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Nassauische Allgemeine Zeitung.

E /. Freitag Leu 17. Juni issa

Dik,,Nassauische Allgemeine Zeilung" mit dem ieUrtriflifdien BeiblattDer Wanderer" erschein«, Sonntag» ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSprei» für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregula,iv nunmehr c für den ganzen Umfang des Eturn, und TariS'fchen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des PostaufschlagS 2 fl., für die übrigen Länder deâ deulsch-öfferieichischen Possneieins, wie für daS Ausland 2 fl. 24 kr. Inserate wrrden. die »iersxa Petitzelle oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtâ bei Üén nächstgelegeueu Postämtern, zu machen.

Vas landwirthschaftliche Fest zu Hochheim.

Frankfurt, 16. Juni. Der Verein nassaui­scher Land- und Forstwirthe hielt am 14. und 15., d. M. in Hochheim seine 35te allgemeine Versammlung ab. Diese (als landwirthschaftlicher Verein) im Jahre 1820 errichtete Gesellschaft, hat im Jahre 1849 ihre jetzige Gestaltung angenommen. Der Verein wird von einem Gesammt-Directorium in Wiesbaden und von 6 Bezirksvorständen geleitet. Die schon seit 1822 be­stehende Bezirks-Eintheilung, beruht auf den natürlichen und Erwerbsverhältnissen des Landes. Der Verein ver­fügt über eine Jahreseinnahme von etwa 12,000 Fl., mithin über verhältnißmäßig größere Geldmittel als fast alle ähnliche Vereine Deutschlands; die Staatskasse lei­stet dazu einen ansehnlichen Beitrag. Der Verein hat in vielfältigen Richtungen eine höchst nützliche Thätigkeit entwickelt, wozu die Gunst und Förderung welche seine Bestrebungen bei der Regierung stets fanden, sehr we­sentlich beitrug. Daß der Verein auch die Theilnahme und das Vertrauen der Bevölkerung des Landes in hohem Grade erworben hat, beweist nicht nur eine über 1000 gestiegene Mitgliederzahl, sondern noch mehr die lebhafte Betheiligung an den Maßregeln des Vereins. Von dem Directorium wird, Namens des Vereins, ein Wochenblatt" herausgegeben, dessen 35ster Jahrgang jetzt (1853) in 2400 Exemplaren Auflage erscheint und welches eine Menge Mittheilungen enthält, die ebenso nützlich für die Technik des landwirthschaftlichen Betrie­bes, als werthvoll zur Landeskunde sind. Ein Lese­kreis, aber insbesondere das wegen seiner guten Einrichtung und erfolgreichen Wirksamkeit weit bekannte landwirthschaftliche Institut auf dem Geis- berg bei Wiesbaden und dessen Versuchsfelder, haben für die Verbreitung landwirthschaftlicher Bildung, auch unter der Klasse der kleinen Landbauer, sehr wesentlich beigetragen. Ucberhaupt hat sich, auf Anregung und unter Leitung dieses Vereins für Land- und Forstwirthe im Nassauer.Lande ein Interesse für den landwirth- schaftlichen Fortschritt und eine Thätigkeit in gesund- praktischer Richtuug entwickelt, welche durch eine ruch- tige Boden-Gesetzgebung wesentlich gefördert wird. Schon im Jahre 1812 (durch Edicte vom 1. Septem­ber und 7. November) wurden eine Menge älterer Grundlasten und Abgaben aufgehoben und die freie Benutzung des Grundeigenthumes zur Erhöhung der Landcscultur durch angemessene Vorschriften über Gü­te rc o nso lida ti o n u. s. w. begünstigt. Diese Gn- terconsolidation, durch spätere Verordnungen und In­structionen (vom 12. Septb. 1829, 2. Januar 1830, 22. März 1852) wesentlich gefördert, hat in Nassau be­reits eine ungemein große Ausdehnung erlangt und die wohlthätigsten Wirkungen geäußert. Ein Gesetz über die Ablösung der Grundabgaben und Gülten erging unter dem 14.'April 1849; die Ablösung der Zehn­ten ist, in Folge der früheren (1817, 1820, 1840) und neusten (1848 Decbr. 24) Gesetzgebung, sehr weit vorgeschritten. Die höchst nützliche Wirksamkeit der La nd escreditcasse seit 1840 und der Landes- Bank seit 1849, ist anerkannt. Das Alles sind Einrichtungen , für ein Land mit 43,600 Bewohnern, welche (im systematischen Zusammenhänge und mit sol­chen Erfolgen) in keinem andern Staate angetroffen werden. DaS wissen wahrscheinlich viele Nassauer nicht, weil ihnen der Vergleichungsmaßstab fehlt; daß sie aber die wohlthätigen Folgen davon empfinden, zeigt un­ter Andern ihr lebhaftes Interesse an den Verhandlun­gen des Vereins für Land- und Forstwirthe.

Die Versammlung in Hochheim war beide Tage zahlreich besucht. Am 14. Juni (unter dem Vor­witze des einstweiligen Präsidenten, Forstmeister Dr. Genth) erstattete der dermalige Secretär Dr. Thomä (Director des landw. Instituts) einen ausführlichen Jahresbericht, aus dessen sehr interessantem Inhalte hier nur Andeutungen gemacht werden können. So wurde z. B. milgetheilt, daß die vom Vereine beantragte geo­metrische Aufnahme und allgemeine Vermessung des Landes, vom Staatsministerium bereits in Angriff genommen sei; daß die von Staat und Verein kräftig geförderte Drainage rasche Verbreitung finde; daß aus Staatsmitteln eine Central-Fl achsbereitungs- Anstalt für den Westerwald errichtet werde, neben mehreren sonstigen Maßregeln zur Verbesserung bei An­baue- und der Behandlung des Flachses; daß der lange ausgesprochene Wunsch wegen Erlangung eines wohl­feilen Viehsalzes jetzt in Erfüllung gehe (sehr er­schwert durch den Umstand, daß Nassau selbst kein Salz besitzt); daß Vorschläge und Entwürfe: zu örtlichen

Hülsscassen, zu einem neuen Viehhandels- Gesetze, zu einer Wein b ergs P oli zei ordn U ng, zu einem Ent- und Bewä sseru n gs gesetze; der StaatSregierung vorlegen. Der Jahresbericht theilt ferner mit was für die landw i rthfchaftliche Bildung geschehen ist; für den Feld- und Wiesenbau, für die Verbreitung guter Ackergerâthe, für Ver­besserung des Düngerwesens, für die Förderung des Lein-, Tabak-, Obst-, Hopfen-, Maulbeer-, Futterpflanzen- und Wein-Anbaues; dann auch für die verschiedenen Zweige der Hausthierzucht. Außer formellen Verhandlungen kam noch ein Vortrag des Dr. FreseniuS (Profeffor am landwirthschaftli­chen Institute) vor, wodurch (in gedrängter, sehr faß­licher Form) die wichtigsten Grundsätze der Pflanzen­ernährung, namentlich Düngerlehre, dargelegt wurden. Der 15. Juni war der Musterung der zur Preisbewerbung vorgeführten Thiere, dem Preis- und Probepflügen und der Preisvertheilung gewidmet. Die B cweis e d er A n e r kennu n g be­stehen in goldenen und silbernen Medaillen (zweier Klassen); in Geldbelohnungen; in Geschenken nützlicher Gegenstände,' z. B. Ackergeräthe; in Belobungen u. s. w. Sie wurden ertheilt: an landwirthschaftliche Dienstboten, für besonders verdienstliche Leistungen im Gebiete der Landwirthschaft; für selbst gezogene Hengste, Stuten, Stutfohlen; für Bullen, Zuchtkühe bis 5- Jahr, 23- jährige künftige Rinder; für Eber und Mutterschweine. Die früheren Preise für S ch a a f z u ch t sind aufgeho­ben, obgleich (wie das Staatshandbuch ergibt) in meh­reren Aemtern noch eine sogar verhältnißmäßig große Zahl von Schaafeu sich befindet, deren langwollige Zucht der Förderung sehr wohl werth sein dürfte. Die Be­werbung um die Hausthierprämicn war nicht so zahl­reich, als sie gewesen sein würde, wenn die Versamm­lung in einem dafür mehr naturbegünstigten Bezirke (z. B. im Lahnthale oder am Westerwalde) abgehalten wäre; indessen kamen doch einzelne preiswürdige Thiere vor. Die Anlage von F o h l en tum me lplätz en hat so erfreuliche Fortschritte gemacht, daß dafür vier greife verteilt werden konnten. Auch fürJawrHe- gruben-Anlage, Bienenzucht, Wein-, Ho­pfen-' und Tabaks-Bau war lebhafte Preiöbewer- bung und Zuerkennung. Mir scheint, der Verein sollte der rascheren Ausdehnung und Verbesserung des T a - baksbaues mehr und höhere Preise zuwenden, als geschieht, denn namentlich für die Besitzer von einer Menge schlechter oder mittelmäßiger Weinberge wäre deren Bepflanzung mit Tabak eine wahre Wohlthat. Die für gutes Pflügen vertheilten Preise waren wohl verdient. Zum Schlüsse dieses Berichts darf nicht unerwähnt bleiben, daß die B e w o h ne r H o ch h ei m s mit ganz besonderem Eiser zur Festfeier beigelragen hat­ten, was durch Empfang, Ausschmückung, Gesang der beiden Gesangvereine, bereitwillige Einräumung der er­forderlichen Räume (z. B. des schönen Gartens des Herrn Specht) n. s. w., auf herzlichste Weise sich kund gab. von Reden.

Deutsch land.

Wiesbaden, 16. Juni. Gestern hielten beide Kammern vertrauliche Sitzungen. Gegenstand der Be­rathung dürfte die Ei sc n b a h n f r ag e gewesen sein.

Wiesbaden, 16. Juni. (Ein Wort über das Realgymnasium in Wie S baden.) Wenn zum Bestehen und Gedeihen umi öffentlichen Lehranstal- tcn unbedingt hinreichende Geldmittel erforderlich sind, ünd wenn die Bewilligung der letzteren rein von der Ansicht der Bewilligenden über die Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit jener Schulen abhângt: so ist es nicht blos angemessen, sondern sogar Pflicht, sich hierüber of­fen auszusprechen und die denselben ferner Stehenden über die Sachlage in's Klare zu bringen. Bei Anstal­ten neueren Ursprungs und neuerer Richtung erscheint dies doppelt geboten, weil unter denen, die über deren Wohl und Wehe mit zu entscheiden haben, noch Nie­mand sein kann, der in ihnen seine Bildung erhalten hätte und somit aus eigenster Erfahrung wüßte, was er denselben verdankt, und der diese Erfahrung dann ge­hörig geltend machen könnte. Es wird daher vielleicht Manchem erwünscht sein, Einiges über die Rcalgymna- fkn denn diese hat hier der Einsender im Auge zu lesen, was zu einer Verständigung dienen kann. Diese Anstalten haben den Zweck, diejenigen, welche zur tüchtigen Ausübung ihres bereinigen Berufes vorzugs­weise der neueren Sprachen, der Mathematik, der Na­turwissenschaften und des Zeichnens bedürfen, wie sie die Gymnasien, ohne das Studium der alten Sprachen

zu beeinträchtigen, bei dem heutigen Standpunkte all Wissenschaften nicht mehr zu geben vermögen, die erfo derliche Vorbildung zu geben. Da dieselben aber dafi zu sorgen haben, daß die Bildung eine allgemein iw senschaftliche sei, so gehört für sie außerdem die Rel gion, die Geschichte und die Geographie in ihren Ui terrichtskreis. Auch kann das Realgymnasium der late nischen Sprache nicht entbehren, weil der ganze beutfd Bildungsgang uns hierauf zurückweist und ein Zurüc gehen auf den frühern Stand aller Wissenschaften, sow auf die Entwickelung der netten frembin Sprachen ohi Kenntniß des Lateinischen unmöglich wird. Es verzicht jedoch auf die Fertigkeit, in dieser Sprache zu schreib« und beschränkt sich auf die Eröffnung des Verstänl nisseS derselben, ohne sich dadurch der Vortheile zu b geben, die aus deren Studium für die allgemeine ge stige Bildung 'erwachsen. Außerdem liegt ihm eine b sondere Pflege der Muttersprache ob, die auch in ihr, geschichtlichen Entwicklung zum Bewußtsein gebracht wo den muß und dadurch zugleich mit eine Ausgleichun des Wegfalls der griechischen und der minder ouSgi dehnten Pflege der lateinischen Sprache bildet. Da Realgymnasium kann seinen Zweck nur erreichen, wen es überall auf einen gründlichen Unterricht hält; zt gleich in seinen Unterrichtsgebieten möglichst weit vw bringt. Zu Seibern aber gehört Zeit, wenn die Schi kr nicht frühreif und über das Maß ihrer Kräfte ar gestrengt werden sollen. Es muß also, damit ein bk benber Erfolg erreicht werde, der Entwicklungsgang ei ruhiger, nicht aber ein sich überstürzender sein. Es mu die Bildung der Art [ein, daß der Schüler bei seine: Austritt aus der Anstalt nicht bloß sich dessen freu was er darin gewonnen hat, sondern zugleich die Lu mit hinwegnimmt, sich nun, nur specieller, Mit neue Eifer noch weiter auszubilden. Von einer abgefchlos senen Bildung uâmlich hat Einsender dieses gar keine Begriff, weil er die [einige wenigstens nicht einmal m diesem Leben abgeschlossen sehen möchte. Eine solch Anstalt bedarf aber auch außer tüchtigen, ihre Fach, verstehenden Lehrern, die sie wirklich besitzt, noch gi ter Hilfsmittel zum Unterrichte. Auch diese fehle ihr theilweise nicht, indem unter günstigeren Verhältm fen die Bedürfnisse der Schule auf eine sehr dankens werthe Weise berücksichtigt worden sind. Namentlich ei freut sich das Realgymnasium schon einer guten Samn lung von Apparaten zur descriptiven Geometrie, vo Krystallmodellen und Mineralien, von physicalischen A^ paraten, so wie eines wohleingerichteten Laboratorium« worin die Schüler der obersten Klasse regelmäßig sic in der qualitativen Analysirung von Körpern üben.

Aus dem obigen ergibt sich jetzt von selbst, für welch Fächer ein Realgymnasium naturgemäß als Vvrbildungs anstatt sich eignet, nämlich für künftige Cameralister für Lehrer der neueren Sprachen, der Mathematik, de Naturwissenschaften, höhere Militärs, Ingenieure, Ban meister, Maschinenbauer, Techniker, Pharmaceuter Berg- und Hüttenbeamte, Forstmänner, Oekonomer Kauffleute und sogar für künftige Aerzte, da die Me bicin selbst in ihrem psychologischen Theile, ein ganz spe ciclleS naturwissenschaftliches Smdiunr ist und der Me diciner, wenn er auf der Hochschule sein Fachstudiur mit Ruhe und ohne Zersplitterung seiner Kraft befrei ben will, neben einer allgemein wissenschaftlichen Vor bildung, die am Realgymnasium gleichfalls gegeben wird einen solchen Vorrath gründlicher allgemeiner naturwij seuschaftlicher Vorkenntnisse sich verschaffen muß, wie e nur durch vieljährige anhaltende Beschäftigung in be Jugend erworben werden kann. Eine polytechnisch Schule dagegen kann und will das Gymnasium nich sein. Diese Anstalten erfordern, für die in ihren Rich hingen zum Theil sehr weit auseinandergehenden Ein zclgebiete, nicht blos ausgezeichnete Vertreter jedes der selben, sondern auch ganz anders beschaffene Apparat und anderweitige Hülfsmittel und außerdem noch beben tende Räume. Aber die Aufgabe hat das Realgym nasium in Bezug auf diese Institute, daß cs seine Schn ler zum unmittelbaren Eintritt in deren Fachclassen be fählget, in die sie dann als gereifte, ruhig und gleich, mäßig ausgebildete Jünglinge kommen und in derer Vorbereitungsklassen sie nicht in aller Eile das dazr Nöthige vorweg einzunehmcn haben. Nur von aus solch« Weise ausgebildete Praktikern tann sich daS Land bereinfi gute Früchte versprechen. Der menschliche Geist entwi­ckelt sich nicht per Dampf, er wird immer der alte blei­ben, wenn auch der Leib aus Schienen pseiischnell dahin fährt; und wo sman dem entgegen handelt, da kommt alsbald an den vor der Zeit Arbeits- Wb Strebens- Müden der trauliche Erfolg zu Tage.