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Nassauische Allgemeine Zeitung.

E 115.

Donnerstag den 19. Mai

1853.

DieNassauische Allgemeine Zeitung" mit dem beNelristischen BeiblattDer Wanderer" erscheine, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PräMimerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Possregulaii» nunnlehr auch für den ganzen Umfang des Eburn» und TariS'fchen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 ft, für die übrigen Länder deS deutsch.Ssterreichischen PostoereinS, wie für das Ausland 2 ff. 24 kr. Inserate werden die »ierspaltig Petitjeilr oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auSwârt« bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Jeitungsschau.

König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Die Ja­kobiner, die Bourbons, Lamartine und Louis Napoleon. Eoncentrirung und Casernirung der pariser Arbeiter, Organisation deS Proletariats.

** Das Abendblatt der Wiener Zeitung vom 15. d. M. enthält folgenden bedeutsamen Artikel: In kur­zer Zeit wird Seine Majestät der König von Preu­ßen, Friedrich Wilhelm IV., den Besuch erwidern, mit dem Se. k. k. apostolische Majestät den erlauchten Oheim erfreut haben. An die Persönlichkeit und die bald dreizehnjährige Regierungsperiode dieses Monarchen knüpft sich in vielfachen Beziehungen der Entwicklungs­gang wichtiger Ereignisse unserer Gegenwart, ihrer Be­strebungen, ihres gejammten reichhaltigen Inhalts. Im Jahre 1840, im Momente der Thronbesteigung des re­gierenden Königs, hatten in Preußen , wie tu ganz Deutschland, die öffentlichen Zustände einen bewegteren Charakter angenommen. Forderungen aller Art wurden geltend gemacht, Erwartungen ohne berechtigte Grund­lage nährten eine allgemeine Spannung. In siebenjäh­rigen Mühen mußte der König mit dem eigenen Lande den schweren Proceß einer inneren Umbildung durchle­ben, in welches alles ungestüme Drängen und Treiben den klaren Blick des Monarchen nicht zu trüben ver­mochte. Wenn die hohe Milde eines vom christlichen Geiste durchdrungenen Herrn und Herrschers mitunter auch den Schwächen der Mitwelt Rechnung trug, um Schrofferes zu meiden, bessere Erkenntniß und ihr frei­williges Wirken zu erwarten, so wahrte doch der gottes­fürchtige Monarch in jedem Augenblicke laut und auf­richtig sein Gewissen und verhehlte niemals die innerste Ueberzeugung, daß er die Regentenpflicht im heiligsten Sinne des Wortes über alle Schwankungen der Zeit zu stellen wisse. Wie unsere Zeit überhaupt wenig Ab- geschlössenes bietet , so kann auch Preußen nicht sich böllkger Ueberwindung seiner inneren Gegensätze rühmen. Aber Trost und Hoffnung der besten Art für die Zu­kunft und ihre Geschicke liegt unter allen Verhältnissen in der edlen Persönlichkeit des Königs, welcher ordnend und sichtend stets bedacht war und es sein wird, das ihm von Gott anvertrautc Land in Bahnen zu- erhal­ten, wie Preußens Weltstellung, sein Beruf, seine wohl- verstandenen Interessen sie erheischen. Derselbe läuternde Geist spricht auch aus des Königs umfassendem Wir­ken, wenn man seine Anschauung der Stellung Preußens zu Oesterreich und dem gesammten deutschen Vaterlande in den verschiedensten Epochen be­trachten will. Es bedurfte für Friedrich Wil­helm IV. wahrlich nicht des zwiefachen Vermächtnisses, eines seiner erlauchten Ahnherren und des eigenen königlichen Vaters, um immer wieder in der Einigung mit Oesterreich, in der Anerkennung der gewichti­gen Traditionen, welche in den ältesten Geschicken deut­scher Nationen wurzelnd an der Donau fortleben und ohne Unterlaß die alte magische Wirksamkeit bewähren, das Wohl und die Kraft D eutschlands zu suchen und zu finden. Allerdings thürMten sich auf diesem Felde oft große Schwierigkeiten auf. Aber es war die Zeit, ihr Inhalt, es waren die gcwitterschwangern Elemente, welche den Schluß des 5. Jahrzehntes beherrschten, die solche Erscheinungen zu Tage riefen. Eben die Persönlichkeit Friedrich Wilhelms IV. war es auch da wieder, welche die Gegensätze beherrschte, den Proceß der Gährung vorübergehcn ließ, um, entscheidende Momente nützend, das Höhere im Getriebe unklaren, leidenschaft­lichen Wollens zu retten. Friedrich Wilhelm IV. übertrug in die diveigirendeu Richtungen der Zeit stets das einigende Element, das Echte, Gesunde, Berechtigte fördernd, abwehrend gegenüber dem Andrange des Wirren, Unklaren,Leidenschastsvollen ein treuer Bundes­genosse des alten Ka iserha u s es, gleichzeitig volles Maß spendend den gerechten bewußten Forderungen seiner Stämme und den Geboten allgemeiner Interessen und Bundespflichten. In seinen Beziehungen zum eigenen Lande und zu Deutschland mußte der König manche Perioden durchleben, in welchen ihm die Prüfungen des christlichen Streiters nicht erspart waren. Aberderechte Seherblick des Monarchen ließ ihn das Täuschende von der Wahrheit stets glücklich sondern. Schon erkennt die Mitwelt an, wie treffend und klar der König, engere und weitere Verhältnisse beurtheilend, sich von Anbeginn der Zeit gegenüberstellte. Die organische Entwickelung so recht eigentlich das Princip des deutschen Lebens und allen gesun­den Wirkens und Strebens, wurde von dem kgl. Herrn stets als der allein mit Erfolg zu betretende Weg bezeichnet. Die Zeit hat diesen Ausspruch völlig gerechtfertigt.

Nur was in steter Entwickelung wurde und sich bildete, erwies innere Kraft; das stürmisch Erstrebte, scheinbar schnell Errungene zerfiel von selbst, als Schattenbild und wesenlose Erscheinung. Ja eben einer siebenjähri­gen ungestörten Leitung auf dieser Bahn sturste es Preußen verdanken, daß sich so manche haltbare Grund­lage herausbildete, welche spätere Erschütterungen leich­ter überdauern, den Faden geregelten Fortgangs schnel­ler wiederfindcu ließ. Und stand dem erhabenen Fürsten doch auch in allen Mühen und Sorgen, theilnehmend und stärkend, iu der königlichen Lebensgefährtin eine edle Erscheinung zur Seite, voll Milde, Huld und ver- söhnender Kraft, wie aus engster Derschwisterung ent­sprossen solch erhabener herrlicher Frauensegen auch tu den vaterländischen Marken uns leuchtet und beglückt! Ergänzend und verklärend wirkt in des Königs Leben sein innerstes, künstlerisch gel ä utertes D asein. Wie tief Friedrich Wil­helm IV. die Aufgabe auch auf diesem Gebiete der oft unklaren und verworrenen Tendenzen der Zeit Herr zu bleiben, stets erfaßte, wie richtig sein christlicher Sinn ihn dabei leitete, wie unabhängig und groß er Vergangenheit und Gegenwart, Antikes und Neues zu verbinden verstand, weiß die Mitwelt, bezeugen die Schätze des Wissens, die unter dem Schatten seines Scepters gesammelt und erzeugt wurden. Friedrich Wilhelm IV. steht in seiner Zeit und doch über ihr, er wirkte stets in ihr, mit ihr, er nahm ihre Impulse auf, aber um sie zu verklären. Er erfaßte von An­beginn das Königthum in jenem schönsten ethischen Sinne, welcher demselben die Führerschaft in allem Großen, Reinen und Guten zuweiset. Er konnte tu jedem Augenblicke, hervortretend aus dem Rahmen seiner Zeit, vollen Anspruch machen auf die Anerkennung einer höchst bedeutenden Persönlichkeit und in der Letz­teren selbst als auf die beste verläßlichste Garantie in allen Fällen weisen, wo die Erregung der Zeit in in­ternationalen Beziehungen oder Einzelzuständen das gute Maß zu überschreiten drohte, oder es in der Zukunft noch fürchten ließe. Der Schluß des Artikels ist dem König von Belgien gewidmet, dessen staatSkluge 23 iu ken ebenfalls ein lautes Zeugniß davon gebe, was hoch­begabte Persönlichkeiten auf entscheidenden Standpuncten in den schwierigsten Verhältnissen zu wirken und zu fördern vermögen.

** Immer strammer zieht sich, schreibt die A. A. Z., vor den Legitimisten, Orleanisten, Republicanern aller Nüancen das imperialistische System zusammen, und zeigt sich zum schärfsten Ernst in seiner politischen Ge- staltung; daher das Gesetz, das wie ein Blitz herabge­schleudert worden: Vatermordsstrafe für Attentat gegen den Kaiser, Todesstrafe für Attentat gegen einen kaiser­lichen Prinzen, oder eine drohende Verletzung desselben, Todesstrafe für alle Schilderhebung und Aufstand in den Waffen gegen das Kaiserthum und die kaiserliche Dynastie. Sollte sich das Kaiserthum nicht in der di- recten Linie des Kaisers fortpflanze», so geht das Erb­recht über auf den Sohn des Jerome, und dieses ist die Aussicht einer demokratisch - kaiserlichen Partei, als deren Organ in der Presse Emile de Girardin, im Rath Bixio zu betrachten ist; durch diese Gesetzesvorschläge werden Legitimisten, Orleanisten, Republikaner aller Nüancen nach allen Seiten auf'S ernsteste gewarnt; die Hauptsache bei diesen Gesetzen ist nicht, waS sich von selbst versteht, Tod auf Angriff gegen die Person deS Kaisers oder der Prinzen, aber Tod gegen alle Unter­nehmungen eines politischen Aufstandes von Seiten al­ler möglichen Parteien es ist das freilich ein von allen siegenden Parteien oft ausgeübtes Recht; daß es aber gerade jetzt und so stark betont wird, ist eine Mahnung an irgend eine Zukunft und, wie die überall scharf accentuirte Sprache der Autorität in allen im­perialistischen Acten, ein charakteristisches Zeichen der Gegenwart in Frankreich, indem diese geschärfte Sprache während der Regierung beider Linien des Hauses Bour­bon von 1814 bis 1838 nie ertönt ist, da Lamartine 1848 sich sogleich beeilt hat, alle politischen Todesstra­fen abzuschaffen, gewiß nicht allein aus reiner Philan­thropie, weil er aber die stark ausgesprochenen jacobini- schen Tendenzen einiger im Hintergrund drohenden De­magogen einsah, und ihnen die Gelegenheit politischer Verfolgungen gewiffermaßen vor den Füßen hätte ab­mähen wollen.

** Die A. Z. sieht in der jetzt in Paris herrschenden Bauwuth viel bedenkliches. Es sind dermalen, abge­sehen von den Kosten der Hinwegräumung der alten Gebäude sicherlich Arbeiten zum Werth von 21 Millio­nen Franken ins Leben gerufen; fast % derselben je­

doch auf Kosten des Staates, d. h. der Provinzen, welche so für Paris ausgebeutet werden. Allerdings erreicht die Regierung damit für den Augenblick ihren Zweck, die Hauptstadt blüht, sie sieht, daß sie die präch­tigste Stadt der Welt wird, die Arbeiter verdienen reichlich und die öffentliche Ruhe ist gesichert. Aber diese Treibhauscultur der Arbeit ruft natürlich eine größere Nachfrage nach Arbeitern hervor, damit steigen die Löhne, und die Arbeiter der Provinzen strömen nach Paris; eine natürliche Folge der Differenz des Ver­dienstes in den Departements und in der Hauptstadt. Der bei weitem größte Theil der hiesigen Arbeiter, na­mentlich der beim Bauwesen beschäftigten, ist nicht aus Paris. Diese gewöhnen sich aber hier binnen kurzer Zeit an neue Bedürfnisse, an andere Lebensweise, und nur eine kleine Anzahl wird, wenn die Arbeit stockt, gutwillig in die Provinzen zurückkehre». Es ist ein altes Gesetz, daß das Proletariat nicht unterdrückt wer­den kann, so lange cs irgend eine Art von Industrie gibt; deun diese ist nicht möglich ohne Speculationen, diese nicht ohne Schwankungen im Verkehr und diese erzeugen gerade das Proletariat. Ich halte es also auch für eine unabwendbare Folge des in gewissem Sinne künstlichen Angebotes von Arbeit, daß früher oder später ein Mangel daran, und in so größerem Maße, als früher der Üeberfluß war, eintreten muß; man wird gezwungen sein, immer mehr und mehr die Provinzen für die Hauptstadt auszubeuten und doch den Zweck nicht erreichen, weil das Mittel zur Abhülfe des Uebels gleichzeitig die Ursache desselben ist. Heißt diese Be­handlung bet socialen Frage nicht:après moi le déluge ? Außerdem ist die natürliche Folge der vielen prächtigen Neubauten die Verringerung der wohlfeilen Arbeitcrwohnungen gewesen, und das ist in so hohem Grade der Fall, daß die Regierung sogar mit dem Plane umgehen soll, mehrere große Arbeiter-Viertel zu erbauen, d. h. die Arbeiter zu concentriren oder besser gesagt, zu caserniren. Die Presse der Hauptstadt mel­det dieses Project und freut sich, daß dasselbe so gut ausgeführt werden wird, daß eine Capitalzubuße dabei nicht nöthig ist, sondern die angelegten Summe», trotz guter und wohlfeiler Wohnungspreise, reichtich Zinsen tragen werden. Wenn das Proletariat bis jetzt noch nicht gefährlich war, so wird es unzweifelhaft nach der Ausführung dieses genialen Planes gefährlich werden; wenn ihm bis jetzt eine vollkommene Organisation fehlte, so wird es dann dieselbe besitzen. Wo man die Früchte pflücken will, ehe auch nur der Keim gelegt, geschweige denn der Baum gewachsen ist, wo man überall mit der Spitze, statt mit der Basis beginnt, da muß man auf solche Folgen gefaßt sein. Man will die Wirkungen vermeiden, aber hebt die Ursachen nicht auf! Es ist immer wieder der alte Weg, möge er nicht wieder zu dem alten Ziele führen!

Deutschland.

- Wiesbaden, 17. Mai. Herr Professor Director Dr. Schenkel zu Heidelberg, dem in Folge seiner Misstonsvorträge am 4. bis 10. April d. J. zu Wies­baden, als äußeres Zeichen der Anerkennung von seinen dankbaren Zuhörern nnd Zuhörerinnen eine werthvolle, in Frankfurt a. M. gekaufte Pendeluhr in diesen Tagen übersendet worden war, hat an das betreffende Comite folgendes Dankschreiben erlassen: Hochzuverehrende Her­ren! Durch das so überaus schöne Geschenk, womit Sie mich heuteim Namen der protestantischen Einwohner Wiesbadens", überraschten, haben Sie mir eine tiefe Beschämung bereitet. Meine Demüthigung würde Mir eine noch größere gewesen sein, wenn nicht in jedem, und zumal in einem aus so verehrter Hand kommenden Beweise der Liebe auch wieder eine Ermuthigung läge. Seien Sie versichert daß der Name Wiesbaden, wel­chen Sie in so sinniger Weise Ihrer freundlichen Gabe eingegraben haben, in unauslöschlichen Zügen auch in inèin Herz eingegraben ist, und daß jene Stunden der Weihe niemals aus meiner Erinne­rung schwinden werden, die ich in Ihrer Mitte zu verleben das Glück hatte. Und wenn der Schlag des Pendels nicht nur Stunden der Freude und der Erquickung, sondern auch Stunden des Kampfes und der Noth über unsere protestantische Kirche herbeiführen sollte, dann lassen Sie uns fest und treU als deutsche Männer und evangelische Christen um das Panier un­seres theueren evangelischen Glaubens uns schaaren und über unsere Grenzpfähle hinüber einander die Hände reichen! Indem ich Ihnen, hochzuverehrende Herren, und allen protestantischen Einwohnern Wiesbadens, hier­mit die Gefühle meines innigsten Dankes ausdrücke, bitte