Nassauische Allgemeine Zeitung.
Wr 58. Mittwoch dm 9. Mây 1853.
©te „Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumeralionSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen -»stregulaii» nunmehr auch für den ganzen Umfang des Tburn- uiib TariS'fchen Verwaltungsbezirks mit Jnbigriff des Postaufschlagâ 2 fl., für die übrigen Lander des detilsch-österreichifcken PostvereinS, wie für das Ausland 2 ff. 24 tr. — Inserate werden die vierspaltig Netitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nächstgelegeticn Postämtern, zu machen.
Die deutsche Handelseinigung.
Die- Oesterreichische Korrespondenz fährt fort, den österreichisch-preußischen Handelsvertrag zu besprechen. Die Fruchtbarkeit des neuen, österreichisch-preußischen Handelsvertrages, so beginnt ihr neuester Artikel, zeigt sich zunächst bei der Prüfung des demselben beiliegenden Verzeichnisses jener Gegenstände, welche im Zwischenverkehre eingangsfrei oder zu einem ermäßigten Zwischenzollsatze znzulasseu sind.
Als maßgebend ist in dieser Beziehung festzuhalten, daß eine Menge von Naturprodukten, darunter alle einigermaßen wichtigen gänzlich freigegeben worden sind, so z. B. chemische Hilfsstoffe und Producte, Erze aller Art, Feldfrüchte, Metalle, Holz und Holzwaaren, Müh- leuerzcugnisse als Mehl, Gries n. s. w., Papiere, literarische und artistische Gegenstände jeder Gattung, Vieh, endlich Schaf- und Baumwolle.
Die gänzliche Zollbefreiung dieser wichtigen Gegenstände beweist, daß die beiden Zoll- und Handelscom- plexe weit entfernt einander gegenüber eine rivalisirende Stellung anzunehmen, vielmehr jetzt schon den Standpunkt der möglichsten Gleichstellung der beiden Zollgruppen und der Verschmelzung der dies- und jenseitigen Industrie in das Auge gefaßt haben. Sie erleichtern sich daher den wechselseitigen Bezug zahlreicher, zur Betreibung mancher Jndustrieen erforderlichen Hilfs- und Rohstoffe; sie unterstützen sich durch den Austausch wichtiger Consumtibilien, mit denen die Natur entweder vorübergehend oder für beständig ein oder das andere Gebiet vorzugsweise reichlich bedacht hat.
Werfen wir auf die Rubrik, welche die ermäßigten Zwischenzollsätze Umfaßt, einen prüfenden Blick, so ergibt sich auch hierbei die Wahrnehmung, daß beiden Regierungen um größtmögliche Annäherung und unendliche Gleichstellung ihrer allgemeinen Tarife aufrichtig zu thun war und daß der Zwischenzoll in sämmtlichen Positionen nur dem Bedürfnisse entspricht, das Gleichgewicht zwischen der österreichischen und der fzollvereins- — ländischen Industrie zu erhalten; vielmehr sollte die Kluft, welche die industriellen Interessen beider Complexe bisher trennte, geschlossen und ein wohlthätiges Jn- einanderströmen derselben vermittelt werden.
So werden diesem Vertrage gemäß für Baumwoll- waaren, je nach dem Grade ihrer Feinheit, drei Sätze bestehen, die für diè Einfuhr nach Preußen sämmtlich gleich (30 Thaler pr. Cour. pr. Zentner) bei dem Export ans Preußen nach Oesterreich hingegen mit 45, 100 und 200 fl. C.-M. abgcstust sind. Die entsprechenden in Oesterreich derzeit für diese Artikel bestehenden Tarifsätze sind 50, 75, 100, 150 und 250 fl. C.-M., in Preußen 30, 50, 75 und 150 Thlr. Es zeigt sich demnach, daß die Positionen zur Erleichterung des Verkehrs und zur- bequemeren Uebersicht für den Zwischenverkehr so sehr als eben thunlich zusammengcfaßt und nur so hoch gegriffen worden sind, als zum Schutze beider Industrien unerläßlich erschien. Auch bezüglich der Leinenmaaren gilt dasselbe Verhältniß; Preußen hat sich sowohl für gemeine als feine und feinste Waare dieser Gattung den - gleichförmigen Zwisebenzollsatz von 30 Thalern Vorbehalten; für Oesterreich sind Sätze zu 45, 75 und 200 fl. C.-M. festgestcllt worden. Im allgemeinen Verkehre gelten jedoch entsprechende Sätze 75, 100 und 250 fl. C.-M. für Oesterreich und 30, GO und 150 Thlr. für Preußen.
Diese Beispiele mögen vorerst genügen, um darzu- thun, daß den österreichischen Industriellen kein Grund zu Beschwerden über mangelhaften unzureichenden Schutz gegeben ist, während andererseits mit voller Zuversicht zu hoffen steht, daß die Gleichartigkeit beider Tarife zu der von der Natur und den Verhältnisfen gegebenen Gleichartigkeit der Interessen hinzutretend in nicht ferner Zukunft die Tendenz der Zolleinigung unwiderstehlich und allgemein machen wird.
Wir haben bei Besprechung der Zollfrage wiederholt der Aeußerungen gedacht, welche das in nationalökono- mischer Beziehung gewiß kompetente „Bremer Handelsblatt" abgab. In Nachstehendem geben wir sein Urtheil über den endlichen Abschluß dieser Frage. Der 19. Febr. 1853, sagt dasselbe, wird in der Geschichte Europa's Epoche machen. Mit diesem Tage, an welchem der Zoll- und Handelsvertrag zwischen Preußen und Oesterreich abgeschlossen wurde, geht die ökonomische Zersplitterung Deutschlands zu Grabe, und wir dürfen von nun an hoffens daß wir endlich doch noch gelten werden, was wir wirklich werth sind. Man erinnere sich nur, wie langsam und beinahe von allen Seiten
her mit Widerwillen unter zum Theil ganz wunderlichen Vornrtheilen und Voreingenommenheiten nach und nach in weiten Zwischenräumen und nicht ohne mannichfaches Umhertasten und Fehlversuchen, die Zolleinigungen abgeschlossen wurden, und wie dann aus verschiedenen Gruppen ein größerer Körper zusammenwuchs. Aber liachdcm einmal der entscheidende Schritt gewagt war, reichte ein kurzer Zeitraum von zehn Jahren hin, die einzelnen Theile unauflöslich zu verbinden. Dabei bestand aber noch eine wunderliche Anomalie; die allein auf Erden in unserm Deutschland angetrbffcn wird. Wir bilden ein politisch verbundenes Ganze, waren aber doch bis vor Kurzem in sechs oder acht einander gegen- überstehende ökonomische Gruppen zertrennt, — und die größte dieser Gruppen, in welcher die Interessen von etwa dreißig Millionen Dentschen vertreten waren, sah sich vom Weltmeer abgeschnittcn. Das waren seine natürlichen Verhältnisse, denn ein ökonomischer Komplex kann nur bei unmittelbarer Berührung mit dem Weltmeer volle Kraft gewinnen und entfalten, er vermag sich überhaupt nur durch das Salzwasser zu einer wirklichen Geltung emporznarbeiten.
Es war somit die Aufgabe des Zollvereins, sein Handels und Industriegebiet nach zwei Seiten hin aus- zudehnen. Einmal mußte er die See gewinnen, und dazu half ihm der Septembervertrag; sodann war es für ihn eine Nothwendigkeit, seine Verbindungen nach Süden und Südosten hin zu erweitern, wo sich ihm ein Absatzgebiet bis über den Po, bis zur türkischen Gränze und zum adriatischen Meere öffnete. Oder ziehen nicht etwa Produkte aus den Nordseèhäfen, und vom Rhein, aus Thüringen, Baiern, bis Pesth und Scmlin? Und welch einer materiellen Entwickelung gehen die Donau- lande entgegen, seitdem dort der Bauer anfgehört hat, ein Höriger zu sein und die Eigenthums- und Zollverhältnisse in den ungarischen Landen in derselben Weise geregelt sind, wie in den deutschen Provinzen Oesterreichs. Die Elbe kommt aus Böhmen, die Donau fließt nach Oesterreich, Schlesien hat einen Hauptverkehrszug uach dem Osten, unser ganzer Süden hat vielfache Jnterefsenvcrflechtung mit dem Kaiserstaat. Hier traten wahlberechtigte Ansprüche in den Vordergrund, und wenn sie befriedigt wurden, so konnte es nicht fehlen, daß alle Theile der großen deutschen Gesammtheit dabei gewinnen mußten.
Viele böse Spekulationen und Hoffnungen der extremen Parteien sind glücklich vereitelt. Jene Fanatiker, welche konfessionelles Gift in die Wunde gossen und auf die Trennung in ein katholisches und protestantisches Deutschland hinarbeiteten, haben sich vergeblich abge- mühct. Durch Hannovers wackere Haltung ist ein blos norddeutscher Handelskörper in's Reich der Unmöglichkeit verwiesen worden, und wir halten das für einen sehr großen Gewinn, weil gerade hier eine schwere Gefahr drohete, welche durch den Unverstand sowohl der theo- retisirenden abstrakten und der viel schlaueren englisir- ten, fremde Manufacturwaaren vertreibenden Freihändler noch bedenklicher wurde. Auch das hannoversche Pfahlbürgerthum, dessen Beschränktheit in Eingaben aus Celle und Harburg auf eine wahrhaft klägliche Weise zu Tage trat, rührte fid)' zu Gunsten des Particularis- mus; und es fand ein würdiges Gegenstück 'in den nicht minder an's Komische streifenden Wehklagen österreichischer Prohibitionsmänner, die zu glauben scheinen, der Staat sei lediglich vorhanden, um dem Mangel an rüstiger Betriebsamkeit eine Prämie zu zahlen.
Sobald man erst von Seiten der Cabinette die Hegemouiegedauken und die vermeintliche Staatschre, über welche so viel in den Wind geredet wurde, bei Seite ließ, als man die Ungehörigkeiten vom Kern der Frage abschälte und wegwarf, und lediglich das Oeko- nomische festhielt, worauf cs ja eigentlich ankam, war die Antwort leicht gefunden. Und als man dann die Unterhandlungen zunächst in die Hände von Männern wie Bruck und Pommer-Esche legte, war schon eine Bürgschaft für eine sachgemäße Behandlung gegeben. In der That reichten zwei Monate hin, einen Handels- und Zollvertrag abzuschließen, der so umfangreich und für die deutschen Interessen so gewichtig erscheint, wie wenig andere. Was ist mit demselben gewonnen? Zunächst schlagen wir eS sehr hoch an, daß er dem alten Hader ein Ende gemacht hat. Ersehen, daß lediglich Werke nationaler Einigung und brüderlicher Gesinnung die Gunst der öffentlichen Meinung gewinnen. Der Fortbestand deS Zollvereins ist nun gesichert, und dieser an die Nordsee und an die Adria vorgerückt. An demselben Tage, an welchem in Berlin der Vertrag festgestellt war, thaten Hannover und Oldenburg den ent
scheidenden Schriti. Denn während au der Spree die Unterhandlungen geführt wurden, tagten auch die Bevollmächtigten der Coalitionsstaaten in der Kaiserstadt an der Donau im Einvernehmen mit dem österreichischen Cabinet. Ihnen lag wahrlich nicht daran, den Zollverein zu sprengen, sie wollten nur ihre Interessen in weiterem Umfang gewahrt haben, als seither der Fall gewesen, und verlangten vor erneuertem Beitritt eine Gewähr dafür, daß Preußen sich mit Oesterreich über einen Handelsvertrag einige — eine Gewähr, die ihnen durch die beiderseitige Nachgiebigkeit Preußens und Oesterreichs in vollem Maße zu Theil wurde und die sichere Aussicht ans eine allgemeine deutsche Zoll- einigung eröffnet.
Deutsch Land.
■^ Wom Taunus , 8. März. Im December v. I. brach zu Neuen ha in ein nervöses Fieber ans, welche Krankheit einen äußerst bedenklichen epidemischen Charakter angenommen hatte, indem bei einer Bevölkerung vön 650 Seelen die Zahl der mehr oder minder schwer fransten aus circa 180 stieg. Der Verlauf der Krankheit war jedoch — Dank der angestrengten Bemühungen der behandelnden Aerzte — günstiger als zu Anfang befürchtet worden war, indem nur vcr- hältnißmäßig wenig Stcrbfälle vorgekommen sind und dermalen die Krankheit in stetem Abnehmen begriffen ist. — Wenn schon viele Familien, welche bei kleinerm Besitz in gesundem Zustande hinreichenden Arbeitsverdienst zu ihrer Erhaltung haben, während der Dauere der Krankheit in Noth gerathen waren, und die Gemeindebehörde zu Neuenhain mit lobenswerthcr Bereitwilligkeit häufige Unterstützungen aus Communalmitteln zu leisten hatte, so trat, nachdem die eigentliche Epidemie beseitigt war, das Bedürfniß einer weit umfangreicheren Unterstützung hervor, indem auch in sonst wohlstehenden Familien die Subsistenzmittel erschöpft und viele derselben um so mehr außer Staude waren, die den Re- convalescenten zu ihrer völligen Herstellung nothwendigen kräftigen Nahrungsmittel zu beschaffen, als in nicht wenigen Hänsern sämmtliche Familienglieder von der Krankheit afficirt waren, deren Wege durch fremde, ihnen gestellte Wärter besorgt werden und unter diesen Umständen die Besorgung des übrigen Hauswesens natürlich in den Hintergrund treten mußte.
Dieser Zustand muß auf einem uns unbekannten Wege znr höchsten Kenntniß Ihrer Hoheit der regierenden Frau Herzogin gelangt sein; denn soeben erfahren wir, daß die hohe Fran in wahrhaft fürstlicher Milde ein Geschenk von Dreihundert Gulden zur Beschaffung kräftiger Nahrungsmittel für die Neconvalescen- ten zu Neuen Hain vcrwilligt habe.
Es gereicht uns um so mehr zur innigen Freude, für diese landesmütterliche Fürsorge im Namen Vieler, denen diese Gabe Kraft und Genesung bringen wird, öffentlichen Dank auszusprechen, als diese Hülfe zur rechten Zeit den HülfSbcdürftigen -ganz unerwartet gekommen ist.
Darmstadt, 2. März. (S. M.) Nachrichten aus Mainz zufolge ist von der dortigen Polizeibehörde dem dasigen LandtagSabgcordneten Müller-Melchiors eine Paßkartc verweigert und demselben bedeutet worden, daß er sich einen Paß zu nehmen habe.
Speier, 5. März. Das Urtheil gegen Joscpfh Wolff in Frankenthal wegen Gcwohnheitswuchers lautet 1) auf 20,000 fl. Geldbuße (die Wuchersumme hat die königliche Staatsbehörde zu 44,000 fl. berechnet), 2) Verurtheilung wegen der verschiedenen Prellereien zu fünfjähriger Gefängnißstrafe und 3) Entziehung der im Art. 42 C. p. vorgesehenen bürgerlichen Rechte auf die Dauer von 10 Jahren.
Konstanz, 6. März. (Karlsr. Z.) Auch hier sind in der Bewachung der Grenze seit einigen Tagen Verschärfungen eingetreten. Die Mannschaft der beiden Militärwachen an 'den Stadtthoren gegen die Schweiz ist bedeutend verstärkt, und an dem dritten dieser Thore, dem Emmishofer Thore, steht jetzt statt der früheren einzigen Schildwache ein Doppelposten. Auch sieht man häufig GcnSd'armerie an diesen Thoren und des Nachts begegnet man in den Straßen, oft Militärpatrouillen. Bis jetzt ist übrigens kein Ereigniß vorgefallen, wodurch die öffentliche Ruhe und Sicherheit irgendwie gestört worden wäre.
Die „Karlsr. Z." meldet ferner, daß die Regierung des Kantons Thurgau der Kreisregierung von Konstanz jetzt aus einmal das bisher ungeachtet vieler Aufforderungen znrückgehaltcnc Verzeichniß der in die-