Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Nassauische Allgemeine Zeitung.

^r 11®. Freilag den 20. Mai 1853.

Di«,,Nassauisch« gtUgemeinr Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag« ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulau» nunmehr auch für den ganzen Umfang des Tburn- und TariS'schen PerwaltungSbezirkS mit Inbigriff des Postaufschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 tr. Inserate werden die »irrfpal:^ Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaste 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Leitung-schau.

Die Fabel von dem Bündel Pfeile. Deutsche Ratten. . Socialismus der französischen Regierung. Opium und Thee, Englands Oriflamme.

**Die Nachricht, daß die kgl. württembergische Re­gierung eine Note an den Schweizer Bundesrath über­geben und darin gewissermaßen ihre bons Offices in der Flüchtlingsfrage angeboten habe, konnte, so schreibt man derKasseler Zeitung" aus Frankfurt, nicht ver­fehlen, Aufsehen zu erregen. Der nunmehr veröffent­lichte Text dieser Note und die darauf ertheilte Antwort rechtfertigen nun vollkommen die Bedenken, die man von vornherein wegen eines solchen Schrittes hegen zu müssen geglaubt hat. Es ist an und für sich schon be- merkenswerth, daß die Veröffentlichung beider Aktenstücke nicht von Stuttgart, sondern von Bern ausgegangen ist. Konnte es doch für Herrn Ochsenbein, dem Freischaaren- führer, für Herrn Druey, dem alten Communistenchef, für die Herren Francini und Munzinger, den Vertrau- ten Mazzini's, und endlich für Herrn Furrer, dem Ver­treter des sogenannten Legalradicalismus kaum gelegener kommen, um der Welt zu zeigen, wie wenig eine von ihnen geleitete republikanische Regierung geneigt sei, auch nur der Form nach eine besondere Rücksicht gegen eine monarchische Regierung an den Tag zu legen. Oder hat die württembergische Note vielleicht einen Erfolg gehabt? Derhochpreisliche" Buudcsralh acccp- tirt auf's beste die für die Flüchtlingsfrage in ihrem dermaligen Stadium ganz unerhebliche Versicherung Seitens der württembergischen Regierung, daß sie in Betreff der in den letzten Jahren in die Schweiz Ge­flüchteten Württemberg keinerlei Veranlassung zu Be­schwerden erhalten habe; dagegen wird, gestützt auf das durch diese Versicherung hervorgehobene untergeordnete Factum, der Vorschlag zu einem Uebereinkommen zwi­schen der österreichischen Regierung und den übrigen an die Schweiz angrenzenden deutschen Bundesstaaten einer­und der Schweiz andererseits über die künftige Feststel­lung des Asylrechtes ziemlich cavalicrment abgelehnt. Es sollte uns nicht wundern, wenn eine solche Behand­lung diplomatischer Angelegenheiten noch zu anderen Jnconvenienzen führen sollte; für jetzt hat sich einstwei­len so viel herausgestellt, daß cs nicht wohlgethan ist, wenn ein einziger deutscher Staat, dessen Machtverhält, nisse nicht über die der Schweiz selbst hinausgehen, in einer so schwierigen Frage, wie die schwebende, mit der Schweizer Regierung Unterhandlungen eröffnet. Auf eine wirksame, des Nachdrucks nicht entbehrende Weise, würde dieses nur vom deutschen Bunde geschehen können, welcher ja ohnedies schon verpflichtet ist, die Sicherheit seines ganzen Gebietes nach Außen zu wah­ren und in dieser Beziehung entsprechende Maßregeln zu ergreifen.

** Granier de Cassagnac fällt im Journal de l'Em- pire in einem neuen Aufsatze:Theorie der modernen Revolutionen" überschrieben, folgendes Urtheil über die deutschen Zustande:Deutschland und das öster­reichische Kaisertum sind wie zwei große und schöne Gebäude, dem äußeren Anscheine nach sehr fest und dauerhaft; wenn man aber auf deu Gedanken kommt, ihre Fundamente zu untersuchen, so findet man, daß sie von Millionen Gängen, Grotten, Höhlen, dem fort­gesetzten und anhaltenden Werke mehrerer Ratten-Ge- nerationen untergraben und durchlöchert sind. Diese Ratten, deren ätzende, launenhafte und unermüdliche Zähne auf diese Weise in Deutschland und Oesterreich die Grundlage aller Dinge untergraben haben, sind die Professoren undStudenten der Univer­sitäten.

* * Der Artikel des Moniteur über die Wohnun­gen, welche für die Arbeiter gebaut werden sollen, hat keineswegs überall große Zufriedenheit erregt. Die Affemblee nationale hält diese Note für sehr ernst, so­wohl wegen des Actes, den sie feststellt, als wegen der Tendenzen, die sich darin kund geben. DasSiccle" scheint die von der Regierung beabsichtigten Maßregeln nicht tadeln zu wollen, kann aber nicht umhin, eine Stelle aus Cabet's Jkarien anzuführen, worin gesagt wird, daß der Staat Gemeindewohnungen bauen lassen müsse.Wir wollen nicht sagen," meint das Siecle, dies ist Socialismus! denn dies Wort hat heute einen schlechten Klang; aber man kann sich nicht ver­bergen, daß es demselben sehr ähnlich sieht."

* * Die Times hält eine Ei nmi s chung E ngland§ in den Gang der chinesischen Revolution nicht für rath- sam. Der Schutz britischen Eigenthums, meint sie, sei das Einzige, worauf die in jenen Gegenden befindlichen

britischen Streitkräfte ihr Augenmerk zu richten hätten. Es scheine aber, als hätten die Aufständischen nicht im Geringsten die Absicht, britisches Eigenthum anzutasten, oder sich irgendwie in Händel mit England einzulassen. Sei doch bisher die Seeküste absichtlich von ihnen ver­mieden worden blos zu dem Zwecke, um keinen Anlaß zu einem Zusammenstöße mit den Engländern zu geben. Daß England, wenn einschritte, möglicher Weise den Ereignissen eine ganz andere Wendung geben könnte, glaubt die Times allerdings, ist aber zugleich der An­sicht, daß selbst eine chronische Revolution in China die Engländer weit weniger benachtheiligen werde, als das .Eingehen von Verpflichtungen, die von einer unnöthigen Einmischung in die Angelegenheiten Anderer unzertrenn­lich seien. Auf der anderen Seite verkennt die Times keineswegs die Uebelstände, welche ein länger anhalten­der Zustand der Unruhe und Unsicherheit in China voraussichtlich mit sich bringen wird. Die Uebelstände sind Stocken des Opiumhandels und Verminderung der Theeausfuhr, letzteres besonders deshalb wichtig, weil die von dem englischen Schatzkanzler beschlossene Herab­setzung der Theezölle sich gerade auf die Voraussetzung einer stärkeren Consumtion gründet.

Deirtschland

* Wiesbaden, 19. Mai. Gestern ist S r. Hoheit der Herzog in erwünschtem Wohlsein aus Dessau in Biebrich eingetroffen.

Ihre königl. Hoheit die verwittwete Frau Herzogin von Nassau und Prinzessin Tochter sind am zweiten Pfingstfeiertage auf einige Zeit zum Besuche ihres durchlauchtigsten Bruders, des Prinzen Friedrich von Württemberg ,' welcher seit mehreren Wochen die Kalt­wasserkur gebraucht, in Michelstadt augekommen.

* Wiesbaden, 19. Mai. Bei den im zweiten Quartal 1853 dahier stattfindenden Assiscn kommen nach vorläufiger Bestimmung folgende Fälle zur Verhandlung:

Am 23. Mai gegen Ludwig Semmler von Hall­garten, wegen Meineids.

Am 24. Mai gegen Heinrich Kunz von Attenhau­sen, wegen ausgez. Diebstahls.

Am 24. Mai gegen Joh. Pet. Schmidt von Wür­ges, wegen Diebstähle rc.

Am 25. Mai gegen Peter Bögler von Hofheim und Peter Carl von Oberseelbach, wegen auSgez. Diebstahls.

Am 27. Mai gegen Heinrich Etz von Wiesbaden, wegen Meineids.

Am 28. Mai gegen Pet. Joseph Schwarz von Obermeilingen, wegen ausgez. Diebstahls.

Am 28. Mai gegen Rosine Opfermann von Elt­ville, wegen Unterschlagung rc.

Am 30. Mai gegen Franz Stassen von Hatten­heim, wegen Verausgabung eines falschen GuldcnstückS.

Am 31. Mai gegen Wilhelm Schüler von Höm- berg, wegen Körperverletzung mit tödtlichem Erfolg.

Am 1. Juni gegen Briefträger Phil. Braun von Biebrich, wegen Veruntreuung im Dienste rc.

Am 2. Juni gegen Andreas Dornauf von Bom- merShcim, wegen ausgez. Diebstahls.

Am 3. Juni gegen August Höhn und Cons, von Rüdesheim, wegen ausgez. Diebstahls.

Am 4. Juni gegen Carl Philipp Künstler von Wiesbaden, wegen Meineids.

c? Wiesbaden, 16. Mai. Aus einer Bekannt­machung von Frau Hüttner geht hervor, daß dieselbe eine Schule für Strohflechten und für Fertigung von Waaren aus Strohflechten dahier errichtet hat. Da­durch wird die Einführung dieses Industriezweiges in unserm Lande nicht nur festeren Fuß fassen, sondern auch eine Concurrenz für den Absatz der Strohflechten herbeigeführt, welche von den wohlthätigsten Folgen sein wird. Wir setzen voraus, daß der Herr Rcvisionörath Wagner in seiner Filanda wie bisher fortfahre, die­sem Industriezweig seine dankcnswerthe Aufmerksamkeit zu widmen, obgleich er anS dem Vereine zur Förderung der Seidenzucht ausgetreten ist; denn auch er läßt ans den Strohflechten Waaren fertigen, wodurch der Absatz der Strohflcchtcn erleichtert, dabei aber die Arbeitslust angeregt wird, zumal da der Preis der Arbeit entspricht.

+ Setters, 17. Mai. Gestern nahm unser, als Pfarrverwalter nach Schwalbach versetzter Vicar Opper­mann von seiner Gemeinde öffentlich Abschied. Wer Gelegenheit gehabt hat, diesen seltenen Mann kennen zu lernen, wird das allgemeine Bedauern über sein Scheiden aus unserer Mitte begreifen. Er ist nach sei­nen Worten und Werken ein wahrer Priester des Evan­geliums und er hatte sich deßhalb der ungetheilten Liebe

seiner Gemeinde zu erfreuen. Möge ihm auch an sei­nem neuen Bestimmungsort die Liebe und Achtung zu Theil fallen, die sein Wirken ihm bei der hiesigen Ge­meinde erworben hat.

c/ Hadamar, 18. Mai. Dem Herrn Professor Kehr ein dahier, von welchem sich abermals ein Werk über deutsche Stylistik unter der Presse befindet, ist vor einigen Tagen daS Diplom als Ehrenmitglied der Königsberger deutschen Gesellschaft nebst einem sehr ehrenvollen Privatschreiben des Director'ö derselben zugegangen.

Hochheim, 19. Mai. Seit dem 8. d. M.; an welchem die Herren Patres Roh, Aleth undKlü- ber hier zur Abhaltung einer vierzehntägigen Mis­sion eingezogen sind, ist in unserem Städtchen sehr lebhaft geworden. Menschen von nah und fern strömen täglich herbei, um die wirklich schönen und ge­diegenen Vorträge dieser Herren zu hören. Feierliche Processionen von Flörsheim, Wicker, Weilbach, Edders­heim, Marxheim, Kostheim, Castel und Wiesbaden zo­gen theils einmal, theils schon zweimal in unsere schöne Pfarrkirche und verweilten in der Regel den ganzen Tag hier. Nächsten Sonntag wird die Mission geschlos­sen und es dürfte an diesem Tage die Feier besonders erhebend sein. Herr Pater Roh, dessen Vorträge neben ihrem sonstigen kernigen Inhalt noch durch eine klare und volltönende Stimme gehoben werden, wird die Ab- schiedspredigl balten. Wir behaupten nicht zu viel, wenn wir sagen, daß die Herren Missionäre den Hochheimern lange in freundlichem Andenken bleiben werden, und daß wir sie ungern von uns scheiben sehen. Unser Dank für die Mühe, welche gewiß in mehr als einer Hinsicht segensvolle Früchte bringen wird, wird sie bei ihrem Abschiede von uns begleiten.

Mainz, 18. Mai. DaS Gr. Obergericht hat in Folge der von dem Hrn. Dr. Müller-Melchiors einge* reichten Beschwerde erklärt, daß der Art. 84. der Ver­fassung die Arestation von Müller-MelchiorS rechtlich nicht behindern könne. Gegen dieses Urtheil hat Herr Müller-MelchiorS sofort das Rechtsmittel der Cassation ergriffen.

Don der Haardt, 13. Mai. (Pf. Z) Die schon länger als zehn Tage anhaltende rauhe Witterung hat auf unsere Weinberge einen entschieden ungünstigen Einfluß gehabt. Kaum bohnengroß find die Scheine-, und hinter dem Anfangs so späten Jahrgange 1834 find wir um volle 14 Tage zurück. Wenn wir beden­ken, daß damals vom 1, Mai an bis zum Herbste kein Tag mehr ungünstig war, sondern Alles zusammentraf, um ein vorzügliches Product hervorzubringen, so müssen wir einsehen, wie wenig Hoffnung heuer zu einem sol­chen vorhanden ist. Unter solchen Umständen ist es be­greiflich, daß allenthalben die Weinprcise bedeutend in die Höhe gehen und daß alte und neue Weine gegen­wärtig sehr gesucht sind. Ordinärer Neuer, der früher zu 160 fl. gerne abgegeben worden wäre, ist in Muß­bach mit 200 fl. bezahlt worden, und in diesem Ver­hältniß die besseren wie geringeren Sorten. In noch höherem Grade wird Dieß der Fall werden, wenn, was gar nicht zu bezweifeln steht, die Traubenkrankheit weiter um sich greift.

Stuttgart, 18. Mai. Wie ich höre wird S. M. der König sich nächsten SamStag für einige Wochen nach Baden Baden begeben. Zur Linderung der Noth der durch die Ueberschwemmung vom 12. Be­schädigten hat Se. Maj. der König 6000 fl., J. Maj. die Königin 1000 fl. gespendet und von der Prinzessin Maria sind 300 fl. dem Wohlthätigkeisverein zugestellt worden. Die Abgeordneten haben jeder ein Taggeld von 5 fl. 30 fr. für die Unglücklichen geopfert, während andererseits der Staat durch amtliche Erhebungen des Umfangs der Beschädigungen kennen lernen will, was ihm zu thun obliegt. Ohnedieß ist für das augenblick­liche Bedürfniß Sorge getragen, an Wiederherstellung der Mühlkanäle, Wege u. s w. durch Pioniere u. s. w. gearbeitet, von der landwirthschaftlichen Centralstelle zur Erleichterung der Wiederanpflanzung btr rühmten Felder die geeigneter Einleitung getroffen worden. Die be­hauptete gänzliche Zerstörung des Weilers Zell bestätigt sich zum Glück nicht; dagegen sind leider 50 Menschen um'S Leben gekommen und ist sonst der angerichtete Schaden höchst bedeutend. Für die Wiederherstellung der unterbrochenen Eisenbahnverbindung ist das Mög­liche geschehen und wird heute schon wieder die ganze Strecke befahren werden können, obwohl auch nachher noch viel auSzubessern sein wird. Rau von Gaildorf ist nun wirklich als gänzlich begnadigt nach Nordamerika ausgewandert.