Nassauische Allgemeine Zeitung.
2V? 160. Montag den 11. M issa
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Zur ori/ntattscheu Frage.
** Der bereits erwähnte Artikel der Oesterreichischen Korrespondenz über die russisch-türkische Frage lautet: „Die Besetzung der Donaufürstenthümer durch kaiserl. russische Truppen ist nunmehr eine vollendete Thatsache. Obschon lauge vorhergesehen und in letzter Zeit beinahe als unausweichlich betrachtet, hat dieses Ereigniß gleichwohl nicht verfehlt, eine ziemlich erschütternde Wirkung auf die öffentliche Meinung und insbesondere den Stand der Fondscourse auszuüben. Wir maßen uns keineswegs an, die mannigfachen Schwankungen und Phasen, welche fdie Frage des Orients noch durchmachen wird, einer Wahrscheinlichkeitsberechnung zu unterziehen. Denn in dieser Beziehung hängt viel von Zufällen und von sticht füglich vorherzusehenden Zwischenereignissen ab und es ist die Aufgabe der Diplomatie, diese so sehr als eben thunlich im Interesse einer befriedigenden Ausgleichung zu bemeistern und zu lenken. Blicken wir jedoch der schwebenden Frage tiefer auf den Grund, so begegnen wir nirgends einem ernsten Interesse des Kriegs, vielmehr allenthalben einem tiefen und unverkennbaren Bedürfnisse des Friedens. Wir finden die KriegSgelüste nicht auf Seite Rußlands, welches wohl weiß, daß cs, wenn es den Gedanken der Auflösung des türkischen Reiches hegte und etwa auszuführen gedächte, dadurch einen unheilvollen und blutigen Kampf über den Welttheil heraufbeschwören und sichere Güter für unsichere auf das Spiel setzen würde. Wir können nur wiederholen, daß das so feierlich gegebene Wort des erhabenen Herrschers von Rußland jeden Schatten einer solchen Absicht unbedingt ausschließt. Wir glauben ferner, daß auch der britischen Regierung kriegerische Absichten ferne stehen, weil sie wohl zu würdigen weiß, daß ein allzuschroffes und feindseliges Auftreten Fer Pforte gegenüber Rußland leicht das Gegentheil der von ihr beabsichtigten Erhaltung und Befestigung des türkischen Reiches zur Folge haben könnte, und daß die Chancen, welche sich im äußersten Falle seiner Seemacht darböten, nicht im Verhältnisse zu den Vortheilen der russischen Landmacht ständen. Das Benehmen Englands in dieser Frage dürfte übrigens auch maßgebend auf die Entschließungen des Cabi- nets der Tuilerien ein wirsen. Was die hohe Pforte betrifft, so zweifeln wir eben so wenig an ihrer Friedensliebe und wollen hoffen, daß sie eine an sich nicht tadelnSwerthe Empfindlichkeit für die Bewahrung ihrer Selbstständigkeit und souveränen Würde nicht zu weit treibe, um eine Ausgleichung vielleicht auch dann von der Hand zu weisen, wenn es den Bemühungen befreundeter Mächte glückt, einen Ausweg zu bezeichnen um den Schwierigkeiten der Lage zu entgehen und ein für beide Theile ehrenvolles und beruhigendes Com- promiß anzubahnen. Es wäre unaussprechlich bekla- genswerth, wenn eine um formeller Rücksichten willen erhobene Differenz bis zur Weltcalamität eines blutigen Krieges entarten könnte. Eben darum halten wir uns für berechtigt, diesen Fall als unwahrscheinlich zu bezeichnen."
Der Kalischer Korrespondent des „Lloyd" schreibt d. d. 6. Juli: Der Feldmarschall Paskiewitsch ist, wie wir vermuthen, schleunigst wieder nach Warschau zurückgekehrt,, und die General- Lieutenants Paniutin und Schilder werden nach- folgen. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß auch diese Reise nach der Festung Iwangorod mit den im großartigsten Maßstabe neuerdings betriebenen Rüstungen zusammenhängt. Sonntag den 10. Juli wird unter feierlichem Gottesdienste in allen Kirchen des Königreichs Polen das kaiserliche Manifest von der Kanzel herab verlesen werden. Desgleichen wird den in Parade ausgestellten Truppen des zweiten Jnfanteriecorps auf dem Pvnvonski'schen Felde Sonntag das Manifest verlesen werden, und in feierlichem Gottesdienste und unter Freudenschüssen werden 65,000 Mann die Hilfe Gottes zum Schutze des „rechtmäßigen Glaubens" gegen die Ungläubigen anrufen. Das kaiserliche Manifest soll bereits am 1. Juli in Kischenew angelangt, und von einem Generaladjutanten des Kaisers überbracht worden sein. Das gleichzeitige Beginnen der Opera- Honen an mehreren Punkten wird indessen einen kurzen Zeitraum erfordern, und überall erst nach erfolgter Bekanntmachung des kaiserlichen Manifestes erfolgen. Daß Rußland den Krieg nicht will, geht aus dem Umstande hervor, daß nur Exccutionstruppen in die Donaufür- stenthümer einrücken, und jeder Kriegskundige wirdjein-
sehen, daß jene 120,000 Mann, welche in ausgedehnten Stellungen die Türkei bedrohen, nicht zugleich die Küste der Krim und Bessarabiens beschützen, die Do- naufürstenthümer besetzen, und noch obendrein sich mit türkischen Heeren schlagen und Festungen belagern können. Es werden in die Moldau und Walachei kaum mehr als im Ganzen 50- bis 60,000 Mann einrücken. Nichts destoweuigcr ist Rußland, wenn die hohe Pforte den Krieg beginnen sollte, auf diese Eventualität gefaßt, denn es hat nicht allein in Polen ein concentrirtes Kriegöheer stehen, sondern cs wird auch das sechste und siebente Jnfanteriecorps concentrirt, und die Reserven werden in Bewegung gesetzt. Rußland wird also um jeden Preis die Bedingungen des Manifestes geltend zu machen und den Frieden zu erzwingen suchen.
Die Presse erfährt aus verläßlicher Quelle, „daß die Stärke des ganzen in die Donaufürstenthümer vorläufig einrückenden russischen Armeecorps 25,000 Mann beträgt, bestehend aus einer Division des 4. und einer Division des 5. Corps. (Es scheint, daß Rußland sich streng an den Vertrag von Balta-Liman halten werde; nach welchem es nicht mehr als 35,000 Mann in die Donaufürstenthümer einrücken lassen darf.) Die vier andern Divisionen der betreffenden Corps (da jedes russische Corps aus drei Divisionen besteht) stehen, und zwar die zweite und dritte Division des 4. Armeecorps echellonsförmig an der moldauischen Grenze und die zweite und dritte Division des 5. Armeecorps bei Odessa und Seb asto pol. Commandant des 4. Armeecorps ist General Dannenberg, das 5. Armmeecorps wird von Lüders befehligt. Bei den ausgedehnten Dislokationen dieser beiden Armee- corps, vorzüglich jenes des Generals Lüders, ist demnach nicht zu vermuthen, daß die Kriegsoperationen mit großer Raschheit beginnen sollen. Außer General Dannenberg ist am 3. auch General Lüders mit der Vorhut seines Armeecorps in dev Moldau eingery^L Au demselben Tage wurde in Jassy aus glaubwürdiger Quelle versichert, daß Omer Pascha sein bei Schumla concentrirtes Armeecorps gegen die Walachei vorzuschieben beginne. In Wien wollte man sogar wissen, daß Omer Pascha schon in den nächsten Tagen bei Ni- copoli, Sistow und Rahowa mit seiner Armee d i e Donau überschreiten werde, um in die Walachei einzurücken. Fürst Menczikoff befindet sich noch immer in Sebastopol, wo er in den letzten Tagen die Flotte gemustert hat, die im Hafen zur Abfahrt bereit liegt.
Ueber die türkische Armee in Rumelien werden folgende Daten aus guter Quelle gegeben: Gegenwärtig befindet sich ein Corps von circa 40,000 Mann bei Widdin, ein zweites in gleicher Stärke unter Omer Pascha's eigenem Befehl bei Schumla, und ein drittes Corps von 40,000 Mann steht als Reserve bei Adrianopel. Im Falle diese Truppen sich mehr gegen Norden ziehen, werden die verlassenen Linien durch die in Kleinasien concentrirte Armee besetzt, und so glaubt sich die Pforte im Stande, binnen zwei Monaten eine Armee von 240,000 Mann auf den Kriegsschauplatz führen zu sönnen. Bis jetzt befehligt Omer Pascha als Seraskier von Rumelien die drei ebeu bezeichneten Corps.
Die Nachricht, daß Herr v. Ozeroff nach dem Einmarch der Russen, nach Constantinopel abgegangen sei, um neue Unterhandlungen anzuknüpfen, verdankt nur den: Wunsch nach Erhaltung des Friedens ihre Entstehung. Der Botschaftsrath von Ozeroff befindet sich gegenwärtig in Kischenew in Bessarabien bei dem Fürsten Gortschakoff, dem Obercommcmdanten der in den Donaufürstenthümern eingerückten russischen Truppen, dagegen wurde der General v. Ozeroff bereits am 1. Juli nach einer Unterredung, welche Fürst Gortschakoff und Gencrallientenant Lüders mit dem Fürsten Ghika batten, im Auftrage des Fürsten Gortschakoff nach Con- stantinopcl geschickt. Es ist nun höchst wahrscheinlich, daß der General die Notifikation des bevorstehenden Einmarsches nach Constantinopel überbrachte.
Beim Abgänge der letzten Post aus Constantino p e l sah man der Publication eines Manifestes der H. Pforte in Betreff der Differenzen mit Rußland entgegen, welches so wie jenes vom Jahre 1828 eine genaue Darstellung der Sachlage enthalten wird. In Constantinopel treffen fortwährend neu angeworbene Mannschaften und Pferde aus den Provinzen ein und die Truppenübungen werden mit verdoppelte!» Eifer gewöhnlich unter Aufsicht der Paschas vorgenommen.
Die Stadt hat das Ansehen eines großen Lagerplatze Der k. k. Jnternuntius, Freiherr v. Bruck, hat fowo vom Sultan als vom Großvezier prachtvolle Pfcri zum Geschenk erhalten.
Einem unverbürgten Gerüchte zu Folge hätte dc erste Auftreten des Freiherrn v. Bruck in Constant nopel darin bestanden, daß er fünf Millionen Piast, Entschädigung und die Einräumung der Landstriche Kle und Sutorina von der hohen Pforte begehrte. Beil Forderungen wurden, wie bekannt, in Folge der außei ordentlichen Absendung des Grafen von Leiningen b« willigt. Ein Theil der Entschädigung wurde, wie b( kanut, geleistet und es bildete, wie wir seiner Zeit gc meldet habe», einen Theil der dem Freiherrn v. Bru ertheilten Instructionen, auf die genaue Erfüllung dc ertheilten Zusagen hinzuwirken. Indessen wäre eS z verwundern, daß Oesterreich diesen Augenblick wählt, ut die Verlegenheit der Pforte zu vermehren, wenn e nicht geschah, um die Forderungen Rußlands zu unter stützen und die hohe Pforte zu größerer Nachgiebigkei zu stimmen.
Das Berliner „Corresp. Bureau" glaubt, di russisch-türkische Differenz werde in der Art vermittel werden, daß die ottomanische Pforte die Note vollziehe: werde, welche Rußland von ihm verlangt, und daß die ses hinwiederum eine Coutrenote erlassen werde, ii welcher es die bestimmtesten Garantien für die politisch Unantastbarkeit der Türkei und gegen jedes Eingreife! in die politischen Verhältnisse derselben abgibt. Hier für wolle man nun noch eine ausdrückliche Garant! der andern Großmächte herbeiführen. (Wir haben dies Art der Beilegung schon früher angedeutet.) Das Oesterreich die Vermittelung mit aller Kraft seines Ein flusses betreibt, scheint außer Frage zu sein. — Wu seit längerer Zeit schon Oesterreich, so wäre gegenwärtic auch Frankreich eifrig bemüht, eine Ausgleichung in den .Streite Wische» Rußland und der Türkei herbeizusüh- ren. Es soll die Absicht beider Mächte sein, den strei. tenden Theilen ein Uebereinkommen vorzuschlagen, durch welches die Ehre und das Interesse beider gewahrt wird. In den nächsten Tagen hofft man die Frage entschieden zu sehen, auf die Alles ankommt — nämlich ob der Kaiser von Rußland sich entschließen kann, einen außerordentlichen Gesandten der Pforte zsi empfangen.
Deutschland
*T Wiesbaden, 8. Juli. Vertagung des Landtags. In der heutigen Sitzung der zweiten K a m m e r erstattet Abg. Schellenberg Bericht üb er den Antrag des Abg. Eigner auf Revision resp. Herabsetzung der Gebühren der Gerichtsvollzieher und Finanzexecutauten. Rau erklärt sich in einem Spe- cialvotnm aus Gründen der Humanität gegen die im Bericht vertretene Ansicht, daß die Gerichtsvollzieher bei« zubehalte» seien, und wünscht im allgemeinen Interesse, ^daß die Bürgermeister wieder mit dem Gerichtsvollzug bes traut würde». Er bezweifle wohl »icht, daß durch das Institut der Gerichtsvollzieher eine schnellere und promptere Justiz gehandhabt werde, weßhalb auch Justiz- und Finanzbehörden, sowie Geschäftsleute für dasselbe seien, aber das sei doch nicht daö Einzige, worauf man bei der zunehmenden Verarmung Rücksicht zu nehmen habe. Durch die Ortsbehörden könne die Beitreibung erfolgen so, daß der Gläubiger befriedigt und der Schuldner nicht unzeitig bedrängt werde, weil diese Behörden eher Kenntniß von Personen und Zuständen ihrer Orte hätten und durch ihren Einfluß auch eher die Schuldner zur Zahlung bewegen würden. — Gegen Rau sprechen Eig»er (die Leute würden doch nichts an Kosten sparen), König (die Bürgermeister würden mit Geschäften überhäuft, ihr Ansehen gefährdet), Knapp und Schellenberg; für denselben Heydenreich (bei dem Gerichtsvollzug komme es oft mehr auf die Act der Ausführung, als auf die Kosten an, letztere werde kein Gerichtsvollzieher, wohl aber der Bürgermeister öfter erlassen, für diesen sei der Gerichtsvollzug zwar ein lästiges, aber auch, wenn er gehörig verfahre, ein schönes Geschäft, das sein Ansehen nur erhöyen könne), Rull m ann (nach seiner Erfahrung habe der Gerichts- Vollzug bei den früheren Schultheißen nicht gelitten. Der Commissionsantrag wird einstimmig angenommen. — Reg.-Com. Faber: Nachdem der Landtag die Budgets erledigt, habe er Auftrag, unter Vorbehalt einer wiederholten Berufung zur Erledigung der übrigen Arbeiten, im Namen Seiner Hoheit des Herzogs