Nassauische Allgemeine Zeitung.
Jsr SS Samstag den 23. April 1851
Dit,,NaffamfLt AUgtMtine geitunn" mit dem beaelnstistden Beiblatt „Der Wanderer" erscbeint, SonniaqS ansqenommen, tâqiidi und beträgt der PränumerationSprei« für Wiesbaden und , na» dem neuen Postregulaiiv nunmehr Lr den ganzen Umfang deâ Tburn- und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Jnbtgriff des PostausschlagS 2 fl., für die übrigen Länder des deutsäi.öjlerrei-bischen PostdereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 fr. — Inserate werden die »ttrfl y«ltUit€ oder deren Raum Mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgafse 42, auSwärt« bei den nächstgelegeneN Postämtern, zu machen.
Zeitungslchau.
Piemont und die Emigration. — Oesterreichs Gewerb- vcrhâltnisse. — Die ersten Wirkungen des Februarvertra- gcs. —- Notizen.
Der Lloyd bringt, man vermuthet aus der Feder des Herrn von Zedlitz einen Artikel über „Piemont und die Emigration." Die Gründe, welche Oesterreich bewogen, zur Sequestration der Güter der lombardischen Emigrirten zu schreiten, sind längst als vollwichtig gewürdigt. Es war die Nothwehr des Staakes das Un- terbinden der Pulsader des revolutionären Treibens. Neu ist, daß, wie der Lloyd anführt, selbst die zahlreichen Deputationen und Adressen aus Italien bei Gelegenheit der letzten Versuche die flehende Bitte am Fuße des Thrones niederlegten: Es möge doch die kaiserliche Macht einem Treiben ein Ende machen, welches nicht nur Gut und Leben bedrohe, sondern auch für ihre Nationalität tief entehrend sei." Die Lösung der von der piemontesischen Regierung aufgeworfenen Frage fährt er fort, liegt nicht in Wien, sondern lediglich in Turin. Die Abreise des sardinischen Ministers ist an und für sich eine gleichgiltige Thatsache. Die sardinische Regierung hat ganz allein die Lösung, die sie sucht, in Händen. Sie soll die lombardische Emigration moralisch entwaffnen, was sie im allgemeinen Begriffe des Völkerrechtes zu thun verpflichtet ist. Piemont, ein Staat dritten Ranges, stellt sich in diesem Streite in gleiche Bahn mit dem Kaiserthum Oesterreich. Es wäre mehr als übermüthig, thäte er dieses, ohne auf Verbündete zu rechnen. Wo sind diese Verbündeten? Die Revolution, die Revolution und wieder die Revolution. Zn den Jahren 1848 und 1849 hatte diese leider auch Italiens Regierungen und Bevölkerung in ihren Bund gezo- gen. Hat Piemont unter den europäischen Mächten Verbündete? Während die Großmächte in der Behandlung der wichtigsten politischen Fragen klug und behutsam Vorgehen und sich zn dem Zwecke vereinigen, einen allgemeinen Krieg zu verhüten, sollte die lombardische Emigration so thöricht sein zu glauben durch ihre Machinationen gerade in solcher Zeit in der einseitigen Frage ihrer Privatinteressen eine Schildcrhebuug gegen Oesterreich herbeiführen zu können? Und sollte man glauben, daß Piemont sich zu einem solch' gefährlichen Spiele hergeben würde? Nein, aus keinem nur halb vernünftigen politischen Gesichtspunkte ist der Gang dieser Angelegenheit zu erklären. Zur Ehre der piemon- tcstichcn Regierung nehmen wir ihn als ein Räthsel an, dessen Wort wir anderswo zu suchen haben. Piemont aber war von jeher ein wohlgeregelter Staat, aber nicht reich; die Geldmittel flossen sparsam und man war gezwungen, überall umzuschaurn, um neue Quellen, zumal für solche politische Zwecke zu erhalten, die nicht im Budget stehen konnten. In dieser Verlegenheit trat die Emigration in'S Mittel. Die Emigrirten, angcsiedelt oder Flüchtlinge, mögen zwischen 7—8 Mill. Lire Einkünfte besitzen. Die Wirkung, die sie daher auf die parlamentarischen Kräfte zu Turin wie auf die jourua- listige Mithilfe zu Paris (auf daS „Journal de Debats") ausüben (die Wohlfahrt Piemonts ist dabei das Geringste die sie kümmert, und die Gefahr die eö läuft, kommt dabei nicht in Anschlag), liegen aus der Hand. Getäuscht in ihren Hoffnungen, wie sie cs sind, ergrimmt über daS bisherige Mißlingen ihrer Pläne, verwenden sie ihr Geld, um aus der Verfassung Piemont's eine Kriegsmaschine gegen Oesterreich zu bilden. Es ist zunächst an Piemont selbst, zu entscheiden, ob es in seinem eigenen Interesse liegt, sich von der Emigration, und durch diese von der Revolution ferner in's Schlepptau nehmen zu lassen. Die Verpflichtung Oesterreichs aber ist es, diesen Machinationen der Emigration ein Ziel zu setzen, und diese Pflicht erfüllt es. Noch sind die Fäden zn diplomatischen Unterhandlungen nicht abgebrochen, aber wie gesagt, zn Turin und nicht zu Wien muß über die Frage entschieden werden.
Die „Presse", welche mit löblicher Beharrlichkeit für Gewerbefreiheit kämpft, schreibt heute über diesen Gegenstand : „Man wird sich nicht länger der Nothwendigkeit entziehen können, der Entfaltung unserer GewerbS- thätigkeit im Innern einen freieren Spielraum zu gewähren. Es gibt in der That auch keinen größeren Widerspruch, 'als die österreichische Industrie der Concur- renz des Auslandes bloszustcllen und gleichzeitig die innere Concurrenz zu hemmen. Wer bei uns im Stande ist, die Mitbewerbung des Auslandes zu ertragen, bedarf keines Schutzes gegen die seiner eigenen Landsleute nnd wenn man dem nicht-zünftigen Ausländer das Recht
einräumt, seine Gewcrbserzeugnisse auf den österreichischen Markt zu bringen, so kann man dem Eingeborenen das gleiche Recht mit einiger Consequenz nicht versagen."
Die „Augsburger Allgemeine Zeitung" bringt einen umfassenden Artikel über die praktischen günstigen Wirklingen , welche jetzt schon der F e b r u a r v e r t r a g äußert. Der Unternehmungsgeist, an welchem die Industriellen des Zollvereins, besonders Norbdeutschlands, jene Oesterreichs weit übertreffen, suchen nun den neu erschlossenen, ihnen bis jetzt unbekannten Markt auf und ’ fühlen sich nun in doppelter Weise überrascht. Sie finden nämlich einmal in Oesterreich für manche ihrer Artikel einen überaus günstigen Markt, erstaunlich hohe landesübliche Preise, dabei großen Bedarf und mithin die unmittelbare gewisse Aufsicht auf gewinureiche Geschäfte für eine Reihe von Jahren. Sodann aber finden sie gleichzeitig umgekehrt eine Menge österreick'scher Artikel von ebenso großer, ja oft beispielloser Wohlfeilheit, nicht selten auch von ausgezeichneter Güte, von Geschmack und Eleganz — Waaren, nach welchen nicht bloß im Zollverein, sondern anch auf auswärtigen, ihnen schon b ekann tc nMärkten viel Bedarf und Nachfrage herrscht.
So wäre also beiden geholfen. Die österreichische Industrie findet unternehmende Mittelsmänner, die Industriellen des Zollvereins neue Absatzwege, der Handelsmann Erweiterung des GescbäftöverkehrS.— „Tze Neue Preuß. Ztg." beschäftigt sich mit dem Armenwesen, die I „Kölnische Ztg." mit Erörterungen über Theilbarkeit deS Grundeigenthums , düs „Frankfurter Journal" beginnt eine Polemik gegen den Protest des oberrheinischen Episkopats.
Deutschland.
Y Wiesbaden, 22. April. Die nun seit einem Jahre hier bestehende Handels- und Gewerbeschule des Hrn. Dr. Schirm legte vor wenig Tagen in einem öf- fentlicken Examen die ersten Beweise ihrer Thätigkeit und ihrer Leistungen ab. Wenn auch bei der Gründung derselben von der Umsicht und wissenschaftlichen Bildung ihres Direktors zu hoffen war, daß die Schule die rechte Richtung sticken und ciuschlagen werde, so war doch die überraschende Theilnahme, die ihr im Laufe dieses Jahres zu Theil geworden, nicht so leicht voranözuseheu. Sie war von mehr als 100 Schülern besucht und sollen nun an 80 neue Anmeldungen statt- gefunden haben, darunter viele als Resultat des durchaus günstigen Examens zu betrachten sind. Auf letzterem trat besonders die praktische Richtung hervor, durch die hauptsächlich der künftige Geschäftsmann vorgebildet wird. So zeigten sich die Schüler zunächst in der französischen und englischen Sprache vorzüglich unter- ricktet, welche erstere von zwei gebornen Franzosen und letztere von dem Director ertheilt wird; nicht minder in den mathematischen Gegenständen, der Buchhaltung, deutschen Sprache und dem Naturwissenschaftlichen re. für die eigne Fachlehrer angestellt sind. — Die allgemeine Theilnahme, welche der besprochenen Schule zu Theil geworden, ist der sicherste Bürge ihrer Zukunft.
AuS Frankfurt wird dem Wiener „Lloyd" berichtet: Außer tcn schon durch die Begründer garantir- tcn 50 Millionen Gnldcn sind der Darmstädter Bank schon weitere 50 Millionen angeboten worden. Die Stammaktien sollen zn 500 fl. ansgegeben werden. Von einer Verausgabung zu ihrem Nennwerthe jedoch dürfte kaum die Rede sein. Schon jetzt hört man Kaufangebote von 20 Procent über den Nennwerth hinaus. Mehrere Pariser Banquiers, unter ihnen Fould, haben sich an dem Unternehmen betheiligt. Von Londoner Banquiers nennt man Baring. Ich schrieb Ihnen bereits, daß Fürst Felix von Hohenlohe - Ochringcu, der Präsident des Vereins zum Schutze vaterländischer Arbeit, sich der Sache mit besonderem Interesse angenommen habe. Doch ist der Fürst nicht das einzige Glied der hohen Aristokratie Deutschlands, welches sich dem Unternehmen zngewcndet. Es hat vielmehr eine vielseitige Betheiligung der höheren und niederen Aristokratie Deutschlands stattgefunden.
Mannheim, 21. April. (F. I.) Der Kreis- kassier Tarussello, dessen besonnenem Handeln die Stadt am Tage der Contrerevolution die Rettung der Kreiskasse verdankt, welche von den Revolutionären nach Heidelberg entführt werden sollte, wurde verflossenen Sonntag von einem Schlaganfalle getroffen und starb gestern Abend.
Freiburg. In dem eben veröffentlichten Verzeich- Nisse der Vorlesungen an der großherzoglich badischen : Albert Ludwigs-Hochschule für das Sommersemestcr seh- i
I len die Vorlesungen über Kirchengeschichte und I wandte Fächer gänzlick.
Stuttgart, 16. April. (Heilbr. Tagbl.) Die T ter eines französischen Staatsministers, der zugi Bankier ist, (Fould?) mit ihrem Liebhaber, einem ö reichischcn Maler, ist aus Paris entflohen. Das Paar sich hierher begeben, und die vergangene Nacht im Ki Prinzen zugebracht. Heute Morgen hat die hiesige lizei, aus Requisition eines französischen Polizei-Ägen die junge Dame auf eine Postchaise gebracht, um wieder nach Hause zu bringen. Die Abreise ges etwa um 12 Uhr, in Begleitung der französischen lizei-Agenten. Der Maler soll verhaftet sein und zum Eintreffen seiner Legitimationpapiere in Haft blei
Dem auf Hohenasperg befindlichen Ran von E dorf ist seine Entlassung aus dem Gefängniß unter Bedingung der Answanderung nunmehr amtlich eröff Er darf jeden Tag vor seiner Abreise einen Besuch nehmen; er erhält, sobald eine kleine Caution für sic Abreise gestellt und seine Fran und Kind, die ihn gleiten werden, reisefertig sind, einen Begleiter von Henasperg bis nach Heilbronn.
München, 18. April. Wie man der N. P. meldet, wird demnächst eine polizeiliche Verordnung scheinen, wonach der dienenden Classe das Tragen fallend eleganter und kostbarer Kleidungsstücke ( schon in's Enorme gesteigert), sowie insbesondere Dienstmädchen das Tragen von Damenhüten aller nicht mehr gestattet, und dem bei den niederen Ela immer mehr überhand nehmenden Luxus in durchg feiltet Weise begegnet werden soll. (Ware nachzuahmc
An mehreren Uferstellen der Isar, an welcher bisher fast an allen Vorkehrungen zur Rettmrg Verunglückten fehlte, werden jetzt Rettungsschiffe gestellt; man ist eben beschäftigt, die Mannschaft de teil in ihrem Dienste einzuüben.
Schwerin, 14. April. Die Pferdemärkte, wi jetzt hier stattfinden, werden auffallend stark von fi zösischen Pferdehändlern besucht, welche Pferde für Carabiniers-Regimenter und die neu errichteten Gü deS Kaisers auskaufen sollen. Die Preise, welche selben bezahlen, sind sehr hoch und belaufen sich 28, 30 bis 32 Louisd'or für ein volljähriges, Dienst für die schwere Reiterei geeignetes Pferd. R »et man nur die Transportkosten für ein Pferd hier nach Paris auf 7 bis 8 Louisd'or, so kommen neuen Remonten dort auf. 35 bis 40 Louisd'or stehen, allerdings ein hoher Preis für ein Eavack Pferd. Die Rosse, die von hier in letzter Zeit i Frankreich auSgeführt wurden, sind übrigens auch ter sehr tüchtige und starke Thiere. Außer diesen valleriepferden bemühen sich die französischen Pfe Händler auch edle Luxuspfcrde für den Hofstaat Kaisers zu kaufen, besuchen zu dem Zweck alle Gej und bezahlen gern für ein paar große Wageupf von edler Race 140 bis 180 Louisd'or. Besoul große und edle Pferde von Jsabellenfarbe wünschen selben zu kaufen, da der Kaiser einige Jsabellenzügc errichten befohlen hat, konnten aber bisher ihren Z noch nicht erreichen, da diese Farbe hier im Lande selten ist. Die Zucht edler Pferde hat überhaupt den letzten sechs bis ackt Jahren sehr in Mecklenk nachgelassen und eine Menge kleiner wie größerer 1 stüte sind auf den Gütern elngegangen. Bei den ho Kornpreiscn und der sehr rationell betriebenen Bewi schaftung der Güter finden viele Gutsbesitzer ihre R nuug nicht mehr im Betrieb der Pferdezucht, foul bauen lieber Weizen, um solchen nach England am führen. Edle Pferdezucht, im größeren Maße betriel erfordert sehr bedeutende Auslagen und ist dabei vi Wcchselsällcn unterworfen, daher eigentlich nur m habende Leute sich mit derselben abgeben können.
Berlin, 19. April. Die Verfassungscommis der zweiten Kammer hat mit 13 gegen 5 Stimi entschieden, den rheinischen Abgeordneten A ld e n h or in Anklagestand wegen Beleidigung 1 Minister von der Tribune zu setzen. Di Beschluß erregte hier einiges Aufsehen, mit dürfte großer Tragweite für parlamentarische Freizeit unt) lamentarischeö Leben werden. DaS von der Regier eingebrachte, von der ersten Kammer genehmigte G zum Schutze gegen die außerpreußische Presse hat < in der betreffenden Commission der zweiten Kammer Genehmigung erhalten; t. h. die Regierung kann, w dieses Gesetz in der Kammer durchgeht (woran nich zweifeln ist), jedes nichtpreußische Blatt ohne Weit verbieten, die preußische Presse steht ohnedies schon § unter ihrem Einflüsse.