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Nassauische Allgemeine Zeitung.

Jr F»5

Montag den 9. Mai

1853.

DikNassauische Allftemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" entsinnt, Sonntag« ausgenommen, täglich und beträgt der PranumeratiouspreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang deS Lburn- und Tariâ'schen BerwaltungSbezirks mit Jubigriff deS PostausschlagS 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostoereinS, wie für daS Ausland 2 fl. 24 kr. Inserate werden die oierfpaltig Pkt^zeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegeucn Postämtern! zu machen.

Prozess Neiuinger.

(Schluß.)

Der Zeugenaussage des Dr. Stieber entnehmen wir noch Folgendes^

In Paris setzte sich Dr. Stieber mit dem dama ligen Polizeipräfecten Carlier in Verbindung, der so­gleich auf Grund der dem Zeugen von seinem Lon­doner Agenten übersendeten communistischen Original- Documente die umfassendsten Nachforschungen anstellen ließ. Obgleich diese Documente nicht Alles enthielten, was über den Bund und seine Mitglieder zu wissen, wünschenswerth gewesen wäre, so bestätigten doch die Nachforschungen der Pariser Polizei die Echtheit und Authenticität derselben auf das Vollständigste. Da nun aber, wie gesagt, diese Documente eben noch nicht über Alles Aufschluß gaben, was der Pariser Behörde Wis­senswerth erschien und der französischen Negierung, bei dem Umstande, daß die Tendenzen eines Louis Blanc u. A. in Frankreich täglich mehr Anhänger gewannen und besonders die zahlreichen Flüchtlinge denselben mehr oder weniger huldigten, sehr viel daran liegen mußte, das Treiben der Communisten so vollständig als mög­lich aufzudecken, so wurden die Beobachtungen nur um so eifriger fortgesetzt. Ein zuverlässiger Agent mußte den Versammlungen der Communisten als scheinbares Mitglied beiwohnen und sowohl dadurch, als durch mancherlei andere Polizeimanöver erfuhr man Alles, was man wissen wollte. Es bestätigte sich, daß in einem Weinhause ein sogenannter Gesangverein bestehe, der nichts weiter sei, als eine Gelegenheit für die Com­munisten zu conspiriren und neue Mitglieder anzuwer- beu, ganz so wie cS in den Londoner Originaldocumen- ten angegeben war; ebenso bestätigte sich Alles, was aus denselben über den so überaus thätigen Emissär Adolph Mayer, der kein Arzt, sondern ein ehemaliger Lehrer war, bekannt geworden und vieles Andere, namentlich aber auch, daß in Paris einleitender Kreis" bestehe, welcher sich der Centralbehörde in London unter­geordnet habe und der aus drei Gemeinden gebildet worden, an deren Spitze die Communisten Cherval, Reininger und Scherzer standen. Von diesen drei Con- spirätenrs wurden Cherval und Reininger stets als b:e gefährlichsten bezeichnet. In Cherval, welcher sich für einen Engländer oder Irländer ausgab, glaubte Dr. Stie­ber nach den ihm gemachten Schilderungen einen Litho­graphen aus Rheinpreußen zu erkennen, der wegen Wechselfälschung zu mehrjähriger Zuchthausstrafe ver- urtheilt, auf dem Transporte nach Deutz aber ent­sprungen und nach Paris geflüchtet sei. Reininger war in Paris als Schneidermeister etablirt und verheirathet, unterhielt in seiner Wohnung, Rue Monlmartre, eine Art Speisewirthschaft und hatte stets eine Menge Schnei­dergesellen bei sich wohnen. Nach Allem, was man übrcr ihn erfahren konnte, mußte Reininger ein überaus exaltirter Mensch sein, der aber in dieser Zeit bereits als Emissär abgereist war. Seine Name fand sich in dessen unters vielen der aufgefundcncn Proklamationen und Schriftstücke bezeichnet.

Als nun diese Nachforschungen eine Weile fortgesetzt worden es war dies zu jener Zeit, als in der Na­tionalversammlung zu Paris sich eine so höchst bedenk­liche Stimmung gegen das herrschende Negierungssystem kundgab und zugleich dasrothe Gespenst" immer mehr in den Vordergrund trat siel cs dem Dr. Stieber auf, daß die ihm mitgctheiltcn Berichte über die Com­munisten in Paris sich in merkwürdiger Weise wider­sprachen; bald darauf erhielt der Zeuge Gewißheit dar­über, daß Cherval, der verwegenste unter diesen Men­schen und darum Derjenige, welchem Dr. Stieber sein Hauptaugenmerk zuwendete, daß dieser Mensch Kenntniß davon erhalten, daß preußische Polizeibeamte in Paris seien und ihn und Andere beobachten ließen, nur habe er noch nicht in Erfahrung bringen können, wo dieser oder diese Polizcibcamtcn in Paris wohnten. Aus Ab­.sicht hatte der Zeuge seine Wohnung in einem der ent- âgensten Stadttheile von Paris aufgeschlagen; Niemand kannte, außer dem königlich preußischen Gesandten, sei­nen wahren Namen, selbst die Pariser Polizei nicht, und dennoch erschien in der Wohnung des Dr. Stie­ber, wäbrend derselbe nur mit einem Freunde und sei­ner Frau beisammen war, eines Abends ein unbekann- ter Mann, der, zur Verwunderung des Zeugen die­sen mit seinem wirklichen Namen anredete. Dr. Stie­ber, nicht wenig überrascht, trat dem Fremden in das Vorzimmer entgegen und fragte nach seinem Begehr, wobei eine augenblickliche Fixirung genügte, zwischen dem Eingetretenen unb dem Signalement Chervals unver­

kennbare Aehulichkeit aufzufinden. Der Fremde stellte die Frage:Herr Dr. Stieber hätte ihm wohl Briefe von seinem Vater mitgebracht?" Der Zeuge, schnell gefaßt, antwortet sogleich:Ja wohl, ja wohl, haben Sie nur die Gefälligkeit und treten Sie näher!" Jetzt war die Reihe des Staunens an dem Fremden und er trat nur nach einigem Zögern in das Zimmer des Dr. Stieber, wo dieser ihn alsbald festhielt, wäh­rend sich zwischen Beiden ein heftiger Kampf entspann, der mit der völligen Ueberwindung Chervals endigte, denn dieser und Niemand Anderes war der durch seine eigene Keckheit in die Falle Gerathene. Als Cherval sah, daß er überwältigt war, und nicht mehr entrinnen konnte, griff er schnell noch einmal in seine Tasche, um rasch ein Papier in seinen Mund zu stecken und zu ver­schlucken. Aber eben so schnell griff Dr. Stieber nach dem Munde Chervals und es gelang ihm, wenigstens noch die eine Hälfte des Papiers aus dem Munde des­selben wieder herauszuholen, während er die andere Hälfte wirklich verschluckte. Der Zeuge sendete sofort nach dem Präfectcn Carlier, der Cherval nach dem Gefängnisse Mazas transportiren ließ und schnell eine bedeutende Anzahl Truppen aufbot, unter deren Schutz in dieser Nacht nicht weniger als 104 verhaftet wurden, von denen man am anderen Morgen allerdings eine bedeutende Anzahl wieder entließ, während zu gleicher Zeit noch fernere 34 Verhaftungen stattfanden. Unter diesen verhafteten Personen befanden sich fast alle Ko­ryphäen des Pariser CommuniSmus; von Reiningers Aufenthalt war dagegen keine sichere Spur aufzufinden. Gipperich befand sich in Straßburg, was Dr. Stieber aus dem dem Munde Chervals entrissenen Papiere er- sah, welches das Fragment eines Briefes bildete, das gllücklicherwcise den Namen und die Adresse Gipperichs in Straßburg enthielt. Der Zeuge fertigte sogleich eine telegraphische Depesche nach Straßburg ab, in Folge deren Gipperich in Straßburg noch an demselben Tage verhaftet wurde.

Unter den zahlreichen Papieren und Documenten, welche man bei den verhafteten Communisten, besonders aber in Folge einer bei Cherval und Reininger sorg­fältigst ausgeführten Haussuchung aufgefuuden, fand man, neben zahlreichen Brieffn an und von Cherval und Reininger, nicht nur weitere' Bestätigungen für die Wahrheit alles Dessen, was man schon in Erfahrung gebracht, sondern auch die unzweifelhaftesten Belege da­für, daß die Pariser Communisten im Plane halten, außer in Frankreich selbst, vorzüglich in Dcutchland communistische Gemeinden zu gründen und daß zu die­sem Ende Gipperich nach Straßburg, Reininger aber nach Deutschland, zunächst wohl an den Rhein gegangen sei. Genauere Angaben über den Aufenthalt Reiningers konnten aber ungeachtet aller Nachforschungen nicht auf- gcfunden werden, und dennoch lag dem Dr. Stieber vor Allem an der Habhaftwerdung dieses als höchst gefährlich geschilderten Emissärs, weshalb er den Ver- such anstellte, von dem verhafteten Cherval das Nöthige zu erfahren. Der Zeuge begab sich demnach in die Zelle des Verhafteten im Gefängnisse Mazas, wo er sich immer mehr überzeugte, daß Cherval kein Eng­länder (er hatte dem Dr. Stieber, als er ihn verhaftete, mit dem englischen Gesandten gedroht!), sondern ein Deutscher, und zwar wirklich jener im Jahre 1846 aus Rheinpreußen geflüchtete Wechselfälscher sei, der in Paris den angenommenen Namen Cherval führte. Es gelang dem Dr. Stieber wirklich, indem er Cherval davon überzeugte, daß die Behörde bereits von Allem unter­richtet sei und ein Läugnen dem Verhafteten nichts mehr nutzen könne, diesen zu dem Anerbieten zu bringen; Da ich sehe, daß Sie nun einmal schon Alles wissen, so will ich Ihnen die volle Wahrheit auch nicht länger vorenthalten, wenn sie mir versprechen sich für meine Freilassung zu verwenden." Dr. Stieber konnte zwar Letzteres nicht versprechen, gab dem Verhafteten aber die Zusicherung, Alles zu thuen, um die Lage desselben zu lindern; dennoch blieb Cherval seinem Vorsatze ge­treu, ein offenes Geständniß in die Hände des Zeugen abzulegen, und machte auch die allerumfassendsten Er­öffnungen. Die Hauptsache blieb dem Dr. Stieber aber jedenfalls, den Aufenthalt Reiningers zu ermitteln; Cherval ließ sich auch dazu bestimmen, Alles mitzu- theilen, was er über diesen wußte, und versicherte dem Dr. Stieber auf die Frage:Wo steckt Reininger?" daß dieser nach Köln gegangen sei und sich im Augenblicke in Mainz befinde, von wo aus er mit dem Emissär Gipperich in Straßburg in Verbindung treten solle. Die Angabe der näheren Adresse vervollständigte diese Mittheilung. Reininger wurde darauf hin in

Mainz verhaftet, ob auf diese Veranlassung des Polizei­directors Schulz oder auf andere Gründe hin, weiß der der Zeuge nicht mehr mit Bestimmtheit anzugeben; auch glaubte derselbe seine Sendung in Paris nach voll­zogener Verhaftung der Communisten erfüllt zu haben und wartete deshalb das Resultat der dort eingeleiteten Untersuchung nicht ab, sondern ging nach Deutschland, zunächst nach Köln, zurück. So weit die Mittheilungen des Herrn Dr. Stieber.

In der Vormittagssitzung deS grobherzoglichen As- sisenhofes vom 6. wurden zuerst mehrere Protocolle über die Verhöre einzelner zu Paris verhafteter Com­munisten, deren Verlesung die Vertheidigung und der Angeklagte verlangt hatten, vorgclesen, sodann aber vom Präsidium auf Grund verschiedener bei Reininger auf­gefundener Briefe, z. B. vom Communisten Weitling n. A., ein umfassendes Verhör mit dem Angeklagten angestellt, zu welchem auch Herr Polizeidirector Dr. Stie­ber mehrfach zugczogen wurde. Während dieses, längere Zeit andauerndes Verhörs erhielt der Angeklagte, wegen seines leidenden Gesundheitszustandes, vom Präsidium die Erlaubniß, sich eines Stuhles zu bedienen und mußten demselben mehrfache Erholungspausen zugestanden werden. Herr Gencralstaatsprocurator Parcus begrün­dete sodann im längerm Vortrage die auf Hochverrath lautende Anklage, worauf um 1 Uhr Mittag die Sitzung bis 3 Uhr Nachmittags ausgesetzt wurde. Reininger machte heute das bedeutsame Zugeständniß, daß er aller­dings ein Communist sei, aber ein theoretischer oder dogmatischer" und alle gewaltsamen Mittel zur Durch­führung des CommuniSmus verabscheue.

In der Nachmittagssitznng vertheidigte Herr Ad- vocat-Anwalt Görz deu^Angeklagten in einer gewandten von drei Uhr Nachmittags sbis sechs Uhr Abends dauernde Rede, worauf Herr Polizeidirector Dr., Stieber einige ihm vom Vertheidiger vorgehaltene Widersprüche in seinem Berichte aufklärte und sodann vom Gerichtshöfe entlassen wurde, da Dr. Stieber von dringenden Amts­geschäften nach Berlin gerufen wird.

Am 7. Mai Nachmittags nach drei Uhr gingen die Verhandlungen im Prozesse Reininger zu Ende. Die Sitzung begann Morgens um neun Uhr und hielt der Angeklagte, nachdem Herr Gencralstaatsprocurator Par­cus und der Vertheidiger Herr Görz noch gesprochen, eine längere Vertheidigungsrede, in welcher er den Ge­schwornen das Princip des wahren CommuniSmus nach Cabet, dessen Anhänger Reininger seit gestern sein will, auseinanderzusetzen versuchte. Wir enthalten uns vorläufig jeder näheren Beurtheilung dieses merk- würdigen Rcdeactes und bemerken hier nur, daß der­selbe, trotz seiner friedlichen Folie, dennoch einen Beweis dafür lieferte, bis zu welchem Wahnsinn auch der theo­retische oder dogmatische CommuniSmus, diese zahme Species der Jacqucrie, sich bereits verstiegen hat. Rei­ninger sprach übrigens mit einer Gewandtheit, die eini- germaßcu überraschen konnte. Das nach dem Schluffe der Debatten folgende Resumè des Herrn Präsidenten Dr. Kuyn war ein wahres Meisterstück juristischer Elo­quenz und dauerte bis nach zwei Uhr. Die beiden den Geschwornen gestellten Fragen lauteten die erste auf Hochverrath, die zweite auf Vorbereitung zum Hochver- ralhe. Auf beide Fragen antwortete die Jury mit Nichtschuldig! Als Reininger mit der Warnung des Präsidenten. Wenn der Freigesprochene wieder ein­mal conspiriren wolle, dann solle er eine andere als diese Gegend wählen, er dürfte zum zweiten Male vielleicht weniger milde Richter finden! entlassen wer­den sollte, trug Herr Gencralstaatsprocurator Parcus darauf an: Reininger wegen eines andern Vergehens (es verlautet, in Folge eines Requisition aus Frank­reich) auf's Neue zu verhaften, worauf derselbe in's Arresthaus znrückgebracht wurde.

Deutschland.

* Wiesbaden, 8. Mai. In der gestrigen Sitzung der ersten Kammer wurde der Vertrag-we^e-i Er­neuerung und Erweiterung deS Zollvereins gen^migt. Präsident Graf v. Walderdorff theilte darauf der KW- mer mit, daß der hochw. Bischof von Limburg den geistlichen Rath und Limburger Domcapitular B e d a Weber zu seinem Stellvertreter in der Kammer er- nannt habe.

In der gestrigen Sitzung der zweiten Kammer be­antragte der Abg. Schlachter, daß bei der bevor­stehenden Erweiterung der Localität des Zuchthausc- Räumlichkeiten geschaffen werden, in welchen Fabricanten und sonstige Arbeitgeber einen Theil der Züchtlinge mit solchen Arbeiten, welche die kleinen Gewerbe nicht he-