Nassauische Allgemeine Zeitung.
2Vr /-S Montag den 25. Juli 1SS3.
Die,,N»ss->uls»k Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntag« ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerativnSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaii« nunmehr auch fLr den ganzen Umfang deS Tburu- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff deS Postaufschlags .2 fl., für die übrigen Länder deS deutsch-österreis ischen Postvereins, wie für daS Ausland 2 ff. 24 fr. — Inserate werden die Sierspallig Petitjeile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nâchstgelegenen Postämtern, zu machen.
Zur oricutalischeu Frage.
Wenn die Gerüchte nicht trugen, daß die Pforte durch Vermittelung der Westmächte zur Annahme des Ultimatums des Fürsten Mcnczikoff, gegen die Versicherung des russischen Cabinets, „sich in die inneren Angelegenheiten der Türkei nicht mischen zu wollen," bewogen werden dürfte, und daß dicserhalb Verhandlungen im Gange seien, so stände, wie wir verlangst andeuteten und jetzt den „Hamburger Nachrichten" ans der russischen Hauptstadt geschrieben wird, voraussichtlich der friedlichen Lösung der Wirren wohl nichts mehr im Wege. Rußland setzt seine" Forderungen durch und kann sich eine Bedingung gern gefallen lassen, die es ohnehin, wie die Circularnote vom 30. v. M. besagt, ans freien Stücken stets angeboten hat. Nichts desto weniger aber wird der souveränen M a ch t v o l l k o m m e n h e i t des Sultans die Verfassung der griechischen Kirche in der Türkei für immer entzogen und Rußland der anerkannte Bürge des gesetzlichen Status quo, d. h. des religiösen wie des politischen Wesens der selben, bleiben. Hat das russische Cabinet vorläufig etwas Anderes verlangt? Rußland, versicherte ein Diplomat, ist.eben so wenig wie sonst ein Staat geneigt, beim Vollzug seiner Absichten vorher die Meinungsäußerung anderer Mächte zu hören, um so mehr, da es weiß, daß cs, wenn auch unter dem Scheine einer bescheidenen . Bedingung, im Wesentlichen seine Politik siegreich durchführt. Verschließt man im Westen gegen diese Wahrheit die Augen, so leistet man seiner Sache wahrlich keinen Dienst, und zu spät dürfte man dereinst erst einsehen, was die sinnvollen Worte des russischen Liedes heißen: „Ich sitze am Ufer und warte auf den Wind!"
Die der „Triester Ztg." durch den Lloyddampfer „Egitto" zugehenden Berichte aus C o nsta nti n opel vom 11. bezeichnen es als ein wahres Glück für die Türkei, daß der kriegssüchtige Ruschdi Pascha nicht ans Ruder gekommen und Reschid Pascha die Seele des Cabinets geblieben ist. Wenu Mehmed Ruschdi Pascha, -ter General der Garden, am 9. wirklich zum Großvezier . ernannt worden wäre, so würde wohl noch am selben Tage an Omer der Befehl abgegangcu sein, türkische Truppen in die Donaufürstenthümer marschiren zn lassen oder gar die Russen über den Pruth zu werfen. Jedenfalls wäre an irgend eine Neigung der Pforte zur Vermittlung nicht zu denken gewesen. Ursache des Mi- nisterwechscls war die am 7. in der Nacht angelangte Nachricht vom Einmarsch der Russen. Der Scraskier hatte die Depesche, welche er in 24 Stunden von Schumla erhalten, direct in das Serail getragen, und daselbst die Kriegspartei fanatistrt. Dem Sultan wurde vorgestellt, daß eine Revolution zu gewärtigen sei, wenn diese Nachricht bekannt würde, ohne daß Männer an der Spitze der Geschäfte stünden, in welchen die muselmännische Bevölkerung die Bürgschaft besäße, daß Gewalt mit Gewalt vertrieben werden würde. In der That- ist die Aufregung der Türken sehr groß, denn sie befürchten wirklich, daß ihre religiöse Existenz auf dem Spiele stehe. Haben doch selbst die Großen des Reichs und die Veziere ihren Schatz geöffnet und dem Großherrn bedeutende Summen geschickt, um die Rüstungen zu ermöglichen. Außer den Gefahren, die für die Person des Sultans als drohend dargcstellt wurden, mochte sich auch der Gedanke geltend gemacht haben, daß ein Aüfstand in der Hauptstadt, selbst wenn er niederzu- werfen war, doch die militärische Kraft nach Außen schwächen und so die Türkei den Russen ohne Schlacht in die Hände geben müßte. Die Mißtrauischsten bei der Pforte sind ohnehin der Meinung, die Hinwirkung ans einen Aufstand in Constantinopel bilde den Hintergedanken der russischen Politik und das geheime Motiv des russischen Einmarsches Das Resultat derartiger Erwägungen und Besorgnisse war das gewöhnliche Facit türkischer Rechnungen — ein Ministerwechsel. Man muß dem Sultan die Gefahr so dringend dargcstellt haben, daß er sich nicht einmal bis auf den anderen Tag Bedenkzeit nahm, sondern noch in derselben Nacht den Großvezier Mustapha Pascha berufen ließ, um ihm seine Absetzung zu verkündigen. An seine Stelle sollte der General der Garden, Mehemct Ruschdi, kommen. Die übrigen Besetzungen, die man nennt, sind ziemlich gleichgiltig, wichtig ist nur, daß Reschid Pascha austreten mußte, da seine Persönlichkeit mit möglichster Erhaltung des Friedens, selbst um den Preis einer Nachgiebigkeit, sür identisch gilt. Am Nachmittag des 9. waren bereits die Dinge so weit gediehen, daß Mehmet
Ruschdi durch den Scheich ul-Jslam als Großvczicr bei der H. Pforte eingeführt werden sollte. Doch scheint man in diesem äußersten Momei t sich eines andern besonnen zu haben; die Proclamation ist unterblieben, das alte Ministerium wurde wieder eingesetzt und andern Morgens meldeten die hiesigen Zeitungen, - die umlaufenden Gerüchte von einem Ministerwechsel seien unbegründet. Das „Journ, de Const." macht nur bemerklich , Lord Redcliffe habe am 9. beim Sultan eine lange Audienz gehabt, wodurch zu verstehen gegeben wird, der englische Einfluß sei gegen einen derartigen Wechsel des Ministeriums thätig gewesen. Gewiß ist cs wenigstens, daß der englische Gesandte erst am Morgen die nächtlichen Vorgänge im Serail erfahren und sehr unangenehm davon überrascht gewesen sei, woraus sich schließen läßt, daß England nicht mit gegen das Ministerium Reschid intriguirt habe, und den Widerstand der Pforte gegen Rußland nicht bis zum Kriege treiben wolle, w a S jedenfalls eine sehr wichtige Entdeckung bietet.
Dem „Nürnb. Corr." wird aus Berlin geschrieben : Man erfährt durch einen uueewarteteu Zwischenfall, waS die ministeriellen Kreise von dem Ausgang der orientalischen Verwickelung erwarten. In diesen Tagen sind nämlich die Eigenthümer dreier hiesiger Zeitungen (der Schw. M. erwähnt nur dertzVoss. Z.") auf das Polizeipräsidium geladen worden, wo ihnen anheim gegeben wurde, den Ton ihrer Polemik gegen Rußland zu mäßigen. Eine friedliche Vermittelung stehe, Dank den Bemühungen des Königs und des Ministerpräsidenten, in Aussicht. Es werde Preußen wieder beschieden sein, Europa den Frieden zu geben. Man habe das Ministerium, nachdem man das gewünschte Partei -Ergreifen für Rußland nicht durchgesetzt, zu einer absoluten Neutralität drängen wollen, während Preußen durch seine Stellung in Europa genöthigt sei, Position zu nehmen. Seine Aufgabe sei, zwischen den streitenden Theilen zu vermitteln. Die Presse werde daher wohl thun , dieses Friedenswerk nicht durch aufreizende Angriffe zu gefährden. Wie dem „Nürnb. Corr." ferner berichtet wird ,, beantragt der preußische Vermtt'teluugsvorschlag den Abschluß einer Uebereinkunft zwischen der Pforte und den Mächten, wodurch die Rechte und Privilegien aller- christlichen Confessionen in der Türkei nicht unter den Schutz einzelner Mächte, sondern collectiv unter den gemeinsamen Schutz der fünf Mächte gestellt würden. (Es ist der wiederholt von der „Zeit" erwähnte Vorschlag.) - ,...
Nach Angabe des F. I.-hat der k. k. Bundes- präsidialgesandte in der Sitzung der Bundesversammlung vom 21. Eröffn u n gen der befriedigendsten Art über den Stand der orientalischen Frage gemacht, nach welchen einer günstigen Lösung dieser Europa bewegenden Angelegenheit entgegenzusehcn^wäre.
Der U.-Correspondent des „Lloyd" schreibt ans Brody: Nach den so häufigey Courieren, die sich auf einander aus Ruhland über unsere Stadt folgen und dem lebhaften Verkehre mittelst reitender und fahrender Boten, von denev gestern vier hier durch kamen, zu schließen, muß jedenfalls jenseits unserer Grenze etwas Wichtiges Vorgehen, daS uns in diesem Augenblick noch dunkel ist, das aber schon die nächsten Tage erhellen und der bangen Ungewißheit ein baldiges Ende machen dürften. Die gestrigen vier Couriere haben Briefe aus Odessa zur Weiterbeförderung an das Lemberger Telegraphenamt gebracht. Schon mit der für morgen fälligen russischen Post dürften wir das Ereigniß erfahren, das die Sendung der genannten Estaffeten auf so weiter Strecke veranlaßte.
Deutschland.
* Wiesbaden, 23. Juli. Se. Hoheit der Herzog von Staffan begaben sich gestern Nachmittag nach Mainz und beehrten das österreichische Lager bei Gonsenheim, in welchem eben das vierte Bataillon des kaiserl. Infanterie-Regiments Prinz Albert von Sachsen Nr. 11. bivouakirt, mit einem Besuche. Nachdem Se. Hoheit von der Generalität, den verehrten Vicegonvernenr, Herrn Feldmarschalllieutenant Freiherr» v. Menens an der Spitze, begrüßt worden waren, führten die Truppen mehrere Exercier- und Schießübungen aus, die sich des ganzen Beifalles Sr. Hoheit zu erfreuen hatten. Gegen Abend begab sich Se. Hoheit der Herzog in seine Sommerresidenz zurück.
Wiesbaden, 24 Juli. Gestern war Se. Hoh. der Prinz Hermann von Sachsen-Weimar mit Sr.
hohen Gemahlin, der Prinzessin Auguste (Tochter Sr. Maj. des Königs von Wnrtcmbcrg) bei I. k. H. der verwittweten Frau Herzogin zu Besuch. Die hohen Gäste sind um 12% Uhr eingetroffen und um 5% Uhr wieder abgereist.
Vorgestern verließ uns Bergrath Obernheimer, der in Folge eines ehrenvollen Rufes von England aus auf drei Jahre nach Australien geht, um in einer angesehenen Gesellschaft, an deren Spitze die reichsten Banquiers zu London sich befinden /»angehörigen Ländereien hinsichtlich ihrer Mineralien, namentlich Golderze zu erforschen. Er erhält jährlich eine Besoldung von 14,080 fl. (1200 Pfund), hat bereits den Bergaccessisten Herborn mitgenommen und es folgen ihm noch 30 nassauische Bergleute, nachdem zuvor die Contracte mit den« selben Seitens der Gesellschaft abgeschlossen find. Bergrath Odernheimer besteigt am 1, August das Schiff zr Southampton.
* Wiesbaden, 24. Juli. Gestern Abend ist der bekannte Eduard Duller hier gestorben.
< Biebrich, 24. Juli. Gestern Vormittag begaben sich S. H. der Herzog nach Schloß Rumpen-, heim und trafen des Abends gegen 8 Uhr in Begleitung I. H. der Fan Herzogin dahier wieder ein. Nach einem etwa halbstündigen Aufenthalte dahier begaben sich die hohen Herrschaften auf die Platte um daselbst den heutigen Tag zuzubringen. Heute wird ebenda große Tafel sein, wozu auch die hohen Herrschaften von Schloß Rumpeuheim eintreffen werden. — Die Feierlichkeiten von Setters der hiesigen Real- und Elementarschule zu Ehren des Geburtstages unseres allge- Hebten Landcsvatcrs wußten, wie sie projectirt waren, unterbleiben, da S. H. der Herzog von hier abwesend ist. Die Festlichkeiten sollten darin bestehen, daß aus dem Munde sämmtlicher Schulkinder dem geliebten Fürsten am Morgen des Westes vor dem Schlöffe ein mehrstimmiger Choral und die Volkshymne erschallen sollte. Freilich sollte und konnte dieses nur der schwache Ausdruck der Gefühle sein, welche schon frühe von Seiten sämmtlicher Lehrer in die jugendlichen Herzen der Kinder gepflanzt werden müssen, um ihnen innige Liebe und tiefe Ehrfurcht für den edlen Fürsten als eine heilige Pflicht zu machen. — Morgen Nachmittag werden sich die Schüler der hiesigen Realschule nebst ihren Eltern und andern Freunden der Jugend in dem Garten der Frau Müller versammeln, um den Geburtstag Sr. Hoh. des Herzogs öffentlich zu feiern, wozu die hiesige Militärmusik acquirirt ist. Von Seiten der Lehrer ist gesorgt für zweckmäßige Spiele und Unterhaltung der Schüler und der Erwachsenen.
Z Schlangenbad, 24. Juli. Graf v. Hahn, Commandant der Festung zu Mainz, nebst mehreren hier weilenden preußischen Offizieren haben gestern Nachmittag Ihrer k. Hoheit der Prinzessin von Preußen ihre Aufwartung gemacht.
X Eltville, 24. Juli. Der heutige Geburtstag Seiner Hoheit des Herzogs wurde dahier schon gestern Abend und eben so auch heute früh mit Glockengeläute und Geschützessalven begrüßt und heute Mittag findet zur Verherrlichung des Tages ein Festesten im Gasthaus zum Hirsch statt, an dem sich außer den hiesigen Staatsdienern auch viele Bürger betheiligen.
Mainz, 22. Juli. Nächsten Freitag den 29. d. M. wird vor dem hiesigen großh. Bezirksgericht der neue Preßprozeß gegen Hrn. Müller-Melchiors zur Verhandlung kommen. Derselbe ist augeklagt, in einer auf sein Anstiften bei dem Buchdrucker Jörg in Mainz gedruckten Schrift mit dem Titel „Rede des Abgeordneten Müller-Melchiors rc. rc. sämmtliche großh. hessische Civilmiuistcricu und deren Verfügungen durch Schmähungen und herabwürdigenden Spott angegriffen zu haben. Buchdrucker Jörg ist der Miturheberschaft, resp. Theilnahme im Sinne des Artikel 73 des Strafgesetzbuches an diesem Preßvergehen angeklagt. Als ein wichtiger Zeuge ist der Bvlengängcr Paul Krämer von Bodcnheiiü vorgelâden. Uebrigcus hat sich Hr. Müller- Melckiors bereits gester wieder gestellt, um noch den vierzehntäglgeu Rest seiner zweimonatlichen Gefängniß- haft abzubüßen.
Das ehemalige Parlamentsmitglied Friedrich Schütz auS Mainz, der gegenwärtig in Australien lebt, hat in einem Schreiben an seine hiesigen Freunde eine Schilderung seiner Reise nach New-Iork und Australien gegeben. Dasselbe ist soeben durch den Druck zur Oeffent- lichkeit gelangt.
Darmstadt, 21. Juli. Der Major in der Garde du Corpö und Kammerherr Adolph v. Gran ch ist zum Geschäftsträger am französischen Hofe ernannt.