Nassauische Allgemeine Zeitung.
TVt /^. Donnerstag den 23. Juni 1853.
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Die,,Nassauische Allgemeine Zeitung" mit brm bcUelristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumeiationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Pmlregulaiiv nunmehr «ich für den ganzen Umfang des Lburn- und TariS'schen BerwaltungSbezirks mit Inbegriff deS Postaufschlagâ 2 fl., für die übrigen Länder deâ deutsch-öfferreichischen PsffvereinS, wie für das Ausland 2 ff. 24 kr. — Inserate werden die einspaltig ^rtitirilr oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Zur orientalischen Frage.
Rußland hat in der orientalischen F r a g e das Wort ergriffen! Das „Journal de Saint Petersbourg" vom 12. Juni bringt eine sehr ausführliche Circular- depesche des Reichskanzlers Grafen Nesselrode an sämmtliche russische Gesandten im Auslande, in welcher die ganze Sachlage dargelegt und entwickelt wird. Der russische Minister erklärt, der Kaiser wolle sein Gebiet weder vergrößern noch eine bessere Grcnzrcgnlirung in Asien gewinnen, er strebe weder nach der Ernennung des griechischen Patriarchen noch nach einem anderen religiösen Protectorate, als solches von jeher und ver tragsmäßig in der Türkei durch Rußland ansgeübt worden sei. Der beste Zustand für die Türkei und das europäische Gleichgewicht sei, nach des Kaisers Ansicht, die Aufrechterhaltung ihres Status quo (gegenwärtigen Zustandes), die beanspruchte Proteckiou des griechischrussischen Cultus in der Türkei keine andere, als wie sie schon seit Jahrhunderten bestanden habe und in der Natur der Dinge begründet sei. Die Mission des Fürsten Menczikoff habe zunächst keinen anderen Zweck gehabt, als die Angelegenheit der heiligen Orte, wo die Pforte die Lateiner übermäßig begünstigt und die, alten Privilegien der Griechen verletzt habe. Nach langen schon von dem Jahre 1850 her datirenden Verhandlungen habe die Pforte allerdings Rußland in diesem Puncte auf dem Papiere-zufrieden gestellt, allein die großherrlichcn Fermane seien in Jeru- salem nie zur Ausführung gelangt. (Je serais enlrainé trop loin, si je relatais ici tous les actes de fai- blesse, de tergiversation et de duplicité, qni ont signalé la conduite des autorités otlomanes.) Die religiösen Gefühle des Kaisers und der griechisch-russischen Bevölkerung seien durch die Bevorzugung der ^iMriw LrMlcm tid verletzt worden und Halst» die Sendung des Fürsten Menczikoff veranlaßt, der zunächst keine andere Mission erhalten habe, als 1) das Gleichgewicht zwischen Griechen und Lateinern, mit besonderer Rücksicht .auf Frankreich, wieder herzustellen und 2) zur Befestigung dieses Verhältnisses einen authentischen Act zu verlangen, zur Genugthuung für die Vergangenheit, zur Garantie für die Zukunft (qui püt nous servir â la fois de réparation pour le passé, de garantie pour l’avenir.) Die Sache sei denn auch wirklich geordnet worden, der Sultan habe ohne Widerspruch des französischen Gesandten zwei neue Fermane gewährt. Mit dieser Ordnung sei es aber noch nicht genug (obtenir un arrangement n’était pas tont), der Kaiser verlange auch einen Act, eine Garantie, eine Convention, welche ihm die Bürgschaft - gewähre, daß die beiden Fermane getreulich ausgeführt würden; von einem eigentlichen Vertrage aber sei niemals die Rede gewesen. Graf Nessclrode sucht nun ausführlich nach^uweisen, daß die Pforte ganz gut eine solche Garantie ohne die mindeste Beschränkung ihrer Souverä- netät habe leisten können, wie denn ähnliche Capitula- tioneu schon seit undenklichen Zeiten zwischen der Türkei einer- und Oesterreich und Frankreich andererseits beständen. Auch Rußland besitze schon solche historische Rechte und was cs jetzt fordere, sei durchaus nichts Neues; der Kaiser, der so viele Verdienste um den europäischen Frieden sich erworben, hätte gewiß nicht die Periode der wicderhcrgestellten Ruhe und Ordnung abgewartet, wenn er der hohen Pforte zu nahe treten wollte, sondern die letzten Jahre der Revolution und allgemeinen Verwirrung dazu benutzt. Der Kaiser habe zwar auch verlangt (der Gedankeugang der Note springt hier plötzlich auf eine ganz andere Frage über), daß die Pforte die alten geistlichen und weltlichen Rechte und Freiheiten der vier Patriarchen von Constantinopel, Antiochien, Alexandrien und Jerusalem aufrecht erhalten solle; Fürst Menczikoff hat indessen wegen schwerer Bedenken, die dagegen sich erhoben, diesen Vorschlag wieder fallen lassen. Die Pforte dagegen habe biö zum letzten Augenblicke jede gegenseitig bindende Verpflichtung (toute espèce d’engagement, qui porlerait une forme bilaterale et synallagmalique quelconque) verweigert und der Kaiser sehe sich nunmehr, wenn die letzte Frist abgelausen, zu ernsteren Mitteln zu schreiten gezwungen (il se verra bien forcé d’aviser aux moyens de se procurer, par une attitude plus pro- noncée, la satisfaction qu’il a vainement essayé d’obtenir jusqu’ici par des voies pacifiques). Man
wolle Rußland in eine Stellung drängen, die ihm seine politische Ehre raube: wenn indessen Verwicklungen ein- träten, welche den Frieden gefährden, so falle die Verantwortlichkeit dafür nicht aus die kaiserlich russische Regierung. '— Dem Circulare ist das letzte russische Ultimatum beigefügt. Dasselbe ist in der Form einer Note der Hohea Pforte an Rußland abgefaßt und wäre int Fall der Annahme des Ultimatums von Neschid Pascha einfach zu unterzeichnen. Die Note lautet:
Die hohe Pforte, nach aufmerksamster und ernstester Untersuchung der Forderungen, welche den Gegenstand der außerordentlichen Sendung des russischen Gesandten Fürsten Menczikoff bilden, und nachdem sie das Resultat dieser Untersuchung Sr. Majestät dem Sultan vorgelegt, macht cs sich zur besonderen Pflicht, durch Gegenwärtiges Sr. Durchlaucht dem Herrn Gesandten die kaiserliche Entscheidung über diesen Punkt', ertheilt durch ein allerhöchstes Jradv vom ......(muselmännisches und christliches Datum) mitznkhcilcn.
Se. Maj. der Sultan, in der Absicht, seinem hohen Verbündete» und Freunde, dem Kaiser von Rußland, einen neuen Beweis seiner aufrichtigstem Freundschaft und seines innigsten Wunsches zu geben, Die alten Beziehungen guter Nachbarschaft und vollkommenen Einverständnisses zu befestigen, die zwischen den beiden Staaten obwalten, indem derselbe zu gleicher Zeit ein volUommcneß Vertrauen in die beständig wohlwollenden Absichten Sr. Kaiserlichen Majestät in Bezug auf die Erhaltung der Integrität und Unabhängigkeit des otto- manischen Reiches setzt, haben geruht, die offenen und herzlichen Vorstellungen in Erwägung und in ernste Betrachtung zu ziehen, zu deren Organ sich der Gesandte Rußlands gemacht hat, zu Gunsten des orthodoxen orientalischen Cultus, welchem sein hoher Alliirter, sowie die Mehr zahl ihrer beider» ^UAeu Urrtzrfhau^u ,gâgcu.
Der Unterzeichnete hat demzufolge den Befehl erhalten, durch gegenwärtige Note der kaiserlichen Regierung von Rußland, welche bei Sr. Majestät dem Sultan durch Se. Durchlaucht den Fürsten Menczikoff re- präseutirt wird, die feierliche Versicherung der unveränderlichen Fürsorge und der Gefühle der Großmuth und Toleranz zu geben, die Se. Majestät den Sultan für die Sicherheit und Wohlfahrt der Kirchen und religiösen Stiftungen der orientalischen Christen in seinen Staaten beseelen.
Um diese Versicherungen weiter zu erörtern, auf formelle Weise die Hauptpunkte dieser hohen Fürsorge näher zu bestimmen, um durch ergänzende Beleuchtungen, welche ter Lauf der Zeit erfordert, den Sinn dec Artikel zu vervollständigen, die in den früheren, von den beiden Mächten geschlossenen Verträgen die religiösen Fragen behandeln und um endlich für immer jeden Schein des Mißverständnisses und der Uneinigkeit in dieser Beziehung zwischen den beiden Regierungen zu vermeiden, ist der Unterzeichnete von Sr. Majestät dem Sultan bevollmächtigt, die nachfolgenden Erklärungen zu geben :
1) Der orthodoxe orientalische Cnltns, seine Geistlichkeit, seine Kirchen und seine Besitzungen, wie seine religiösen Anstalten werden in Zukunft, ohne jeglichen Eingriff, unter dem Schutze Sr. Maj. des Sultans bei Privilegien und Immunitäten genießen, welche ihnen ab antiquo zugesichert, oder die ihnen zu wiederholtenma- | len durch die kaiserliche Gunst und nach dem Grundsätze hoher Billigkeit zugestanden worden sind, — dieselben werden Theil nehmen an den Zugeständnissen, welche den anderen christlichen Riten, kbenso wie den fremden Gesandtschaften, die bei der Hohen Pforte ac- crebitirt sind, durch Vertrag "der besondere Verfügung gewährt worden sind.
2) Da Se. Majestät der Sultan cs für nothwendig und billig erachtet, seinen hohen Ferman, versehen mit dem Hatti-Humayuu vom 15. des Monats Nebinl- Akhir 1268 (16. Februar 1852), zu bekräftigen und näher zu bestimmen, durch seinen hohen Ferman vom ....... und überdies durch einen anderen Ferman' vom.......die Wiederherstellung der Kuppel des Tempels deS heiligen Grabes zu verordnen, so werden diese beiden Fermane wörtlich auSgeführt und treulich beobachtet werden , um für immer den gegenwärtigen Statusquo der Heiligthümer aufrecht zu erhalten/welche die Griechen für sich allein oder in ^Gemeinschaft mit anderen Culten besitzen. Es versteht sich, daß dieses Ver
sprechen sich gleicher Weise auf die Aufrechterhaltung aller Rechte und Immunitäten bezieht, deren ab antiquo die orthodoxe Kirche und ihre Geistlichkeit genießt; sowohl in der Stadt Jerusalem als außerhalb derselben, ohne irgend ein Präjudiz für die ant ereil christlichen -Gemeinschaften.
3) Für den Fall, daß der kaiserlich russische Hof es verlangen sollte, wird in der Stadt Jerusalem oder deren Umgebungen eine passende Ocrtlichkeit bezeichnet werden zum Ausbau einer Kirche, welche der gottesdienstlichen Feier durch russische Geistliche geweiht sein wird, und eines Hospilinms für arme oder kranke Pilger; diese Stiftungen werden unter der speciellen Aufsicht des russischen Generalconsulats in Syrien und Palästina stehen.
4) Die Fermane und erforderlichen Befehle werden an die Bethciligten, sowie an die griechischen Patriarchen zur Ausführung dieser allerhöchsten Verfügungen, gegeben werden, und man wird sich in der Folge über die R e g u l i r u n g d e r einzelnen fünfte einigen, welche sowohl in den Germanen, in Bczng auf die heil. Orte, als in g egenwärtiger No tifi cation keinen Platz gefunden H a b e n. Der Unterzeichnete rc. 2c.
(Hier sollte Reschid Pascha durch seine Unterschrift das Actenstück als eine Note der türkischen Regierung anerkennen.) ____________
Derrtschland
Wiesbaden, 22. Juni. Se. Hoheit bet Herzog hat, dem Vernehmen nach, der hiesigen evangelischen Gemeinde für die innere Ausschmückung der neuen Kirche ein sehr werthvollcs Geschenk gemacht: die Statuen des Erlösers und der vier Evangelisten aus cararischem Marmor. Herr Bildhauer Hopf- gaxle n zu Biebrich ist Heists mit deren Ausführung beauftragt.
Nach der letzten Kurliste ist die Zahl der Kurgäste schon auf 6853 gestiegen. Seit dem 17. Juni sind 584 Fremde hier eingetroffen.
Frankfurt, 22: Juni. Heute Mittag ist Seine königliche Hoheit der Prinz von Preußen nebst Gefolge zur Jnspicirung der hier stehenden königlich preußischen Truppen eingetroffen und im russischen Hof abgestiegen-. Der in Wiesbaden zur Cur anwesende königlich preußische Kriegsminister, Generallientenant von Bonin, ist zu diesem Zweck gleichfalls hierher gekommen. Ebenso befinden sich der commandirende General des königlich preußischen 8. ArmeecorpS, Generallientenant v. Hirschfeld, zu dessen Corps das hier stehende preußische De- taschement gehört, und der Divisionscommandeur, Ge- nerMieurenant v. Gayl, hier anwesend. • - Wie man vernimmt, ist die Auslieferung deS wegen Theilnahme an der Ermordung Lichnowoky's in Untersuchung befindlichen, nach England geflüchteten Schneiders Finzel, von Niedcrcschbach, von den englischen Bebö^'n abgc- lebnt worden. — Nachdem die gesetzgebende Versammlung dem Senatsantrag zur Erweiterung '- politischen Rechte der Israeliten beigetreten ist, wird nunmehr die verfassungsinäßige Gesammtabstiiumung der ganzen Bürgerschaft, und zwar nach den 14 Stabsquartieren und „offen" erfolgen. Zwei Dritthcile der abgegebene» Stimmen bewirken die Annahme deS Gesetzes.
Freiburg, 20. Juni. Die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovlnz sind heute wieder von hier abgereist. Die Conferenzen wurden bereits am 19. geschlossen.
Saarbrücken, 20. Juni. , Heute kam der fran- zösische Kriegsminister Marschall St. Arnaud mit mehreren anderen französischen Generalen und Oberoffizieren hier an, nm im Auftrage des Kaisers Napoleon Se, K. H. den Prinzen von Preußen an der Grenze zu bewillkommen. Die Herren reisten sogleich nach Saar« lönis weiter, wo der Prinz heute die Besatzung infpicirt,
Hanlburg, 16. Juni. Der Brief eines russischen Diplomaten an den Kaiser von Rußland, welcher in einer der jüngsten Nummern der Börsenhalle abgedruckt war und der sich namentlich durch eine leidenschaftliche Polemik gegen den Kaiser der Franzosen auSzeichnete, hat, wie wir auS zuverlässiger Quelle erfahren, den hiesigen französischen Ministerresidenten, Herr de Eintrat, veranlaßt, bei dem Senate ernste Reclamationen zu erheben, die indeß. Dank den Bemühungen einflußreicher Personen, für die Börsenhalle von keinen nachthcilige«