Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Nassauische Allgemeine Zeitung.

E FSS

Samstag den 4. Juni

18» r.

Die,,Nassauische Allgemeine Zeitung" m dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang deS Tburn- und TariS'schen BerwaltungSbezirkS mit Inbegriff deS Postaufschlags 2 ft, für die übrigen Länder deS deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 kr. Inserate werden die »ierspallix Petitzeile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auâwärtS bei den uâchstgeltgenen Postämtern, zu machen.

Amtlicher Theil.

Dienstttachrichten.

Lehrer Doegen an der zweiten Abtheilung der Elementarschule zu Wiesbaden ist auf sein Aniuchen aus dem Schuldienste entlassen, Lehrer Türk zu Schier- steiii zum Lehrer au der zweiten Abtheilung der Ele­mentarschule zu Wiesbaden, Lehrvicar du Fais zu Heßloch zum Lehrer in Schierstein ernannt und mit Versehung der Lehrvicarstelle zu Heßloch der Schulcan- didat Caspari von Rennerod beauftragt worden.

Wchtiimtlicher Theil.

Jur xmcnhilifdjat Frage

* Rußland, so behauptet dieZeit" hat kein Ultimatum gestell t. Man dürfe nicht ver­gessen , daß der ostensible Zweck der Sendung des Für­sten Menczikoff, der in den amtlichen Erklärungen des Petersburger Cabinets als der Hauptsächlichste vorange­stellt wurde, kein anderer aber, als die Herstellung des durch die neueste Übereinkunft mit Frankreich verletzten Besitzstandes in Bezug auf die heiligen Stätten des ge­lobten Landes sei. Dieser Zweck war bereits vollständig erreicht, alâ die Unterhandlungen über andere Puncte begannen, die, wenn sie auch eine ungleich größere po­litische Bedeutung hatten , doch von dem Petersburger j Cabinette schon dadurch, daß sie nur gelegentlich und in zweiter Reihe geltend gemacht wurden, als sol­che bezeichnet waren, auf die man von russischer Seite wenigstens augenblicklich einen geringeren Werth legte und die man daher mehr als eine Sache des freund­lichen UebercinkommenS betrachtete. Wenn auch Fürst Menczikoff später trotz der ersten Weigerungen der Pforte auf seiner Forderung beharrte, und wenn er wiederholt eine Frist bestimmte, innerhalb welcher er eine zustimmende Antwort erwarten wollte, so könne man in diesem Verfahren zwar eine schwarze Praxis, ein star­kes Drängen, aber noch kein eigentliches Ultimatum sehen, sofern man unter einem Ultimatum eine peremp­torische Forderung verstebt, mit welcher die Drohung verbunden ist, das die Zurückweisung als ein Grund zur Kriegs-Erklärung oder als ein Casus belli betrach­tet werden würde. Von einer solchen Drohung habe bis jetzt nichts verlautet, da die Anzeige, auf welche Fürst Menczikoff sich beschränkt hat, daß er im Falle der Ablehnung Constantinopel verlassen würde, wenn auch nicht allzu freundlich, doch immer noch weit ent­fernt von der Androhung einer KriegsErklärung sei. Die diplomatischen Schiebungen werden auf einige Zeit unterbrochen bleiben, um später wieder ausgenommen zu werden. Dasselbe ist bekanntlich auch im Jahre 1849 ge­schehen, nachdem das Petersburger Cabinet sich über­zeugt hatte, daß die damals von ihm erhobene Forde­rung einer Auslieferung der Flüchtlinge, wenn dieselbe in ihrer vollen Strenge aufrecht gehalten worden wäre, zu einer ernsten Gefährdung des allgemeinen curopäi- chen Friedens geführt haben würde." Uns scheint diese Ansicht der Sachlage am meisten zu entsprechen. Es liegt übrigens ein völliges i Chaos der verschiedensten An­sichten und Gerüchten vor. Wir theilen die Hauptsächlichsten mit. So wird der A. A. Ztg. von der polnischen Grenze geschrieben:Es ist in der That auffalleud, daß die englischen uno französischen Blätter erst jetzt an­fangen , die orientalische Frage mehr verwickelt zu fin­den und eine blutige Lösung für möglich zu halten. Wir an der Grenze des russischen Reiches haben längst ge­wußt, daß die Sachen anders standen, als die Zeitun­gen des Westens sie schilderten und die polnischen Blät­ter, die, wie die Folge gezeigt, immer sehr gut unter­richtet waren, haben cs gar nicht Hehl gehabt, daß die Wirren immer bedenklicher wurden. Hier hegt Nie­mand, der eines politischen Urtheiles fähig ist, mehr einen Zweifel, daß Rußland den Zeitpunct für geneigt ansieht, seine Aufgabe im Osten zu erfüllen und daß es auch keineswegs geneigt ist, die in der Stille so beharrlich betriebenen gründlichen Rüstungen umsonst gethan zu haben. Ja, man glaubt, und wohl mit Grund, daß ein gänzliches Nachgeben seitens der Pforte dem Petersburger Cabinette keineswegs willkommen sein dürfte und daß letzteres lieber eine Kathastrophe her­beigeführt sehen möchte. Kaiser Nikolaus ist sicher der Mann, seine politische Aufgabe richtig zu erkennen und zu erfüllen: was Peter der Große zuerst erkannt, und was er und Katharina II. mit Erfolg angebahnt, wird Nikolaus aller Wahrscheinlichkeit nach zum Austrage

bringen. Rußland, so groß und mächtig es ist, ist nicht geschlossen, so lange die beiden großen Wasserstraßen, die seine ganze politische Bedeutung bedingen, noch von fremden Mächten gesperrt werden können. Darum wird der Czar Alles daran setzen, die Herrschaft über den Sund früher oder später zu gewinnen, und ebenso und noch mehr über den Bosporus und die Dar­danellen. Offenbar ist die Entscheidung der Differenz aus guten Gründen bis jetzt hingehalten worden, und daher bald Rüstungen Truppcnmärsche, bald Waffen­ruhe und Stillstand, ohne daß einzusehen war, warum? Die Griechen in Constantinopel und der übrigen Tür­kei sind' fest überzeugt, daß die Zeit nicht mehr fern sei, wo der Halbmond auf der Hagia Sophia dem Kreuze Platz machen werde. DerFrankf. P. Z." wird wieder aus Wien aus angeblich zuverlässiger Quelle berichtet, daß vor kurzem neue Erklärungen aus Petersburg eingelaufen sind, in welchen wiederholt gesagt wird, daß die Erhaltung des europäischen Friedens eine der Haupt­aufgaben der russischen Politik sei. Man glaube sich darum überzeugt halten zu dürfen, daß die Verhand­lungen in Constantinopel in nicht allzuserner Zeit wie­der angeknüpft werden, und hofft, daß die Anwesenheit des Freiherrn von Bruck in der türkischen Hauptstadt nicht ohne entscheidenden Einfluß auf einen befriedigen­den Ansgang der Verhandlungen sein werde. Der kais. russische Gesandte in Paris, Graf Kisseleff, soll dagegen fortwährend versichern, daß sein kaiserlicher Herr von seinen Forderungen nichts Nachlassen werde. In einer angeblich bei der russischen Gesandtschaft eingetragenen Depesche soll es heißen:Rußland ist entschlossen auf die insolente" Weigerung der Türkei mit Kanonen zu antworten." DerCorriere italiano" will wissen, daß der russische Kaiser sich nach Odessa und den Häfen am schwarzen Meere begeben werde. In dem City- Artikel derTimes" heißt es: Die Nachricht von der Abreise Menczikoff's hatte ein Sinken der Course zur Folge. Man glaubt noch immer, Rußland könne keine Kriegserklärung beabsichtigen, fürchtet aber, daß Menczi- koffs Abreise die Folge haben werde, daß die Ange­legenheit sich in die Länge ziehe. In der Pariser Cor- spondent derTimes" heißt es: Als die Repräsen­tanten der Großmächte, von welchen der Moniteur spricht, bei dem Fürsten Menczikoff Schritte thaten, um eine Versöhnung hcrbcizuführcn, erwiderte der russische Bot­schafter, daß er nach Constantinopel in außerordentlicher Mission geschickt worden sei und daß, nachdem dieselbe gescheitert, er hier nichts mehr zu thuen habe; alle wei­teren Vorschläge müßten demnach dem ihm nachfolgen­den Gesandten gemacht werden. Sind diese Einzel­heiten richtig, so wurde daraus folgen, daß die Unter­handlungen wahrscheinlich wieder ausgenommen werden.

Nach dem Moniteur, welcher bis zum 19. reichende Nachrichten veröffentlicht, hat die Pforte kein mit ihrer Würde verträgliches Mittel unversucht gelassen, um den Fürsten Menczikoff zu milderen Ansichten und Forder­ungen zu bewegen. Es scheint jedoch bei ihm System gewesen zu sein", unerschütterlich bei dem Verlangten zu beharren. Bevor er Constantinopel verließ, erklärte er noch,daß jede Beeinträchtigung des Status quo der morgenländischen Kirche einer Verletzung der zwischen den beiden Regierungen bestehenden Verträge gleich be­trachtet werden und den Kaiser Nicolaus nöthigen würde, Mittel in Anwendung zu bringen, die er um jeden Preis gern vermieden hätte". In Berlin neuerdings aus Petersburg eingeborene Nachrichten lassen mit Bestimmtheit annehmen, daß Rußland seinen in Cvn- ftantinopel eingenommenen Standpunkt im Wesentlichen festhalten werde. Namentlich soll von Seite des Kai­sers Nicolaus keinerlei DcSavouemcnt der vom Fürsten Menczikoff in der türkischen Hauptstadt getanen Schritte zu erwarten stehen. Trotzdem bleibt die Erwartung einer friedlichen Lösung der Streitfrage vorherrschend. Ein Korrespondent derN. Pr. Ztg." ertheilt den gut gemeinten Rath, die orientalische Frage nicht durch die französisch-englische Brille zu betrachten. Die französisch-englische Politik ist unbedingt eine schiefe, denn sie gründet sich auf eine Hypothese, und zwar aus die Hypothese, daß Rußland die Absicht habe, Constan­tinopel zu erobern. Diese Hypothese aber ist falsch, Rußland denkt, für jetzt wenigstens, nicht im Entfernte­sten an eine Eroberung Constantinopcls. Der Corre- spondent weist nach, daß durchaus keine Vorbereitungen zum Kriege getroffen seien. In Odessa befänden sich weder Proviantvorrâthe noch Arsenale. Inden deutschen Journalen herrsche völlige Unklarheit über die Zustände in Constantinopel. Rußland, sagt der Korrespondent, hat hier nie ein Ultimatum übergeben lassen, nur I

die Unkenntniß diplomatischer Formen konnte das be­haupten. Ferner hat Rußland von der hohen Pforte niemals die Anerkennung eines förmlichen Protektorats über die griechischen Unterthanen des Sultans verlangt. Rußland hat nichts weiter ver­langt^ als daß ihm dieselben Rechte in Bezug auf Vie griechischen und armenischen Christen eingeräuMt würde, die der Sultan den Franzosen Bezug auf die römisch-katholischen Christen eingeräumt hätte. Cs ist fast komisch, daß man dieses Verlangen vön England, von Frankreich bestreiten sieht. Die Pforte selbst hat Rußland auch sofort das Ver­sprechen gegeben, ihm diese Rechte einzuräumen, sie wei­gert sich nur, dieses ihr Versprechen in verbindlicher Form abzügeben. Gestern nun hat Fürst Menczikoff, der übermorgen früh nach Odessa reisen wird- ich lege mit Absicht den Ton darauf: nach Odeffa, nicht nach St. Petersburg reisen wird der hohen Pforte eine Verbal-Note übelgeben lassen, in welcher er erklärt: man müsse voraussetzen, daß Jemand, der sich weigere, ein Versprechen in verbindlicher Form abzugeben, überhaupt gar nicht die Absicht habe, seine Versprechen zu .halten, deßhalb halte er weitere Verhandlungen für unnütz n. s. w. Die Note enthält weder eine Drohung, noch sonst irgend etwas Kriegerisches, und es gehört das ganze entétement französischer und englischer Jntereffen-Politik dazu, um ein so ungeheures Aufsehen von einer diplomatischen Verhandlung zu machen, die so vollständig regelmäßig in ihrem ganzen Verlauf war wie diese, (s. d. n. N.)

Aetttschlaud.

* Wiesbaden, 3. Juni. (Assisenverhanblung gegen August Höhn, Leonhard Dries und Wilhelm Dries, sämmtlich aus Rüdesheim, wegen ausgezeich­neten Diebstahls.) Die Angeklagten wurden von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Assi- senhose Aug. Höhn zu 9 Monaten Correctionshaus, Leouh. Dries zu 6 Monaten Correctionshaus und Wilh Dries zu 14 Tagen Gefängniß verurteilt. Di- Kosten betragen 75 fl. 48 kr.

* Wiesbaden, 4. Juni. (Assisenverhandlung gegen Karl Phil. Künstler von Wiesbaden wegen Meineides.) Karl PH. Künstler, 47 Jahr alt, Schwefelhölzerfabricaut, ist angeklagt, in dem zwischen ihm als Beklagten und Michael Perabo dahier als Ccssionuär des Heinrich Streicher zu Castel als Klä­ger wegen Forderung geführten Rechtsstreit am 19. Nov. 1851 vor dem hiesigen Herzogl. Justizamt einen Eid dahin , daß er von H. Streicher zu Castel 4000 Brettchen zum Einsetzen in die Rahmen zur Verfer­tigung von Schwefelhölzern nicht bestellt und angenom­men habe, wissentlich falsch geschworen habe. In der Untersuchung hat sich durch die Zeugenaussagen und das später erfolgte Zngeständniß des Angeklagten dar­gethan, daß die fraglichen Brettchen in dessen Fabrik abgeliefert, theilweise dort verwendet, theilweise wie Streicher zugibt, zurückgestellt .wurden.

Die Verhandlung leitet Assisen-Präsident Flach, die Staatsbehörde vertritt Staatsprocurator- Substitut von Reichenau, als Vertheidiger des Angeklagten Procurator Braun.

Frankfurt, 3. Juni. Der zum Nachfolger des seitherigen k. belgischen Gesandten am Bundestage Graf de Bricy designirte Baron von Dujardin ist gestern hier cingctroffen,

DaS Sammeln von Unterschriften auf Acten der Frankfurter Bank, welche noch gar nicht concessionirt ist, geht nicht von einer Seite auS, sondern wird von ver­schiedenen Seiten her betrieben. Um eS zu verstehen, schreibt man demDresd. I.", muß man wissen, daß die Actien in gleicher Weise auf alle Bürger Frankfurts verteilt werden sollen, so daß der Reiche nicht mehr erhielte als der Arme. Da cs jedoch den Armen an Geldmitteln fehlen wird, um die auf sie ent­fallenden Actien zu beziehen, so ist es erklärlich, daß die Spcculation, diesen Umstand in das Auge fassend, bei Zeiten auf die Unterschriftenjagd ausgeht. Es ist jedoch zu erwarten, daß die Leute noch rechtzeitig über die Vortheile der wirklichen Beziehung der Actien aufge­klärt werden und daß alsdann ein voreiliger Verkauf der Unterschriften sie nicht um die Vortheile bringen werde, welche aus der Beziehung der Actien erwachsen müssen.

Baron v. Haber hat letzten Montag seinen zweiten Proceß in London verloren, welchen er bei des Lord- mayors Court gegen den Lissaboner Banquier Ferrari eingeleitet hatte. Ferrari hatte im I. 1835 den An-