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Nassauische Allgemeine Zeitung

7Tr /»S

Mittwoch ien 17. August

1833

Die Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationSprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch fLr den ganzen Umfang deâ Lburn- und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 ft, für die übrigen Länder des deutsch-osterrkichischen PostoereinS, wie für das Ausland 2 ft 24 tr. Inserate werden die eierfpaltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Amtlicher Theil.

V i e n st n a ch r i dj f.

Schulcandidat Straun von Oberhöchstadt ist mit Versetzung der neu errichteten Lehrgehülfenschule zu Höhr beauftragt worden.

Nichtamtlicher Theil

Leitnngsjchau.

Gervinus und die freie wissenschaftliche Forschung. Die Neue Preußische Zeitung gegen den Bureaukratismus und die Demokratie. Nochmals die Frage über die politische Hegemonie in Deutschland.

** Die Entfernung des Professors Gervinus sagt die Zeit" in einem beachtenswerthen Leitartikel, hat den Epigonen des Liberalismus, die in unsereraltbegrün­deten" Presse noch immer ihr Wesen treiben, wieder einmal eine willkommene Gelegenheit geboten, sich in je­nen freisinnigen Redensarten zu ergehen, welche in der vormärzlichen Zeit dem unwissendsten, Hirnlosesten, feig­sten , nur mit einiger Zungengeläufigkeit begabten Schwätzer es so leicht machten, sich den Ruf derGe- sinnungstüchtigkeit" zu erwerben, und die zwar neuerlich viel von ihrem Credite verloren haben, indessen, wie es scheint, doch auch jetzt nicht verschmäht werden, sobald eS darauf ankommt, den Mangel an Gedanken durch ein bequemes Surrogat szu ersetzen. Man nimmt die Miene an, als ob man die Freiheit der wissenschaftli­chen Forschung vertheidige, indem man die Behauptung aufstellt, daß es dem akademischen Lehrer verstattet sein müsse, in allen Fächern der Wissenschaft beliebige Leh­ren zu verkünden, die er selbst für die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Studien erklärt, und daß der Irrthum niemals durch polizeiliches Einschreiten, sondern nur durch wissenschaftliche jWiderlegung bekämpft werden dürfe, »eil die Wahrheit, die keinem Sterblichen als etwas an und für sich Feststehendes gegeben sei, erst aus dem Widerstreite der Meinungen sich erkennen lasse oder, wie man sich auch wohl vornehmer ausdrückt, sich selbst ent­wickele. Diese Behauptungen haben für den Ununterrichte­ten sehr viel Bestechendes, denn läßt sich nicht leugnen, daß die Wahrheit in der Wissenschaft nichts von vorn herein Gegebenes ist, sondern erst durch die angestreng­teste Arbeit gefunden werden muß, für die es unmög­lich vortheilhaft sein kann, wenn sie in der Freiheit ih­rer Bewegungen von irgend einer Seite gehemmt wird. Aber es ist eine offenbare Sophisterei, wenn man das, was von der wissenschaftlichen Forschung im Allgemei­nen gilt, ohne Weiteres auf den akademischen Lehrvor­träg überträgt, und wenn man für diesen, der dazu be­stimmt ist, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung der Heranwachsenden Jugend zu überliefern, deßhalb die­selbe schrankenlose Freiheit in Anspruch nimmt, die al­lerdings für die wissenschaftliche Forschung unentbehrlich ist. Eine solche Forderung konnte mit Recht in jenen früheren Zeiten erhoben werden, in denen die Univer­sitäten die einzigen Träger der Wissenschaft waren, und in denen daher jede Beschränkung akademischer Lehrfrei­heit zugleich als eine Beschränkung der Wissenschaft selbst angesehen werden durfte. Niemand, der mit dem Staude der Wissenschaft in der Gegenwart cinigeunaßen vertraut ist, wird behaupten wollen, daß die Universitäten, de­ren hohe Bedeutung wir übrigens keinesweges ver­kennen , heute noch eine ähnliche Stellung einneh­men, nachdem die wissenschaftliche Bildung, welche einst das Eigenthum einzelner bevorrechteter Stände war, ein Gemeingut der Nationen geworden ist. Eine Folge der allgemeineren Verbreitung wissenschaftlicher Bildung ist eS, daß die Universitäten in unsern Tagen nicht mehr, wie früher, von Männern gereiften Urtheils und ge­reiften Characters, sondern von Jünglingen besucht werden, die in ganz anderer Weise für die Eindrücke empfänglich sind, die sie in den akademischen Vorträgen empfangen. Das, was früher ohne Nachtheil verstattet werden konnte, muß daher heute nothwendig zu ver­derblichen Folgen führen; und wir stehen nicht an, un­sere Ueberzeugung auszusprechen, daß die traurige Er- scheinung der immer mehr überhand nehmenden Character- losigkeit in den gebildeten Classen, über die man neuerer Zeit so vielfach begründete Klagen vernimmt, eine ihrer vor­nehmsten Ursachen, wie überhaupt in der mangelhaften Be­schaffenheit unserer Jugenderziehung, so insbesondere in den

der sogenannten akademischen Freiheit herrührenden Mangeln unserer Universitätsbildung hat. Wenn man es versäumt, der Jugend durch ihre Erziehung eine be­

stimmte Richtung zu geben, darf man sich wahrlich nicht wundern, daß die Männer, welche aus dieser Jugend erwachsen, sich im Leben als solche zeigen, die jeder Richtung entbehren.

^DieN. Preußische Zeitung" sieht sich genöthigt, ihr Programm in Erinnerung zu bringen. Sie sagt: Freiheit wollen wir, aber es gibt keine wahre Freiheit ohne Zucht. In diesen beiden Sätzen ist die Stellung beschlossen, die wir nach zwei entgegen­gesetzten Seiten hin einnehmen: unsere Stellung gegen den absolutistischen Bureaukratismus und gegen die nivellirende Demokratie. Freiheit wollen wir, und wir haben uns noch nicht zu der Höhe des rubrieirten Bewußtseins emporfchwingen können, wo man dembeschränkten Unterthanenverstand" die beste Wohl­that zn erzeigen meint, wenn man seine etwaigen Re­gungen in möglichst vielen Journal-Nummern aufzeich­net; wo man jede minder reglementsmäßige Anschauung gleich für ein Staatsverbrechen hält, weil sie etwa den Horizont irgend eines Registratur - Vorstehers zu über­schreiten droht. Freiheit wollen wir, und wir glauben nicht, daß dem Bureaukratismns ein Patent verliehen ist, dieselbe paragraphenweise nach eigenstbemessenem Gutbesinden zu octroyiren und dem Recht, das von jeher bestanden, durch einen freundschaftlichen Erlaß die Weihe zu geben. Indeßwir sind zu alt, um nur zu spielen" und so hat Niemand nöthig, uns die zeitgemäße" Benachrichtigung zukommen zu lassen, daß das Beamtenthum für Preußen durchaus nöthig wäre. Das wissen wir auch ohne Belehrung. Ja noch mehr. Wir sprechen cs gern auö, daß die Bureaukratie sich große Verdienste um unser Vaterland erworben hat und daß es so lächerlich als verkehrt wäre, sieabschaf­fen" zu wollen. Aber wir sind auchzu jung, um ohne Wunsch zu sein". Darum reden wir hier gegen den Bureaukrat i s m u s, den Auswuchs der Bureaukratie, der sich zum wahren Beamtenthum etwa so verhält, wie der Gallapfel zur Eichel, wie die Mistel zum kräftigen Baum.. Bureaukratismus verdanken wir nichts. Er mag keine freie, organische Entwicklung dulden: sie paßt nicht in seinen Mechanismus. Er ist nicht ganz im Klaren darüber, ob die zehn Gebote Gottes auch dann gültig sein würden, wenn ihr Inhalt sich nicht in irgend einer Weise auch in seinen Registern beschlossen fände. Diesen Bureaukratismus bekämpfen wir, denn wir streiten um Freiheit. Es handelt sich hier zunächst nicht um einzelne Personen. Er han­delt sich um eine Krankheit, die zwar auch früher schon vorgekommen, die aber durch die Begebnisse der letzten Jahre sich noch mehr verbreitet hat und deren weitere Entwicklung unzweifelhaft zu den Gefahren unserer Zeit gehört. Es ist der Napoleonstag, an welchem wir diese Zeilen schreiben.

Dasselbe Ziel, im Kriege wie im Frieden, so be- merkt dieSachsenzeitung," wird von jener preußischen Partei verfolgt, welcher der Bundesverband nur eine unerträgliche Last für Preußen zu sein scheint. Die Kreuzzeitung" vom 9. August nimmt es für ausge­macht, daß nach Beilegung der türkisch-russischen Diffe­renz der Kaiser der Franzosen das erregte kriegerische Gelüste Frankreichs um seiner Selbsterhaltung willen be­friedigen werde und Belgien, die Rheinprovinzen und Piemont in Frankreich einzuverlciben suchen müsse. Dann werde Preußen seine Gesammtstreitmacht in deut­schen Interessen verwenden und abermals der Vorfechter des gemeinsamen Vaterlandes sein. Als solcher sei es aber auch zu fordern berechtigt, daß ihm dieLeitung des deutschen Krieges" unbedingt anvertraut werde. Denn Oesterreich würde, sagt dieKreuzzeitung", auf dem deutschen Kriegsschauplätze wenig Beträchtliches leisten."Italien nimmt den größten Theil seiner Streitkräfte in Anspruch, Ungarn darf keineusalls von Truppen entblößt werden; so ist also vielleicht in Deut­land nur aus das BundeScontiugeut zu rechnen. Und da Tirol zum deutschen Bunde gehört, würde wahr- scheinlich die Mehrzahl dort ihre Verwendung fin­den." Im Falle eines Krieges Frankreichs gegen Deutschland, der dann nothwendig zugleich gegen das österreichische Italien gerichtet wäre, würde aber Oesterreich, wie es stets gethan, die Wahrung Deutsch­lands als Hauptsache betrachten und dorthin nicht blos« sein Kontingent, dasnur" 100,000 Mann beträgt, sondern dir dreifache Zahl senden, nämlich 300,000 Mann ; diese wären immer erst die Hälfte sei­ner Gesammtstreitmacht auf dem Kriegsfuße, die mittelst des Institutes der KriegSreserve schnell auf 600,000 M. gebracht werden kann. Zur Behauptung Italiens wür­den sowohl zur Reserve als zur Bewachung der in»

nern Ruhe in dee Monarchie vollständig hinreichen« Es ist fürwahr' ein Beginnen, ^welches nicht genug getadelt werden kann, die Kriegsmacht einer deutschen Großmacht als gering und zum Schutze des deutschen Reiches nicht ausreichend darzustellen, um auf diesem dunklen Grunde die Kriegstüchtigkeit der anderen Groß­macht um so höher erscheinen zu lassen. Jeder Deutsche weiß, was er von Preußen zu erwarten hat, wenn das Unglück eines Krieges zwischen Frankreich und Deutsch­land eintreten sollre (wozu glücklicher Weise im Augen­blick weniger Aussicht ist als je.) Er hofft viel von Preußen und nicht weniger von Oesterreich. Im Augen­blicke eines etwaigen Kampfes zwischen Deutschland und Frankreich mit Gedanken an Ansichreißung von Führer­und Oberleiterrollen umzugehen, um den Grundsatz des deutschen Staatenbnndcspar inter pares hinterher zu vernichten, wäre halber Verrath am deutschen Vater, lande!

Erndteausstchten.

* Unbegreiflicher Weise sind die Getreidcpreisc in letzter Zeit in die Höhe gegangen, während man durch das Hinzukommen der neuen Vorräthe oder durch die Aus­sicht auf dieselben ein Herabgehen derselben erwarten konnte. Diese auffallende Erscheinung zeigte sich aus unsern Märkten und es wird aus Baiern, Baden, Würt­temberg rc. dasselbe berichtet. Man tröstet sich bei die- ser besorgnißerregenden Erscheinung auf mancherlei Weise. Ein altbaierisches Sprichwort sagt:Wenn das Ge­treide steigt unter der Sichel, fällt es unter der Dri- schel". Es scheine, daß die anhaltend günstige Witte­rung den Landmann mit der Erndre vollauf beschäftigt und daß nur solche mit einem geringen Getreidequantum den Markt befahren, welche die Noth dazu zwingt oder die noch vor den hohen Preisen Profitiren wollen. Wo­her aber die hohen Preise? Wenn dieselben von wucherischen Umtrieben nicht herrühren, was wir vor­läufig ununtersucht lassen wollen, so ist es, da ein Miß­jahr nicht vorangegaugen, nicht der Mangel, sondern die Furcht vor dem Mangel, der die Producenten wir wollen nicht einmal von den Getreidehändlern spre­chen veranlaßt, mit ihren Borräthen zurückzuhalten und sich ihren eigenen Bedarf zu sichern; der den Con- sumentcn dazu bestimmt, so schnell als möglich und ehe die Preise noch höher steigen, sich mit dem nöthigen zu versorgen. Daß durch diese gesteigerte Nachfrage die Preise in die Höbe getrieben werden, wird gänzlich über­sehen. Dieser Besorgniß von eintretendemMangel ent­gegen zu arbeiten, diese auf jede mögliche Weise zu be­seitigen, halten wir für eine Pflicht. Glücklicherweise genügt es, nur auf das bisher bekannte Resultat der Erndte und die nächsten Aussichten aufmerksam zu machen, um die ungcgründeten Besorgnisse zu zerstreuen und allen Plänen, welche auf das Bestehen derselben gebaut werden könnten, entgegen zu arbeiten. Ein Sprich­wort sagt: Der Hunger muß von der Krippe an- fangen. Nun hat cs nach Berichten aus dem Lande allenthalben eine Masse Heu gegeben, nicht minder gut ist der Klee gerathen, Dickrüben gedeihen vortrefflich, das Otzmet steht prachtvoll, so daß GotteS reicher Se­gen nach dieser Seite hin nicht geläugnet werden kann. Eben so gut steht es um die Brodfrüchte. Die Gerste prangt in herrlichster Fülle, und wenn von den andern Früchten der Haufe hier und da auch nicht so viel Körnerertrag als sonst liefert, so hat eS dagegen eine doppelte Anzahl Haufen gegeben, und wird dadurch der Ausfall wieder reichlich ersetzt. Der Hafer steht ausge­zeichnet. Auch die Vorräthe auS den früheren Jahren sind noch lange nicht erschöpft, wie man glauben ma­chen will; man weiß, daß noch bedeutende Massen aufge» speichert liegen. Auch die Angst, die von der Habsucht wieder so vielfach genährt und verbreitet wird, (wir er­innern an die vielen Zeitungsnachrichten), daß die Kar­toffeln mißrathen werden, ist bei uns wenigstens unge- gründet; die Kartoffelfelder stehen im Gegentheil in schönster Fülle und versprechen eine ebenso gesunde als reiche Frucht. Die Obstbäume brechen zum Theil un­ter ihrer Last und die Küchengewächse lassen nichts zu wünschen übrig. Die Erndte im Herzogthum kann, wenn auch einzelne Theile nicht so günstig bedacht sind, im Ganzen eine sehr zufriedenstellende genannt werden. In gleichgünstiger Weise lauten die Erndteberichte aus den beiden Hessen und aus der Rhein Pfalz. Aus dem Badischen verlautet so ziemlich allge­mein, daß eS einen reichen Ertrag an Garben gibt, aber dafür um so weniger Körner; dagegen ist die Frucht besser und liefert ein vorzügliches Mehl, so daß