Nassauische Allgemeine Zeitung.
jV' 136. , Montag den 13. Juni 1853J
Dir,,Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntag- ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulariv nunmehr aud^ für den ganzen Umfang deS Thuen- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff der PostausschlagS 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für daS Ausland 2 ff 24 kr. — Anserate werden die »ierspaltiz Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgassesr, auSwâriS bei den nächstgelcgenen Postämtern, zu machen.
Zur orientalischen Frage
* Die Wiener Blätter legen ein besonderes Gewicht auf den kürzlich erschienenen beruhigenden Leitartikel des „Journal de Francfort", welcher einen casus belli in der türkischen Frage für Rußland als nicht vorhanden darstellt. Derselbe läßt sich in Folgendem zusammen fassen: Der hauptsächliche Zweck der Sendung Menczi- koffs sei gewesen, den Status quo in Bezug auf die heiligen Orte zu erhalten; dieser Zweck sei vollständig erreicht. Das in zweiter Linie gestellte Verlangen, die Pforte solle in einem Vertrage Rußland das Schußrecht über die griechische Kirche im Orient einräumen, sei in der That bedeutender; dennoch lege Rußland „für den Augenblick wenigstens", auf dieß Verlangen keinen entscheidenden Werth. Es wisse, daß Concessionen, die man nicht als ein Recht fordern, sondern die man nur als um eine Freundlichkeit nachsuchen dürfe, den rcchts- begründeten Anforderungen nachstehen müssen. Die Pforte sei nicht so freundlich gewesen, als Rußland erwartete; aber sie habe nichts fgethan, was Rußland hätte beleidigen oder seine Würde compromittiren können. Könne man glauben, der Kaiser von Rußland wolle einen Kriegsfall sich ausdenken, da wo keiner vorhanden sei? Die AbreiseMcnczi- koff's sei nur eine Einstellung der diplomatischen Beziehungen, falls cs wahr sei, daß „der außerordentliche Gesandte" das Wappen und die Fahnen seines Herrn vom Gesandtschaftshotel habe abnehmen lassen. ES sei möglich, daß nächstens ein Dampsboot mit einem außerordentlichen türkischen Gesandten an Bord von Con-- stantinopel nach Odessa abgehe.
Aus Allem, was in den am 6. d. in Wien einge- troffenen Berichten aus Constantinopel gesagt und nicht gesagt wird, läßt sich, so schreibt man dem Schw. M., mit Verläßlichkeit entnehmen, daß die Krisis eines Krieges im Oriente aus Anlaß der russisch-türkischen Differenz bei Weitem nicht so gefahrdrohend erscheint, als man glaubte. Rußland hat den gewöhnlichen Ver- kehrmitder Pforte nicht einmal unterbrochen, nur waö auf die schwebenden Verhandlungen Bezug hat, und in die höheren Regionen der Diplomatie reicht, hat durch die Abreise des Fürsten Menczikoff und des Herrn von Ozeroff einen einstweiligen Stillstand erfahren. Es ist Rußland, dieß versichern die unterrichtetsten Männer, um einen Krieg mit bet Türkei und ihre Zerstückelung im gegenwärtigen Augenblicke sicher nicht zu thun, wo der Gewinn einer Gebietserweiterung mit so vielen ungewissen Aussichten einer allgemeinen europäischen Erschütterung, ohne Zweifel auch zu seinem eigenen Nachtheile verknüpft sein würde. Wenn es dagegen manche seiner Klagen, wie es auch andere Mächte gethan, zur endlichen Entscheidung und Geltung bringen will, so ist das Mißvergnügen, welches gegen das Zögern des Divans durch die Abreise des Fürsten Menczikoff kundgegeben worden ist, noch keine Kriegserklärung von Seiten des Petersburger CabinettcS, welches sich dadurch vielleicht auch den Bemühungen entziehen wollte, welche die Gesandten von England und Frankreich in Constantinopel bei jedem solchen Anlasse gegen die nordischen Mächte gemacht haben. Kommt Zeit, kommt Nath. Zu einem europäischen Kriege wird wohl von keiner Seite gerechter Anlaß gegeben werden, und die Integrität dcS osmanischen Reiches erscheint Oesterreich ohne Zweifel so heilig, wie den Regierungen von England und Frankreich. Die beunruhigenden Nachrichten, daß Kaiser Nikolaus seine Truppen in die Do- naufürstenthümer einrücken lassen wolle, oder sogar den Befehl schon dazu gegeben habe, sind unbegründet. Bis jetzt ist eine solche Absicht des russischen CabinetteS den befreundeten Regierungen mit keiner Sylbe kundgegeben worden, waS doch insbesondere in Bezug auf Oesterreich gewiß der Fall gewesen wäre, dessen nächste Nachbarschaft so wesentlich dabei betheiligt ist. Wie gesagt, keine Macht kann vernünftiger Weise einen Krieg wollen.
Die N. Pr. Ztg. bringt in einer Stettiner Korrespondenz vom 1. Juni nach Angabe eines sehr unterrichteten und seiner Stellung nach sehr bevorzugten Russen folgende, am Hofe zu Petersburg vorherrschende Grundansichten über die orientalische Frage. Rußland will den Krieg nicht; es hat dem Frieden die größten Opfer gebracht; es hat die Ruhe in Europa herzustellen sich bemüht; allein es fühlt tief, wie vergeblich alle seine Anstrengungen gewesen sind. Man hat Rußland ein Paroli gebogen, es hat zu Niemand Vertrauen, auSgenömmen zu sich selbst. So wie die Sachen stehen, hat sich kein Staatsmann irgendwo zu rühmen, das Vertrauen Rußlands zu besitzen. Rußland
ist jedoch sehr geneigt, seine Feinde mehr zu respectiren als seine Freunde; es stimmt mit den ersteren in der Ansicht überein, daß ein ehrlicher Krieg besser sei als ein schimpflicher Friede. Demungeachtet sei der Kaiser zu religiös, um die Verantwortung für den Krieg aus sich zu laden. Er lasse sich mit Niemand in Intriguen ein und weise alle Vortheile zurück, die man ihm aufdringen wolle. Er lege nur Gewicht auf das, was England zu thun für gut finden wird. Von London allein erwarte er die Entscheidung der Frage. Das sei auch die Bestimmung der Sendung des Grafen Nesselrode, Englands wahre WilleuSmeinung zu erfahren. Alles Uebrige komme nicht in Betracht. Wolle England den Krieg, so würde es ihn haben. Der Kaiser habe den Fürsten Menczikoff abberufen, um endlich zu wissen, woran er sei mit einer Macht, die nur fremden Einflüssen gehorche. Damit sei der Krieg noch nicht erklärt; es werde nun auf das Benehmen der Türkei und Englands ankommcn. Die geringste Verletzung des StatuSquo der griechischen Kirche im Orient werde ein Casus belli für Rußland sein. Der Kaiser kenne kein Mittelding zwischen Recht und Unrecht. Er sei nicht geneigt, irgend welche Vermittlung anzunehmen. Der Stand der Frage allein entscheide. Diese Ansicht, wenn sie je in Petersburg gehegt wurde, scheint sich jetzt geändert zu haben, da Oesterreich (s. u.) mit Rußlands Zustimmung die Vermittlung der orientalischen Frage übernommen hat. Eine friedliche Lösung derselben dürste sonach außer Zweifel stehen.
Deutschland.
* Wiesbaden, 13. Juni. Gestern ist Se. Hoheit der Herzog in Begleitung I. Hoheit der Frau Herzogin nach Schloß Rumpenheim abgc- reist, um den Prinzen Friedrich Wilhelm von Hessen Hochf. Durchl. und dessen Hohe Gemahlin I. k. Hoheit die Prinzessin Anna von Preußen, welche zur Zeit sich dort befinden, zu begrüßen. Der Rückkehr Sr. Hoheit des Herzogs nach Biebrich wird heute Abend entgegengesehen.
Ihre Königl. Hoh. die ^r a u Großherzogin v on Darmstadt ist gestern Mittag mit dem Zug um 12 Uhr 40 Min. zum Besuch Ihrer K. Hoheit der verwittweten Frau Herzogin von Nassau hier eingetroffen und mit dem Zug um 2 Uhr wieder abgereist.
* Wiesbaden, 13. Juni. Gestern Vormittag wurde ein von hier gebürtiger Schuhmacherlehrling, der Bruder des vor Kurzem in dem Bach am Sonueubcr- ger Weg ertränkt gefundenen Mädchens in dem Wellritzbach, beinahe unter den gleichen Umständen ertränkt gefunden. — Gestern Vormittag war das hiesige Hospital in Feuersgefahr. AuS der vor einigen Tagen geräumten Dunggrube schlugen plötzlich Helle Flammen ans, die noch zu rechter Zeit wahrgenommen und gelöscht werden konnten. Wäre der AuSbruch zur Nachtzeit erfolgt, so hätte ein bedeutendes Unglück entstehen können. — Abends nach 10 Uhr wurde bei einer zwi schen Handwerksgesellen am Uhrthurm entstandenen I Schlägerei ein Schuhmachergeselle Namens Dingeldey von hier von einem Schneidergesellen Namens Simon mit einem Messer hinter das Ohr in den Hals gestochen, so daß dessen Tod binnen wenigen Minuten erfolgte. Der Thäter befindet sich in Haft. — Die Scribenten, über deren Stempeldicbstahl wir s. Z. berichtet haben, sind vom Hofgericht, der eine (H.) zu einem, der andere (W.) zu einem halben Jahr Correctionshaus ver- urtheilt und bereits nach Eberbach abgeliefert.
< Biebrich, 12. Juni. Heute Morgen früh bemerkte ein Bürger in seines Nachbars Hause Feuer. Auf den Hülferuf des Entdeckers eilten schnell die Nachbarn herbei und es gelang in kurzer Zeit das Feuer zu löschen. Zugleich bemerkten jedoch die Herbcigecilten, das eine absichtliche Brandlegung stattgefunden haben . müsse, da in verschiedenen abgeschlossenen Räumen des Hauses Brandspuren zu sehen waren. Auch war der Geruch einer Fettigkeit vorherrschend, der vermuthen ließ, daß dadurch die Entzündung geschehen und befördert worden sein könne. Die Besitzer des Hauses, zwei Brüder, welche so sehr zurückgckommcn waren, daß sie Nichts mehr besaßen, wurden sofort verhaftet und nach Wiesbaden gebracht. Es ist erfreulich, daß schnell genug ein Unglück abgewendet worden ist, zugleich aber auch bedauernswerth, — sollte sich die vermuthliche Brandstiftung bestätigen — daß Menschen so leichtsinnig das Leben und Eigenthum ihrer Mitmenschen in Gefahr bringen können.
Q Bad Ems, 11. Juni. Heute Nachmittag
trafen Sr. f. Hoh. der Prinz Friedrich Wilhelin von Preußen, von einem Adjutanten begleitet, zum Gebrauch' der Kur hier ein, und stiegen in den bereit gehaltenen Gemächern im herrschaftlichen Kurhause ab. Das, MusistorpS brachte dem hohen Gaste des Abends eine; Serenade. — Die 10te Kurliste vom 11. Juni zählt 630 Kürfremde.
Frankfurt, 11. Juni. In Folge eines kleinen. Unfalls der Locomotive, welche aus den Schienen fam,' wurden gestern Mittag in dem Bahnhof von Sachsenhausen mehrere Personen leicht verletzt.
Das Polizeiamt hat die sichere Nachricht erhalten, daß dem Thierbändiger und Menagcrieinhabcr Kreutzberg eine Hyäne nicht entlaufen sei und stellt sich somit das Gerücht, als sei eine Hyäne in den nahen Waldungen gesehen worden, als eine müßige Erfindung heraus.
Freiburg, 8. Juni. (B. L.»Z.) Sicherem Vernehmen nach hat die auf den Gestrigen festgesetzte Ankunft der Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz einen Aufschub erfahren, da einer der geistlichen Oberhirten in dieser Woche zu erscheinen verhindert war. Die Ankunft sämmtlicher Herren wird nunmehr unwiderruflich am 13. Juni erfolgen.
Ulm, 9. Juni. Selten noch ist der Verkehr auf unserer Donau so lebhaft gewesen, wie in diesem Jahre seit Beginn der regelmäßigen sogenannten Wiener Or- dinarifahrten. Unsere Schiffleute können diesmal fast nicht genug Fahrzeug auftreiben, um die Güter hinab nach der Kaiserstadt zu befördern. ES ist hauptsächlich einè Masse Tabak und Kaffeeballen, welche zur Zeit unsere Schiffe nach Oesterreich führen.
München, 8. Juni. Neuen Berichten aus Oldenburg zufolge reist Ihre Maj. die Königin Amalie von Griechenland erst am 26. d. M. von dort über Wien und Triest nach Griechenland zurück. Die Reise Sr. Maj. des Königs Otto von Griechenland nach Karlsbad dürfte wohl durch den Stand der Dinge im Orient einigen Aufschub erleiden, oder vielleicht gänzlich unterbleiben.
Arolsen, 7. Juni. Der Marquis Dufressange hat die neu eröffnete Pyrmonter Bank, für die jährliche Abgabe von 2000 Fr.d'or an den Fiscus, gepachtet, und ist dabei noch darauf eingegangen, eine ansehnliche Summe zur Verschönerung Pyrmonts beizusteuern.
Eutin, 3. Juni. Heute ist der Erzherzog Ste, phan von Oesterreich, der Bruder der kürzlich mit dem Herzog von Brabant verlobten Erzherzogin Marie, hier angekommen.
Berlin, 11. Juni. Der Beginn der Z oll verein conferenz ist auf den 4. Juli anberaumt. Gestern hat die Regierung die Einladungsschreiben abgeschickt. — Nach dem C. B. wird die besprochene Ermäßigung der Eisenzölle, welche auf Antrag Preußens Gegenstand der Conferenz-Debatten werden soll, nur als eine mäßige bezeichnet. Wenn die National-Zeit gut unterrichtet ist, so wird in den Motiven dieses Antrags der Nachweis geführt, daß die zollvereinsländische Eisenindustrie unter einer Redaction des Eingangzolles nicht leiden werde (?) Eine Herabsetzung der Wein-Transitsteuer wollen die Negierungen Baierns und Nassaus in Vorschlag bringen. Nassau hat übrigens den Antrag wegen einer ausgedehnteren Statistik der Zollvereins-Verhältnisse ausdrücklich seiner Beitrittserklärung zu den Zollvereins-Verträgen hinzugefügt. — Nachträglich sei noch bemerkt, daß von mehreren Blättern mit Uebereinstimmung der zweite Jul als Termin für den Zusammentritt der Konferenzen angegeben wird.— Es wurde sagt die N. Pr. Z. bisher in der Presse übergangen, daß die jüngste Kirchen-Conferenz zu Eisenach auch eine Ansprache an die „protestantische Kirche" erlassen, welche das Verhalten der protestantischen Geistlichen innerhalb des confesionelleu Zwiespalts betrifft.
Dresden, 9. Juni. Die Großfürstin Marie von Rußland, verwittwete Herzogin von Leuchtenberg, ist in Begleitung ihrer beiden jüngern Prinzen. (Sergei und Georg) gestern Abend von Petersburg cm getroffen. Das Ziel der Reise ist Stuttgart und der Zweck derselben der Gebrauch einer Badekur in Cannstadt.
Wien, 8. Juni. Der durch seine Sendung nach Constantinopel vielfach genannte FML. Graf Le in engen, Gouverneur von Krakau, ist mittelst Telegraphen hierher berufen worden und dürfte dieser Tage hier eintreffen. Wie verlautet, soll derselbe mit einer abermaligen Mission, diesmal nach dem Norden und zwar nach St. Petersburg, betraut werden. Worin diese Mission bestehen soll, darüber gibt eS nur Vermuthun-