Nassauische Allgemeine Zeitung
Wr 74. Montag den 21. Mraar F8LA.
Die „Naffauische MUßemeine Zeitung" mit dem beUeiristiscken Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Poslregnlaiiv nunmehr am« für den ganzen Umfang deS Thurn- und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postausschlags 2 ft, für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen Postverejns, wie für das Ausland 2 st. 24 kr. — Inserate werden die vierspaltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu macken.
Prlneipiis obsta!
^Man hat Louis Napoleon den Retter der Gesellschaft genannt. Er verdient diesen Namen mit Recht; man ist aber so weit gegangen, seit dem 2. Dez. 1851 die Gesell sch ast für g er ettet anzusehen. Man überlies sich hin und wieder einer behaglichen Sorglosigkeit, dem Gefühl beruhigender Sicherheit; man begann gewissen Oppositionsgelüste» eine größere Freiheit zu gönnen; übersah, daß unmerklich, nach und nach, der frühere Antagonismus sich Bahn brach, die alten, verderblichen Lehren bald auf diesem, bald auf jenem Feld, in stets neuer, aber sorgsam verhüllter Form zu Markt brachte; man ließ ihnen die harmlose Freude zu „schwätzen", es war ja keine Gefahr dabei! Wozu sollte man auch ewig auf dem qui vive! stehen und den Regenschirm eher öffnen, als cs regnet; wozu durch unnöthige Strenge überall böses Blut erregen, das odium der Schwarzseherei auf sich laden? Man stellte, oder ließ alle Parteien zufrieden und erlangte so den Frieden und Popularität, ohne sich natürlich „für den rechten Augenblick" etwas zu vergeben. Man sah der Presse Manches nach, enthielt sich strenger Maßregeln gegen übelwollende oppositionelle „Staatsdiener" und begnügte sich mit einer auf die Amts- und Bureau- stunden beschränkten Neutralität derselben. Die Bureaukratie hob allgemach ihr Haupt. Anstatt durch offenes Appelliren an die öffentliche Meinung, durch Darlegung der Gründe und Nothwendigkeit der Negierungsmaß- regeln Vertrauen zu erregen und das Volk für sich heranzubilden, es durch Verbreitung richtiger Ansichten vor Verführung zu schützen, zog man vor, zu schweigen, Alles in den Schleier des Amtsgeheimnisses zu Hüllen und begnügte sich allenfalls mit dem kleinen Krieg gegen jene unbequemen Stimmen, welche zur Wachsamkeit auf- forderten, denen man wohl die Befugniß einräumte, im conservativen Sinn für die Regierung wirken, sie vertheidigen zu dürfen, denen man aber beinahe bei jeder Unbequemlichkeit, die sie bereiteten, das zweischneidige Schwert der Maßregelungen um so schärfer fühlen ließ. Man trennte die Begriffe Staat und Regierung, gouvernemental und couservativ und kehrte sich im Sinn einer übelverstandenen Unparteilichkeit gegen die eigenen Stützen, strafte ost das Uebermaß des Eifers. Man rechnet auf den guten Sinn und die Ueberzeugungstrene des Couservatisinus, und weiß, daß diese gute, ehrliche Haut für alle Unbilden kein Gedächtniß hat und bei dem leisesten Anzeichen von Gefahr auf ihrem Platz zu treffen ist, unbekümmert, ob man die Aufopferung in den Tagen der Gefahr mit Vergessenheit gelohnt hat und wieder lohnen wird. Nur dieses feste und noch nie getäuschte Vertrauen läßt cs erklärlich finden, daß in so manchen Staaten gerade die härtesten Maßregel gegen confervative Blätter und gegen Parteien ergriffen werden konnten, die in hartbedrängter Zeit sich erprobt und die wichtigsten Dienste dem Staatsu n d den Regierungen geleistet haben.
Eine solche Zeit ist leider wieder bereingebrochen. Zwei beklageuswerthe Ereignisse sind eingetreten, jedes schrecklich an und für sich, grauenhaft durch ihren offenbaren Zusammenhang. In Mailand gab, ausgestachelt durch die bluttriefenden Manifeste der Demokra- tenführer eine verbrecherische Rotte das Signal zur allgemeinen Empörung; mit Meuchelmord und Raub begann der Kampf für die „Freiheit": Laster jeder Art zu begehen und zeigte in schrecklicher Perspective, was das Ende eines solchen Anfanges gewesen wäre. Wenige Tage darauf schleicht sich ein verruchter Meuchelmord an die geheiligte Person eines edlen und erhabenen Monarchen. Nnr der Schutz der göttlichen Vorsehung bewahrte sein kostbares Leben; die Geschichte der Menschheit ist aber dennoch um ein Blatt der Schande reicher. Diese Gräuelthat wird wohl hinreichen, denen die Augen zu öffnen, die nicht sehen wollten oder es bequemer fanden, nichts zu sehen. Die Mittel zur Rettung liegen aber nicht darin, daß man der Mörderhand den Dolch entwindet, oder den begangenen Gräuel straft; man muß die Quelle des Uebels suchen und der Gefahr im Entstehen vorbeugen. Der Kluge versucht nicht, den Brand zu löschen, den Strom zu dämmen, er blickt nach dem Funken und wehrt dem Tropfen. Der Brand in Mailand war bald gelöscht, weit gefährlicher glimmt es an allen Ecken und Enden und zahllose Hände sind thätig, kleine Brändchen zu schüren, die sich unversehens zu einer gewaltigen , verzehrenden Flamme vereinen. Nicht jene sind gefährlich, welche offen den Aufruhr predigen, die gleisnerische Presse
ist es, die unmerklich die Grundfesten der Gesellschaft unterwäscht, die dem Schlafenden ihr Gift in die Ohren träufelt, um dann, wenn das Gift seine Wirkung gethan, sich auf den Thron zu schwingen und in verbrecherischem Taumel sich zu sättigen. Die Oest. Corr, hebt dieß ganz richtig hervor. Die Proclamationen Mazzini's und Kossuth's sind an sich kein großer Beachtung würdiger Gegenstand. Sie dienen blos als Beweisstücke über den Ursprung der begangenen Verbrechen. Sonst sind wir dieses eitel» bombastischen Stylcs, der fortwährenden Anmaßung flüchtiger und heimathslos gewordener Individuen, sich als Vertreter von Nationen hinzustelleu und in irgend einer Taverne eine Allianz zwischen Ungarn und Italien abzuschließen, bereits so gewohnt, daß sie kaum mehr ein Interesse zu erregen im Stande sind. Weit gefährlicher sind die versteckten Angriffe der sogenannten liberalen Presse, welche diese aus Anlaß des Mailänder Aufstandes gewagt hat. Bei der vortrefflichen Haltung des österreichischen Militärs in Mailand, sagt dieses Blatt, haben wir nur Worte der tiefsten Verachtung für die Behauptung der Kölnischen Zeitung, unsere Truppen hätten mit den Mördern ihrer Kameraden fraternisier. Nur ein so übelwollendes und gewissenloses Blatt vermag solche Absurditäten vorzubringen.
Die Köln. Ztg. ließ es noch bei einzelnen Soldaten bewenden; die Berliner National-Zeitung, ein Blatt von ähnlichem Gehalt und Werth, lätzt gleich ein ganzes Regiment seinen Führern den Gehorsam aufsagen. Sie läßt sich aus Wien schreiben, daß ein ungarisches Infanterieregiment in Mailand dem Befehl, auf die Aufständischen zu feuern, nicht Folge leistete und durch seinen passiven Widerstand die Aufrüher crmuthigte. Derlei Nachrichten sollen die geistig und politisch unmündigen Anhänger der Demokratie glauben machen, daß ihre Sache auch in jenen Reihen Sympathien finde, auf die sich die ihnen so verhaßte und um jeden Preis zu vernichtende Macht der Herrscher stützt. Wer die österrei« chische Armee kennt, werß, deß jedes andere Regiment, wäre es damals in Mailand gewesen, die gleich treffliche Haltung gezeigt haben würde. Es sind eben Tendeuzlü- gen, die allzusehr au die fleißig geübte Praxis des Jahres 1848 erinnern. Nicht genug an dem, daß die meuterischen Banditen in Mailand Sympathien und einen Rückhalt im Militär gefunden haben sollen: die National-Zeitung glaubt doch auch von einem errungenen nicht unbedeutenden Vortheil berichten zu müssen. Man mußte doch zeigen, daß es auch mit der Tapferkeit der Feinde nicht weit her sei, da zusammengerafftes Gesindel eine wohl organisirte und kampfgeübte Truppe überwältigen konnte. Sie behauptet nämlich, daß der mit der Artillerie ausgerückte Hauptmann Khüneü sammt zwei Kanonen ^ auf den heutigen Tag abgängig sei; ob derselbe getobter oder irgendwo als verwundet unlergebracht, und ob die Geschütze versteckt oder ins Wasser geworfen wurden, sei noch nicht ermittelt worden. Um Kanonen wegnehmen zu können, muß man an die Kanonen heran! Die Mailänder Helden, die vor jeder Patrouille Reißaus nahmen, werden wohl auch diesmal ihre Aversion vor dem „groben" Geschütz bewährt haben. Die Kölnische Zeitung druckt diese Mittheilung auch eiligst nach, nachdem sie schon, abgesehen von der absurden Erfindung von verlorenen Kanonen, aus den amtlichen Wiener Blättern entnommen haben mußte (sie bringt sogar unmittelbar darauf einen Auszug aus dem betreffenden Artikel der Wiener Zeitung), daß der Artilleriehauptmann Khünell durchaus nicht vermißt, sondern unter Denen âufgeführt wurde, welche auf die in Mailand beliebte Weise durch einen Dolchstich von rückwärts, glücklicherweise aber nur leicht verwundet worden sind.
Nicht genug an dem, die Köln. Ztg. (Nr. 50) weiß auch noch in einer Turiner Correspndenz vom 14. d. zu erzählen, daß den Oesterrreichern tausend Wege offen gestanden hätten, den Aufstand zu verhindern und damit zahlreiche Opfer (und die eigenen Soldaten und Offiziere?) und namenloses Unglück (wahrscheinlich die Bestrafung der Meuchelmörder?) zu ersparen, da die Behörden zum Voraus von dew verruchten Unternehmen des Mazzini (die Köln. Ztg. nennt es blos ein wahnsinniges oder schlecht berechnetes) in Kenntniß gewesen seien. Man sieht, es ist Methode in diesem Wahnsinn. Die österreichische Regierung hat also den Ausbruch der Revolution nicht verhütet, um den leicht zu unterdrückenden Crawall zu den eigenen „absolutistischen" Zwecken auszubkuten. Sagt doch dasselbe Blatt an einem andern Orte: geschickt benützt fei der Mailänder Aufstand ein zweiter Sieg von Novara. Vielleicht hält I
die Köln. Ztg. das Attentat auf der Kärnthnerthorbaste auch für eine angezettelte Komödie.
Diese Erscheinungen stehen in der Presse (wir wollen nicht einmal von der deutschen allein sprechen) leider nicht vereinzelt und haben die Regierungen bier ein weites Feld für ihre Sorgsamkeit und eine große Verantwortlichkeit bei Unterlassung dieser. Gedankenfreiheit ist ein hoher Preis und werth, daß ein Posa sein $nie beuge, wenn aber die Presse der Stein wird, an dem sich der Dolch des Mörders wetzt, die Flamme, an der sich die Fackel der Empörung entzündet, wenn man mit allerlei Schlagworten, wie „Freiheit der wissenschaftlichen Forschung", „Fortschritt", „Zeitgeist" subversiven Tendenzen die Wege, bahnen will, dann heißt cs dieses Heiligthum schmähen. Keine Freiheit ohne Sittlichkeit! Wie aber einige erbärmliche Blätter aus Lpcculations- geist, aus Abonuentenjägerei in der jetzt beliebten pi- quanten Richtung machen und unbekümmert um die Folgen nur lachend auf den vollen Beutel schlagen; dann ist die Beschränkung einer solchen Presse kein Eingriff in die Gedankenfreiheit; man wahrt nur Handwerk s ü b e r g r i f f e n, steuert dem B ö r se u s ch winde l. Der Weg, den die Regierungen jetzt zu gehen haben, ist klar vorgezeichnet. Wir haben nur Einiges angc- deutet, die ganze Aufgabe liegt in den zwei Worten: Principiis obsta!
Deut-Hlattd.
* Wiesbaden, 20. Febr. Heute ist Herr General von Habeln von hier ab nach Wien gereist, um Namens Sr. Hoheit des Herzogs Seine Majestät den Kaiser von Oesterreich wegen der glücklichen Errettung aus augenscheinlicher Todesgefahr zu beglückwünschen.
* Wiesbaden, 22. Febr. Zur Feier des auf den 25. d. M. fallenden Geburtstages I. K. Hoheit der verwittweten Frau Herzogin wird dem Vernehme» nach auch der hohe Verlobte der Prinzessin Helene, Fürst Georg Victor zu Waldeck hier erwartet.
* Wiesbaden, 19. Februar. (Wiederholte Mittheilung.) Ministerialrath Händel ist gestern von Karlsruhe zurückgekehrt. — Im neuesten Verordnungsblatt werden die durch den Tod des Bürgermeisters Bitzer von Hachenburg und den am 15. Februar erfolgten Austritt des Freiherrn Marschall von Hahnstätten nothwendig gewordenen Ersatzwahlen zur zweiten Kammer auf den 1. März l. J. anberanint.
* Wiesbaden, 21. Febr. Dem talentvollen, (durch ein^ Reihe trefflicher Gemälde rühmlichst bc- kannten Genremaler Louis Knaus (Sohn des hiesigen Opticus Knaus) ist eine seltene, höchst ehrende Auszeichnung zu Theil geworden. Seine Majestät der König von Preußen hat demselben auf Antrag der Berliner königlichen Akademie der Künste die kleine goldene Medaille für Kunst zu ertheilen geruht. Der junge Künstler befindet sich derzeit in Paris, wo er zwei Bilder für dortige Ausstellung malt.
i Wiesbaden, 2 l. Februar. (Assisenverhandluu- gen.) Georg Mitaky, 31 Jahr alt, von Smyrna, ist der ihm zur Last gelegten Anfertigung falscher Crc- ditbriefc schuldig befunden und zu einer zweijährigen Zuchthausstrafe wie auch zum Ersatz dcr Kosten (200 fl. 58 kr.) verurtheilt.
Gegenstand der heutigen Verhandlung ist die Anklage gegen Wilh. Scheib, wegen Diebstähle. Wilh. Scheib, 21 Jahr alt, Schafhirt von Michelbach, ist augeklagt, in der Nacht vom 22. Juni v. J. Diebstähle, darunter jedoch einige mittelst Einsteiges verübt zu haben.
Die Verhandlung feitet Assiseuvicepräsident Jeckeln, als Staatsanwalt fungirt Staatsprocuratorsubstitut Flach, als Vertheidiger des Angeklagten Procurator Wilhelmi sen.
Aus dem KreiSamte Höchst, 16. Febr. Wenn ein Kammermilglied in Berlin den Antrag auf Revision des 1848r Jagdgesetzes gestellt hat; so dürfte dies ein Wort zu seiner Zeit sein, wenn nämlich das preußische Jagdgesetz mit dem mistigen Harmouirt; denn auch bei uns wirkt dasselbe nicht sonderlich ersprießlich. In den Dörfern tragen die Jagdpächter bei ihren Mitbürgern den hochklingenden Namen: „Jagdherrn^, und vielleicht ist dieser schmeichelhafte Titel mit die Ursache, daß sich die sogenannten Jagdherrn an verschiedenen Orten erlauben, an Sonntag-Vormittagen, wenn die übrigen Mitglieder der Gemeinde in dem Gotteshause versammelt sind, mit ihren Schießgewehren die Feldgemarkung zu durchstreife». Unter diesen Jagdherr» ha man hin und wieder solche, welche eine so außerordent-