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Nassauische Allgemeine Zeitung.

M 146. Freitag hm 24. Imi 1SS3.

Bestellungen auf das mit dem 1. Juli beginnende dritte Quartal der Nassauischen Allgemeinen Zeitung werden baldigst erbeten.

Die,,Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag« anstgenonimen, lâgiich und betragt der PrânumeraiionSprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Posteegulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang deS Tburn- und Taiis'schen BerwaltungSbezirks mit Jnbigriff deâ Postausschlags 2 fl., für die übrigen bânder des deutsch.österreichischen Postoereins, wie für das Ausland 2 fl. 24 tr. Inserate werden die vierspalkiL Petitzeile oder deren Naum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, ilanggassc 42, auswärts bei den nächstgelegeneii Postämtern, zu machen.

Zur orieutattschen Frage.

Aus C o n st an tinop el vom 9. Jun. wurde be- kguntlich auf telegraph. Wege berichtet, ein neuer Fer­man der Pforte bestätige die althergebrachten Rechte der christlichen Unterthanen des Reichs. Diese tclegr. Meldung ging wie wir aus den neuesten Londoner und Pariser Blätter sehen an alle europäischen Hauptstädte zugleich mit der Nachricht, daß das letzte russische Ultimatum angekommen sei und von der Pforte entsprechend dem Rathe des englischen Botschafters werde verworfen werden. Da die letzte Frist ciue achttägige war, so wird sie am 17. abgclaufen sein; bis zum 13. bis wohin die neuesten telegraphischen Berichte aus Constantinopel gehen war keine End­entscheidung bekannt. Jedenfalls ersieht man aus der Verkündigung der Pforte in Betreff der Rechte der Christen, daß von einer Ausdehnung dieser Rechte, mit der noch die neuesteTimes" die Welt vertröstet, oder gar von einer Feststellung derselben durch einen euro­päischen Vertrag nicht die Rede ist. ES sieht diese Veo kündigung, sagt dieA. A. Ztg.", wie der Vorläufer der Verwerfung deS russischen Ultimatums aus, das als einzige Garantie fordert, daß dec türkische Premier- Minister jene Bestätigung der Rechte in eigener Note der russischen Regierung zusage. Die Form des Ver­trags hat also Rußland aufgegeben, und jeder weitern Unterhandlung über eine fernere Concession ist wohl die Brücke abgebrochen, indem die St. Petersburger Zeitung dieses Ultimatum veröffentlicht und eine Cir­cularnote Rußlands mittheilt. Eine solche Bloßlegung des diplomatischen Geheimnisses hat das russische Ca- binet nie gethan , ehe es die letzte Entscheidung g^aßt hatte und demgemäß zu handeln bereit war. Lehnt die Pforte ab, so wird unmittelbar die Besetzung der Do- vchArtzeMbümerfolaeu, Ivie djeß das russische Ca^ bereits ausgesprochen hat. Wenn Graf Nesftlrode bei­fügt, dieß wäre noch nicht der Krieg, so entspricht diese Versicherung durchaus den historischen wie den vertrags­mäßigen Verhältnissen zu den Donaufürstenthümern. Wollten England und Frankreich in jener Besetzung einen Kriegsfall sehen, so wollten sie den Krieg, ob mit oder ohne zureichenden Grund, und daß sie das wol­len, ist schwer zu glauben. Seit Peter dem Großen, der mit den Donaufürstenthümern fwle mit selbstständi­gen Staaten Verträge schloß, sind die Russen zwanzig­mal iw der Moldau und Walachei gewesen, ohne daß eine europäische Macht zur Intervention sich anfgcfor- dcrt gesehen hätte. Im neuesten I. des Debats wird auch aus Marseille, resp. Constantinopel die Versicherung wiederholt, England habe erklärt, es sehe in jener Be­setzung den Casus belli n i ch t.

Ueber die Heereskräfte, welche die Pforte gegen einen feindlichen Angriff aufbieten kann, lauten die An­gaben bekanntlich sehr schwankend. Auffallend niedrig werden dieselben unter Anderem vom Journal des De­büts veranschlagt. Dieses Blatt schreibt:Aus Nach­richten, die unS als sicher bezeichnet werden, geht her­vor, daß mit der größten Anstrengung das regelmäßige Heer Numeliens unmöglich auf mehr als 80,000 Manu aller Waffengattungen und 220 Geschütze gebracht wer­den kann. Dieser Zahl wären noch 20- bis 30,000 Ncdifs hinzuzufügcn, d. h. einer Landwehr, die man in aller Eile nach den Festungen Silistria, Rustschuk und Widdin zu schaffen sucht, welche, so' gut es die Ver­hältnisse, die kärglich zngcmcssene Zeit und die Leere des Staatsschatzes erlauben, in VcrthcidigungSzustand gesetzt werden sollen. Das active Heer würde in unge­fähr 60,000 Mann Infanterie, 10,000 Pferde und 7- bis 8000 Artilleristen zerfallen. Die Cavalleriepferde sind von guter Race, kräftig und voll Feuer; eine große Zahl derselben soll aber iio$ nicht hinlänglich an die regelmäßigen Manöver der europäischen Strategik ge­wöhnt sein. Die beste Waffengattung des türkischen. Heeres ist nach allgemeinem Geständniß die Artillerie. Das Material ist in sehr gutem Stande, und sowohl die theoretische wie die praktische Ausbildung der Trup­pen ist sehr weit gediehen. Der befriedigende Zustand, in dem sich dieser Hcercszweig in jeder Beziehung be­findet, macht der Einsicht und Ausdauer der preußischen Osficicre, welche die türkische Artillerie gebildet haben, alle Ehre. Nach Einberufung der Landwehr ersten und zweiten Aufgebots würde also die europäische Türkei Alles in Allem gerechnet ein Heer »on 120- bis 130,000

i Mann stellen können. Auch von der Bildung einer asiatischen Armee ist die Rede. Man hofft sie aus 30- bis 40,000 Manu regulärer sowohl, wie irregulärer Truppen zu bringen, die Kurden jedoch nicht mit cin- geschlossen, an die man einen Aufruf hat ergehen lassen obgleich man nicht auf sie zu rechnen wagt, nach allen den Feldzügen, welche man in den letzten Jahren gegen sie unternehmen mußte, um sie zum Gehorsam zu zwin­gen. Wenn sie der an sie ergangenen Aufforderung Folge leisten, so können sie einige Tausend treffliche Reiter liefern." Den Debats zufolge hatte die an und für sich nicht feste Gesundheit des Sultans in Folge der großen Aufregung der letzten Zeit merklich gelitten.

In Odessa herrscht, wie dem Lloyd aus Brody gemeldet wird, die Ansicht über die Wahrscheinlichkeit eines russisch-türkischen Krieges; dies zeigt die gänzliche Stockung in allen Zweigen des Handels, indem Nie­mand, aus Furcht, die Häfen könnten plötzlich gesperrt und die Schiffe am Auslaufen gehindert werden, irgend welche zur Versendung bestimmte Einkäufe zu machen wagt und man mit ängstlicher Spannung der nächsten Zukunft entgegensteht. Nicht minder als in Odessa liegt der Geschäftsverkehr in den Donaufürstenthümern darnieder; Niemand traut der in Frage gestellten Zu­kunft, das öffentliche Vertrauen ist einem allgemeinen Mißcredit gewichen, die fremden in Jassy und Galatz etablirten Häuser ziehen ihre Capitalien ein, man lebt in beständiger Erwartung einer russischen Occupation und findet nur darin Beruhigung, daß man gewohnt ist, bei Rußland mehr Energie zu sehen, wenn cs zum Handeln kommen soll und man anuchmcn zu dürfen glaubt, daß Rußland schon bald nach Abgang seiner Vertreter aus der türkischen Hauptstadt den erwarteten Einmarsch vollbracht hatte, wenn es Kaiser Nicolaus ernste Absichten gewesen wären, mit dem Schwerte zu ertrotzen, was die Feder nicht erstreben konnte.

Deutschland.

f* Wiesbaden, 24. Juni. Die zweite Kammer hat in der gestrigen Sitzung mit den am 18. d. M. begonnenen Verhandlungen über das Gcmcindcgcsetz geschlossen. Das Ergebniß derselben ist folgendes: Zit §. 1 des Entwurfes wurde folgender Zusatz ange­nommen : Eine Gemeinde kann nur dann (außerdem nur durch ein Gesetz) aufgelöst werden, nachdem eine andere als deren Rechtsnachfolgerin cingetreteu ist. §. 2 erhielt nachstehende Fassung:Die Gemeinden haben vorbehaltlich der der Regierung zustehenden Aussicht das Recht der eigenen Besorgung ihrer Gemeindeangclegen- heiten überhaupt, insbesondere der selbstständigen Ver­waltung ihres Vermögen nach den Bestimmungen des gegenwärtigen Gesetzes; sie sind verpflichtet, die örtliche Polizei im Auftrag und nach Vorschrift der Regierung zu handhaben, insofern nicht eine besondere Behörde dafür bestellt wird." Ein Antrag deS Abgeordneten Reichmann auf Anstellung von Bezirks-Bürgermeistern statt der von den Gemeinden gewählten Orts-Bürger­meister wurde abgelehnt. Der bisherige Ausdruck Bürgermeister" ward bekbehalten, und die in der Ge­setzesvorlage vorgeschlagene BezeichnungSchultheis" abgelehnt. Ein Antrag des Abgeordneten Brau n zu § 7.:Verweigert die Landesregierung die Bestätigung des gewählten Bürgermeisters, so findet eine zweite Wahl statt. Der in dieser Gewählte bedarf einer Be­stätigung nicht" wurde von den Abgg. Rullmaun, Reich in a »ii und Rau, so wie von den Reg.-Eom- ! Missarien Werren und Faber bekämpft und gegen 6 Stimmen verworfen, dagegen der Antrag:Wird auch die zweite Wahl nicht bestätigt, so wird ein Gc- meindeglied, welches jedoch mindestens seit drei Jahren ein Glied dieser Gemeinde sein muß, von der Regierung ernannt" angenommen. Hinsichtlich der Dauer des Amts eines Bürgermeisters kam die Kammer zu keinem Beschluß ; die 6jährige, die 12jährige, die lebensläng­liche Dauer wurde verworfen. Der Antrag des Aus­schusses, daß Ausnahmen von dem Gesetze:Der Schultheis resp. Bürgermeister darf keine Wirthschaft und kein Spezereigeschäft betreiben" nur mit Zustim­mung des KreiSbezirksraths gestattet werden können, wurde angenommen. In Bezug auf die Wahl der Gemeinderäthe trat die Kammer dem Beschluß der et' ste n Kammer bei, daß jedes Jahr ein Drittel der Gemeinderäthe auStritt, und daß der Schultheis und dis Gemeinderäthe von dem Kreisamte auf daS Ge«

meindegksetz und die Instruction eidlich r psichici wer­den. Nach dem Anträge des Abgeordneten Reich- mann soll der mit Zustimmung der Gemeinde und auf Vorschlag des Gemeinderaths gewählte und resp, er­nannte Beigeordnete des Bürgermeisters als solcher nicht Mitglied des Gemeinderaths, als Stellvertreter des Bürgermeisters aber stimmberechtigt sein. Bei §. 13 wurde bestimmt, daß die Schul! heiße neben den Ge­bühren eine Averstonalsumme für Schreibmaterialien von 9 bis 60 fl. erhalten je nach der Größe der Gemeinde und daß die Gcmeinderäthe ihr Amt unentgeltlich ver­richten und nur dann eine Entschädigung erhalten, wenn sie Gemeindeangclegenhciteu über zwei Stunden vom Wohnorte entfernt zu besorgen haben. In Bezug auf die Entlassung der Bürgermeister, Gemeinberechner und Gemeinderäthe kam ein Beschluß nicht zu Staude. Der Antrag des Abg. Braun, rvelcher die Genannten vor Willkür (?) geschützt wissen wollte, der Antrag des Ausschusses, welcher der Regierung diesfalls eine um­fassende Befngniß einränmte, wurde eben so wie die Bestimmung des Negierungs-EntwurscS abgelehnt.- In Bezug auf das Verbleiben der Staats diener im Gemeindeverband adoptirte die Kammer mit 15 gegen 6 Stimmen den Beschluß der ersten Kam­mer cs wurden sonach die biesfälligen bisherigen Bestimmungen aufrecht erhalten. Der Schluß des Ent­wurfes von §. 70 an wurde ohne wesentliche Aenderung angenommen. Ebenso wurde die Wbhlordnung mit einigen geringen Modificationen genehmigt. In der vorgestrigen Sitzung wurde ein Antrag des Abg. Hey­denreich auf Wiedereinführung der stenographischen Protocolltrung der Kammerverhandlungen (gegen acht Stimmen) abgelehnt. In die Commission zur Begut­achtung des über den Gesetzentwurf die Errichtung zweier Schullehrer - Seminarien betreffend wurden die Ab-- gcordncteu Metzler^ Rau und König gewählt. AuS Anlaß eines von dem Abg. Eigner gestellten Antrages, die Regierung um die Revision des Gesetzes über j tie Gerichtsvollzieher zu ersuchen, wurde von Seiten der Regierung erklärt, daß diese Angelegenheit bereits in Arbeit genommen sei.

< Biebrich, 22. Juni. *) Sr. Hoheit der Prinz Friedrich von Hessen und Hochdessen Gemahlin und der Prinz von Glücksburg, Hoheit, sind heute Nachmittag um 4 Uhr an dem Herzoglichen Hofe dahier zu Be­such ciiigctroffen und werden einige Tage hierselbst ver weilen.

Frankfltrt, 23. Juni. Se. kaiserliche Hoheit der Prinz Peter von Oldenburg in Begleitung seines Ad« jutanten Obersten von Muchauoff, Ihre Hoheit die ver- wittwete Frau Herzogin von Nassau, die Prinzessin He­lene von Nassau und der regierende Fürst von Waldeck sind gestern hier angekommen und imEnglischen Hof" abgestiegen.

Nürnberg, 21. Juni. In dem hiesigen Bahn­hof haben gestern die BermessnugS - Arbeiten für die 91 ü r u b e r g - Regensburger Eise n b a h n durch den königlichen SectiouSingeuieur Hepp begonnen.

München, 19. Juni. Im Gebige soll die Ueber schwemmuug furchtbare Verheerungen angerichtet haben. Man hört auch vom Austrctcn dSS Inn, der Loisach und andere Gebirgsflüsse. Dort wie hier wurden nament­lich viele Mühlen beschädigt, Flöße und Holz fortgeris- seii und die Hcucrudte kam zu einem großen Theile in Verlust.

Münchert, 21. Juni. Nach einem Antrag der ArtiUerieberalhungScommijsiou soll im nächsten Monot August eine Batterie deS Rakctcncor^ errichtet werden. Zur Uniformirung ist hcchtg: üncS Tuch mit grünen Krä­gen und grünen Aufschlägen, weißmetalleneu Knöpfen, Helme mit grünen Büschen und weißem Beschlag, sowie ein um die Hüfte geschnallter kurzer Säbel vorgeschlagen.

Münster, 20. Jnni. Die Ungewißheit, welche in der letzten Zeit über die Richtung der Eisenbahn von hier nach dem Rheine herrschte, hat nunmehr aufgehört. Zuverlässigen Angaben zufolge ist höheren OrtS die Linie über Burgsteinfurt definitiv festgestellt worden.

Hamburg, 20. Juni. (Weser-Zi,,) Ein im Jahre 1851 wegen politischer Vergeb, wuchtig ge­wordener und steckbrieflich verfolgter Literat, Wilhelm Sommmerfeld, aus Tilsit gebürtig, Sohn eines preußischen Regierungs-Beamten, war seit etwa zwei

*) Zufällig verspätet.