Nassauische Allgemeine Zeitung.
â *V. Mittwoch den 30. Miirz /m.
Bestellungen auf die „Naff. Allgem. Zeitung" für das zweite Quartal 1853 werden baldigst erbeten.
Dik,,N«1samscht MUßtmeint Zeitung" mit dem btUttriftifdlfn Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, SonnlaqS ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumcrationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Poflregulai!» nunmehr auch fir den ganzen Umfang deS Düurn. und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Jnbtgriff des Postausschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deutfch.ofterreichischen Pogvereins, mit für daS Ausland 2 fl. 24 fr. — Inserate werden die uierfpaltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaste 12, auSwârlS bei den nächstgelegeucn Postämtern, zu machen.
Vie Eröffnung des Landtags für das Jahr 1 85 3.
* Wiesbaden', 30. März. Der mit höchster Entschließung vom 5. März auf den heutigen einberufene Landtag wurde im Auftrag Sr. Hoheit des Herzogs von dem Herrn Staatsminister, dem Fürsten Wittgenstein, Durchlaucht, Vormittags 11 Uhr mit nachstehender Rede eröffnet:
Hochzuverehrende, Hochgeehrteste Herren!
Von Seiner Hoheit dem Herzog ist mir der ehrenvolle Auftrag geworden, den diesjährigen Landtag zu eröffnen.
Es gereicht mir zur besonderen Befriedigung, Ihnen mittheilen zu können, daß die handelspolitische Frage, welche auch die Interessen des Herzogtums aufs engste berührt, voraussichtlich ssckon in der nächsten Zukunft ihre glückliche Lösung finden wird.
Wir dürfen hieran frohe Hoffnungen für die Zukunft knüpfen.
Nächst dem als dringend bereits publicirtcn Gesetze vom 27. Novbr. v. I., welches die Befugniß beschränkt, die den Civilstaatsdienern, Officieren und Militärbeamten gestattete, ihre Pensionirung trotz fortdauernder Dienst- fähigkeil schon nach Ablauf einer gewissen Dienstzeit ver« langen zu können, wird Ihnen, den von dem Landtage ausgesprochenen, mit den Absichten der Regierung über« rinstimmenden Wünschen entsprechend, eine Revision des Gemeindegesetzes zur Prüfung und Genehmigung Vorgelegt werden.
Es knüpfen sich daran die entsprechenden, zugleich die Erleichterung der Verwalteten bezweckenden Abänderungen in der Kreisamtsverwaltung, sowie die dadurch bedingten und theilweise schon im vorigen Jahre zur Verhandlung gekommenen weiteren Modifikationen in der Centralverwaltungseinrichtung.
Aus dem Ihrer Prüfung und Festsetzung unterließ genden StaatsexigenzetatS werden Sie mit Genugthu« ung die gegen die Voranschläge günstigen Ergebnisse der Finanzverwaltung des vorigen Jahres entnehmen und sich zu überzeugen Gelegenheit finden, daß die Regierung fortwährend bemüht ist, jede mit dem Zwecke der Verwaltung vereinbarliche Ersparniß eintreten zu lassen.
Im Namen Seiner Hoheit des Herzogs erkläre ich den Landtag für das Jahr 1853 für eröffnet.
Nach abgehaltener Rede wurde die Vereidigung der neueingetretenen Mitglieder vorgenommen.
Gervinus' neues Buch. \
Der „Lloyd" bringt folgende interessante Beurtheilung der vielbesprochenen neuesten Schrift des Heidelberger Professors:
Frankfurt, 18. März. Sie werden aus den deutschen Blättern sehen, mit welcher Neugierde und Schadenfreude die liberale Partei den Prozeß des Professors Gervinus verfolgt, weil sie mit Sicherheit darauf rechnet, daß irgend ein erklecklicher Scaudal abfalle. Die ganze Angelegenheit steht Ihnen ferne, und wenn ich Sie mit dieser Zuschrift belästige, so geschieht eS blos, weil die größeren deutschen Blätter mit geringen Ausnahmen meinen Brief nicht aufnehmen würden: Er ist nicht gegen die strafbare Seite der Scbrift des Professors Gervinus gerichtet, und der badische Preßprozeß kümmert mich an sich sehr wenig. Professor Gervinus ist in Deutschland eine wissenschaftliche Autorität, was er über unsere Literatur gesagt hat, ist der großen Menge ein Autosepha. Jede Theaterkritik über Shakespeare wird mit einem Citat von Gervinus geziert. Und doch war Niemand auf einem falscheren Standpunkte, die Poesie des großen Briten zu würdigen, als Profeffor Gervinus. In Heidelberg ist die Sitte, jedes poetische Kunstwerk blos von dem einseitigen ethischen Gesichtspunkte zu würdigen. Das Kunstwerk ist gut oder schlecht, je nachdem es sittlich oder unsittlich ist. Wohin man damit geräth, sieht jeder leicht. Heinrich Heine, Lord Byron und Calderou, jeder nach seiner Art, würde bei der Heidelberger Schule einem Verbiet verfallen. Nun ist es gewiß, daß es im Alterthum sehr große Poeten gegeben, eben so missen wir arabische Poesien zu schätzen. Alle diese Dichter hatten andere Begriffe des Sittlichen und Unsittlichen, des Schicklichen und Unschicklichen. Dante war einer der ersten Meister, er wird auch allgemein anerkannt, aber zu Cromwell's Zeit würde einer der englischen Rundhüte gewiß, wenn er mit seinem
ethischen Maßstab gekommen wäre, den großen italienischen Philosophen und noch größeren Dichter für den poesielosesten Kopf der Welt erklärt haben, weil eben ein glühender Katholicismus wie der Dantische dem trockenen Puritaner einen „ethischen" Abscheu eingeflößt hätte. Das Kunstwerk muß tendenziös sein, sonst würden wir uns ja gar nicht an der Erbschaft des Alterthums ergötzen können; so wie man überall nach Absicht schnüffelt, verliert man von vornherein jede Möglichkeit eines tiefen Verständnisses. Nichts destoweniger läßt sich dem deutschen Publicum impomreu, wenn die Sache mit abstrusen Ausdrücken vorgetragen wird. Wir nennen das in Deutschland Tiefe.
Nun verdiente bas in einem politischen Blatte keine Erwähnung, wenn nicht eine analoge Behandlung der Geschichte versucht worden. Professor Gervinus erklärte vor seinen Richtern, daß nicht zwanzig Köpfe in Deutschland wären, die seine Schrift überhaupt verstanden hätten. Da ich nicht unter die zwanzig Köpfe zähle, so hat es wohl nichts auf sich, wenn ich erkläre daß die Schrift gut, concis geschrieben, weniger abstrus wie gewöhnlich und die Parallelen aus der ältern Geschichte überraschend neu dargestellt sind. Einem völlig andern politischen Bekenntnisse als Professor Gervinus angehörend, beuge ich mich vor dem Bekenntnisse dieser Autorität. Auch ist cs ganz müssig, über Grundsätze der Politik zu streiten. Professor Gervinus erklärt aber vor seinen Richtern, er habe ein Gesetz für die Beobachtung aus der Geschichte gefunden, nach welchem aus früheren Begebenheiten die Zukunft sich erforschen lasse, wie der Astronom aus dem Segment einer Planetenbahn die ganze Bahn und ihre Excentricitäten messen könne. Dies ist sein eigenes Gleichniß. In der Schrift selbst beweist er uns, daß alle sglücklichen Revolutionen in die achtziger Jahre der Jahrhunderte fallen, wie die Befreiung der Niederlande, die zweite Vertreibung der Stuarts, die erste der Bourbons. Sie sehen, nach Ansicht deS Professor Gervinus hat die Revolution ihren hundertjährigen Kalender, und Alles läßt sich berechnen, so sicher wie der Eintritt einer Sonnenfinsterniß. Noch mehr! Von den Putschen des Jahres 1822 bis 1830 sind etwa 9 Jahre, von 1830 bis 1848 sind 18 Jahre. Wir können also, immer mit 2 multiplicirend, auf ein Jahr kommen, das (1848^-36) etwa auf 1884 fiele, und nach dem hundertjährigen Kalender der künftigen Revolution sehr günstig wäre.
Wenn Sie die Schrift nicht gelesen haben, werden Sie denken, ich mache schlechte Witze. Aber mir ist cs im innersten Herzen sehr ernst. Sie sehe», unsere neueste Geschichtsforschung steht auf den Niveau des fünfzehnten Jahrhunderts. Wir treiben Astrologie. Wenn nun in den Alphonsinischen Tafeln der Untergang der Welt auf das Jahr 1666 (wenn ich nicht irre) berechnet ist, so haben wir nicht die mindeste Ursache, über den dickköpfigen Glauben der damaligen Zeit uns zu wundern, da wir noch viel seltsamere Gesetze entdeckten. Un dieses Gesetz behauptet Profesor Gervinus einem Studium des Aristoteles zu verdanken. Wer hat nicht bei uns Aristoteles studirt! Conservative, Liberale, Ra- dicale, Aristokraten, Demokraten, alle berufen sich auf den großen Hexenmeister. Was der Briefschreiber als höchste Belehrung dem Aristoteles entnomen hat, ist die Art des großen Philosophen, wie er die localen, klimatischen Vorbedingungen des einzelnen Staates, den Esprit der Völker aufgefaßt hat und daß er zeigt, wie die beste Verfassung immer die ist, welche sich zu den Vorbedingungen schickt. Er behauptet: das sei eine falsche Gerechtigkeit, die den Gleichen und Ungleichen das Gleiche ertheile ; gerecht sei nur, wer den Gleiche» das Gleiche, den Ungleichen das Ungleiche gewähre. Aristoteles war so recht der Mann, der nur Ergebnisse der Erfahrung gelten ließ; er sagt selbst, daß er, ich weiß nicht wie viele Hundert, Verfassungen der alten Staaten geprüft und verglichen habe. Sie waren alle mehr oder weniger ähnlich, sie bezogen sich auf freie, unabhängige Gemeinden. Was würde Aristoteles jetzt schreiben, wenn er in Europa nicht viele Hunderte, sondern wenig große Reiche sähe? was hat überhaupt Aristoteles zu schaffen mit der vom Christenthume durchdrungenen von christlichen Anschauungen beherrschten Staatenbildung unserer Jahrhunderte? Ohue unsere Erfahrungen was gelten seine Lehrsätze?
Und welche mittelalterliche Auffassung wird uns nun aufgedrungen als das Mysterium der Geschichte! Als ob ein Mensch voraussagen könnte, was morgen aus dem werden wird, was wir heute begonnen. Die Ge
schichte der größten Begebenheiten ruft uns vielmehr zu, wie demüthig wir sein sollten im Bekenntniß unserer Unwissenheit. Wer hätte 1517geahnt, wohin die ersten Bewegungen auf dem Kirchengebiet geführt hatten? Die Reformatoren selbst wären erschrocken gewesen, wenn siè damals geahnt hätten, daß ihr Werk zur Zweitheilung der Kirche führen würde. Und wenn die Bourbon's gewußt hätten, was die Einberufung. der Stände im Jahre 1789 zur Folge haben würde! Die Nationalversammlung mit dem Typus Lafayette, wenn sie gewußt hätte, daß sie. dem Jahre 1793 nur die Riegel öffnete! Die Republikaner lullt quanli würden vor dem Jahre 1848 ein Kreuz geschlagen haben, wenn sie die folgenden Jahrgänge geahnt hätten. Wenn das Studium der Geschichte noch nicht gelehrt hat, daß das Rückliegende nichts, nicht das Mindeste enthüllt über das Kommende, der hat das erste nicht begriffen, waS sich dem schlichtesten Beobachter aufdrängt. Zu keiner Zeit sah cs so traurig auf den europäischen Thronen aus als am Beginne des Jahrhunderts. Ein Bourbon hingerichtet, ein Prinz kriegsrechtlich erschossen. Der König von Schweden ermordet, der Kaiser von Rußland erwürgt, der König von England wahnsinnig und am spanische» Hofe die Verschwörung eines Thronerben gegen die lebenden Eltern. Und doch ist diese Zeit für die Monarchie ganz spurlos vorübergegaugen; ja in jener Zeit wo man hätte glauben mögen, es neige zu Ende mit den monarchischen Staaten, wurde die strengste Monarchie seit den Zeiten der römischen Kaiser in Europa — die Napoleon'sche — begründet. Die Geschichte zeigt uns, wohin die Bewegung im fünfzehnten Jahrhundert gewollt hat, wenn wir das sechzehnte schon kennen und so fort. Jedes nachfolgende Zeitalter erklärt das vergehende. Also wissen wir jetzt auch nicht — ganz abgesehen von unsern Sympathien — wohin jene Bewegung führen wird, die am Ende des vorigen Jahrhunderts begonnen. Sie muß erst völlig abgespielt haben, ehe wir sie nur zu beurtheilen vermögen. Und wie nun! da kommt ein Forscher der Geschichte, währendmit uns noch Ströme und Gegenströme spielen und beweist uns aus dem Vorgehenden noch das Zukünftige. Und diese frivole Hypothese gibt sich als ein ernstes Studium der Geschichte, als eine unfehl- bare Art von Wetterprophczeiung!
Zur orientaifche» Lrage«
Der Pariser Correspondent des „Lloyd" findet die Weigerung des Admirals Dundas, der Aufforderung des interimistischen britischen Geschäftsträgers in Con- stantinopel Folge zu leisten, sehr gegründet. Oberst Rosa gilt, abgesehen von seiner untergeordneten militärischen Stellung, in der diplomatischen Welt für einen excentrischen Mann, der, sei es als Generalconsul in Beyrut, sei es als Generalconsul in Egypten, den Commandanten britischer Kriegsschiffe die sonderbarsten Befehle bei vielfachen Anlässen ertheilt hat. Dagegen sei die Absendung der französischen Flotte von der Klugheit geboten gewesen und sei eine Garantie für die Erhaltung des Weltfriedens. Der französische Admiral habe die strengste Weisung, Nichts zu unternehmen, was den Weltfrieden bedrohen könnte, deßhalb werde er sich weigern, irgend eine Demonstration der britischen Flotte zu unterstützen, und eine solche Weigerung werde genügen, den britischen Admiral gehörig aufmerksam machen, welche schwere Verantwortlichkeit er auf sich laden würde, falls er einen unüberlegten Schritt begehen wollte. Außerdem jdürfc keine fremde Flotte die Dardanellen überschreiten, weil die Pforte durch die berühmte Convention vom 13. Juli 1841 sich verpflichtet hat, die Passage der Dardanellen allen fremden Kriegsschiffen zu sperren. ES wäre sonderbar, daß die Pforte selbst diese Convention , welche zum ersten Male im modernen europäischen Staatenrechte die Unabhängigkeit und Integrität des türkischen Reiches procla- mirt hat, mit eigenen Händen zerreißen wollte. Rock sonderbarer wäre es, daß England zu einer solchen Verletzung der Convention vom ' 13. Juli den Divan anteiben wollte, denn dieß hieße ja indireeter Weise den Vertrag von Urkiar-JSketessy wieder auflebe» lasten, welcher der russischen Flotte die Schlüssel des schwarzen Meeres in die Hände gab. Die Convention vom 13. Juli 1841 war ja im Grunde nichts Anderes, als die Vernichtung deS Vertrages von Urkiar-JSkelcssy. (Nach dem „Wanderer" soll sich der eigentliche Zweck der Sendung des Fürsten Menczikoff auch auf die Wieder-