Nassauische Allgemeine
2V? tos.
Freitag den 6. Mai
1855
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Prozess Reininger.
Mainz, 4. Mai. In der gestrigen Nachmittags und in der heutigen Vormittagssitzung wurde wieder eine Reihe von Briefen, Protocollen und anderen Dokumenten vorgetragen, aus welchen hcrvorgehen soll, daß der Angeklagte Reininger wirklich der Vorstand einer Communisten-Gemeinde in Paris war und überhaupt ein sehr thätiges Mitglied im Bunde. Reininger erkennt gewöhnlich seine Unterschrift auf den ihm producirten Schriftstücken nicht an, oder gibt noch häufiger nur unbestimmte Antworten. Nur einmal konnte er nicht läug- uen, einen Zettel geschrieben zu haben, welcher ciuem Schreiben des leitenden Kreises von Paris, datirt vom 15. Juli 1851 und gerichtet an die Centralbehörden in London, beigefügt war; der Inhalt dessen lautet wörtlich: „Hütet Euch vor dem Dr. Schlüter, er ist ein verdächtiges Subject ; sein Freund, der Dr. Rothe hat den Mörder Lichnowsky ' s, der sich in Paris aufhielt, verrathen. (Unterzeichnet:) „Reininge r." Der Angeklagte, über die Bedeutung dieser Zeilen zur Rede gestellt, beschränkte sich auch hier auf nur uube- stimmte Antworten und erklärte, er habe dies nur als „eine Neuigkeit" an seine Bekannten nach London ge- schrieben, der er keine andere Bedeutung beigelegt habe! Heute Nachmittag halb drei Uhr Fortsetzung der Verhandlungen,
Der Aussage des Herrn Dr. Stieber entnehmen wir Folgendes: Die ersten Spuren des Communisten bundes in Deutschland zeigten sich durch die gegen den Schneider Mendel und den Schuhmacher Hetzel in Berlin eingeleitetcn Untersuchungen. Im Jahre 1845 wurde der Berliner Polizei bekannt, daß mehrere Gesellen geheime Zusammenkünfte hielten, an deren Spitze der Schneider Mendel sich befinde. In der Untersuchung gegen denselben wurden ihm mehrere Dokumente vorgehalten, aus denen hervorging, daß Mendel mit einer geheimen Gesellschaft in Paris in Verbindung stehe, deren Principien der Verhaftete in Berlin zu verbreiten unternommen hatte. Es sollte nach diesen eine allgemeine, wo möglich dje ganze Welt umfassende Republik eingesührti aller Unterschied zwischen Armen und Reichen aufgehoben werden u. s. w. Man hielt dies damals für bloße Hirngespinnste und bestrafte die Verhafteten nur wegen einer verbotenen Handwerks- Verbindung. Später tauchte die Erscheinung des Com- munistenbundcs vor den Berliner Gerichten auf's Neue auf, und zwar als man sich im Jahre 1849 veranlaßt sah, deu Schuhmacher Hetzel zu verhaften; cs war dies zu jener Zeit, wo eine bekannte Partei sich bemühte, den in Deutschland ausgebrochcnen Revolutionsbrand in hellen Flammen zu erhalten und dem wilden Feuer desselben eine immer weitere Verbreitung zu geben. Dies sollte hauptsächlich durch die Vereine unter allerlei Namen geschehen, bei denen Hetzel als Gesanglehrer wirksam war. Bei seiner Verhaftung fand man bei ihm eine Kaste voll Handgranaten, welche für den damals noch immer gehofften Barrikadenkampf bestimmt waren, sowie ferner die Beweise, daß Hetzel mit dem Schncider Mendel bekannt war, vor allem die schriftlichen Statuten dcö Communistcnbundcs, in welchen als Zweck desselben die Einführung einer allgemeinen Republik, die gleiche Berechtigung aller Einwohner deS Staates u. s. w. ausgesprochen war. Der Communisten- bund zählte damals in Berlin schon hundert Mitglieder, welche in zehn Sektionen eingelheilt waren, und aus einem Berichte an eine Centralbcbörde in London erfuhr man zuerst, daß wirklich eine solche communistische Centralbehörde in London bestehe. Die Geschworenen sprachen den Schuhmacher Hetzel frei, obgleich er gestanden hatte, daß er wirklich dem Communistcnbunbe ailgehöre; denn damals hielt man die communistischen Principien immer noch für Hirngespinnste und hatte noch keine Ahnung von der gefährlichen Ausdehnung des Bundes.
Erst im Jahre 1850 machte man die unzweifelhaftesten Entdeckungen. In diesem Jahre erhielt nämlich ein gewisser Kaufmann Helfers in Leipzig einen Brief oder vielmehr ein Paket an einen Mann adressirt, den jener nicht kannte ; Helfers eröffnete deßhalb die Zusendung, die ein eigenthümliches Actenstück enthielt, welches Helfers seines Inhaltes wegen der sächsischen Polizei übergab; es war dies ein Actenstück an die communistiscken Untercomite's in Deutschland, und mit Schrecken erkannte man jetzt erst die weite Verzweigung des gefährlichen Bundes, der bereits tausende von Mitgliedern in Deutschland zählte, derselbe Bund, welchem schon Mendel und Hetzel in Berlin angchörtcu. Die
deSfallsigen Recherchen der Polizei mißlangen damals leider, auch in Köln, von wo das Actenstück an Helfers abgesendet worden und wo die Polizei gleichfalls Nachforschungen anstellte. Da geschah es im Jahre 1851, daß der auf einem der Bahnhöfe Leipzigs'mit der Aussicht beauftragte Polizeiagent einen Fremden nach der Reisclegitimation fragte; derselbe vermochte eine solche nicht vorzuzeigen und wurde deßhalb verhaftet und nach dem Polizeigebäude tranSportirt. Auf dem Wege dahin snchte der Fremde zu cutspringen, wurde aber fcstgehal- ten und nun wegen dieses Fluchtversuches um so aufmerksamer durchsucht. ES war dies der Schneidergeselle Nothjuug und man fand auf seinem Leibe eine ziemliche Anzahl communistischcr Circuläre und andere verdächtige Papiere, aus denen klar hervorging, daß Nothjuug ein Emissär des Cvmmunistenbundes sei. Eine Menge Adressen, die sich gleichfalls bei demselben vorfanden, sowie die gemachten Geständnisse gaben der Polizeibehörde die gewünschtesten Aufschlüsse und man überzeugte sich aufs Neue, daß in London eine Centralbehörde des Bundes ihren Sitz habe, daß aber in Folge einer ausgebrochenen Spaltung auch in Köln ein zweites Centralcomite sich befinde, welches eben den Schneidcrgesellcn Nothjung als Emissär nach Leipzig entsendet hatte. (Forts, folgt.) j
* Wiesbaden, 6. Mai. Se. Hoheit der Herzog werden Dienstag den 10. Mai von Dessau zurückerwartet.
Am 5. d. sind Ihre Hoheiten der Herzog und die Frau Herzogin von Nassau von Dessau nach Berlin abgereist. Im Gefolge Ihrer Hoheiten befinden sich die Oberhofmeisterin Frau v. Thüngen und die Hofdame Fräulein von Prehn, so wie die Adjutanten Hauptmann Baron von Bose und Baron von Nauendorf.
Wiesbaden, 5. Mai. Für die Assisen des II. Quartals 1853 im diesseiligen Hofgerichtsbezirk wurden nachstcbcnde Geschworne durch das Loos bestimmt
I. Hauptgeschworne: Joh. Anton Jung von AßmannShausen,' Feldgerichtsschöffe H. Diener von Hochheim, Christoph Kremer von Hallgarten, Andreas Weil von Zeilsheim, Conrad Adam von Niederhöch- stadt, Philipp Conrad Bücher von Mauloff, Christian Bangert von Laubach, Wilhelm Müller von Gemünden, Jacob Bockcnheimer I. von Harheim, Andreas Rösgen von Camberg, Johann Malsy von Engenhah», Heinrich Peter Quint von Erbenheim, Gastw. Jeremias Rieth von Niedersetters, Johann Philipp Schlocker II. von Nordenstudt, Wilhelm Neubronner von Cronbcrg, G. CaSp. Schnatz von Marxheim, G. Heinr. Stemmler von Dreckcnhcim, Michael Kilian I. von Johannisberg, Philipp Peter Schauß von Limbach, Feldgerichtsschöffe J. Wagner von Eddersheim, Georg Jamin von Oberursel, Georg Ruf von Auringen, Joh. Niederhäußer II. von Mönstadt, Abraham Hirsch von Nassau, W. Jacob Balzer von Ems, Caspar Baum von Wörsdorf, Wilhelm Floreth von Zimmerschied, Johann Reitz von I Bornhofeu, Philipp Andreas Höser von Wiesbaden, Wilhelm Maurer von Idstein.
II. Ersatzgeschworne: Kaufmann Jos. Bertram von Wiesbaden,' Kaufmann Friedrich Letzerich von da, Revisor Freitag das., Kaufmann Willms das., Hermann Löwenherz das., Heinrich Scheurer (Schneider) das., Kaufmann Philipp Schuhmacher das., Carl Kalb das., Anton Mäckler das.
* Wiesbaden, 6. Mai. Unsere Leser werden sich des bedeutenden, bei dem hiesigen Goldarbeitcr L. Kölsch verübten Diebstahls erinnern. Der Beschädigte hat nur einen sehr geringen Theil der ihm gestohlenen Gold- und Silberwaaren zurückerhalten, jene Gegenstände nämlich, welche einer der am Diebstahl Bc'thcitigtcn (Faust) auf der Flucht vor den ihn verfolgenden Polizeidienern weggeworfeu hatte. Der ungleich größere Rest konnte trotz aller Nachforschungen nicht ermittelt werden. Der wegen Theilnahme an diesem Diebstahl zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verur- theilte Dewald von hier ließ vor einiger Zeit dem Goldarbeiter Kölsch durch dritte Hand mittheilen, er sei erbötig, gegen Ueberlassung der Hälfte den Ort zu bezeichnen, wo er die Goldwaareu vergraben habe. Ebenso soll Dewald sich der Zuchthaus-Directio» gegenüber zur Angabe des Ortes erboten haben, wenn ihm seine Strafe in Correclionshausstrafe umgewandelt würde. Diese Anerbietungen wurden weder von dem Beschädigten noch von den Staatsbehörden angenommen. Auf Grund mittlerweile von Dewald ge
machter Eingeständnisse, daß er die gestohlenen Gold- sachen an der Traucreiche in der Nähe dreier von ihm mit F. D. gezeichneter Bäume vergraben habe, wurde die Nachgrabung nach denselben verfügt und gestern von Seite der Polizei vorgenommen. Die drei bezeichneten Bäume wurden gefunden; von den vergrabenen Gegenständen konnte jedoch nichts entdeckt werden. Heute wird die Nachgrabung in Gegenwart des mittlerwile von Dicz hier eingetroffenen Züchtlinges wiederholt. Ob demselben Strafmilderungen in Aussicht gestellt sind, oder öb er sich freiwillig zur Bezeichnung des Platzes hcrbeigelassen, hoffen wir noch in Erfahrung zu bringen. Der Werth der noch fehlenden Gegenstände mag 1200 fl. betragen.
* Aus dem Justizamte Hochheim, 4. Mai. Zu der in Nr. 100. dieser Blätter enthaltenen Mittheilung über Entdeckung eines Kartoffeldiebstahls wird Folgendes berichtigend bemerkt: Allerdings hat Herr Bürgermeister Kopp in Wicker die gestohlenen Kartoffeln und den Dieb ermittelt, jedoch das Auffindeu der Säcke, in welchen die Kartoffeln fortgebracht wurden, geschah durch den StationScommandanten Landjäger Schmidt, von Hochheim, welcher bei der dritten Visitation des Bettes die Säcke, welche ebenfalls theilweise gestohlenes Gut waren, in einem Kissen eingenâht fand und so den Hauptbeweis gegen den Dieb zu Tage förderte.
Frankfurt, 1. Mai. Durch Bundesbeschluß löst sich die Abtheilung für die Marine morgen auf. Der österreichische Obrist - Lieutenant und Fregatten -Capitân Frhr. Bourguignon bereitet sich bereits für die Abreise nächster Tage vor und wird direct nach Triest gehen. Dr. Wilhelm Jordan wird vorläufig auf ein Jahr auf Nonactivitätsgehalt gesetzt, und der bei der Abtheilung eingestellt gewesene Schiffsbaumeister, so wie die Pedellen sind mit Vergütung eines dreimonatlichen Gehaltes entlassen. Der Buchhalter, die beiden Secretâre und der Registrator der Abtheilung treten einstweilen in die des Bundeskassenwesens, bis die Flottenliquidation, die im Verluste sieben Millionen übersteigen soll, vollkommen geordnet ist, was immer noch mindestens sieben Monate dauern kann. — Der „A. Z." wird geschrieben, daß die Projecte zur Reorganisirung der Bundesversas- sung sämmtlich aufgegeben sind.
In Ulm sind die Festungsbauten, weil es an Geld fehlt, in's Stocken gerathen.
Wilhelmsbad, 1. Mai. Heute wurden die Spielsäle des hiesigen Bades eröffnet. Der Andrang zu denselben war nicht besonders groß.
Kassel, 1. Mai. (N. C.) Dem hiesigen Stadt- rathe ist von der Regierung der Befehl zugegangen, unverweilt die Wahl eines Abgeordneten zum dermaligen Landtage vorzunchmen. Bisher war bekanntlich die Stadt Kassel in der Kammer nicht vertreten. — Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten und des kur- fürstl. Hauses, Hr. v. Baumbach, ist nach einer stattgehabten außergewöhnlichen Sitzung der Minister nach Frankfurt abgereist.
Die Hrn. Weinzierl, Pressel und Nöding haben an die zweite Kammer eine Protestatio» gegen ihre Ausschließung, als offenbar verfassungswidrig, gerichtet und erklärt, daß sie sich fortwährend als Mit» glichet dieser Kammer betrachten. Sie verwahren ihre uud ihrer Wähler Rechte und verlangen den Grund ihrer Ausschließung zn wissen, den man ihnen nicht einmal mitgetheilt habe. Endlich verlangen sie hierüber Beschluß der Kammer, den sie in ihrer Heimath erwarten müßten, da man sie unter Androhung von Zwang polizeilich ohne alle Angabe eines Grundes genöthigt habe, die bicsige Stadt zu verlassen.
Gotha, 2. Mai. (F. I.) Der Regierungspräsident Frauke von Coburg ist vom Staatsmini- jterium beauftragt, an den morgen zu Weimar beginnenden Verhandlungen über den Bau der Werra- Eisenbahn für das Herzogthum Coburg Theil zu neh. men. Wie man vernimmt, soll der Differenzpunkt, an welchem die Ausführung deS BauprojectS bis jetzt stets scheiterte, nämlich die Feststellung des Anschlußpunktes an die thüringische Eisenbahn, durch diese Verhandlungen definitiv erledigt werden. — Unser Herzog wird nach Eröffnung des gemeinschaftlichen Landtages zunächst am preußischen und dann am englischen Hof einen Besuch machen.
Altenburg, 3. Mai. Geh. Rath von Wüstein a n 11 ist in Berücksichtigung seiner angegriffenen Gesundheit , auf seinen mehrfach zn erkennen gegebenen Wunsch unterm heutigen Tage der ihm unterm 3. Februar d. J. interimistisch übertragenen Function im Ministerium wieder entbunden worden und in daS