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Nassauische Allgemeine Zeitung.

Wr /®S. Freitag den 8. Juli MS

Bestellungen auf das dritte Quartal dèr Nassauischen Allgemeinen Zeitung werden baldigst erbest

DieNassauische Allgemeine Zeiinng" mit dem bclleiristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationspreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Poaregulario nunmebr für den ganzen Umfang des Xturn» und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Znbtgriff des Postaufschlags 2 fl., für die üttrigen Mäuder des d-utsch-öfterreichischen PostvereinS, wie für daS Ausland 2 fl. 24 fr. Inserate werden die v.erf Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auswärts bei den nâchstgelegeuen Postämtern, zu machen.

Jeituugsschau.

Das russische Manifest. Graf Leimngen und Fürst Menczikoff. Deutschlands Chimären.

DieZeit" bespricht heute das russische Manifest. Wenn Se. Majestät der Kaiser (sagt dieses Blatt) in dem Eingänge des Manifestes seine treuen Untertha­nen daran erinnert, wie es ihnen wohl bekannt sei, daß die Vertheidigung des rechten Glaubens von jeher die Sorgen seiner Vorfahren gewesen; wie von dem Augen­blicke, wo es dem Rathschlusse des Allerhöchsten gefallen habe, den erblichen Thron in seine, des Kaisers Hânde zu geben, die von demselben unzertrennliche Wahrung dieser heiligen Pflichten jeder Gegenstand seiner Sorge gewesen sei, so nimmt dör Kaiser durch eine solche Be­rufung auf die von den Vorfahren, wie von ihm selbst anerkannten heiligsten Regeuten-Pflichten von vorn herein einen Standpunkt ein, der so unverrückbar ist, daß jede andere Rücksicht neben demselben verschwinden muß, und daß keine Anstrengungen der Welt, gleichviel ob sie in freundlichem oder feindlichem Sinne gemacht werden, ihn bestimmen können, auch nur um die Breite eines Haares vvn demselben abzuweichen. Es gilt der Ver­theidigung des orthodoxen Glaubens! Diese Worte, so- bald sie aus dem Munde des Kaisers vernommen wer­den, find geeignet, in dem ganzen unermeßlichen Um­fange des russischen Reiches, in der niedrigsten Hütte, wie in dem stolzesten Palaste, aste schlummernde Kräfte wachzurufen. Diese Worte dürften nicht umsonst ge­sprochen werden; sie gestatten so wenig einen Rückzug, als dem Feldherrn der Rückzug gestattet war, der, nach­dem er mit seinem Heere an der feindlichen Küste ge­landet, die Schiffe hinter sich verbrannt hatte. Der Kaiser kann, nachdem er diese Worte gesprochen, von dem, was er im Namen derselben fordert, nicht das Geringste, was irgend wesentlich, aufgebe»; er muß auf der unbedingten, auf der buchstäblichen Erfüllung seiner Forderungen bestehen. Auch sind es schwere Anklagen, welche gegen die Pforte erhoben werden. Der Kaiser erklärte, daß ungeachtet aller seiner Bemühungen die Unantastbarkeit der durch den Ver­trag von Kainardschi verbürgten und durch die späteren Verträge mit der Pforte bestätigten Rechte und Pri­vilegien der orthodoxen ^griechischen Kirche aufrecht zu erhalten, viele willkührlichc Handlungen der Pforte diese Rechte verletzt und endlich die durch Jahrhunderte geheiligte und den Bekeiincrn des orthodoxen griechischen Glaubens so werthe Ordnung mit gänzlicher Mißacht n u g bedroht hätten; dD^alle' seine Bemühungen, die Pforte von dergleichen Handlungen zurückzuhalten, fruchtlos geblieben seien, das feierliche ihm vom Sultan selbst gegebene Wort treulos gebrochen sei. So schwere Anklagen würden es in den Augen jedes rechtgläubigen Russen und die russische Nation hat vor allen übrigen Völkern Europas den großen unbestrittenen Vorzug, daß in derselben bei aller Verschiedenheit der Seeten Zweifel au de» Grundwahr­heiten des Glaubens unerhört sind, so schwere Anklagen, wir, würden es in den Angen jedes Russen vollkommen rechtfertigen, wenn der Kaiser, nachdem, wie er erklärt, alle Vorstellungen und mit denselben alle Mittel per. sönlicher Genugthuung für seine gerechten Forderungen erschöpft waren, sich entschlossen hätte, ohne weiteres Zögern die Pforte mit Krieg zu überziehen und durch Gewalt der Waffen zur Unterwerfung zu zwingen. Aber der Kaiser beabsichtigt auch jetzt keinen Krieg. Er er­achtet nur als unumgänglich nothwendig, seine Truppen in die Donaufürstenthümer einrücken zu lassen, um der Pforte einen Beweis zu geben, wohin ihr Eigensinn führen kann.Durch die Besetzung der Donaufürstenthümer", erklärt der Kaiser,wollen wir ein Pfand in Händen haben, das uns eine Bürg­schaft für die Aufrechthaltung unserer Rechte gewähren soll. Wir gehe» nicht auf Eroberung aus; Rußland bedarf derselben nicht. Wir wollen Uns Genugthuung für Unser gerechtes und so offenbar verletztes Recht ver­schaffen". Alle Erörterungen über die Frage, inwiefern Rußland berechtigt fei, bei Zwistigkeiten mit der Pforte die Donaufürstenthümer zu besetzen, erscheinen nach die­ser Erklärung überflüssig. Der Kaiser nimmt das Recht der Besetzung nicht aus den bestehenden Verträgen in Anspruch, sondern er bedient sich desselben, als des mildesten Mittels, seinen bisher nicht gebührend an­erkannte» Forderungen den Nachdruck zu gebe», de» er als nothwendig erachtet, um die Erfüllung derselben zu sichern. Es ist eine Art Execution, die der Kaiser

über eine schwächere Macht verhängt, welche ihren Verbindlichkeiten gegen ihn nicht nachgekommen ist. DieZeit" glaubt, daß noch dadurch keineswegs jede Aussicht auf eine friedliche Ausgleichung abgeschnitten ist, da der Kaiser von Rußland vielmehr selbst zu einer solchen die Hand bietet, indem er in seinem Manifeste erklärt, daß er auch jetzt noch bereit ist, die Bewegun­gen seiner Truppen aufzuhalte», wenn sich die osmani­sche Pforte heilig verpflichte,die Unantastbarkeit der rechtgläubigen griechischen Kirche aufrecht zu erhalten". Die Pforte, sagt dieZeit", habe das, was der Kaiser von Rußland zu fordern sich ebenso verpflichtet wie be­rechtigt hält, sobald von der Form abgesehen und nur das Wesen der Sache in das Auge gefaßt wird, be­reits durch den Ferman vom 6. Juni, der ebenso dem Patriarchen der griechischen Kirche zu Constantinopel, wie den geistlichen Oberhäuptern aller übrigen christli­chen Religionsgenosseuschaften im osmanischen Reiche zugefertigt worden ist, erfüllt, und sich bereitsheilig verpflichtet", die Unantastbarkeit der griechischen Kirche aufrecht zu erhalten. Das, was bisher allein nicht ge­schehe», und was daher in diesem Augenblicke den ein­zige Beschwerdegrund bildet, den Rußland geltend ma­chen kann, ist, daß die Pforte cs versäumt hat, wie von russischer Seite verlangt wird, die im Allgemeinen über­nommene Verpflichtung durch ein besonders ausgestelltes Aktenstück Rußland gegenüber anzuerkennen. Davon, ob dieß jetzt, nachdem die russischen Truppen bereits den Pruth überschritten haben, nicht doch noch in einer die russischen Ansprüche befriedigenden Form geschehen Zvird, hängt es ab, ob auch der in tiefern Falle nur vorüber­gehenden Besetzung der Donaufürstenthümer der Frie­den im Oriente erhalten oder ob ein Krieg entzündet werden soll, dessen Ende, sobald derselbe einmal auf irgend einem Punkte unseres Welttheiles entbrannt ist, keine menschliche Weisheit vorherzuschen vermag. Wir für unser Theil müssen gestehen, daß wir nicht absehen, wie die Unabhängigkeit des osmanischen Reiches dadurch gefährdet werden sollte, wenn die Pforte sich dazu ver­stände, eine von ihr bereits durch einen feierlichen Act übernommene Verpflichtung durch einen andern Act dem mächtigen Nachbarstaate zur Kenntniß zu bringen, der ein unzweifelhaftes Interesse daran hat, daß diese Ver­pflichtung in ihrem vollen Umfange erfüllt wird. Das Einzige, was unserer Ansicht nach erforderlich wäre, um einem solchen Acte jede die Unabhängigkeit des osmani­schen Reiches gefährdende Bedeutung zu nehmen, wäre, daß ähnliche Actenstücke, wie das von Rußland verlangte, auch den übrigen europäischen Mächten zugestellt wür­den, die dadurch mit Rußland die gleiche Berechtigung erhielten, über die treue Erfüllung der von der Pforte übernommenen Verpflichtungen zu wachen. Ein Recht, welches allerdings gefährlich werden kann, so lange cs sich in den Händen einer einzigen Macht befindet, hört auf gefährlich zu sein, so bald es zu dem gemeinsamen Eigenthum aller europäischen Mächte gemacht wird.

** DieKasseler Zeitung" zieht eine Paralelle zwischen der Sendung des Grafen Leiningen und der des Fürsten Menczikoff nach Constantinopel. Oester­reichs Forderung vertheidigte was Montenegre betrifft, die Sache der Humanität. Alles, was Oesterreich sonst for­derte, war die Pforte zu leisten verpflichtet. Rußland aber forderte durch feinen Gewaltabgeordnetcn etwas, wozu die Pforte nicht verpflichtet âr. Es läßt sich keine Verpflichtung denken, durch welche eine un­abhängige Macht einem auswärtigen Potentaten ein Recht zu übertragen gezwungen wäre, durch welches die Schutzherrschaft über 10 Millionen ihrer eigenen Unterthanen diesem auswärtigen Potentaten zufiele. Ueber das russische Manifest sagt dieses Blatt: Wir wünschen nichts sehnlicher, als daß alle christlichen Regierungen mit Rußland gemeinschaftliche Sache ma­chen möchten, damit die Pforte, die ihre Erhaltung nur noch der europäischen Uneinigkeit verdankt, vertrags­mäßig genöthigt werde, dem christlichen Bekenntnisse, auf demselben Boden, der ihm einst gänzlich augehörte, eine unbehinderte Ausübung und Entwickelung zu garaii- tiren. Mit einem solchen Ergebniß müßte sich auch Rußland zufrieden bekennen, wenn es nicht den Ver­dacht rechtfertigen will, daß es wirklich auf den Sturz der Türkei ausgebe, um an die Stelle des abgelebten Islam denrussischen" Glauben zu setzen, und diesen als dasjenige Gesetz zu proclamiren, dem sich auch Europa zu unterwerfen habe, gerade so wie einst dem Gesetze Muhameds von Osten, Süden und Westen mit Feuer und Schwert Eingang verschafft wurde. Ge­

gen eine solche neue G l a u be u s d o m i n a t i o u 1 sich bei Zeiten verwahrt und geschützt werdest.

** Alexander Weil hat die in der Neuen Pre schen Zeitung erschienene Reihenfolge geistreicher Ar Deutschlands Chimären" betitelt, geschlo Er resumirt das Gesagte in folgender Weise:

Eine Chimäre ist's, Freiheit durch eine demok tische Form der Regierung zu erlangen, nur erhebliche christliche Monarchie sichert dem ebriii Manne Arbeit und Eigenthum und folglich Freiheit Eine Chimäre ist's, zur Gleichheit durch die Sou rainetât des Volkes zu gelangen; beim l Sonverainetät führt gezwungen zur heidnischen Sclave jum Bürgerkrieg und Despotismus. Eine Chiu ist's zur Einheit der Nationalität durch eine an christlich-demokratische Revolution zu langen. Ohne religiöses Band gibt es keine Eins Die Vernunft ist kein Seelenkitt, sie löst nur < Ohne Seelenkitt aber gleicht eine Nation einer Mai deren Steine zufällig aufeinander gelegt wurden. Bl ersten Windstoß fällt Alles in Schutt zusammen. Eine Chimäre ist's für Deutschland eine america sche Constitution zu träumen, ohne seine Scla und feinen unermeßlichen Boden zu haben. E noch weit größere Chimäre, das alte Kaiserthi wieder Herstellen zu wollen, dem Deutschland a0 Verfall verdankt. Und eine unerklärliche Chimi eine Hegemonie in Deutschland auf den A n t a g o u muS zwischen protestantischer und k a t h li scher Religion zu gründen. Beide zusamn bedürfen alle ihre Kräfte, um gegen den hcidniscl Philosophismus zu kämpfen, der schnurstraks zum Desi tismus durch die Anarchie führt.

Die Deutschen Fürsten, ehe sie an die Zukunft di keu könne», haben vollauf für die Gegenwart zu thr Daß sie ja nicht das Beispiel der Hohenstaufen »a abmeu. Der Fürst, der offen und frei die christlisi Principien zu seiner Politik erklärt und alle Deuts rechtschaffene, talentvolle Männer an sich zieht, M ner, die bereit find, für ihre Principien zu sterben, w sie eben nicht an den Tod, sondern an ein Beste: glauben, dieser Fürst wird (das wahre Talent ist oi wird früh oder spät Aristokrat.) absichtlich oder ui die Hegemonie seines erblichen Hauses gründen. Ml gehorcht mit Freude der Tugend, denn man erhöht f in ihrem Dienste. Ist dieser Fürst ein Protestant, muß er fest an den alten Principien halten und nie d ran denken, die religiösen Rechte der Katholiken zu l schränken. Früh oder spät muß eine Einigung im Schoo der christlichen Kirche stattfinden. Alles was er d Katholiken streitig macht, fällt den Socialisten zu. I der Zank zwischen diesen beiden Confessionc», die er ßerhalb und über der Vernunft stehen, bevortheilt bi Läugner an aller Religion und führt logisch zum Achei mus. Mit diesem Streben läßt sich, wenn auch nie ein constitutionuellcs das Wort ist zu sehr mißtraue worden, sondern ein repräsentatives Steuersystem, m andern Worten ein repräsentatives Budget festsetze Dieses System reicht einstweilen hin, bis die späte; Zukunft das Auskuuftsmittel gefunden, die erbliche Mall stets an ihre christlichen Pflichten zu erinnern, ohne z einer Revolution gezwungen zu sein. Die politische R< generativ Deutschlands ist erst im Werden. Sie kan nur wie in Frankreich aus dem erblich-christlichen Sy stein entspringen. Ein so männliches Land wie Deutsch land kann sich nicht einbilden, einem Kind in der Wiegt das noch nicht gezahnt hat, wie America, nachzua! men. G wäre dieß eine zweite Kindheit, woraus ber Tod folgen würde Das größte Unglück für Deutschland ist, daß die in ei sten seiner Einwohner glauben, die französische Revolu tion hätte Frankreich Freiheit und Glück gegeben. St hat im Gegentheil alles durch eine lange Reihe merk­würdiger Könige Errungene aufs Spiel gesetzt, ja so­gar die Unabhängigkeit und die Einheit. Wir sind noll nicht außer Gefahr, Alles und auch das Letzte durch äußern und innern Krieg zu verlieren. Deutschland gehe seinen eigenen Weg, benutze seine eigene Geschichte; bleibe auf dem eigenen Boden, statt beständig nach Rußland, England und Frankreich auszuwandern. Im Innern werden natürlich bald alle Abgrenzungen ver­schwinde». Mit dem Zoll schwinden nothwendigerweise früh oder spät die verschiedenen Gesetzgebungen und Münz-Systeme, auch ohne alle Constitution. Gegen den äußern Feind besteht der Bund. Es vergesse aber nicht, daß man nichts mit Negationen baut. H a t Gott das Haus nicht gebaut, so bewahrt