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Nassauische Allgemeine Zeitung.

TVr ,« r Samstag de» 16. Mi 1853.

DieNassauische Allgemeine Zeitung" mit'dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag- ausgenommen, täglich und beträgt der PrännmerationSprei» für Wiesbaden und , naH dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang deS Lburn» und TariS'fchen BerwaltungSbezirkS mit Inbegriff de»Postaufschlag» 2 ff., für die übrigen Länder de» deulsch-bsterreichjschen Postverein«, wie für da» Au«land 2 fl. 24 kr. Inserate werden die »i«ispaM> Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

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Amtlicher Theil.

D i e n st n a ch r i ch ten.

Seine Hoheit der Herzog haben der von Seiten Seiner Durchlaucht des Herrn Fürsten zu Wied erfolgten Präsentation des Pfarrers Dr. Köster zu Runkel, zu der erledigten Pfarrei Münster Höchstihre Bestätigung zu ertheilen geruht.

Der mit Verschung der Lehrvicar-Stelle zu Bach und Pfuhl beauftragte Schul-Candidat Horn ist zum Lehrvicar daselbst ernannt worden.

Nichtamtlicher Theil.

Vortrag des ^bg. Heydenreich über die Reorganisation der höheren Schul­anstalten.

(Fortsetzung.)

Außerdem hat man aber nun noch nicht nur die Mathematik bedeutend erweitert, die Geogra­phie, welche sonst einem einfachen Geschichtsstudium als Hülfswissenschaft zur Seite ging, zu einer voll­ständigen Länder - und Völkerkunde gemacht, die Ge­schichte selbst zu ausführlichen, wohl gar dictirten, Vorlesungen ausgedehnt, sondern es ist auch noch ein buntes Allerlei von Nebenfächern, wie die französi­sche, die (zwar nicht verbindliche) englische, die alt­deutsche Sprache, die Botanik, die Zoologie, die Mineralogie hinzugefügt, ja zu dem Allem in neuester Zeit dem Vernehme» nach sogar die anorga­nische Chemie und die Mechanik in Vorschlag gebracht worden: nicht anders, als ob der jugend­liche Geist bloß ein mechanisches Instrument wäre, des­sen Tasten man nur anzuschlagen brauchte, um ihm alle beliebigen Töne und Melodien zu entlocke», oder als vb Gott mit dem vermeinten Fortschritt auf unseren Schulen zugleich auch unsere Kinder von Generation zu Generation immer genialer geboren werden ließe!

Und mit dem allein war es auf unseren Gymnasien noch nicht genug! Die Lehrer selbst sahen zwar wohl ein, daß nicht jeder von ihnen jn so vielerlei Dingen einen nur irgend genügenden Unterricht geben konnte; s i e waren daher vorsichtig und klug genug, statt des früheren Klassensystcmö, wo Ein Lehrer seine Klasse in allen Gegenständen zu unterrichten hatte, thatsächlich das Fachsystem einzusübren. Den Schülern dagegen wurden so zarte und billige Rücksichten, die sie doch wohl noch in weit höherem Maße verdient hätten, nicht nur nicht zu Theil, sondern alsbald steigerte vielmehr jeder Fachlehrer, indem er sein Fach natürlich für das wichtigste hielt, seine Ansprüche an die Zöglinge, und statt daß sonst von dem Klassenlehrer aus die natürli­chen Anlagen der Zöglinge Rücksicht genommen, das davon abhängige Zurückbleiben in einer Disciplin durch den größern Fortschritt in einer andern ausgeglichen werden konnte, fordern jetzt die Fachlehrer, daß alle Schüler in allen Fächern mindestens eine gewisse gleich­mäßige Stufe, den sogenannten Standpunkt der Klasse, erreichen sollen, mögen sie auch zu dieser oder jener Wissenschaft nicht die geringste Anlage haben.

Eine solche Lehandlungswcise der Sache entspricht auch thatsächlich der Instruction für die Matu­ritätsprüfung von 1852 (§. 29), denn hiernach ist die Reife, abgesehen davon, daß bezüglich der sittlichen und allgemeinen geistigen Reife im 1. und 2. Grad das Prâdicat gut (11), im 3. Grad genü- gend (III.) erforderlich wird, bedingt: im 1. Grad durch das Prädicat vorzüglich (I.) in wenigstens vier Fächern, ohne daß der Abiturient in einem der übrigen unter gut (11.) oder i m Ganzen gut (II./llI.) steht; im 2. Grad durch das Prädicat gut (II.) in der Mehrzahl der Prüfungsgegenstände, ohne daß er in einem derselben unter genügend (111.) steht; ja selbst im 3. oder untersten Grad durch das Prädicat genügend (III.) in allen Gegenstän­den : wobei nur gestattet ist, daß das Prädicat unge­nügend (IV.) ober im Ganze »genügend (III./IV.) in einem oder zwei Fächern, wozu aber weder die deutsche, noch die beiden classischen Sprachen zusammen gehören dürfen, mit vorzüglich (1.) oder sehr gu t (II./llI.) in einem, resp, zwei anderen Fächern compensirt werde, und daß, bei genügend (Hl.) in allen übrigen Gegenständen, das Prädicat im Gan­zen genügend (III./IV.) in einem oder zwei Fä­chern, wozu jedoch wieder weder die deutsche, noch die

beiden classischen Sprachen gehören dürfen, auch nicht »ein untersten Grad der Reife ausschließen solle. Es ist bei diesen Vorschriften, die für die Klaffenlehrer ganz zweckmäßig sein können, gar nicht anders möglich, als daß jeder Fachlehrer die Knaben in seinem Fache so weit als möglich zu bringen suchen muß, weil er eben die etwaigen größeren Fortschritte des Zöglings in ander» Gegenständen, so weit die daraus zu ziependen Schlüsse auf die Gesammtanlage und die mögliche Compensatio» aus eigener Anschauung noch nicht ken­nen lernt.

Die hieraus hervorgehende und durch acht oder neun Jahre fortgesetzte wahre Mißhandlung der Ju­gend hat nothwendig für ben Geist und ost auch für den Körper die nachtheiligsten, grausamsten Folgen, wenn diese auch nicht immer sogleich oder so augenfällig zu Tage treten.

Schon F. A. Wolf, einer der größten Philologen der neueren Zeit sprach das wohl zu beherzigende Wort: Eine Ursache, daß wir so wenig wahrhaft große Männer haben, kommt v o n d e r s o g e n a n » t e n Verbesserung der Schulen. Dies erzählt der evangelische Bischof Eylert, (Charakterzüge Friedrich Wilhelm's III., Thl. 3, Ablb. 1, S. 98.). Derselbe hochgestellte Biograph versichert: daß die Minister mit den jungen Leuten, welche mit den besten Abgangszeug­nissen, d. i. mit Nr. I. versehen gewesen wären, später nichts anzufangen gewußt, und von den Provinzialbe­hörden junge Leute mit Nr. II. verlangt hätten.

Wie pârodox dieses immerhin scheine» mag, so ge­wiß kommen ähnliche Thatsachen auch bei uns vor, deren Wahrheit nicht geläugnet werden, über deren psycholo­gischen Grund kein Zweifel sein kann. Auch bei uns sieht man oft genug, daß Leute, die auf bem Gymna­sium stets die obersten Plätze hatten und die besten Ab» gangözeugnisse erhielten, im spätern Berufsleben weit weniger genügen, als untere Schulgenossen, ja daß sie gar nicht fortkommen und ganz verkümmern. Und ist eS denn ein Wunder, daß gerade aus den fleißigsten Schülern aus unsern modernen Gymnasien oft nicht so­wohl angehende Gelehrte, al£ junge Vielwißer gebildet werdew? Wissen und nichts als Wissen wird ja überall, in allen Schulclassen, in allen Schul- und Staats­prüfungen verlangt. So ist das Gedächtniß, als das Vermögen Anschauungen aufzunehmen und willkührlich zu reproduciren, mithin das alleinige Organ des Wissens, in unserer universalen Zeit die höchste Function des Geistes geworden, während sie doch den einfältigen Al­ten für die niedrigste galt. Darum ersäuft das Gedächtniß, indem es sich mehr oder minder in sich selbst aufrecht, auch mehr oder minder Leib und Seele des modernen BildungSsclaven. Haben die Schüler eine originelle Seite des Geistes, so wird sie durch die an­gestrebte Allbilduiig nothwendig verwischt und abge« stumpft. Die Natnr zwar verleiht dem Menschen höchst selten universales Talent, universale Anlagen desto häu­figer. Aber man ist schon klüger geworden, als die Natur: man erhebt, aus reinem Hochmuth, wie es scheint, die Anlage ziim Talent, und bildet so dann die rechten Flachköpfe, die von Wilern Etwas, vom Ganzen nichts capiren, aber als vermeintliche Talente die besten Abgangszeugnisse erhalten, während daS wirkliche Talent mit seiner einseitigen und so oft im Keim erstickten An­lage blöde nachsehen muß.

Aber blind gegen alle diese traurigen Folgen einer verkehrten Einrichtung unserer Gymnasien entgegnet man: die Richtung der Zeit verlange nun einmal, daß die studirende Jugend auch in den neuen Sprachen und in ben sogenannten exacten Mathematischen und Natur-) Wissenschaften geübt werde. Man fragt wohl gar noch: welche bereits eingeführte Fächer man denn eben, ohne anzustoßen, wieder beseitigen könne? Gleich als ob mit dieser Frage allein schon die Unmöglichkeit hinlänglich erwiesen sei.

Was jene schwache Nachgiebigkeit gegen die An- ; spräche eines falschen sogenannten Zeitgeistes be- > trifft, so dachten unsere alten seriellsten Schulmänner darüber anders. Der Director Snell z. B. diese blei­bende Zierde unserer Gymnasien sagt: Wenn die, welche ohne Unterlaß darauf bringen, man solle die Jugend nicht für die Schule, sondern für das Leben, für die wirkliche Welt bilden, dieses so verstehen, man solle sie nach der herrschenden Denk- und Sinnart, oder wie sie sich auch zuweilen auszudrücken pflegen, im Geist der Zeit (dieser mag so fehlerhaft, so verdorben sein als er will,) erziehen; so verlangen sie etwas, das wenn es allge­mein zur Ausübung käme, nur dazu dienen würde die Herr­schaft des bösen Princips auf der Erde zu verewigen und

immer übermächtiger zu machen. Nein, die Erziehung soll nicht in dem Geiste der Zeit, sondern ihm entgegen wir« ken. Sie soll nicht die falschen Grundsätze, die verkehr­ten Denkarten und Maximen von einer Generation aus die andere sfortpflanzen; sondern sie soll gerade entge­gengesetzte Grundsätze und Maximen geltend und herr­schend zu machen und dem Heranwachsenden Menschen- geschlechte eine über den Zeitgeist erhab-'ne Richtung zu geben suchen. Dieser ernste, männliche Widerstand ge­gen die krankhaften Richtungen der Zeit muß sich aber nicht blos in der Erziehung selbst, sondern auch in der Wahl der dazu dienenden Unterrichtsgegenstände gel­tend machen, wenn mau von dem einmal betretenen falschen Wege zurückkommen will.Was die Alten eigentlich alt gemacht Hal", sagt von Hormeyer (im Oesterreichischen Plutarch),ist Sprache, Darstel­lung; der Schatz ihres Wissens ist klein, aber der ihrer Weisheit unendlich groß." Dadurch haben sie in den Zeiten der Barbarei' den Untergang aller Cultur verhütet, dadurch sind sie noch jetzt nach so vielen Jahr­hunderten, unsere unerreichten Muster und Lehrer. Glaubt man etwa, wir würden es auf die umgekehrte Weise mit vielem Wissen und wenig Weisheit, eben so weit oder gar weiter bringen? (Schluß f.)

Denttchtand.

* Wiesbaden, 16. Juli. Heute Dormitttag wird

Se. Maj. der König von Württemberg auf der Reise nach Schlangenbad in Biebrich eintreffen und die Fahrt nach dem genannten Badeort mit den Personen Seiner Begleitung in den bereit gehaltenen königlichen Wagen fortsetzen. In Schlangenbad wird Se. Maj. die Zimmer im alten Bad beziehen.

Wiesbaden, 15. Juli. Nach der vor eini­gen Tagen vollendeten neuesten Zählung der Einwohner hiesiger Stadt beträgt die Gesammtzahl derselben (aus­schließlich des Militärs) 16,149 und zwar 5692 Män­ner und Jünglinge, 6076 Weiber und Jungfrauen, 4390 Kinder unter 14 Jahren (2272 Knaben und 2118 Mädchen) in 3256 Familien.

)( Wiesbaden, 16. Juli. Die Seidenhaspel­anstalt des Vereins für Förderung der Seidenzucht im Herzogthum Nassau ist nunmehr von der Filanda voll­ständig getrennt, und in der Behausung des Hru. Cri- minalgerichtscanzlisten Bott, Römcrberg Nr. 57 zu Wiesbaden, etablirt. Dieselbe steht unter der speciel­len Aufsicht und Leitung des Herrn RegierungSrathS Schenck. Zur Abhaspelung der Cocons ist ein Mai­länder Seidenhaspel bester Construction angekauft und da derselbe von vorzüglich guten Seidenhaspelerinnen bedient wird, so läßt sich erwarten, daß aus der ganz günstig ausgefallenen Seidenerndte auch eine vortreff­liche Seide producirt wird. Die immer steigenden Preise der Seide, durch die sich stets mehrende Verwen. dung dieses Products, werden diesen Industriezweig ge­nügend belohnen. Erwünscht wäre es daher, wenr für zahlreichere Anpflanzung von Maulbeerbäumen ge­sorgt würde. Wenn aus jeder Gemeindekasse dazu jähr­lich nur 5 fl. verwendet würden, so könnten damit jedes Jahr schon 264,900 Stück zweijährige Maulbeerpflam zen angekauft werden, welche aus der Filanda in jeden Frühling und Herbst bezogen werden können.

4* Eltville, 14. Juli. Die heutige Nr. bei Mittelfreien Ztg." bringt einen Aufsatz von hier, bei es versucht, offenkundige Thatsachen als unwahr hinzu­stellen und den Gesetzesüberschreitungen, die wir tt Nr. 159 d. Bl. berichteten, den Schein einer Recht fertigung zu verleihen. Das eine ist ihm jedoch ft wenig gelungen, wie das andere. Wäre unser Berich unwahr, so hätte wohl das Kreisamt nicht Ursache be kommen, sich hierher zu begeben und einzuschreiten auch bei dem Justizamt wurde eine Untersuchung deß halb nicht nöthig geworden sein, die übrigens iu vollen Gange ist und ein Urtheil erwarten läßt, daS die An gaben deS O Korrespondenten derM. Z." vollkom men dementirt. Ich zweifle nicht, daß dieses dem Ver treter des Marx nicht, unbekannt ist, aber daß er in Uebrigen schlecht unterrichtet und mit den hiesigen Ver­hältnissen ganz unbekannt ist, beweist seine Bemerkung über die hiesige Steuerlast, denn hier wurde seit vier Jahren nicht ein Simpel Gemeindesteuer erhoben uvt hinsichtlich der Beiträge hierzu von Seiten des Marx so würde nicht dieser, sondern seine Besitzungen, die de r hiesigen Gemeinde nicht entzogen werden können, bi < Steuern tragen, zumal Marx weder hiesiger Staats ' noch Gemeindebürger ist und es uns nicht bekannt ist ,

daß er sein Vaterland freiwillig aufgegeben habe. Zur Sache des Schießens zurückkommeiid, womit pd