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Nassauische Allgemeine Zeitung

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TVr 131. Dienstag den 7. Juni 1SS3«

DieNassaulschr Allgemeine Zeitung" mit dem belietristifchen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sdnntagâ ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiâ für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang deâ.Tbur». und TariS'fchen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des PoffanffchlagS 2 fL, für die übrigen Länder de« V.-utsch«Ssterreichischen PostvereinS, wie für da» Ausland 2 fl. 21 fr. Inserate werden die vierspaitix PeUtjeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Amtlicher Theil.

Dienst nachrichteu.

Seine Hoheit der Herzog haben den Kauft mann Philipp Wilhelm Roggenbach zn Rotterdam zum Konsul für das Königreich der Niederlande zu er­nennen unb dem Ministerial-Assesor Odern Heimer den Dienstcharaktcr als Bergrath zu ertheilen geruht.

Dem Caplan Zachariä zu Eberbach ist daS Pfarrvicariat zu Dornholzhausen und dem Psarrvicar Hardt zu Merzhausen die Caplanei zu Eberbach über­tragen worden.

Nichtamtlicher Theil.

Jur orientalischen Frage

Wiener Briefe in der Kreuzzeitung behaupten wiederholt: das österreichische Cabinet werde sich in der türkischen Frage ganz neutral verhalten. Besser be­zeichnet man die Stellung wohl, wenn man sagt: das Wiener Cabinet wartet ab. Im Grunde thut dieß ja auch England, und gerade die Times, die am lautesten sich vernehmen läßt, räth die stillste Politik an. Aus verschiedenen Tonarten spielt sie ein und dasselbe Thema; ihre heute russenfreuudlichen, morgen russenfeindlichen Artikel beweisen nur Eins: daß die englische Handels- und Jndiistriewelt, deren Organ die Times ist, das Schreckbild des Krieges sich so fern als möglich halten möchte. Deßwegen tröstete sie gestern die Engländer mit dem maßvollen Gerechtigkeitsgefühl des Czars, und sucht den Czar selbst heute mit dem Brand zu schrecken den er über ganz Europa entzünden könnte, erklärt endlich: genau besehen, habe England gar kein bren­nendes Interesse an der Sache; Oesterreich und Preu­ßen würden von Rußland bedroht, nicht England. Die Times, sagt die A. A. Z., weiß recht gut wie schwach alle diese Argumente sind. Sic sind auch nur auf eine Wirkung von vierundzwanzig Stunden berechnet, bis bS Ereignisse weiter helfen. Rußland fordert.tULVer- bürgung der den griechischen Christen längst zustehenden Rechte durch einen Vertrag. Dagegen kann Oesterreich sich nicht 'erklären, da es eben für die Christen in Bos­nien, Albanien und Montenegro ein ähnliches Schutz­recht begehrt und durchgesetzt hat! Unb man weiß wie England sein Schutzrecht von je geltend gemacht hat. Stehen hinter den billigen religiösen Forderungen un­billige politische, so wird man die unbilligen gewiß nicht dadurch beseitigen daß man die billigen verwirft; im Gegentheil würde die Verwerfung von diesen Rußland die "Brücke bilden zu jenen zu gelangen. Auch die Plaue der ungarisch-polnischen Revolution, mit welcher man in England liebäugelte, faßten die slavischen Gebiete der Donanfürstenthümer, Bosniens und Serbiens iuö Auge, daher die Waffunng aller Serben gegen das Projcct eines ungarischen Reiches, das vom Marchfeld bis zu den Ausläufern des Balkans laufen, und auf der andern Seite, über das adriatische Meer- dem Italien Karl Alberts. oder Mazzini'S die Hand reichen sollte. Die­ses Projcct war nicht etwa ein stiller Traum, sondern es waren offen dargelegte Entwürfe der Kosiuth'jchen Re­gierung, welche zuletzt (wie Szemere in seinem Werk dar­legt) das Ganze in die Hand des Herzogs von Leuchten­berg oder eines andern russischen Prinzen legen wollte, wozu bereits eigene Staatöacte ausgefertigct waren. Diese Plane wurden durch die österreichischen und rus­sischen Waffen niedergeschlagen, aber alle jene Journale und jene Parlamentsmitglieder, welche Kossnth das Wort reden, prophezeien ja das Wiederaufleben der ungarisch-polnischen Revolution, und der italienischen da­zu. Wie man auch darüber denken möge, so begreift ein Kind, daß Oesterreich wegen jener Forderungen für Emancipation der Christen des türkischen Reichs nicht den Krieg an Rußland erklären kann. Daß die ganze Lage so geworden, daran ist vor allem England Schuld. Hätte England bei dem ungeheuren slavischen Gewicht, welches Rußland in die Wagschale wirft, das an Zahl gleich zahlreiche, an Rührigkeit und geistiger Beweglich­keit unendlich mächtigere griechische Element zu schirmen und großzuziehen die Einsicht und den Muth gehabt, so hätte es Rußland ein Gegengewicht bieten können, das ihm für immer unmöglich gemacht hätte, seine Zelte vor Konstantinopel aufzuschlagen. So aber hat Eng­land die Landsleute Kondurioti's mit derselben klein- krämerischen Eifersucht behandelt, wie einst die Lands­leute Washingtons, cs hat sic verhöhnt, mißhandelt, niedergetreten wo es konnte, und die,Presse des liberalen

Spießbürgerthums in London wie in Köln und Bres­lau hat Beifall dazu geklatscht. So steht England im weiten Umkreis der Levante ohne Sympathie als etwa die der Türken, deren Reich durch Reformen zu ver­jüngen , wenigstens erhaltungsfähig zu machen, Strat- fort-Redcliffe selbst noch vor wenigen Wochen für eine Täuschung erklärt hat, von der er zurückgekommen sei. Wenn die Times von der Sulina-Mündnug spricht, so hat sie vergessen, daß die zur Ausführung gelangenden Eisenbahnen nach Kostendsche (der Spitze des alten Trajanschcn Walls) und von Belgrad nach Konstantinopel die Versandung der Donaumündung zn einer secundären Frage machen. Das Schiencnnctz, mit welchem Oesterreich Ungarn und das Banat bedeckt, erobert und sichert seinen Einfluß auf die unteren Donauländer auf viel dauerhaftere Weise, als große Armecu, wie sie einst Prinz Eugen unb Max Emanuel vor Belgrad geführt. Mag mau da immerhin dcclamiren: jene Länder vertauschten nur einen Despotismus mit dem andern man frage nach, wie das Grundeigenthum in Ungarn im Donaugebiete auf das Doppelte, in der Moldau und der Walachei zum Theil auf das Fünf- und Sechsfache gestiegen ist, seitdem die Dampfschiffe dort den Verkehr vermit­teln man frage nach alledem und berechne die Win- kung der Eisenbahnen und des allmählichen Wiederein­tritts der Serben, Griechen, Walachen, nach unb nach auch der Bosnier und Bulgaren, (die Zahl der Bulga­ren, die in Oesterreich, Deutschland, Italien unb Frank­reich wissenschaftlich oder in höheren Gewerben beschäf- I tigt sind, ist nicht gering) in mehr oder minder selbst­ständigen Staatengcstaltnngcn, so gewinnt man ein an­deres Bild von der dort neu entstehenden Welt als die nebelhafte Phantasie eines rheinischen Blattes von einer Erhaltung der Türkei auf viele Jahrhunderte" zu geben vermag. ___________

Deutschland.

Wiesbaden, 7. Juni. Die Regierung hat einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, wonach die kleineren Fälle von Strafsachen , welche bisher vor die Schwur­gerichte fameiL, öffentlich und mündlich mit Auklagever- fahren, jedoch nicht durch ßtefcbTtronre, -sondern durchs einen aus dem Hofgerichtspersonal gebildeten Gerichts­hof entschieden werden sollen. Dieser Gesetzentwurf wurde der zweiten Kammer in der Sitzung vom 4. d. übergeben und von dieser an eine Commission, bestehend aus den Abgeordneten Braun, H a l b ey unb. Reichman, verwiesen.

* Wiesbaden, 6. Juni. (Assisenverhandlung gegen Christian Löcher von Langenschwalbach, wegen Meineides.) Der Angeklagte wurde von den Geschwor­nen für schuldig befunden unb vom Assisenhofe zu zwei Jahren Corrcclionshaus und zur Bezahlung der Untersuchungskvstcn im Betrage von 40 fl. 22 kr. ver- urtheilt.

(Assisenverhandlung gegen Peter Kast lein er von Medenbach, wegen Diebstahls.) Peter Kastlein er, 21 Jahre alt, Schuhmachergesellt, ist angeklagt, seinem Vater aus einem Zimmer nach gewaltsamer Erbrechung der Thüre dort aufbewahrte Kleidungsstücke im Werth von 21 fl. 9 fr. gestohlen zu haben. Der Angeklagte wurde von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Assisenhofe zu einer Corrcctionshausstrafe von 1% Jahre verurtheilt. Die Kosten betragen 42 fl. 50 fr.

* Wiesbaden, 7. Juni. (Assisenverhandlung ge­gen Beruh. Gictz und dessen Ehefrau zu Erbach wegen Unterschlagung.) Beruh. Gietz, 50 Jahre alt, Bäcker und dessen Ehefrau Josephe geb. Münch sind ange­klagt, nach ausgebrochenem Coucurs ungeachtet des von ihnen am 22. November v. I. vor der H. Landober schultheiserei zu Eltville geleisteten Offenbarungseides bei Jnventarisiruug ihres Vermögens mehrere Gegen­stände znm Nachtheile ihrer Gläubiger bei Seite ge- 1 schafft zu haben. Den Vorsitz führt Assisenpräsident Flach, die Staatsbehörde vertritt Staalsprocurator- Snbstitut v. Reichenau, den Angeklagten verthei­digt Procurator Dr. Großmann.

* Wie das F. I. meldet, wurde am 31. Mai in Rüdeshei m der Grundstein zu einer neuen prote­stantischen Kirche gelegt, zn welcher der Fonds durch freiwillige Beiträge der Bewohner des Herzogthums, besonders der reichen Gutsbesitzer unsers Gaues, auf­gebracht wurde.

Dillenburg, 4. Juni. (Assisenverhandlung gegen Johann Hübinger von Holler, wegen Körper- Verletzung mit tödtlichcin Erfolg.) Präsident: Hr. Hof- gerichtsrath von Reichenau; Staatsanwalt: Hr. As-

cssor Gieße; Vertheidiger: Hr. Procurator Schenck- Johann Hübinger aus Holler, Amts Montabaur, 23 Jahre alt, ist angcklagt, am Abend des 4. April v. I. dem Schuhmachergesellen Johann Schneider derart auf den Kopf geschlagen zu haben, daß er in Folge dessen in der Frühe des andern Tages verschied.

Wie aus den Verhandlungen hervorgcht, stand der Schuhmachergeselle Johann Schneider zu der Magd des Gemeinderechners von Holler in vertrautem Ver­hältnisse. Der Angeklagte hatte in früherer Zeit in gleichem Verhältnisse zu ber genannten gestanden und mochte cs wohl ungern sehen / daß ihn Schneider ver­drängt hatte. Er hatte aus diesem Grunde dem Schnei­der Rache geschworen und sich auch an mehreren Orte» ansgedrückt, er werde Schneider bald einmal über die Klinge springen lassen n. dgl. Am Nachmittag des 4. Aprit hatte Schneider schon mit Hübinger im Wirths­haus, wo sie in Gemeinschaft mehrerer Burschen bei­sammen waren, einen kleinen Zwist, wobei ihm mit Schlägen gedroht wurde, doch kam cs hier zu keinen weiteren Thätigkeiten. Schneider ging von hier aus üt die Wohnung des Rechners, wohin auch Hübinger in Begleitung eines andern Bursche» später kam. Sie un­terhielten sich hier in Gesellschaft des Rechners und der Magd ganz freundschaftlich bis 10 Uhr Abends, zu welcher Zeit sich Hübinger und der andere Bursche ent­fernte. Kurze Zeit hierauf entfernte sich auch Schneider und wurde nun auf der Straße von Hübinger, der ihn erwartet hatte, angcfallcu und mit Schlägen mißhandelt. Schneider ging nach Hause und ließ sich von seinem Meister mit einem Lichte den Kopf, der ihn schmerzte, untersuchen, doch fand man nur eine unscheinbare Ver­letzung. Der Meister verband ihm den Kopf mit "ei­nem Tuche und Schneider legte sich hierauf zu Bette, wo ihn sein Meister am andern Morgen, als er ihn zur Arbeit wecken wollte, tobt fand. Dieß ist kurz der Hergang des Verbrechens. Der Angeklagte leugnet das Verbrechen nicht, und wird von den Geschwornen für schuldig befunden, von dem Assisenhofe zu fünf Jah­ren Zuchthaus und zum Ersatz der Untersuchungskosten verurtheilt.

Dari«stabt, 5. Juni. Man vernimmt ans Mainz, daß der Abgeordnete Müller-MelchiorS, nachdem die Hälfte seiner zweimonatlichen Strafhaft abgelanfen, am 1. b. M. auch der Untersuchungshaft unterworfen wurde. Jene Strafe wurde ihm znerkannt, weil er seine Rede in der Zollvereinsfrage in derN. Mainz. Ztg." wieder hatte abdrucken lassen. Die neue Anklage hält fest, daß er jene Rede in Gestalt eines Schrist- cheus verbreitet habe.

Mannheim, 2. Juni. (D. Reichs-Ztg.) Der großherzogliche Staats-Anwalt hat jetzt durch officielle Eingabe an das Hofgericht aus weitere Verfolgung der Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahr­hunderts" und ihres Verfassers Gervinus verzichtet.

SchönaU bei Heidelberg, 31. Mai. (B. L.-Z.) Unser kleiner Ort ist gestern nicht wenig in Aufregung versetzt worden. Um 5 Uhr Morgens erschienen aus der Oberamtsstadt Heidelberg der Polizeicommiffâr Benzinger und Gensdarmeriebrigadier Keim und bega­ben sich ungesäumt in die Behausung des Altbürger- Meisters Reimbold. Nach einer Stunde etwa verließen jene Herren wiederum das Haus, nachdem solches sorg­fältig durchsucht worden war. Das Ergebniß dieser Untersuchung ist ein bedeutender Fund von Schuß- und Hiebwaffen aller Art, auch mehreren Dolchen, sowie einer beträchtlichen Quantität Pulvcr, Kugeln u. s. w. Daß der Altbürgernicister sofort zur Verwahrung in die Amtöstadl kam, ist natürlich. Die frühere Amts­führung desselben fiel in die vielbewegte Periode 1848.

München, 3. Juni. Herr v. d. Mordten hat seit einigen Tagen das dem Herzog Max gehörige und von Sr. köuigl. Hoheit dem Herrn Ministerpräsidenten freundlich znm Landaufenthalt angebotene Schloß Die- dersteiu im englischen Garten bezogen und wird den Sommer über mit seiner Familie dort wohnen. I Hoftbcater-Jutendant Dr. Dingelstedt ist seit vorgestern von seiner Reise nach Paris wieder hieher zurückgekehrt. Seit gestern sahen wir die ersten Kirschen auf un­serm Markte. Aber noch immer sind die Morgen un- , gewöhnlich kühl. Die Beiträge, welche bisher schon für das projeelirte StandbildWestenricdcrö" einge- flossen sind, reichen zwar noch nicht hin, die Kosten desselben zu decken, allein sie sind bereits so bedeutend, ' daß in einem voraussichtlich kurzen Zeitraum alle Kosten gedeckt sein werden.

Einige hier lebende junge Schweizer sind unver- mutzet zum Militärdienst einbe.usen worden, und i