Nassauische Allgemeine Zeitung.
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Mittwoch heu 1. Juni
1833.
Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" m idem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumcrationspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang deS Thurn. und TariS'schen BerwaltungSbezirks mit Inbegriff des PostaufschlagS 2 st., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostoereinS, wie für das Ausland 2 st. 24 kr. — Auseratc werden die vierfpaltig Ketitjeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nachstgelegeneu Postämtern, zu machen.
Leitungsschau.
Jdeologismus und ruhiger Fortschritt. — Krieg oder Frieden?
** Der gestern erwähnte Artikel der „Oesterreichischen Correspondenz" über die Schriften des Generals v. Rado Witz lautet: „Die Erfahrung, namentlich in den letzten Jahren, hat vielfach gezeigt, daß Nichts größeren Schaden zu stiften vermag, als die Ausstreuung abstracter, unbestimmter, mannigfacher Deutung fähiger Sätze, mit denen unter dem Anschein blendender Weisheit den wohlfeilen Leidenschaften der Parteien geschmeichelt wird. Solcher Jdeologismus wird um so bedenklicher, wenn die Autorität eines bedeutenden literarischen oder politischen Namens hinzutritt, um ihm eine gewisse Folie zu verleihen. So z. B. begegnen wir in dem vierten Bande der „„gesammelten Schriften"" von J. v. Radowitz, Berlin bei Reimer, einem Passus, der als Brennpunkt zahlreicher bezüglicher Behauptungen und als Reflex verwandter Anschauungen einige berichtigende Worte jedenfalls in Anspruch nimmt. Es heißt daselbst: „„Europa wird seine dauernde Neugestaltung erst am Ende eines wcltcrschütternden Krieges finden. Nur dieser kann das blinde verderbliche Treiben der politischen Parteien enden und zugleich die particularistische Selbstsucht brechen. Bis dahin leben wir in Provisorien."" Man sieht, der Verfasser ist mit den Zuständen der Gegenwart nichts weniger als zufrieden. Aber auch in anderer Beziehung huldigt er der Meinung Derjenigen, welche nicht von der Bewahrung des Friedens, der Ordnung und der naturgemäßen Entwickelung der vorhandenen Elemente des Fortschrittes, sondern von den Wechselfällen des Zufalles und von erschütternden allgemeinen-Katastrophen das Heil der Welt erwarten. Wie die Männer des Umsturzes erblickt er nicht in den Segnungen des Friedens, der gebildeten christlichen Sitte und der Arbeitsamkeit die eigentliche Bestimmung des menschlichen Geschlechtes, sondern auch er verlegt das Ziel weit hinaus über die Grenzen menschlicher Sehkraft und vertröstet die lebenden Generationen mit der Hinweisung auf die Herrlichkeiten eines noch ungebornen Zustandes der Dinge. Auch er gefällt sich endlich in der Selbstvorspiegelung, die faktischen Verhältnisse nur als Provisorien gelten zu lassen und entkleidet sie dadurch der ihnen mit vollem Rechte gebührenden Achtung. — Solche Doctriucn sind nur geeignet, Verstimmung und Verbitterung der Gemüther zu erzeugen. Das Verdienst der Wahrheit und Tauglichkeit wird ihnen kein aufmerksamer Beobachter einräumen können. Wir wollen nicht hervorheben, daß eine dauernde Neugestaltung mit obligater allgemeiner Zufriedenheit und aufrichtiger Versöhnung der politischen Parteien dem Bereiche der .frommen Wünsche anzugehören scheint; denn die Geschichte bewegt sich nun einmal in steten Uebergängen und the'ilweisen Gegensätzen. Allein was wir entschieden zurückweisen müssen, das ist die trostlose Ansicht, es sei der Menschheit nicht gegönnt, auf den Bahnen des Friedens und der Ordnung durch unverdrossenes, ruhiges Streben fortwährend gedeihlichere Zustände zu erreichen. Seit den großen Wettkämpfen, welche im Beginne dieses Jahrhunderts stattgefunden haben, blieb Europa von den Leiden eines allgemeinen Krieges verschont, und man muß sagen zu seinem Glücke und Vortheile. Die echte Civilisation hat einstweilen reiche Ernte gehalten, der unermeßliche Aufschwung der materiellen Interessen ging parallel mit der Verfeinerung der Sitten und der geselligen Einrichtungen. Die Erfahrungen der letzten Jahren haben wesentlich beigetragen, das blinde verderbliche Treiben der politischen Parteien zu schwächen; die Einsicht, daß auf dem Wege der Parteiung nützliche Ergebnisse nicht zu gewinnen sind, verbreitet sich in wachsenden Kreisen; großartige Kräfte des Heils haben einen wunderbaren Ausschwung genommen , und arbeiten an der Saat christlichen Friedens für Gegenwart und Zukunft. Es ist dieses eine allen sichtbare, allenthalben mit Freuden begrüßte Thatsache, und so steht die Blindheit denn nur noch auf der Seite Jener, welche all dies nicht sehen mögen und mit einer eigenen Liebhaberei es vorziehen, vom Rückfälle in alte Sünden und Irrthümer, von Leidenschaft und Umsturz ein utipisches Besseres, den Feind alles Guten zu erwarten. Alle praktischen Geister und feineren Intelligenzen wenden sich mit Ueberdruß von solchen Lehren ab, die desto mehr von ihrer Anziehungskraft verlieren, je bitterer noch die Nachweheu ihrer früheren Geltung cm« Pfunden werden und je mehr die Überzeugung sich befestigt, daß Ordnung und Friede ausschließend die nor
malen und bcfriedigensten Zustände der menschlichen Gesellschaft bilden."
Ueber die orientalische Frage bemerkt die Allgemeine Zeitung: Noch nie waren Rußland die Verhältnisse günstiger entgegen gekommen. Frankreich würde, bei seinem finanziellen Schwindelsysteme, durch einen Krieg eine unermeßliche Verwirrung seiner ökonomischen Verhältnisse herbeiführen. Der Handel und die Industrie Englands verlangen ebenso den Frieden, während das englische Cabinet mit den Schwierigkeiten in America, China, Birma, Persien jso viel zu thuen hat, daß es Alles thuen wird, um nicht auch noch in einen Levantekrieg verwickelt zn werden. Oesterreichs Allianz von sich zu stoßen, hat es seit Jahren das Mögliche geleistet, und dem eigenen Cabinette, nicht dem österreichischen, muß die Times die Schuld der Verhältnisse in Italien zuschieben. Jetzt zeigt sich immer mehr, daß die Palmerstonsche Politik Niemanden genützt als Rußland und Frankreich, während auf dem wichtigsten Felde — dem mittelländischen und schwarzen Meere — England vergebens sich nach einem Bundesgenoffen umsieht. Alle Deklamationen der englischen Presse gegen die Ehrsucht Rußlands und was dergleichen mehr ist, sind da blose Worte, ja diese Worte werden geradezu lächerlich, wenn der Vorwurf der Habgier von England ausgeht, das in Europa die Schlüssel aller Meere besetzt hält, und in Asien ein Land nach dem andern in seine ungeheuere Tasche steckt. In der orientalischen Politik war Frankreich unter Napoleon L wie unter den I Bourbonen stets mehr mit Rußland als mit England zu gehen bereit, unter Ludwig Philipp ward es (1833 und 1840) allein gelassen, und was cs 1853 thuen wird, das ruht in der verschlossenen Brust Dessen, auf dessen Beistand wohl Niemand mit Sicherheit zu zählen wagt, als die Prinzessin v. Teba.
* * Der „Lloyd" und die „A. A. Z." erinnern an das Auftreten des Fürsten Menczikoff in Constantinopel. Nach der Entfaltung von so vielem Pomp und Glanz, nach der planmäßig vollzogeirrn Beleidigung eines der ersten türkischen Würdenträger, um ihn von seinem Posten zu verdrängen, nach der offenen Einflußnahme des russischen Botschafters auf die griechische Bevölkerung und die griechische Kirche, hatte sich Rußland selbst in eine Position versetzt, um einen großen Erfolg erringen zu müssen. Das Cabinet von St. Petersburg, sagt der „Lloyd", mußte längst auf Alles vorbereitet sein, was von Seite der Gesandten der westlichen Großmächte in Constantinopel geschehen ist, und cs hatte den sehr natürlichen Widerstand der hohen Pforte ebenfalls im Vorhinein berechnen können. Daß es nicht zum Rückzüge blasen würde, so bald diese unausbleiblichen, im Voraus leicht genug zu erkennenden Hindernisse sich darboten, war wohl mit Sicherheit zu erwarten. Die drohende Gefahr des Krieges scheint uns jedoch durch die Lage der europäischen Großstaaten aufgehoben zu sein. Weder England noch Frankreich nehmen jetzt die Position ein, welche es ihnen wün- schenswerth machen kann, für die Unabhängigkeit der Türkei eine Lanze zu brechen. Man wird streben, so milde Bedingungen wie möglich für die Türkei zu erhalten, man wird die hohe Pforte zu stützen suchen mit dem ganzen Aufwand aller diplomatischen, aber nicht mit dem Aufwande aller militärischen Mittel. Rußland wiederum hat keine Ursache den Bogen zu straff zu spannen. Eine große Concession, die das bloße Auftreten seiner Macht zuwege bringt, muß ihm jetzt lieber sein, als Zugeständnisse, welche nur durch seine Waffengewalt erobert werden können. Wir haben vor Woche» ' gesagt, daß die orientalische Frage jetzt in Permanenz erklärt ist, so lange wie sie eine europäische Frage verbleibt. Als eine asiatische Frage braucht sie ihrer Lösung nicht so schnell entgegenzugehen. — Auch der „Wanderer" glaubt den Verwickelungen in Constantinopel nicht jede Aussicht ans friedliche Lösung genommen. Der Wunsch der Pforte sei auf Erhaltung des Friedens gerichtet; die Haltung Englands sei nicht unschwer zu erfassen; einerseits suche der englische Botschafter eine allzu schroffe Haltung Rußland gegenüber zu vermeiden, andererseits habe er jede Mitwirkung Frankreichs abgelehnt, welches nun seinerseits völlig gelähmt sei. Zwar werde die Pforte sich allerdings nicht ohne alle Concessionen aus dieser Verwickelung ziehen können, aber dieselben können noch in Grenzen gehalten werden, welche ihr moralisches Ansehen nicht allzusehr schwächen: cs erübrige eigentlich nur die Form zu finden, in welcher die orientalischen Geschicke ihrem ruhigen, natürlichen Fortgange wieder anheim gegeben wer
den könnten, was vielleicht auch nicht mehr allzulange auf sich warten lassen werde.
Dettlschland,
* Wiesbaden, 31. Mai. (Assisenverhandlung gegen Wilhelm Schüler von Homberg, wegen Körperverletzung mit tödtlichem Erfolge.) Der Angeklagte wurde von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Asstsenhofe zu 2 Jahren CorrectionShausstrafe verurtheilt. Die Kosten betragen 184 fl. 58 h.
* Wiesbaden, 1. Juni. Gegenstand der heutigen Assisen-Verhandlung ist die Anklage gegen den Briefträger Phil. Braun aus Biebrich wegen Veruntreuung im Dienst. Die Verhandlung leitet Assisen- Präsident Flach, als Staatsanwalt fungirt Staats- procurator-Snbstitut v. Reichenau, als Vertheidiger des Angeklagten Prokurator v. Arnoldi. Gegen den Angeklagten liegen vier Fälle der Unterschlagung ihm zur Bestellung übergebener Briefe und Packete mit Geldsendungen vor. Die veruntreuten Gelder betragen 37 fL 17 kr., fünf holländische Zehngulden-, ein Hundertkreuzerstück, 35 fl. und 10 Thlr.
tL- Vom Lande, 29. Mai. Die Spekulationen in Bergwerksunternehmungen, denen bisher so viel Schwindelei anklebte, scheinen nun doch aus einigen Punkten Nassaus sich ernstlicher zu gestalten. Wie man hört find die Metallgruben zu Holzappel, Obernhofs Braubach u. s. w. nunmehr definitiv in den Besitz verschiedener ausländischer Gesellschaften übergegangen iund es macht sich überhaupt ein reger Unternehmungsgeist in diesem Zweige der Industrie bei uns in neuerer Zeit bemerklich. Eisen- und Braunstein sind neben den Metallgruben vorzüglich beachtet; bezüglich der ersteren ist es aber sehr zu bedauern, daß diese mineralischen Schätze Nassaus in so großer Menge als Rohprodukte ausgesührt werden; während dieselben als die Träger einer großartigen Industrie bei uns dienen könnten, deren wir, bei den ärmlichen Verhältnissen des Ackerbaues in den meisten Gegenden, und der großen unbenutzten Arbeitskraft, so sehr bedürftig sind. Die Entwicklung einer lebenskräftigen Industrie, die sich hauptsächlich auf unseren großen Mineralreichthum stützen müßte, will überhaupt keinen merklichen Fortgang nehmen, und man sollte in dieser Beziehung fast zu dem Glauben kommen, daß es in unserem Lande an Unternehmungsgeist fehle, wenn man nicht nebenbei zu der Annahme berechtigt Jein könnte, daß die Bewirthschaf- tung unserer gewerblichen Interessen, nicht die richtige sei, worauf besonders der Umstand hindeutet, daß unsere Techniker, welche sonst ein paffendes Unterkommen finden können, sich so leichten Herzens von dem öffentlichen Dienste trennen. Man kann 'sich nicht verhehlen, daß es in Nassau hohe Zeit ist, die überflüssige Arbeitskraft in industriellen Unternehmungen zu verwerthen und nicht mehr das Wohl des Staates (nach traditionellen Grundsätzen) allein auf den zersplitterten, an Steuerfreist immer mehr abnehmenden Ackerbau, dem nur nach und nach durch eine kräftige Gesetzgebung wieder aufgeholfen werden kann, zu stützen. Wer die trostlosen Zustände ans eigner Anschauung kennt, die immer klarer bei unserer ackerbautreibenden Bevölkerung hervortreten, der wird hiermit vollkommen übereinstimmen und zugestehen müssen, daß die Lage dieser Bevölkerung nur durch Beschäftigung in Gewerbzweigen dauernd verbessert werden kann, die in den unerschöpflichen Reichthümern wurzeln, welche die Natur fast in allen Theilen des Landes freigebig »ertheilt hat.
— Dillenburg, 28. Mai. (Assisenverhandlung gegen die Ehefrau des Wilhelm Hardt, Barbara geb. Diefenbach von Niederhadamar, wegen Meineides) Präsident: Hr. Hofgerichtsrath von Bierbrauer; Staatsanwalt: Hr. Assessor Gieße; Vertheidiger: Hr. Proc. Braun. Die Angeklagte hatte sich am 24. November 1851 mit Wilh. Gräßchen von Niederhadamar verlobt und wie üblich, von diesem ein Handgeld empfangen, nach der Angabe des Gräßchen in 34 fl. 46 kr. bestehend. Sie löste indessen das ge* gebene Versprechen wieder auf und verheirathete sich an den Schlosser W. Hardt. Gräßchen verklagte sie nun auf Herausgabe der 34 fl. 46 kr. bei dem Herzoglichen Justizamte Hadamar, und stellte sie hier sowohl das Eheversprechen als auch den Empfang der 34 fl. 46 fr, durch Bekräftigung eines Eides in Abrede. Sie gab an, bei der Sache nicht in ganz nüchternem Zustande gewesen zu sein, da ihr fortwährend zugetrunken worden sei, Gräßchen habe ihr kein Geld in die Hand gegeben, habe ihr vielmehr drei Kronenthaler in den Sack zu bringen gewußt, die sie ihm durch den Bürgermeister