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Wenn dieZeit" in der orientalischen Frage ver­sichert, daß sie weder für noch gegen die Forderungen Rußlands Partei ergriffen habe, so hat sie damit, viel­leicht ohne es zu wollen, ziemlich genau den Stand- punct bezeichnet, den unsere Regierung in der betreffen­den Attgelegenbeit einnimmt. Wie stark in diesem Jahre der Reiseverkehr der Russen ist, mag der Um­stand beweisen, daß die letzte Nummer des Berliner Fremdenblattcs ein Drittel Russe» unter der Gesammt- summe der angekommenc» Fremden nachwies. Schon im vorigen Jahre waren die deutschen Badeorte von russischen Gästen stärker denn je besucht.

Eine sehr gangbare Ansicht der orientalischen Ereig­nisse glaubt nach der noch immer sehr wahrscheinlichen Besetzung der Donaufürstenthümer an eine bewaffnete Unterhandlung und an ein schließliches, Rußland nicht günstiges Abkommen. Eine andere noch friedlichere, aber der Bestätigung sehr dürftige Auffassung hält es nicht für unmöglich, daß Rußland das vorgeschlagene Collcctivprotcctorat der Mächte unter bestimmten Vor­behalten annehmen werde. Aber auch Das würde die Krisis nur verlängern, nicht beendigen. Auf eine lang­wierige Krisis wird man sich überhaupt noch immer ge­faßt machen müssen. AuS Petersburg (uickt aus Brüssel) ist ein Gerücht hierher gelangt, das hoffentlich sich nicht bestätigen wird. Seine Bestätigung würde den Bonapartisten eine gar zu große Freude bereiten. Es heißt nämlich, man erwarte in Petersburg den Herzog von Brabant, der, um sich auch dem russischen Hofe vorzustellen, noch vor seiner Heiralh dort zum Besuche eintreffen werde.

DieZeit" meldet, daß es dem preußischen Resi­denten zu Mexico, Freiherr» v. Richthofen, gelungen ist, die E n t s ch ä d i g u n g s - F o r d c r u n g e n, welche von verschiedenen preußischen Unterthanen bei dem m e x i c a n i s ch e n Gouvernement anhängig gemacht waren, in der Weise zur Geltung zu bringen, daß die vollständige Bezahlung derselben binnen kurzer Zeit bc- vorsteht. Diese Forderungen rühren theils aus der Zeit des nordamericanisch - mexikanischen Krieges, theils aus noch früheren Zeiten her.

In Erfurt war auf eine Mittheilung eines Bauers aus dem Kreise Schleusingen, deß sich einige Fässer mit Geld, welche ein Franzose bei der Retirade vergraben, ohnwrit der Stadt vorfinden müßte», ein Ingenieur be­auftragt worden , die Nachgrabungen zu leiten. Diese Nachgrabungen haben auch an dem vom Bauer bezeich­neten Platz stattgesunden, jedoch hat sich von dem ver­heißenen Schatze nichts gezeigt.

Leipzig, 11. Juni. (D. A. Z.) Gestern ist auch die Frau des neulich verhafteten Factors Grumbach zur Hast gebracht worden. Man erzählt auch noch von einer andern Verhaftung. DaS Gerücht bringt diese Verhaftungen mit den neuesten in Wurzen und Oschaz anhängigen politischen Untersuchungen in Verbindung.

Dresden, 10. Juni. Auf den 19. d. M. ist der feierliche Einzug des Prinzen Albert mit seiner Braut angekündigt. Triumphbogen und Ehrenpforten, überhaupt Decoration der zu passtrenden Straßen, die Ueberreichung eines Myrthenkranzes durch eine Depu­tation der schönsten Jungfrauen der Residenz, und ein großartiges Kinderfest der Schüler sind als Program der Festlichkeiten für den ersten Tag angekündigt. Am Tage darauf wird die Vermählung stattfinden, wobei auch das Militär paradiren soll. Abends Festtheater und Feuerwerk auf dem rechten Elbufer der Terrasse gegenüber und Beleuchtung der Stadt. Man sagt, daß die Vermählung des Thronerben von einer allgemei­nen Amnestie begleitet sein soll.

Wien» 11. Juni. Daß dem durch den Telegra­phen herbeigerufenen F.-M.-L. Grafen Leiningen eine diplomatische Mission nach Petersburg zugedacht wor­den, wie Gerüchte gingen, hat sich nicht bestätigt; der­selbe ist im Allerhöchsten Auftrage nach Brescia abge­reist. Der k. k. österreichische Geschäftsträger in Bern, Herr Graf Karnicki, hält während seiner Anwesenheit in Wien beinahe jeden zweiten Tag Confcrenzcn mit dem Herrn Minister des Aeußern, Grafen Buol- Schauenstein.

Der A. A. Z. wird aus Wien als gewiß gemeldet, daß Oesterreich im Verein mit England in dem russisch­türkischen Zwist vermittelt, und daß die Instructionen, welche Lord Stratford-Redcliffe von seinem Cabinet er­halten, bei weitem nicht so drohend lauten als man von den europäischen Börsenplätzen bei der ersten Knude von der Absendung der französisch-englischen Flotte nach den Dardanellen befürchtete.

Die vomSoldatenfreunde" gemachte Mittheilung, der Fürst Menczikoff habe zahlreiche Emissäre nach Griechenland gesendet, um die Griechen sür die von Seite Rußlands verfolgten Interessen zu gewinnen, ist gänzlich unrichtig. Es ist wahr, daß der Fürst nach Verwerfung seines Ultimatums einen Courier nach Athen abgefertigt hat, aber das ist auch alles, worauf sich jene Mittheilung reducirt wenn man nicht etwa einen Courier als einen officiellen Emissär bezeichne» wollte.

In Lemberg haben Conflicte zwischen den Land keuten und der Gensd'armerie stattgefunden. Es mußte Militär requirirt werden und es kamen Verwundungen vor. Die Gemeinde wollte nämlich in einem Theile deS herrschaftlichen Waldes, welcher nach Forstgrundsätzen

zur Schonung bestimmt war, die Weide für ihr Vieh mit Gewalt erzwingen.

Wien, 11. Juni. Gestern Abends ist von hier eine Note nach Bern expedirt worden, welche, wie ich höre, in einem sehr versöhnenden Tone abgcfaßt fein soll. Man hofft, daß diese Differenzen in kürzester Zeit vollständig beigelegt sein werden, da der Bundesrath sich bereit zeigt, den österreichischer Seils aufgestellten Forderungen zu entsprechen. WaS die von mehreren Blättern wiederholt ausgestellte Behauptung betrifft, daß Frankreich an der Vermittlung dieser Differenzen bethei- ligt sei, so kann ich Sie auf's bestimmteste versichern, daß alle Beschlüsse, welche unsere Regierung in der Schweizerfragt gefaßt hat, ganz selbstständig von ihr ansgegangen sind, und durchaus keine andere Macht einen Einfluß darauf auSgeübt hat. Heute 5 Uhr Nachmittag ist des Königs von Bayern Majestät hier eingetroffeu und von' Sr. Majestät dem Kaiser am Bahnhöfe empfangen worden. Verschiedene Festlichkei­ten werden zu Ehren des Durchlauchtigsten Gastes hier veranstaltet. In Betreff der orientalischen Frage sind heute Nachrichten eingetroffen, welche den Besorg­nissen, welche hie^ rücksickllich einer Störung des euro­päische» Friedens herrschten, wieder neue Nahrung ga­ben. Rußland soll die Vermittlung Oesterreichs an solche Bedingungen geknüpft haben, daß unsere Regie­rung dieselbe faum übernehmen können wird. (?) Man hofft übrigens noch immer, daß der Friede erhalten werde, besorgt aber, daß eine, wenn auch vorübergehende Besetzung der Donaufülstenthümer durch die Russen nicht mehr ansbleiben werde.

Frankreich.

Paris, 12. Juni. Der Moniteur veröffentlicht zahlreiche Beförderungen in der Marine ; zwei Coiitre- Admirale, Laplace und Desfossös sind zu Vice-Admi- ralen, 4 Schiffs-Capitäne zu Contre-Admiralen 10 Fre- gatten-Capitäne zu Schiffscapitänen, ,22 Schiffs-Lieute- nants zu Fregatten-Capitänen und 36 Schiffs-Fähn­riche zu Sckiffs- Lieutenants ernant worden. Die Domainen-Verwaltung wird in Kurzem die schöne Do- maine Nenilly, früher Eigenthum Ludwig Philipp's, in Abtheilungen zum Verkaufe aussetzen. Nach Be­richten aus Toulon vom 9. lagen die Linienschiffe Friedland undJena seit einigen Tagen auf der Rhede; cs hieß, daß sie am 15. in See gehen würden. Ein ziemlich unbeachtet gebliebener Proceß, den die Herren Adamoli und Faucoult gegen den Dr. Vöro» wegen des Verkaufs des Constitutionnel führen, ist durch ein Aebereinkommen beendet worden. Was den Proceß betrifft, den die Gebrüder Agnado gegen Vöron und Myrös auS dem nämlichen Grunde eingeleitet haben, , so wird derselbe erst in vier Wochen vor das Civil- Tribunal kommen, weil der kaiserliche H'of' immer noch nicht über die Competenz-Frage entschieden hat. Das Vertrauen in die Erhaltung des Friedens wächst wieder eben so rasch, als es geschwunden war. Man will hier auf daS Bestimmteste wissen, daß der Kaiser Nicolaus mit der zuletzt nach Cvnstantinopel geschickten Notifiica- tiou, welche auf friedliche Vereinbarung dringe, eine Entscheidungsfrist nicht von 8 sondern von 14 Tagen gestellt habe, daß das etwas zu schroffe Auftreten des Fürsten Menczikoff von dem Petersburger Cabinet nicht gebilligt worden sei, und daß Rußland nur im äußer­sten Fall, wenn seine Ehre mehr noch als sein Interesse es erheischt, zum Schwert greifen würde.

Die Verhaftungen dauern noch immer fort und namentlich sind es begnadigte Decemberiusurgenteu oder sonst bei den damaligen politischen Umtrieben Bethei- ligte, welche von diesem Schicksale betroffen werden. Die Regiernng scheint indessen jetzt gewitzigt zu sein, und derMoniteur" zeigt heute amtlich an, daß Be­gnadigungen künftighin nur noch auf die reiflichste Prü­fung hin stattfindeu werden. Die von dem Kaiser und der Kaiserin nach dem südlichen Frankreich projec- tirte Reise wird in Folge der innern und äußern Ver­wickelungen erst später stattfiiide». Nach Depeschen auS Algerien hatte sich General Mac-Mahon am 3. Juni Abends mit den: General-Gouverneur vereinigt. Die Lage des Expeditionscorps war befriedigend, und man kann schon jetzt die beabsichtigten Ergebnisse als erreicht betrachten.

Nach einer Mittheilung im Moniteur wird die so lange sür unmöglich gehaltene Vollendung des großen Tuilerien- und Lonvreqnadrats binnen vier Jahren zu Stande gebracht werden. In Brest sind am 10 d. die Dampffregntten Pomona und Caffarelli und Tags darauf die Schiffe Herkules und Duguesclin feefertig gemacht worden. Diese Rüstungen und die zahlreichen Beförderungen in der Marine könnten in der Voraus­setzung- bestärken, daß die Regierung einen Seekrieg für nahe bevorstehend halte, das rasche und bedeutende Steigen der Course beweist jedoch zur Genüge, daß die Finanzwell einen solchen noch nicht fürchten zu müssen glaubt. Für das Napoleonsfest am 15. August wer­den schon großartige Vorbereitungen getroffen.

Heule ist hier ein russischer Courier angekommen und hat Herrn v. Kissclesf die Nachricht gebracht, daß die russischen Truppen die Donaufürstenthümer besetzen werden, wenn die Pforte das Ultimatum des Fürsten Menczikoff nicht annimmt; dcr^Kaiser aber, so heißt es in dieser Depesche weiter, hat durchaus nicht die Ab­

sicht, durch diesen Schritt die Integrität und Unabhän­gigkeit des ottomanischen Reiches auch nur im mindesten zu gefährden! Man erwartet also in der nächsten Zeit die Ablehnung des russischen Ultimatums von der Pforte, die Besetzung der Donaufürstenthümer durch Rußland, darauf neue Unterhandlungen und endlich eine allge­meine Umarmung aller streitenden Theile. Und das nennen unsere Börsenmäuner den Frieden, während es doch wahrhaftig nichts ist, als der erste entscheidende Schritt zum völligen Aufgchen der Türkei in dem gro­ßen morgeuläudischeu Reiche, an dessen Gründung Ruß­land nun schon seit Jahrhunderten mit eben so viel Geschick als Glück arbeitet. Kein Vernünftiger wenig­stens vermag abzusehcn, wie die Türkei sich von der ungeheuern moralischen Niederlage, welche sie bei diesem Conflicte erlitten, noch einmal erholen soll und mehr hat Rußland diesesmal auch gar nicht bezweckt. Ist die Frucht reif, so fällt sie von selbst vom Baume und der Friede wird wahrscheinlich auch dann noch nicht ge- stört werden!

Man will wissen, daß die Instructionen, welche Ad­miral La Süsse nach den Dardanellen mitnimmt, unge­mein vorsichtig und mäßig gehalten sind. Trotz dem Einverständniß mit^England befürchtet die hiesige Re­gierung einen muthwilligen Streich John Bull's, wel­cher mehr auf Vernichtung der russischen Flotte und Marine-Etablissements in Odessa und Sebastopol abge­sehen wäre, als auf die Wahrung der Interessen der Pforte. La Suffe hat daher gemessenen Befehl, an kei­nem offensiven Verfahren des Admirals Deans DundaS Theil zu nehmen und überhaupt denselben vorsichtig zu überwachen. Da nun Admiral Dundas ohne Zweifel ebenfalls iustruirt sein wird, den französischen Comman­danten nicht ans den Augen zu verlieren, so ist noch immer nicht zu glauben, daß die Note im gestrigen Moniteur geradezu Krieg bedeute. Admiral L^Susse hat den Befehl, die türkische Flotte energisch zu unter­stützen , falls sie von der russischen angegriffen würde, dagegen jeder Bewegung der englischen Flotte nur mit der größten Vorsicht zu folgen. Dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Drouin de l'Huys, sollen gestern Depeschen von Seiten des Grafen v. Hatzfeld und des Herrn v. Hübner zugekommen sein, in welchen Preußen und Oesterreich entschieden erklären, daß sie im Falle einer friedlichen Lösung ihre bons Offices zur Schlichtung der russisch - türkischen Differenz anbieten, daß sie aber im Falle von Feindseligkeiten Englands und Frankreichs gegen Rußland sich vollkommen neutral verhalten würden. (?)

Auf telegraphischem Wege ist die Nachricht eingetrof- fen, daß das am 4. von Marseille abgegangene englische Paketboot Caradoc (welches bekanntlich dem Admiral Dundas den'Befehl zum Auslaufen nach den Darda­nellen zu überbringen hatte) am Morgen des 8. Juni in Malta angekommen war.

Die Aussichten auf das Zustandekommen der Fusion scheinen hier und da Besorgnisse einzuflößen, denn der alte Plan, den Briefwechsel Louis Philipps mit der berüchtigten Baronin de Feucheres zu veröffentlichen, ist, wie der N. Pr. Z. berichtet wird, von Neuem aus­genommen worden. Die Briefe waren seit dem 24, Februar aus den Tuilcrieen verschwunden und sollen sich jetz' in dem Besitze eines Privatmannes befinden, der entschlossen ist, sie zu pnbliciren. Dem Gerüchte, die Regierung habe diesem literarische» Unternehmen ihre Unterstützung zugesagt, ist wohl kein Glauben zu schenken, es scheint vielmehr annehmbarer zu sein, daß gewisse ehemalige Legitimisten ihre Hand im Spiele haben. Da diese Leute nicht im Staude sind, ihre po­litische Untreue anders als durch die Behauptung zu beschönigen, die Versöhnung der beiden Linien des Hau­ses Bourbon sei eine Unmöglichkeit, so wollen sie eS um jede» Preis verhindern, daß die Thatsachen sie Lü­gen strafen. Der N. Pr. Z. wird ferner berichtet r Wie man mir erzählt, ist ein außerordentlicher Bevoll­mächtigter von Paris nach Berlin geschickt worden, um Sr. Maj. hem Könige von Preußen eine von England und Frankreich unterzeichnete Convention mitzutheilen. Diese Convention habe den Zweck, die Türkei zu er halten, und England und Frankreich wünschen, daß Preußen beitreten. (???) Da der österreichische Ge­sandte Hübner hier erklärt habe, Oesterreich werde die strengste Neutralität einhalten, so soll jene Conven­tion dem Wiener Cabinet nicht vorgelegt werden. (???)

Schweiz

Bern, 9. Juni. Laut Verfügung des eidg. Ge- neralprocnrators ist, in Uebereinstimmung mit dem eidg. Untersuchungsrichter Dubs, die gerichtliche Verfolgung gegen den Wirth Pola in Puschlav und die Flüchtlinge MoSker, Dioli und Zangregorio als nnzureickend zum Behuf der Versetzung in Anklageznstaud aufgegeben. Die Anklagckammec wird sich daher nur mit dcni Grafen Glillanzoni nnd den Flüchtlingen Clementi, gew. GerichtS- rath, und Dr. Carlo Cassola, Advocat von Brescia, zu befassen haben.

Ans Tessin vernimmt man, daß die Commission des großen Rathes, welcher die Angelegenheit der aus diesem Canto» auSgetriebencn Capuciner zur Begutach. tung vorgelegt worden war, sich mit bedeutender Ma­jorität gegen' den Ausschußbericht der Regierung ausge­sprochen hat. Die Capuciner werden also wohl zurück-