Einzelbild herunterladen
 

Nassauische Allgemeine

TVr SS Mtt»och Öen 20. April 1863.

Die,.Nassauische Nl!»emeine Zeitung" mit dem bcUtiristischcu BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumeratioaSprciS für Wiesbaden und , nach dem neuen Poftregulaiiv nunmehr auch ür den ganzen Umfang deS Lvurn- und DariS'fchen VerwaltungSbezirlS mit Znbigdkff des PostaufschlagS 2 fL, für die übrigen Länder des deutsch-Ssserrrichischen PostvereinS, wie für daS Ausland 2 fl. 24 fr. Inserate werden die siersxaltig Petitjeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auSwân« bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Leitungstchan.

DaS Preuß. Wochenblatt sagt sich vonGotha" loS. Regierung und Presse- Frankeichs Stellung zu Oester­reich und zur katholischen Kirche. Die Börsenspielwuth in PariS. Lection für die Flüchtlinge in England. Die letzte österr. Note an die Schweiz.

Das preußische Wochenblatt vertheidigt sich beute gegen die übereinstimmenden Angriffe der österreichischen Presse" und der Kreuzzeitung. Es bekennt sich offen zu dem sogenannten von Gagern'schen Programm, wel­ches später ja auch unter v. Radowitz das officielle preußische Programm war; aber es wehrt sich aus al­len Kräften dagegen, mit denGothaern" irgendwie in nähere Verbindung gebracht zu werden. Es behauptet rücksichtlich dieser Partei:Das Unterscheidende dersel­ben liegt nicht darin, daß sie Deutschlands Entwicklung unter Oesterreichs Führung für unmöglich und deßhalb Oesterreichs Austreten aus Deutschland für nothwendig hält; denn diese Ueberzeugung theilt sie mit vielen An­deren. Ihr eigenthümlich aber ist es, daß sie für die deutsche Nation nach dem Ausscheiden Oesterreichs einen Staat mit Oberhaus und Unterhaus, den König von Preußen als Kaiser an der Spitze, als letztes Ziel er­strebte. Dieser Partei hat das preußische Wochenblatt niemals angehört, sondern' im entschiedenen Gegensatz zu ihr stets, zwar nicht den Bund von 1815, aber doch die Bundesform als die der deutschen Nationalität und deutschen geschichte entsprechende Einheitsform anerkannt, deren nähere Gestaltung in unendlich mannigfacher Form nach Zeit und Umständen möglich ist,"

Die Vorträge, welche Professor Stahl im evange­lischen Vereine über denProtestantismus als politi- tisches Princip" gehalten, sind noch immer nicht im Druck erschienen. In den maßgebenden Kreisen, von denen Stahls letztjâhriger Vortrag:Die Revolution", so beifällig ausgenommen wurde, soll man es, wie die Köln. Ztg. meldet, bedenklich gefunden haben, daß von einem Mitgliede des evangelischen Oberkirchenrathes eine Broschüre zur Oeffentlichkeit gelange, welche un- sehlbar der konfessionellen Polemik reiche Nahrung ge­boten und *- waS die Hauptsache zugleich das Mißfallen katholischer Regierungen erregt hätte'. Die Bedenken wurden längere Zeit hin und her gewogen, bis Stahl auf Zureden seinerFreunde" sich entschied, seinen Vortrag bloß in Hengstenberg'sEvangelischer Kirchen-Zeitung" zu veröffentlichen.

DieNeue Preuß. Ztg." bringt seit drei Tagen Artikel gegen die ministerielle Presse, welche mehr gegen das Ministerium selbst gerichtet scheinen. Der Schluß des heutigen, anscheinend letzten, lautet:Eine Vertretung der Regierung in der Presse wird erst dann der Fall sein können, wenn die Regie­rung ihren Zusammenhang mit einer großen Richtung der nationalen Entwickelung auch äußerlich herstellt, wenn sie die Abhängigkeit, in welcher sie nothwendiger Weise von den herrschenden Ansichten, von den Partei- gliederungen des Landes u. s. w. gehalten wird, auch durch die feste, offene und geordnete Beziehung auf eine dieser Mächte documentirt, kurz wenn sie sich als den Ausdruck eines zum Siege gekommenenen Systems betrachtet. Dann wird das Ministerium sogleich eine Vertretung in der Presse haben, eine Vertretung, welche Mit ihm ein gleiches Verhältniß zu einem gemeinsamen tieferen Grunde, zur Partei, unterhält, von da her mit ihm die gleiche Normirung empfängt, von ihm zunächst also unabhängig ist und daher eine Haltung bewähren kann, deren äußerer Freiheit auch eine innere schon darum zur Seite gehen wird, weil die Richtung und die Bestrebungen einer historischen Partei das erlau­ben, was die Bestrebungen einzelner in einem Ministe­rium vereinigter, sonst aber aus verschiedenen Kreisen und Beziehungen ausgelöster Männer nicht gestatten nämlich eine vorausschaucnde Uebersicht über den Plan und die Ziele der in der Presse zu vertretenden Bewegung."

DerConstitutionel"zschließt den gestern erwähnten Ar­tikel über die Sequestrationsfrage mit folgenden Worten: Unsere Regierung," sagt er,hat sich klüger benom­men, als England. Unsere Agenten in Wien haben sich gar nicht um diese Angelegenheit bekümmert. Die fran­zösische Regierung hat dadurch Piemont einen größern Dienst geleistet, indem sie ihm den Rath gab, allein zu handeln, und cS zugleich mit seinem moralischen Einfluß unterstützte, ohne irgend einen directen Schritt zu thun. Sie begriff, daß das von einem jungen und edelmüthi- gen Fürsten beherrschte Oesterreich Piemont Concessionen machen werde, die es seiner Würde halber den unregel­

mäßigen Reklamationen der Mächte ersten Ranges ver­weigern würde. Wir sind überzeugt, daß diese Voraus­sicht nicht getäuscht und daß das Sequester nur auf den Gütern derjenigen Personen belassen werden wird, die des Complottirens für schuldig erkannt werden. Alles läßt uns hoffen, daß Oesterreich mit großer Mäßigung in dieser Angelegenheit auftreten wird, und daß die öffentliche Meinung nicht umsonst an die Gerechtigkeit und den Edelmuth des Kaisers Franz Joseph.appellirt hat. Was die Abberufung deS Grchen Revel betrifft, so wird sie nicht die Consequenzen haben, welche die Journale in Aussicht gestellt haben. Sein Urlaub wird nur die zur Beendigung der Untersuchung der Hand­lungen der Flüchtlinge uöthige Zeit dauern. Der größte Theil derselben wird entweder durch direkte oder indi- recte Maßregeln wieder in den vollen Besitz seiner Güter kommen, und die guten Beziehungen zwischen Oesterreich und Sardinien werden wieder ausgenommen werden können, ohne daß die Würde einer der beiden Mächte gelitten haben wird."

Das Pays veröffentlicht mit der Unterschrift de la Gueronniere'S eine Art Manifest über die Gesinnungen der Regierung in Betreff ihrer Stellung zur katholischen Kirche. Derselbe enthält folgende bezeichnende Stelle: Man legt der Regierung Napoleons III. die Absicht bei, ihrer Tradition zu entsagen, indem sie das Recht des Staates der Souveränetät der Kirche aufopferet Es ist wichtig, daß die öffentliche Meinung dem Irr­thum dieser Recriminationen und Klagen nicht überlassen bleibt. Von Herzen katholisch, wird der Kaiser immer den religiösen Geist refpectiren; Haupt einer großen Nation, wird er niemals den Civilgeist aufgeben. Indem er mit einer unbeugsamen Festigkeit dieses doppelte In. teresse sicher stellt , wird cs ihm gelingen, der Religion ihre ganze moralische Gewalt über die Seelen und der Gesellschaft ihre ganze Kraft für das Gute zu erhalten."

Ein Korrespondent derA. A. Z." hält es für ein böswilliges Gerücht, wenn behauptet wurde, daß die letzten Verhaftungen mit einer Verschwörung zusammen­hänge, an der selbst Mitglieder der kaiserlichen Familie Theil genommen hätten. Unter den Verhafteten befinde sich keine Notabilität und gehören dieselben vielmehr jener Gesellschaft an, die gegen jede Regierung complo- tirt. Sechzig bis achtzig Personen wurden bereits ent­lassen, die übrigen werden von dem Zuchtpolizeigericht abgeurtheilt werden. Die Börse blieb gleichmüthig, da­gegen verursachte die Nachricht von der Unpäßlichkeit des Kaisers ein Sinken der Fonds? Woher diese Aengst- lichkeit bei sonstiger Gleichgiltigkeit? Weil der Kaiser die ganze Lage in sich begreift! sind das gesicherte Zu­stände? Die Börsenspecnlationswuth dauert übrigens fort, es wird nichts dagegen gethan, sie ist ein Adlei- tungsmittel gegen die furia francese.

DieZeitung für Norddeutschland" sieht in dieser Spielwuth eine Bürgschaft gegen das Gelingen der re­volutionären Pläne. Ledru-Rollin verrathe eine große Unkenntniß und Verblendung, wenn er nach seinem letz­ten Ausruf zu schließen, Frankreich, das im Börsenspiel versunkene und von einer neuaufgegaugenen Sonne der I Macht geblendete Frankreich zur Revolution vorbereitet glaube. Eben so lächerlich fei dessen auch von Ruge getheiltes Vorurtheil, die Freiheit Deutschlands könne in Paris erkämpft werden. Dieser politische Aberglaube sei in Deutschland bereits beseitigt; Niemand begehre die französische Freiheit, die in jeder Form nichts ande­res sei, als eine neue Auslage des alten Staatsabsolu- tiSmus, nichts Anderes als die Freiheit der Einen zur Unterdrückung der Andern. Vielleicht zieht dieZeitung für Norddeutschland" ans ihren eigenen Lehren Nutzen. Daß Ruge, fährt dieses Blatt fort, von diesem großen Umschwünge, der in der öffentlichen Meinung Deutsch- lands sich'vollzieht, noch gar nicht zu wissen scheint, ist ein schlagender Beweis dafür, wie wenig die Flüchtlinge im Allgemeinen über unsere Zustände unterrichtet, wie wenig sie also auch geeignet sind, auf unsere Geschicke bestimmend einzuwirken, wozu sie sich doch besonders be­fähigt und berufen halten.

Die Schweizer Blätter besprechen die gestern im Auszug mitgetheitte Note des Wiener Cabtnets an den Bundesrath. Die Basler Zeitung findet, daß diese Note offenbar die ganze Sache in eine neue und weit schwierigere Stellung versetzt. Sie gehe offenbar weiter als alle frühern Noten, indem sie bestimmtere Bürg- schäften fordert jetzt erst beginne die rechte Verlegenheit. Diese Verlegenheit steht man auch den Blättern an, welche bisher als Vertreter der Politik des Bundesrathes gelten konnten. DerBund" hält seinen Rath für heute > noch zurück und sagt nur, von fernern diplomatische« 1

Unterhandlungen sei nichts mehr zu erwarten. Die N. Z. Ztg. ist ebenfalls ernst geworden, was am Besten beweisen möchte, daß dir Lage der Dinge eine sehr ernste sei. Sie sagt:Man hat sich gegen die Schweiz das Unerhörte erlaubt und verlangt nun noch obendrein eine Art Reue und Leid, nebst dem Versprechen einer bessern Aufführung von ihr, Blutiger konnte Oestreich uns nicht beleidigen. Der Effect dieser Beleidigung wird aber in der Schweiz kein niederschlagender, sondern ein erhebender sein; Niemand wird daran denken, einen Frieden von Oestreich zu erbetteln, Man wird den Kriegs« zustand als bekannt annehmen und höchstens über die Mittel sich streiten, wie man dem gemeinsamen Feindè Abbruch thun oder ihm die erlittene Mißhandlung zu- rückgeben wolle. Wir unsererseits würden Oestreich nicht mehr antworten, sondern dasselbe in Len Fall se­tzen, die Antwort sammt den verlangten Garantiern holen. Von allen weitern Demonstrationen, welche die Bedeutung einer Offensive haben, würden wir aber ent­schiedener als je abrathen." Daß die Blâttet der Re­volutionspropaganda nun mit voller Kraft in das Kriegs­horn blasen werden, versteht sich von selbst. Die Berner Ztg. verlangt Abbrechen des diplomatischen Verkehrs mit Oestreich, und die entschiedene Erklärung, daß matt für die erlittenen Unbilden entschiedene Genugthuung forkere, diese Genugthuung geltend zu machen sei zwar jetzt, da man die Nation zu viel beruhigt habe, kaum der Augen­blick, man solle aber erklären, daß man sie im rechten Augenblick zu erlangen wissen werde und dieser Augen­blick könnte in nächster Zukunft eintreten. Also eine Kriegserklärung unter Vorbehalt, daß man den Krieg beginnen werde, sobald der gelegene Moment da sei. Eine Reihe Vorbereitungen seien zu treffen, aber nicht öffentlich zu besprechen, und die Bundesversammlung einzuberufen.

Deutschland.

* Wiesbaden, 18 April. Gestern wurde von einer Deputation des hiesigen Gemeinderaths eine in außerordentlicher Sitzung vom 15, d. M. beschlossene Vorstellung desselben an das Herzogliche Hohe Staats­ministerium in Betreff der Erbauung der Deuttz -Lim­burg-Wiesbadener Eisenbahn Sr. Durchlaucht dem Hrn. Staatsminister Prinzen zu Wittgenstein über­reicht. Se. Durchlaucht gab der Deputation die Ver­sicherung, daß von Seiten der Regierung Alles aufge­boten werde, um dem Lande, dessen seltene Naturschätze die dringendste Aufforderung zur Theilnahme an den Wohlthaten einer großartigen Eisenbahnverbindung dar­böten, diese letzteren zu sichern.

F Wiesbaden, 18. April. Dem Resultate un­serer diesmaligen Kammerverhandlungen wird nament­lich in Beziehung aus die Verbesserung deS Gemeinde^ gesetzes mit Spannung entgegengesehen. Hoffen wir, daß Stände den gewiß auf Erfahrungen beruhenden Regierungsvorschlägen nicht allein willig Gehör schenken, sondern auch die zweifelsohne in der Heimath gemach­ten eigenen Wahrnehmungen von mancherlei Unzweck- mäßigem des 1848r ProducteS zur Nutzanwendung mlttheilcn werden. Vor allem dürfte wohl als allge­mein wünschenswerth erscheinen, daß die Bildung der Gemeindebehörden künftig nur aus solchen Bürgern ge­schehen könne, welche unbescholten, möglichst unabhängig und frei von irgend welcher Parteileidenschaft und ' eigen­süchtigen Absichten, lediglich den Zweck ihres Ehrenam­tes erstreben. Die Einführung eines entsprechenden WahlcensuS möchte desfalls angemessen erscheinen. Und während so die einzelnen Mitglieder der Gemeinde- Hörden tüchtiger würden, ließe sich deren bisher über­haupt zu große Anzahl sehr, ja wohl um die Hälfte vermindern. Die Mitwirkung der Gemeindeversamm­lung, resp, des Ausschusses, mögen wir nur als eine sehr schwerfällige bezeichnen und wünschen, daß statt deren die Controle der Staatsbehörde eine geschärftere und ausgedehntere werde. Dagegen glauben wir, daß den Bürgermeistern auf ihre Verantwortlichkeit hin, eine größere Kompetenz in Beziehung auf die Gemeindever­waltung und zur möglicheren Bewahrung ihres Dienst­ansehens ganz besonders eine Arrest Straf-Bcfugniß von mindestens einem Tag eingerâumt werden müßte. Hierbei können wir den Wunsch nicht unterdrücken, die Bürgermeister künftig nicht von Wählern, welche für ihre Wahl später erkannt sein wollen, sondern von der Staatsregierung, welche nur auf allseitige Tüchtigkeit achtet, ernannt zu sehen,

Ju Beziehung auf die Obliegenheiten der Bürger­meister, als Beamten unterster Instanz der freiwilligen Gerichtsbarkeit werden demnächst hoffentlich diejenige»