Nassauische Allgemeine Zeitung.
7Vr 70«. Montag den 18. Juli «853«
Die,,Nassauische Sillgemeine Zeitung'^ mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, SonntagS ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumerationspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiich nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Jnbtgriff des Postausschlags 2 st., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen Postvereins, wie für daS Ausland 2 fl. 24 fr. — Inserate werden die »ierspaltig Petitzeile oder deren Naum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nâchstgelegeuèn Postämtern, zu machen.
Amtlicher Theil.
D ien stuachrichte ».
Seine Hoheit der Herzog haben dem Kreis- amtssccrctär Lex zu Langenschwalbach, unter Beibehaltung seiner bisherigen Functionen, zum Polizei- und Badecommissär daselbst zu ernennen geruht.
Der Hausverwalter H a ß l a ch e r zu Ems ist von- der Versehung der zolldicnstlichen Geschäfte daselbst auf sein Ansuchen entbunden und dieselbe dem Bürgermeister Stauch daselbst übertragen worden.
Der provisorisch angestellt Gestütsinspector Schneider zu Weilburg ist definitiv zum Gestütsinspector er nannt worden.
Todesfälle.
Am 29. April ist der Kreisamtsaccessist Schwab zu Idstein, am 2. Mai der Archivdirector, Oberschul- ratb Dr. Friedemann daselbst, am 27. cjusd. der Hof- und Appellatiousgerichtsprocuratur Keller zu Dillenburg, am 29. cjusd. der Pfarrer Fuchs zu Elfoff sowie der 23oten meister Otto zu Wiesbaden und am 24. Juni der Revisionsrath Adam daselbst mit Tod abgegangen.
Nichtamtlicher Theil.
Vortrag des Abg Heydenreich über die Reorganisation der höheren Schulanstalten.
(Fortsetzung statt Schluß.)
Welche Gegenstände man aber von den Gymnasien wieder verbannen könne und solle, das ergibt sich einfach aus der Unterscheidung des Nützlichen vom Nothwendigen. Denn das Gebiet der Fähigkeiten und Kenntnisse, welche der ge- sammten studirenden Jugend als Vorbereitung für bie höheren Wissenschaften und für das Leben nothwendig sind, hat seine bestimmten Grenzen; das Gebiet der- — jenigen Kenntnisse aber, welche nur nützlich sind, hat, wenigstens da wo es sich um geistige Ausbildung handelt, solche Grenzen nicht. Mit Recht entgegnet W. Menzel denjenigen, welche das Maß des Lehrstoffs allein vom Nützlichen hernehmen, daß es sehr schön und gut sein würde, wenn sein Knabe auch polnisch und russisch, persisch und arabisch verstände. Oder wären etwa die Anthropologie, welche dem Menschen über seine eigene Natur Aufschlüsse gibt, die Diätetik, die ihn seine Gesundheit erhalten lehrt, die Technologie, welche so viele täglich vor Angen liegende Räthsel der Industrie erklärt, die Astronomie, die den Flug des Geistes bis zu den fernsten Weltsystemen erhebt: wären diese und viele andere Kenntnisse und Wissenschaften etwa weniger interessant und nützlich, als die Mineralogie, die Chemie, die Mechanik und ähnliche neuerdings für die Gymnasien voygeschlagcne oder eingeführte Unterrichtsgegeustände? — Man darf jedoch den Umfang des Lehrstoffs nicht einzig nach dem Nutzen der Wissenschaft, sondern man muß ihn zugleich nach der Möglichkeit des Lernens bestimmen. Und hiernach kann man von der Mehrzahl der studirenden Jugend gewiß nicht viel mehr fordern und erwarten, als ehemals auf den Gymnasien geleistet wurde. Schon dazu gehört ein jmehr als mittelmäßiges Talent und ein ausdauernder Fleiß. Sind einige Talente noch mehr zu leisten im Stande, so kann für sie — nicht etwa durch die in neuer Zeit in Vorschlag gekommene Unterscheidung obligatorischer und facultativer Stunden, welche nur Lockerung und Störung der Schulordnung herbeiführen möchte und mit dem Classensvsteme unverträglich ist, — sondern durch Privatstunden, welche in solchem Falle niemand tadeln wird, oder durch Leitung ihrer Privatstudien gesorgt werden, die öffentlichen Schulen aber müssen den Bedürfnissen und Fähigkeiten des größeren Theils der Zöglinge augepaßt sein. Und eben weil dem so ist, muß die Anhäufung der Gegenstände die Folge haben, daß die für Wissenschaft und Leben weit wichtigeren Fächer, die Beredsamkeit und Philoso. phie, der Vernachlässigung anheim fallen.
Endlich hat die aus dem Preußischen entlehnte M a t ur i t ä t s p r ü fung s o r d n un g durch ihren Rigorismus mir dazu gedient, vom Studieren abzuschrcckcn oder zu allerhand Ünterschleifen zu verführen. Außerdem stehen darin die vorbereitenden Lehrer in einem fo unwürdigen, vertrauenlosen Verhältnisse, das man sich des Gedankens nicht verwehren kann, sie werden geprüft, nicht die Jugend. Daß übriges mehrfache perio
dische Prüfungen, wie sie ehemals stattfanden, große Vortheile gegen die jetzige Eine Maturitätsprüfung darbieten, bedarf wohl keines näheren Beweises, da die Sache augenscheinlich ist.
Die Gymnasien haben jedoch nicht blos den bisher erörterten Zweck des wissenschaftlichen Unterrichts, sondern auch ganz vorzüglich auch den der Erziehung, der Bildung des Herzens und des jugendlichen Gemüths, welche unser Eichhoff die Perle des Gymnasialunterrichts nannte. Gerade in Hinsicht auf die Erziehung sind aber die Nachtheile des Fachsystems, welches bei unS an die Stelle des Ckassensystcms getreten ist, noch unendlich größer, als in Betreff des Unterrichts. Zwar hat nach dem Schulplan von 18â jede Elasse einen Ordinarius, jedoch nur dem Namen, nicht der That nach; denn ein solcher Ordinarius scheint nicht nur jährlich seine Classe zu wechseln, statt daß er sie — wenigstens in den 4 oder 5 ersten Jahren des Gym- nasial-Cursus — fortwährend behalten sollte, sondern er hat auch (wenigstens am Gelehrten-Gymnasium zu Wiesbaden) in seiner Classe nur etwa % bis % der Stunden, während die übrigen % bis % der Stunden unter 6—8 andere Lehrer vertheilt sind. Wir haben also in der That Fachlehrer nicht Classen l ehre r. Unzweifelhaft kann aber die Erziehung nur bei diesen, durchaus nicht bei jenen gedeihen. Denn, um nur einiges anzuführen, ein Lehrer, der seine Schüler blos während einer bis zwei, höchstselten drei Stunden im Tage unter Augen hat, wird weder mit ihren Gewohnheiten und Eigenschaften so bekannt werden, wie ein ClaffenleMr, noch Üuch Gelegenheit haben, eine solche Bekanntschaft für die Erziehung wirksam zu benutzen, besonders da er zu ihnen wenigstens in der Mehrzahl gar nicht in jenes natürliche, auf Achtung, Ehrfurcht und Liebe beruhende Verhältniß treten kann, das zwar immer, aber im zarten Alter ganz vorzüglich die nothwendige Bedingung einer glücklichen Erziehung ist. Ferner werden durch den steten Wechsel der Lehrer in den Stunden Einer Classe die Schüler zerstreut, ihr Leichtsinn erhält Veranlassung, die.Worte und Handlungen eines Lehrers zu brauchen, um die des anderen unwirksam oder gar lächerlich zu machen. Die Lehrer- selbst aber haben oft nicht dieselben Grundsätze über Erziehung und Unterricht, oder wenigstens wird die Verschiedenheit ihrer Charaktere eine verschiedene Behandlungsweise der Schüler veranlassen; einzeln kann jeder viel gutes wirken, zusammen werden sie sich gegenseitig hindern, und was der Eine aufbaut, wird der Andere, wenn gleich oft unwillkürlich, niederreißen. Das schlimmste aber ist, daß aus eben dies-n Gründen die Lehrer aufhören, die Bildung des Herzens in ihrem ganzen Umfang als ihre H a » p t a u f g a b e zu b e- tr achten, weil sich ihr sittlicher Einfluß in der Regel nicht über die eignen Schulstunden erstreckt, und weil sie die Unmöglichkeit eiuschcn, bei dem fortwährenden Abwechseln mit anderern Lehrern ihren Schülern durch eine allseitige Leitung eine bestimmte moralische Richtung zu geben. Daher kommt es, daß in Folge des Fachsystems, durch welches das ganze Wesen in einen bloßen Verstandsunterricht hinüber geworfen wird, die Mehrzahl der Lehrer, zu dem Glauben verleiht, daß sie ihrer Pflicht vollkommen genug gethan, wenn sie auf gebührliche Weise ihre Unterrichtsstunden gehalten haben, jetzt das Herz gegen ihre Schüler ^verloren zn haben scheint, jenes an Wohlwollen unerschöpflich reiche, an Geduld unermüdliche, gern aufopfernde, weniger richterliche als väterliche, ja ewig jugendliche Herz welches keinen gefährlicheren Feind hat, als das selbstgenügsame, selbstsüchtige Glück ruhiger Tage und eitèln Scbriftstcllerruhms, und welches die alten Lehrer so vor- theilhaft auszeichncte; daher kommt es, daß auch die alte Herzlichkeit der Jugend gegen den Lehrer verschwunden ist, und daß die größere Anzahl der Schüler mit keinem der Lehrer in eine segenreiche engere Verbindung tritt. Was dieser gegenseitigen Herzlosigkeit einst steuerte, war das in der alten Einrichtung begründete Verhältniß des Classenlehrers zu seiner Classe, wodurch der rechtschaffene Lehrer, die ganze Verantwortlichkeit gegen seine Schüler fühlend und. sie dadurch an sich ziehend, auch die kalten erstorbenen Herzen mit einiger Wärme belebte. Dieses Heiligthum hat das Fachsystem ans den Schulen herausgenommen und dafür nur Fächer u n d kalte Schulwände stehen gelassen; denn jetzt gehört der Schüler allen Lehrern, d. h. keinem ganz an, und der Lehrer allen Classen und allen Schülern d. h. keiner Classe. Ueber dies ist durch das Fachsystem jetzt auch die Stellung des Directors eine andere geworden: die sonst ge
wöhnliche und höchst wohlthätige Unterordnung (Subordination) der Lehrer unter jenen ist nämlich in eine Nebcneiuandcrordnnug (Coordination) übergegangen ; alle sind einander gleich und dadurch die deutschen Gymnasien in ihrem innersten Wesen angegriffen worden; denn die Erfahrung lehrt, wie Niemeyer ganz richtig bemerkt, daß Einheit des Planes und Kraft in der An sfü h r ung durch mehrere Personen von gleichem Ansehen allemal leidet, und daß es also für die Schulen vortheikhaft ist, wenn sich die Re« gierung des Ganzen in den Händen Eines Mannes befindet, der entscheidet undausführt; die ganze, Lehrer an Lehrer, Schulet an Schüler bindende, zusammenhaltende nnd einigende Kraft ist eben dahin I die Lehrer sind jetzt nebeneinander docircude Männer, unabhängige Professoren; die Schüler, denen jetzt, sowie desi Lehrern, ihr Mittelpunkt fehlt, selbst gegen einander erkaltete Studenten; das Ganze ein loses Universitätswesen auf der Schule! (Schluß -folgt.)
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i ' Aeuifchlond
< Biebrich, 17. Juli. Se. Maj. der König von Württemberg kamen gestern Morgen gegen 10 Uhr dahier all und begaben sich unverweilt nach Schlangenbad. Mittags um 2 Uhr machten Se. Hoheit der Herzog bei Sr. Maj. dem Könige in Schlangenbad einen Besuch und kamen um 4 Uhr zur Tafel wieder hierselbst an, welcher Sei k. Hoheit der Prinz Friedrich von Preußen — von Ems kommend, beiwohnten. (Se. k Hoheit begibt sich an den Genfersee.) .
Se. Hoheit der H e r z o g und Ihre Hoheit d i e F r au Herzogin werden in den ersten Tagen bei Sr. Maj. dem König von Holland einen Besuch abstatten.
Z1 Schlangenbttd, 17. Juli. Gestern Vormit- tag kamen S. M. der König von Württemberg hier an, um die Badecur auf einige Zeit zu gebrauchen. Se. Maj. bewohnen die „kurfürstlichen Zimmer", welche mit der daranstoßcndcn Straffe, der besuchtesten Promenade Schlangenbads, nivelliken.— Gegenwärtig verweilen auch hier, die Gemahlin des Prinzen Carl von Preußen, Fürstin Pleß, Fürstin Croy, Fürstin Lieven, Baron Rothschild aus Paris. Letzterer hat indessen bloß seine kranke Gemahlin hierher begleitet und trifft nur von Zeit zu Zeit wieder hier ein. — Gestern Nachmittag um halb 3 Uhr statteten Se. Hoh. der Herzog v o n 9t a s f a u Sr. Maj. dem König von Württemberg einen Besuch ab.
Frarrkfurt, 16. Juli. Der k. k. bevollmächtigte Minister bei der freien Stadt Frankfurt, Freiherr von Menßhengen, wird sich für mehrere Wochen auf Urlaub von hier wegbegeden. — Vorgestern Nachmittags ist ein hier in Condition stehender Barbiergehülfe' aus Pfalzbayern verhaftet worden, da derselbe der Ermordung des Schlossermeisters Weigand dringend verdächtig ist.
Freiburg, 14. Juli. Gestern kam, wie die „Bad. Landesztg." meldet, die bischöfliche Denkschrift aus der Presse; sie ist in 4000 Exemplaren abgezogen worden. Der Titel lantet: „Denkschrift des EpiScopats der oberrheinischen Kirchenproviiiz an die hohen Staatsregierungen von Württemberg, Baden, Hessen, Kurhessen und Nassau. Freiburg i. B. Literarische Anstalt 1853." Den hohen Regierungen werden wahrscheinlich schon gegen Ende dieser Woche die betreffenden Exemplare überreicht werden. Diese Denkschrift wird etwa in zwei Wochen in den Buchhandel kommen.
Augsburg, 13. Juli. Die in Regensburg bei F. Pustet gegen Carriere erschienene Schrift: Moriz Carrièrc's „christliche Ueberzeugungen" nach dessen „religiösen Reden und Betrachtungen für das deutsche Volk," dargestellt von Dr. M. A. Strodl, ist heute in den hiesigen Buchhandlungen mit Beschlag belegt worden. " !
Weimar, 14. Juli. Man erzählt, daß der verstorbene Großherzog Carl Friedrich an seinem Sterbetage seinen Sohn, den Erbgrvßhcrzog, zu sich belieben und ihn beschworen habe, nur nach den , Grundsätzen der Wahrheit und Gerechtigkeit zu regieren und Alles aufzubieten, daß er sich das Vertrauen des t Volkes erhalte. t
In Coburg soll dereinst, da der jetzige Herzog < kinderlos ist, der zweite Sohn der Königin von E»g-- i
land , Al fred Ernst Albert (geb. 6. August 1844) zur Regierung gelangen. Um nun den neunjährigen Prinzen schon jetzt mit dem einst von ihm zn verwaltenden Lande und seinen Einrichtungen, seinen Bewoh-