Nassauische Allgemeine Zeitung.
â- /©/. Freitag de» 15. Juli issa
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Vortrag des Zl»g. Heydenreich über die ^Reorganisation der höheren Schulanstalten.
Die in dem Comissionsberichte niedergelegten Bemerkungen über die Reorganisation unserer höheren Schulanstalten scheinen mir so erheblich, daß ich eine ausführlichere Begründung derselben nicht umgehen kann.
Es ist zwar die Zulässigkeit einer solchen Erörterung in der Ständcversammlung von mehreren Vorrednern beanstandet, es ist insbesondere von dem Abgeordneten für Rüdesheim behauptet worden, die ganze Discussion sei bloß durch den Luxus und die Ueberzahl unserer höheren Schulanstalten veranlaßt, — und der Abgeordnete für Wiesbaden ist sogar soweit gegangen, den Ständen geradezu die Befugniß abznsprcchen, über technische Fragen, wie z. B. darüber, ob das Fach- oder Classensysteni vorzüglicher sei, sich zu äußern, obgleich er sogar dem Antragsteller zumuthet, er habe wenigstens einen neuen Lehrplan vorschlagen müssen.
Aber eS handelt sich bei der gegenwärtigen Discus- fiou nicht mehr um die Zahl und den Luxus, sondern um die innere Einrichtung unserer höheren Schulen. Mehrere sachverständige Vorredner haben, trotz eines Tadels darüber, daß der Commissionsbericht aus diesen Gegenstand zu tief eingegangen sei, dennoch einzelnen Bemerkungen ihren Beifall geschenkt, wie z. B. der Abgeordnete für Weilburg dem, was über die Lehrbücher, den zweijährigen Primacursus und die Maturitätsprüfung, der Abgeordnete für Dillenburg dem, was über die Vernachlässigung des Religionsunterrichts in jenem Berichte gesagt ist. Die Commission hat es jedoch für zweckmäßiger gehalten, die ganze Sache im Zusammeu- Hang zu erörtern, als solche einzelne Gegenstände für sich aufzugreifen; sie hat auch nicht die Absicht gehabt, sich unberufen in das Gebiet der Techniker einzumischen und etwa einen neuen .Lehrplan auSzuarbciteu, sondern sie wollte nur ihre Ansichten über die allgemeinen Principien aussprecheu, deren Erwägung bei jeder Reorga nisation der höheren Schulen offenbar unerläßlich ist. Wenn endlich der Abgeordnete für Wiesbaden den Ständen eine solche Befugniß abspricht, so tastet er damit nur ein unzweifelhaftes Recht dieser hohen Versammlung an, — ein Recht, von welchem er doch selbst oft genug Gebrauch macht, wenn es ihm dienlich scheint. Dieses Recht nehme ich auch für mich in Anspruch, und ich hoffe, die hohe Ständeversammlung, welche schon weil unerheblichere Dinge mit musterhafter Geduld erörtert hat, werde ihre Aufmerksamkeit auch einem etwas längeren Vortrage über einen so hochwichtigen Gegenstand nicht entziehen.
Vielleicht mögte cs anmasend erscheinen, daß der Ausschnß ein Urtheil über die Mängel in der Einrichtung unseres Schulwesens abgegeben hat, obgleich sich unter seinen Mitgliedern kein Fachmann befindet. Indessen ist jener Gegenstand, an welchen die höchsten Interessen der Menschheit, das ganze Wohl und Wehe der Familien wie der Völker, der Kirche wie des Staates geknüpft sind, heut zu Tage nicht mehr auf den Kreis der Fachleute beschränkt, er gewinnt vielmehr in wachsendem Maße die Theilnahme aller gebildeten und denkenden Männer. Nun bricht sich aber immer mehr die Ansicht Bahn, daß cs sich nicht etwa nur um eine oder die andere Maßregel zur größeren Vervollkommnung des Bestehenden, sondern um die gesammte Einrichtung der Unterrichtsanstalten handle: und daß eine so hochwichtige Frage nicht dadurch; daß man diese oder jene Gegenstände in den Schulplan aufnehme oder daraus entferne, mit mehrerer» und wenigeren Stunden bedenke, in die untern oder obern Klaffen' verweise, sondern nur dadurch gelöst werden könne, daß vor Allem eine Verständigung über die ersten und allgemeinsten Grundsätze stattfinde. Jedoch scheinen viele unter denen, von welchen man zunächst Abhülfe der bestehenden Mängel im Schulwesen erwarten sollte, ihre Aufmerksamkeit bis jetzt weniger auf die allgemeinen Principien, als auf die einzelnen Objecte des Unterrichts zu wenden: und selbst hierin gehen ihre Meinungen so sehr auseinander, daß z. B. die zahlreichen Reformvorschläge und Schulpläne, welche Mützell (i. d. Zeitschrift für das Gymnasialwesen. Berlin 1850) mitgetheilt hat, nur ein verwirrtes Labyrinth von allen möglichen Com binationen bilden, worin man vergeblich einen zum Ausgang leitenden Faden sucht. Auch bei uns sind mit Abänderung des Schulplans mehrere aber aner
kannt unglückliche Versuche gemacht worden. Unter solchen Umständen sind wohl auch Laien, wenn sie den Gegenstand mit Eifer verfolgt und das Urtheil gründlicher Sachkenner zu Rath gezogen haben, berechtigt wie verpflichtet ihre Meinung ausznsprechcn und dieselbe der entscheidenden Behörde zu unbefangener Erwägung zu übergeben.
Die Bestimmung der Gymnasien kann keine andere sein, als die Schüler auf die UniversilätSstudien vorzu- berciten und ihnen jene Geistesbildung zu geben, die in allen Ständen der Gelehrten ohne Unterschied gefordert wird. Vor allem muß ihnen also das Gymnasium Lust und Liebe zu den Studien einflößen, und sie an eine ernste geistige Thätigkeit gewöhnen. Sodann sollen alle Fähigkeiten der Seele geweckt und gebildet, das Gedächtniß gestärkt, der Geschmack geläutert, der Verstand geübt und geschärft werden. Endlich müssen die Zöglinge zugleich mit dieser formalen Bildung auch jene Kenntnisse erwerben, welche theils die Erlernung der höheren Wissenschaften, theils die Anwendung derselben für das Leben und den Verkehr mit den gebildeten Ständen überhaupt voraussetzt.
Um solche mannigfaltige Bildung zu geben, hat man seit uralter Zeit mit Recht die alten Sprachen, die Be- redsamkeit und die Philosophie als die vorzüglichsten Unterrichtsgegenstäude auf den Gymnasien betrachtet. Das Studium der lateinischen und griechischen Sprache übt an sich die Fassungskräfte, und gewöhnt die Schüler zu Anstrengung und Ausdauer des Geistes; auch ist es einmal zur unerläßlichen Bedingung aller gelehrten Bildung geworden. Die Beredsamkeit im weitern Sinn lehrt die Kunst seine Gedanken dem jedesmaligen Zwecke gemäß auszudrücken; sie bildet den Geschmack, den Sinn für das Schickliche, Schöne, Große in den Werken der Geschichtschreiber, Redner und Dichter; und durch tägliche Nachahmung solcher Muster bringt sie die Anlagen der Jünglinge zu derjenigen Vollkommenheit, ohne welche der Gebrauch höheren Wissens unmöglich ist. Die Philosophie endlich weckt und übt die Denkkraft, erhebt den Geist zu höheren Anschauungen, und enthält überdies die Grundlage aller Wissenschaften.
Nach diesen drei Haupt fächern, Gramatik, Rhetorik und Philosophie, waren auch die älteren deutschen Gymnasien, wie schon bei den Römern, in drei Perioden abgelheilt, welche entweder geradezu drei besondere LehrcursuS bildeten (so vorzüglich aus den süddeutschen Gymnasien) oder auch ohnedies wenigstens in der ganzen Anordnung des Schulplans deutlich erkennbar unfestgehalten waren (so besonders auf den norddeutsche« und namentlich auch auf unseren alten Gymnasien zu Idstein und Weilburg). Diese Anordnung war aber nicht willtührlich, sondern sie beruhte auf der Beobachtung des natürlichen Entwicklungsganges der Seelcu- kräfte, daß nämlich das Gedächtniß in zarter Jugend am leichtesten auffaßt und der Geist zu solchen Uebungen, so lange die höheren Seeleukräfte schlummern, am willigsten ist, und daß auch das Gefühl des Schönen, Phantasie und Urtheilskraft, in dem Knaben eher erwachen, als das höhere Erkenntnißvermögen, welches von Mathematik und Philosophie in Anspruch genommen wird. Das sind Gesetze der Natur, welche der Erzieher beobachten muß, da er nicht ihr Herr und Meister, sondern nur ihr Diener ist; denn auch in der Erziehung hat eben Alles seine Zeit. Dazu kommt endlich, daß die Entwicklung der physischen mit der Ausbildung der geistigen Kräfte gleichen Schritt geht. Gleichwie daher durch die »»zeitige Anstrengung dcr höheren See- lenkräste mancher schöne Keim im Geiste erstickt wird, ebenso wird durch dieselbe auch die organische Entwick luug des Körpers gestört. Jene alte Ordnung der Schulen, wonach der Unterricht seine besonderen Perioden hatte, war also nicht nur dem gründlichen Fortschritte in den Wissenschaften, sondern auch dem geisti. gen und physischen Gedeihen der Jugend am angemessensten.
Von Nebenfächern endlich betrieb man ehemals in den ersten Perioden des Gymnasiums (außer Arithmetik) besonders nur solche, die mit dem Studium der Alten und der Literatur überhaupt in näherer Verbindung standen: Geschichte, Geographie und Mythologie; in der 3ten Periode neben Philosophie und Moralphilosophie noch Mathematik und Physik.
Auf unseren neuen, im Wesentlichen nach dem Muster der preußischen eingerichteten, Gymnasien ist
dieses alles anders, aber wahrlich nicht besser gemordet Das Hauptziel geht nicht mehr auf die formale, sor der» auf die materiale Bildung. Statt daß sonst di Schulpläue darauf berechnet waren, die höheren Fähig keiten des Geistes auszubilden und dadurch den Jüng ling für die Wissenschaft und das geistige Leben taug lich zu machen, wie es noch in Frankreich und beson ders in England geschieht, ist es neuerdings in Deutsch land nur darauf abgesehen, den Geist mit so viele: Kenntnissen als nur möglich auszufüllen. Schon Lu ther sagt zwar mit voller Wahrheit in seiner derbe: Sprache: Die Deutsche feind und bleiben Deutsche, d.i Säue und unvernünftige Bestien. Denn, von einen Extrem rennen wir immer ins andere: von dem gro ßen Aberglauben in den großen Unglauben, von den großen Sclavensinn in den großen Freiheitssinn, vor der großen Unwissenheit in die große Wissenheit! Abe das kümmert die neue Pädagogik nicht. Ihr erschein nichts thörichter, als das weise Wort des Socrates Ich weiß, daß ich nichts weiß, — oder die ähnlicher Aussprüche der heiligen Schrift: Wir sind von gesterr her und wissen nichts (Hiob 8, 9) und: Unser Wisser ist Stückwerk (1. Cor. 13, 19). Nein, das Wissen um serer Knaben darf nicht Stückwerk bleiben, sie müsset allseitig ausgebildet werden, wie es die Fortschritte unserer Zeit verlangen.
Dieser neuen Richtung gemäß hat man auf unserer neueren Gymnasien nicht nur die ehemals als Grundlagen der gelehrten Bildung betrachteten 3 Hauptfächer theilweise aufgegeben, sondern hiermit zugleich auch die naturgemäße Eintheilung des Unterrichts in 3 Perioden oder Abschnitte beseitigt, dagegen aber eine mehr oder minder große Zahl von neuen Gegenständen in ihren Bereich gezogen; und überdieß ist statt der ehemals am Ende einer jeden Periode oder Klasse vorgenommenen und für das Aufrücken in die höhere Abtheilung entscheidenden, im Ganzen also mehrmaligen Prüfung in verschiedenen Zeiträumen jetzt nur Eine Eeneralprüfung am Schluffe des gesummten Gymnasialunterrichts einge- führt worden.
Von jenen Grundlagen hat man nämlich hauptsächlich nur die alten Sprachen beibehalten, während schon die Bildung des Geschmacks vernachläßigt, und die Philisophie durch den Lehrplan von 1846 ganz über Bord geworfen ist. Aber sogar in den alten Sprachen bringt man es nicht mehr zu der früheren Vollkommenheit, wie denn noch unlängst die Bemerkung gemacht wurde, daß die Candidaten der evangelischen Theologie ein Latein schrieben, daS kaum für einen Tertianer genügend sei. Die Ursache einer solchen, gerade bei dem Hauptgegenstande unseres Gymnasial-Ün-^ terrichls doppelt auffallenden und traurigen Erscheinung dürften wohl darin liegen, daß man theils ein anderes Ziel, theils eine andere Methode, als ehedem verfolgt." Sonst ging der Hauptzweck des Unterrichts in den alten Sprachen dahin, nach der Schule der Grammatik die Beredsamkeit und Dichtkunst zu lehren; jetzt, wie es scheint mehr dahin, die Schüler durch philosophische Erklärungen in eine möglichst ausgedehnte Kenntniß der? Sprachen und alten Litteratur einzuführen, und gleich-- wie nach jener Behandlungsweise die alten Sprachen zu einem der anziehendsten BildungSmittel des Geschmackes gemacht wurden, so dürften sie nach dieser durch die- Dürre der philosophischen Behandlung nicht selten vieles mehr der Jugend verleitet werden. Was dagegen die- Methode betrifft, so wurde sonst der grammatische Cur-' sus in den 4 oder 5 untersten Classen der Hauptsache nach beendigt, statt daß jetzt die Grammatik zum Theil' sogar noch in Prima getrieben werden muß, weil cs Schülern hauptsächlich wohl wegen des häufigen Wechsels der Lehrbücher und der Lehrer selbst, an den erfordert lichen festen Kenntnissen fehlt; noch nachtheiliger aber ist cs, daß man die ehemals täglich in und außer der: Schule betriebenen Uebungen in lateinischen Exercitien, : in schriftlichen Uebersetzuugcn und Nachahmungen der alten Classiker wenigstens in den höheren Classen ver-; lassen hat, und sich statt dessen begnügt, hier etwa nur ' wöchentlich Ein lateinisches Exercitium, so wie monatlich 1 Einen deutschen Aufsatz über ein möglichstabstractes,} den Schülern fcrnliegcudeS Thema, welches wohl gar 1 noch alle 1 oder 2 Jahre regelmäßig wiederkehrt, schrei-' ben zu lassen. Kann man sich da'wundern, wenn e3 jetzt so vielen Zöglingen nicht blos an Fertigkeit im Lateinischen, sondern selbst an aller Gewandtheit im deutschen Ausdruck und Style mangelt? Wie wenig man aber eine solcheVeriiachläßigung der Beredsam-