinn, nur Einer oder zwei im Lande bleiben, der dritte aber dem Auslande überlassen wird, die gewerbetreibende Bevölkerung sich nickt so gut da­bei stehen wird, und daß kein so großer Theil der Be­völkerung sich dann dem Gewcrbcstande widmen und hingeben wird, als wenn der Preis des fertigen Fabri- cates dem Lande untertheilt gesichert ist.

Auch ist cs eine unleugbare Wahrheit, daß, jemchr Theilung der Arbeit unter einer Bevölkerung statlfiudct, desto mehr Gewandtheit bei dem einzelnen Arbeiter und Ersparniß von Zeit erzielt wird; daß daher, wenn Der Gewerbestand möglichst nach den Personen durch Fälle der gewerblichen Arbeit getrennt von dem sLaudbaucr er­scheint, alle zusammen besser und mehr produciren wer­den , als wenn ein großer Theil der Bevölkerung der kleinen Städte und des platten Landes als halber Ge- welbSmann und zugleich als halber Bauer sich preisen- tut. Schließlich stellt es fest, daß, wenn bei thatsäch­lich eingetretener Uebcrvvlkcrung eines Landes, so daß also die Unproduktiv» des Ackerbaues nicht so viel Ge­treide, Kartoffeln, Ochlgewächse rc. Hervorbringt, als die Bevölkerung für sich und ihre Viehzucht verbraucht, das durch erhöhten Gewerbflciß erzielte Mehr an Geld das Weniger an Produkten ausgleicht; daß dann die Einfuhr von Producten das Land vergrößert, und der Geldvorrats) dem einfahrcudcn Urproduceuten imponirt.

Wenden wir alle diese Sätze auf unser Land an, so erscheint in der ersten angeregten Beziehung als groß^ artiger Hebel zur Erzielung der Gutszusammenlage das Consolidationsgesetz, dessen Vortrefflickkeit und Heilsam­keit in volkswirthschaftlicher Beziehung gar richt genug gerühmt werden kann. Weiter drängt sich uns der Wuiisck auI, daß die ganz kleinen Bäuerchen verschwinden und als Gewerbsarbeiter zur Verarbeitung des in unserm Lande einheimischen vortrefflichen Rohproducte, welche gegenwärtig größtentheils ausgefahren werden, sich wen­den möchten.

Zu diesen Rohprodukten sind vorzüglich zu rechnen:

der Thon, der Eisenstein, die Walkererde. Es bilde- einen betrübenden Anblick, wenn man zu gewissen Zeit ten deS Jahres im Amte SelterS täglich Hunderte von Wagen, mit Thonschollen beladen, dem Rheine zufahren, wenn man den kärglichen Lohn die Bevölkerung auf des­sen künstlerische Verarbeitung, wodurch dessen Werth aufs zehnfache gesteigert wird, verzichten sieht! An Lahn und Rhein finden wir den Eisenstein zu Bergen aufgchäufk, um in'S Ausland verfahren zu werden; und nicht weit davon stehen die Elfcnhütteu verlassen! Die Lager der Walkererde in unserer oberen Lahugcgend erschließen sich fast nur für fremde Fabriken! Wir lassen die Walkererde fortfahrcu, und wenn wir Tuch brauchen, kaufen wir eS bei dem Kaufmann, der dem ausländi­schen Fabrikanten den Unternehmergewinn mit dem Ar­beitslöhne zahlen müße, und ihn uns aufrechnet! Das ist der gegenwärtige Zustand, bei dem namentlich der Bewohner der Hochebenen und Bergabhänge unseres Landes beklommen fühlt. Er strebt von diesem Zu­stande sich loszuwinden und sucht vielfach sein Heil jen­seits des Oceans. Er verläßt seine Heimath, seine Freunde und Verwandte, und folgt seinem Sehnen nach einem bessern Zustande in fernem Lande! Und dennoch liegt der Weg zum Heile so nah! Vermehrte Gewerb- thätigkeit, namentlich in den künstlerischen Gewerben und Zusammenlegung der ganz kleinen Güterstämme aus ver­schiedenen Händen in Eine Hand muß das Heil brin­gen. Sie holt den zuckernden Kuhbauer von seinem Feldlappen und stempelt ihn zum wohlstehenden Ge- werbsmann, während sie seine Ackerstückchen mit denen von mehreren seines Gleichen in die Hände eines tüch­tigen Pferdebauern legt; sie bringt dem Lande neben der in der That reichen Urproduction einen Geldvorrath zum Betriebe des Handels, wodurch danu wieder die Circulation der Tauschmittel befördert wird.

Verschmelzung der kleinen Güterstämmchen zu wohl­geordneten Bauerngütern, Beschäftigung der dadurch ge­wonnenen Arbeitskräfte mit einträglichen Gewerbzweigen, Förderung des Unternehmungsgeistes vermögender Land- üij affen : das sind die Stützen, worauf der Wohlstand eines Volkes gebaut werden muß.

Fragen wir nach den Mitteln, welche hierzu führen, so ist zunächst der Majoralsvererbung bei den Bauer- gütern das Mittel, welches die kleinen Güterstämme zusammenbringt. Sie braucht zu dem beabsichtigten Zweck nur in der Weise Statt zu finden, daß ein Guts- erbtheil nicht kleiner als 15 Morgen sein darf. Hat ein Bauer 30 Morgen, so könne solche unter die 2 ältesten Kinder vertheilt werden; hat er 45 Morgen, so können 3 Kinder daran participirem Durch Belehrung einsichts­voller Männer müßte ein solches Majoratsverhältniß der Volkssitte cingcprägt und demnächst müßte es durch gesetzliche Bestimmungen geregelt werden.

Auch Preisvertheilungen für errungenschastliche Nor­malgüterstämme würden dem guten Zwecke sehr förder­lich sein. Der vorzügliche Thon, den unser Land lie­fert, dessen Gleichen sich auf dem ganzen Erdboden nur wenig mehr findet, dient dem Anslande zur Fabrikation des feinsten Porcellans und des Glases. Im Inlands haben wir keine einzige Porcellan- und keine einzige Glasfabrik. Die Anlegung von solchen wäre daher vor Allem im Inte, esse unserer Industrie zu wünschen. Will der Staat keine Musterfabrik bewerkstelligen, so würden Unterstützungen von Privatunternehmungen durch un- verzinsitche Vorschüsse schon eine gute Wirkung nickt verfehlen. Zehnjährige Steuerfreiheit ist für derartige Unternehmungen bereits längst in unserer Staatsver­waltung kiiigeführt. Neben der Theilung der Arbeit ist den Handels- und Gewerbeverhältnissen. hauptsächlich die freie Association förderlich. Es liebt deßhalb der Kaufmann und der Fabricant hinter seinem Namen den Zusatz: et comp. In unserer Thonindustrie wird die vollständige Ausbildung dieses Princips, dessen Anfänge bisher schon von der Staatsrcgicrung gepflegt wurden, cs mit sich bringen, daß statt der 200 bis 300 Per­sonen, welche sich jetzt mit der Fabrikation besck ästigen, Tausende dadurch beschäftigt werden, und daß neben Den jetzigen 400 bis 500 Händlern mit Nassauischem Por­cellan Großhandel getrieben werden wird.

Hinsichtlich Der Eisenindustrie wiederholen wir hier den Wunsch für günstigere Zollverhältnisse und für Eisenbahnen durchs Innere des Landes. Hinsichtlich der Tuchfabrication , welche in früherer Zeit in dem Amte Herborn in großer Ausdehnung blühte, möchte die Erschwerung der Ausfuhr der Walkererde, neben Förderung auch Unterstützung des UntetNehmungsgcistas dem Interesse M Nassauischen Staates entsprechen.

Derrtschland.

* Wiesbaden, 17. Aug. Wie uns mitgetheilt wird, beruht die in Nr. 191 unseres Blattes über den Schneidermeister Leininger gebrachte Nachricht auf einer Namensvcrwechslnng. Der bekannte Socialist Reininger ist, wie wir gleichzeitig in Erfahrung bringen, kurz nachdem er von Nicdernhansen in Wies­baden zum Gebrauch der Kur eiugetroffen war, von da nach A m e r i c a abgereist.

In K o n st a n z ist der Werth des Grundeigenthnms so sehr gesunken, daß kürzlich zwei massiv gebaute Wohn­häuser nebst Scheuer und Gärtchen in einer guten Ge­schäftslage zusammen um 3000 fl., also kaum um den Werth des Materiales und noch nicht um den dritten Theil der vor wenigen Jahren erhaltenen Angebote, ver­kauft wurden. Achnlich an vielen anderen Orten des badischen Scekrcises.

Stuttgart, 15. Aug. Wir haben gestern des gegen die bischöfliche Denkschrift gerichteten officiösen Artikels des Württ. StaatSanzeigers Erwägung gethan. Derselbe geht hauptsächlich gegen die Behauptung der Bischöfe der oberrheinischen Kirchenpro-^ v iu z, die Regierungen hätten die päpstliche Sülle Ad Dominici gregis custodiam ohne Rückhalt angenommen, aber nachher, als die Bischofsstühle besetzt gewesen, bei der Promulgirung die Art. V und VI nach ihrem Ge­fallen gedeutet. Diese Art, V und VI der obigen Bulle betreffen die Errichtung von Knabenseminarien und ver­fügen, daß der Verkehr mit dem heil. Stuhl frei fein und Der Erzbischof in seiner Diöcese mit vollem Rechte die bischöfliche Gerichtsbarkeit ausüben werde. Der Württcmbergische Staatsanzeiger" vom Sonntag be­müht sich nun, in einer actenmäßigen historischen Dar­stellung der betce enden Verhandlungen der vereinten Regierungen mit dem H. Stuhle hinsichtlich der Errich­tung der oberrheinischen Kirchenprovinz klar und un­zweifelhaft nachzuweisen, daß die Regierungen vom An­fang bis zum Schluffe der Verhandlungen diese beiden Artikel, als mit ihren Oberhoheilsrechten nicht vereinbar, nicht angenommen, jedoch am Ende erklärt ha­ben, deren Aufnahme in die Bulle sich nicht widersetzen, ohne jedoch ihren Inhalt anerkennen oder sich ihm un­terwerfen zu wollen.

Coburg, 12. Aug. (D. I.) Der Regierungs­präsident Franke als Eisenbahncommissär ist vorgestern nach Gotha abgereist, wo in Betreff des Baues der W erra eisen bahn eine auderweite Conferenz mit der thüringischen Eiscnbahugesellschaft stattfindet, da diese Gesellschaft nunmehr die Dispositionsfähigkeit über das Bancapital Nachweisen will.

Wetzlar, 16. Ang. So eben, gegen halb vier Uhr Nachmittags, ist die Erzherzogin Marie Henrica von Oesterreich auf ihrer Reise nach Brüssel in unserer Stadt eiugetroffen. Um vier Uhr verließen uns die hohen Herrschaften wieder und fuhren nach Schaum­burg weiter.

Vom Nheiue, 11. Aug. (A. Ztg.) Seitdem billige und beschleunigte Verkehrsmittel das Reiscpubli- cum unermeßlich vergrößert haben, ist der Fremdeuzug am Rhein wohl noch nie so bedeutend gewesen, wie in diesem Sommer. Namentlich waren und sind noch die auf- und abwärtsgehenden Dampfer auf der bevorzug­ten Strecke zwischen Mainz und Köln mit Passagieren nickt blos ungefüllt, sondern überfüllt bis zur wahren Unbequemlichkeit und die coalirten Gesellfckaften von Köln und Düsseldorf haben sich entschließen müssen, seit vorgestern noch eine ackte tägliche Fahrt zwischen Kob­lenz unD Mainz einzurickten. Paß die Reise- und Badelust uns eine ganze Reihe hoher und höchster Per­sonen und viele ausgezeichnete Namen zuführt, ist be­kannt. Ich nenne aus Den letzten Wochen: die Königin von Holland, die Großfürstinnen Maria und Katharina von Rußland, Den Kronprinzen und die Kronprinzessin von Württemberg, Die Prinzessin Maria Auguste von Sachsen, den Herzog von Sachsen Meiningen, die Her­zogin von Sachsen Koburg-Gotha, den Erbgroßberzog von Mecklenburg-Strelitz, den Prinzen und die Prin­zessin Friedrich von Hessen, die Fürstin von Wittgen­stein , v. Lobkowitz (aus Wien) und v. Croy, den Fürsten Doria aus Rom, Die Fürstin Lieven, die Prin­zessinnen von Caroluth-Schönaich und von Ligne; die Gesandten: Geuerallientenant von Rochow, General Graf Nostitz und Graf Sckimmelpcnninck v. d. Oye; Mons. Prosperi-Buzi auS Rom, welcher sich zu Sr. Eminenz dem Herrn Cardinal Erzbischof v. Geissel nach Wiesbaden begab; den »usfischcn General nnd Flügel- adjutant des Kaisers v. Benckendorf, Die österreichischen