Nassauische Allgemeine Zeitung.
Wr 7.5. Donnerstag den 31. Mây 185®.
Bestellungen auf die „Nass Allgem. Zeitung" für das zweite Quartal 1853 werden baldigst erbeten.
Die,,Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem dettelristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und betragt der Pränumerationspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch ür den ganzen Umfang des Lburn« und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postausschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deutfch.österreichischcn PvstvereinS, wie für das Ausland 2 fl.,24 tr. — Inserate werden die merspaliig Petitjeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Länggasse 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Zur vrientuischen Lragc.
Nach dem „Lloyd" erhielt die französische Flotte Befehl zum Absegeln, ohne daß dem englischen Cabi- nete zuvor über diesen Entschluß eine Mittheilung gemacht wurde. Darüber ist man natürlich [in London sehr ungehalten worden, und das Organ des englischen Ministeriums erklärt rundweg, daß England mit der französischen Politik in der orientalischen Frage nichts zu schaffen habe. Frankreich, sagt cs, trage selbst die Schuld an dem Vorgehen Rußlands in Constantinopel. Warum habe es den Herrn v. Lavalette so herrisch auftreten lassen in der Frage des heiligen Grabes? Warum sei der französische Kaiser so ehrgeizig gewesen, sich zum Schutzherrn desselben auswerfen zu wollen? Was habe England damit zu schaffen, ob die lateinische, ob die griechische Kirche in Jerusalem größere Rechte genieße? Solle England vielleicht für die Sache des Papstes fechten? Man weiß also in England nicht, ob man die Sache Frankreichs zur eigenen machen soll, man weiß auch nicht, ob man sich auf die Länge der Zeit von ihr trennen darf. Mittlerweile macht man seiner bösen Laune in bösen Worten Luft. Man wartet in London ab, in Paris, überall. Ueberall weiß man noch nicht, was man will,• soll und muß, nur im russischen Lager herrscht Klarheit und Entschlossenheit. — Für Rußland, sagt der „Lloyd", war nie ein Zcit- Punct so günstig für seine Pläne, wie der jetzige. Nie hatte es in der orientalischen Frage so wenige Gegner, wie heute. Die Sendung des Fürsten Menczikoff nach Constantinopel ist, falle sie aus, wie sie wolle, eine historische. Endet sie friedlich, so geht das türkische Reich durch sie im Frieden unter, endet sie kriegerisch, so geht es unter im Kriege. Erhält der Kaiser von Rußland das Recht, den Patriarchen von Constantino- Pel zu ernennen, und die Schutzherrlichkeit über die griechischen Christen in der Türkei, so ist d a s Reich factisch im Jahre 1853 wieder hcrgestellt, welches gerade vor vier Jahrhunderten im Maimonat des Jahres 1453, bei der Erstürmung Constantinopels durch die Türken unterging.
Die „Times" vom 23. enthält wieder einen Artikel über die orientalische Angelegenheit, worin das Thema von dem sactischen Zerfalle des türkischen Reiches neuerdings durchgeführt wird und in welchem zugleich die Wendung, welche die Dinge in Bezug auf Constantinopel genommen, bereits angedeutet ist. Sie sagt: „WaS nutzt es, davon auszugehen, daß die Türkei unverletzlich und unabhängig sein sollte? Wir müssen die Thatsachen nehmen, wie sie sind; wir können sie nicht anders machen; wir können hinfälliges Alter nicht in kräftige Jugend verwandeln. Und es zeugt von trauriger Geistesarmuth in den Reihen moderner Staatsmänner, daß sie im Angesichte einer Frage von deren Lösung die Wohlfahrt von Millionen abhängt, nichts Besseres zu thun wissen, als einen Türkenkopf mit dem Turban aufzuputzen und sich zu verabreden, ihn so zu behandeln, als wäre er ein Sinnbild der Macht und Herrschaft. Die Türkei ist nicht einmal so sehr von außen gefährdet als von innen. In diesem Augenblicke liegt die türkische Flotte unbemannt im Winterquartier. Zwischen Constantinopel und der Moldau gibt es keine Streitmacht, die den Marsch einer einzigen feindlichen Heersäule aufhalten könnte. Seit Jahren haben die türkischen Minister sich ans Kosten der Staatscasse bereichert und der große Reformer Reschid Pascha wurde wegen seiner unerhörten Geldunterschleife entlassen. Der Schatz ist leer, ausländische Creditquellen hat sich der Divan selbst verschlossen. Dies Alles weiß man in Wien und Petersburg sehr wohl, und doch glauben wir nicht, daß die nordischen Höfe an Theilung denken. Die russischen Forderungen scheinen nicht so arg, als man sie macht, und was die Schirmherrschaft über das heilige Grab betrifft, so ist erstens England nicht verpflichtet, die ka- tholischen Pxätensionen zu unterstützen, und zweitens scheint selbst Frankreich die Lavalette'schen Erzwungen- schaften sehr gering anzuschlagen, und es soll uns nicht wundern, wenn es sie ganz und gar fahren läßt. Rußland aber hat in dieser Frage eine besondere und eigenthümliche Stellung. Der Czaar hat von der Pforte schwerlich eine formelle Anerkennung seines Protectorats über die griechischen Christen gefordert, dq er dasselbe factisch ausübt. Wo immer ein Mitglied der griechischen Kirche in der Türkei Schutz bedarf oder Genugthuung sucht, wendet es sich an den rusischen Consul. Durch diese gewaltige Maschinerie kann Rußland in jedem Au
genblicke einen Religionskrieg entzünden, und Myriaden würden sich um das griechisch - russische Kreuz schaarcn. Diesem moralischen Element kann keine andere Großmacht ein ähnliches gegenüberstellen. Die gesammte Christenheit im Orient weiß, daß Rußland durch die feierliche Ambassade in Sachen des Heil. Grabes praktisch eine Sache verficht, die man n'cht nach der Bedeutung des unmittelbaren Zweckes messen darf. Und daS ist wahrscheinlich das Hauptresultat, welches der Kaiser Nicolaus für diesmal erzielen wollte. Eine bloße westeuropäische Flottendemonstration vor den Dardanellen würde dem Fortschritte der russischen Politik kein fühl- oder greifbares Hinderniß in den Weg legen (!) und nur die Auflösung der Türkei beschleunigen. Allein Rücksichten anderer Art dürften den Kaiser von jenen gewaltsamen Schritten zurückhalten, die man ziemlich leichtfertiger Weise ihm zugemuthel hat. Er hat bei mehreren Gelegenheiten gezeigt, daß et nicht das Signal zu einem Kriege geben will, der gar bald einen revolutionären Charakter annehmen müßte. Er sagte bei einer Gelegenheit, daß cs ein Gegenstand seines Ehrgeizes ist, das Vertrauen Englands zu verdienen und bei England gut angeschrieben zu stehen. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten werden daher leicht ausgeglichen sein, sobald der Kaiser, wie zu erwarten ist, im Verein mit England ein Einverständniß aller Großmächte herbeizuführen sucht." Die „A. Allg. Z." vom 22. d. bringt einen Leitartikel unter der Aufschrift: „Das Drama im Orient", in welchem ebenfalls der Mangel der Türkei an Lebensfähigkeit dargethan wird. Ebenso bringt das „I. des Debats" einen Leitartikel, worin cs seinem Eifer für die Erhaltung des ottomanischen Reichs auf einmal entsagt und sich in eine den Times fast wörtlich nachgesprochene Politik wirft. Es erkennt das Interesse der Civilisation an der Auflösung desselben vollkommen an und will deßwegen keineswegs „dessen ungeschmälerte Aufrechterhaltung, sondern blos das Recht Europa's, in seiner Gesammtheit über dessen Zerstückelung befragt zu werden, vertheidigen." Die Betonung, womit das „Journal des Debats" die Nothwendigkeit erörtert, nicht nur in Europa, sondern zugleich in Asien dem Türkenreich ein Ende zu machen, läßt den Hintergedanken vermuthen, hier für Frankreich eine Entschädigung zu fordern.
Der Correspondent des „Chronicle" aus Paris bemerkt: Die zweideutige Politik der französischen Regierung in der orientalischen Frage ist nicht geeignet, L. Napoleons Stellung zu den andern Mächten zu verbessern. Wie ich höre, haben die Vertreter von Rußland, England, Oesterreich und der Türkei, einer nach dem andern, die Versicherung erhalten, daß ihr Interesse sich der ausschließlichen Gunst L. Napoleon's erfreut. Die eigenthümliche Form, die der Menczikoff'schen Sendung gegeben ward, soll zum Theil daher rühren, daß der Czar die Aufrichtigkeit jener Betheuerungen auf die Probe stellen und die französische Regierung zwingen wollte, mit ihren wirklichen Absichten herauszutreten. Einer von Fürst Mcn- czikoff's Söhnen, der jetzt in Paris ist, hat mit Herrn Drouin de Lhuys Besprechungen gehabt, welche wesentlich dazu beitrugen, Rußland zu einem energischen Auftreten zu ermutigen. Durch die Absendung der Flotte nach den griechischen Gewässern hat Louis Napoleon einerseits den Czaren beleidigt, während er durch die wahrscheinliche Neutralität der Flotte das Vertrauen Englands zur französischen Allianz erschüttern muß. Außerdem wird er allem Anschein nach dasProtcctorat Frankreichs über das heilige Grab drcingeben müssen, was nicht umhin kann, seine Popularität beim Klerus daheim zu beeinträchtigen.
Auch Sir Charles Napier, der unermüdliche, gibt seine Stimme über die orientalische Krisis ab. Der alte Seemann räth, die englischen Rüstungen fortzusetzen, eventuell nicht blos gegen Frankreich, sondern auch gegen Rußland. ___________
Deutschland.
* Wiesbaden, 30. März. Gestern hat die Gemeinde Sespenrod ihren Entschluß, nach America aus- zuwandern, in's Werk gesetzt und ist über fünfzig Köpfe stark, in Begleitung eines Regierungscommissärs nach Coblenz abgegangen, von wo aus die Einschiffung nach einem Seehafen stattfinden soll. Es ist dies der erste Fall einer solchen corporativen Auswanderung und wird diesfalls, da es sich, um das. Aufhöreu der Existenz einer juridischen Person handelt, eine diese Verhältnisse regelnde Gesetzvorlage den Ständen gemacht werden.
Nach den uns in diesen Tagen zugekommenen Mittheilungen des Vereins nassauischer Aerzte, ist im vorigen Jahre die Zahl der Vereinsmitglieder auf 66 gestiegen; der Verein umfaßt daher beiläufig die Hälfte der Aerzte Nassaus. Derselbe ist in 7 Sektionen getheilt, welche monatlich sich zu wissenschaftlichen Besprechungen versammeln. Die von den einzelnen Sectio- nen zu bildenden Lesezirkel sind überall in's Leben getreten^ Nach dem Bericht deö Vorsitzenden waren die wechselseitigen, bei den Sectionsversammlungen gemachten Mittheilungen und angestelltcn Forschungen von großem Interesse. Die gediegensten Arbeiten werden als Anhang des Protocolls der Generalversammlung gedruckt. Als Aufgabe für das nächste Jahr ist allen Vereinsmitgliedern ausgegeben, die Wirkungen des Senate cornulum als Pulver oder als Decoct auf den Uterus zu beobachten und mitzutheilen. Die nächste Generalversammlung wird in Limburg am ersten Dienstag im October gehalten werden.
ft Wiesbaden, 30. März. Auf die von dem Carl Friedrich Eduard Pöschel ans Oberwiesenthal, im Königreich Sachsen, gegen das Urtheil des Assisen- Hofs zu Dillenburg, in der Untersuchung gegen denselben, wegen Versuchs zur Verführung der "Unzucht, ergriffene Nichtigkeitsbeschwerde hat der Kassationshof Termin zur Verhandlung der Sache auf Mittwoch den 6. April c., Morgens 9 Uhr, im Sitzungszimmer des Herzoglichen Oberappcllationsgcrichtes, an- beraumt.
Mainz, 29. März. (M. I.) Mit dem heutigen Mittagszuge aus Frankfurt traf Se. Exc. der Bundes- Präsidialgesandte und kais. öfter. Fcldmarschalllieutenant Frhr. v. Prokesch hier ein. Nachdem derselbe den öfter, und preuß. Festungschefs seinen Besuch abgeplattet hatte, wurde ihm von den beiderseitigen Officiercorps die Aufwartung gemacht. Mittags wohnten Se. Exc. einem großen Diner bei dem Herrn Vice - Gouverneur Feld- Marschall - Lieutenant Freiherrn von Mertens bei, wozu die höchsten Civil- und Militär-Autoritäten geladen waren, und verließen mit dem Abendzuge wieder unsere Stadt.
£ Freiburg, 20. März. Hr. Prof. Schleyer, der an das Lyceum in Rastatt versetzt worden ist, wird, dem Vernehmen nach, nicht dahin abgchen. Ob in Bewußtsein seines guten Rechtes oder in Folge eines Widerrufs von Seite der Regierung ist unbekannt.
Köln, 29. März. Der baierische Hülfsverein hat 20,000 Gulden zum Fortbau unseres Domes eingesandt. — Die Deutsche Vokksh. schreibt: „Wegen einer Reise, die möglicher Weise von längerer Dauer sein könnte, kann Hr. v. Florencourt die von ihm provisorisch übernommene Redaction der deutschen Volkshalle für eine Zeit lang nicht fortführen. Er wird indessen nicht aufhören, so viel cs aus der Ferne möglich ist, für die Deutsche Volkshalle thätig zu sein. Das klingt wie ein Euphemismus für Ausweisung.
Berlin, 28. März. Am vergangenen Sonnabend entwickelte die hiesige Polizei eine ungewöhnliche Thätigkeit, es sind an 80 Haussuchungen bei durchweg politisch verdächtigen Personen und an 40 Verhaftungen vorgenommen worden; unter den Verhafteten nennt man die Herren JnliuS Berends, Adolph Streckfuß, Leihbibliothekar Müller, praktischer Arzt Falkenthal, und Andere. (Die beiden erstgenannten Herren waren am andern Tage wieder der Haft entlassen.) Das sämmtliche Personal der Polizei war in Thätigkeit, an einzelnen Orten hatte man bei den Haussuchungen auch Feuerwehrmänner zugezogen. Alle Operationen scheinen nach einem wohlorganisirten Plane gleichmäßig um 12 Uhr Mittags begonnen zu sein. Natürlich machte dieses Ereigniß sofort große Sensation und schon am Nachmittage verbreiteten sich beunruhigende Gerüchte, daß man ein ernstes Complott entdeckt und bedeutende Waf- senvorräthe vorgefunden habe. Die Berliner „Jllustrirle Montags-Zeitung" bringt aus sicherer Quelle Folgendes über diese allerdings höchst beachtenswerthen Ereignisse. ES war der hiesigen Polizei nicht entgangen, daß sich schon einige Zeit vor den neuesten bekannten Mailänder Ereignissen und den gleichzeitig an andern Orten hfivorgetrctenen politischen Bewegungen auch unter dem extremsten Theile der Berliner Demokratie eine ungewöhnliche Bewegung zeigte. Es fielen einzelne drohende Aeußerungen, man bemerkte verdächtige Personen ab- und zureisen, von denen sich namentlich in den letzten Tagen bei der bekannten "Verfolgung der Calabre« serhüte wieder Spuren gezeigt haben sollen. Rament«