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Nassauische Allgemeine Zeitung.

Wr Ft Samstag den 19. Maar 1853.

Die,.Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang deS Ldurn- und Taris'schen BerwaltungSbczirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 ft, für die übrigen Länder deS deutsch-bsterreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 ft. 24 kr, Inserate werden die Sierspaltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Die französische Armee

(Schluß.)

Ein alter französischer Officier, der noch unter dem Kaiser gefochten, mag für uns sprechen und die Thaten seiner Landsleute in Algier in in das gebührende Licht setzen:Was wollen denn diese Herren? äußerte er sich gegen uns, sie sind muthig und tapfer, das versteht sich von selbst, sie sind ja Franzosen. Aber in ihrer etwas sehr jugendlichen Selbstüberhebung vergessen sie ganz, daß wir unter dem Kaiser ganz andere Dinge gethan. An jedem abendlichen Vorspiel vor einer Schlacht, in jedem Vorpostengefechte haben wir mehr Leute ver­loren als sie in einem ganzen ihrer sogenannten Feld­züge, die sie durch ellenlange Bilder verherrlichen. Was wollen diese Araberkämpfe heißen? Laufen denn die Burnuse nicht überall davon wo man ihrer ansichtig wird? Ist das ein Krieg oder eine Hasenjagd? Diese Herren werden sich sehr brennen wenn sie einmal einen wirklichen Feind vor sich bekommen. Ich habe nun sieben solcher Feldzüge mitgemacht, aber kaum dreimal konnte man von einem ordentlichen Kampfe sprechen."

Was uns dieser Alte im Unmutb des vergessenen Braven erzählte, hat uns ein Garibaldischer Condottiere, der in Rom an der Porta Cavalleggieri kämpfte, be­stätigt :Sie kamen daher vor unsere Weltstadt, sprach er, mit einer spottenden Verachtung, einer beleidigenden Sorglosigkeit, als sei's ein elendes Kabylcndorf, und wir würden davonlaufen sobald wir die rothen Hosen erblickten. Erst als wir ihnen einige Hundert stumm in die Campagna gelegt hatten, fingen sic an zu be­greifen, daß sie hier eine andere Tactik zu lernen hätten als in Africa. Als dreißig von unsern freiwilligen Reitern in gestrecktem Lauf gegen jene Villa stürmten, die sie mit einer halben Compagnie besetzt hatten, sich im Sturm von den Rossen warfen, über die Mauern stiegen und die Erstaunten mit dem Säbel in der Hand hinauswarfen, da erfuhren sie erst, daß es außer ihnen auch noch Tapfere auf der Welt gebe!" (Schade daß dieseTapferkeit" kein würdigeres Ziel hatte!)

Das ist's! Die Franzosen lernen in Africa ohne Zweifel viele Dinge die uns mangeln, vor allem die Gewohnheit des Kriegs, sie verlernen aber auch manche Dinge, deren Mangel ihnen in einem europäischen Kriege sehr empfindlich fallen dürfte.

Nehmen wir zum Beispiel den Vorpostendienst. Er wird, wie dieß ein jeder weiß, der eine Expedition mit­gemacht hat, mit auffallender Nachlässigkeit betrieben. Dieß erklärt sich ganz einfach dadurch, daß Vorsicht gegenüber von Arabern ganz unnöthig wird, da bei ihnen von Ueberfällen nicht die Rede ist, und sie abgesehen davon, daß alle Unternehmungen durch Spione zum voraus bekannt werden vor jedem Angriff eine gute Zeit vorher einen so höllischen Lärm beginnen, daß es kaum einer Schildwache bedarf um zur nöthigen Zeit bereit zu stehen. Wie wird sich diese Vernachlässigung bei kühnen deutschen Parteigängern rächen!

Auch die Marschfertigkeit ist keineswegs tadellos. Zwar lernt der französische Soldat allerdings viel schleppen, schnell ein Lager schlagen und abkochen, auf schlechten Pfaden und ' bei schlechter Witterung große Strecken zurücklegen, aber die Unordnung die bei diesen Märschen herrscht, der Troß, der die Colonnen beglei tet, sind nicht gleich vortheilhafte Zugabe. Wir haben mit eigenen Augen Nachhuten gesehen, die vollständig betrunken waren, wir haben eine solche Menge Nach­zügler gezählt, daß wir nur darüber erstaunten, daß nicht mehreren, als dies gewöhnlich geschieht, die Köpfe abgeschnitten werden. Die furchtbare Katastrophe der Kolonne des Generals Bosquet im vorigen Jahr hat einen schlagenden Beweis von der Mangelhaftigkeit der Marschordnung und Verpflegung und auch davon ge­liefert , daß die Soldaten nicht so wetterhart sind, als man häufig glaubt. Davon sprechen schon die vollen Spitäler, an deren Bevölkerung neben Klima und Stra­pazen auch eine unzureichende ärztliche Behandlung und unvollständige, schlecht erhaltene Apotheken einerseits und die Völlerei andererseits Schuld tragen.

Dieser letztere Punkt führt uns auf die Disciplin im französischen Heere. Man pflegt zu sagen: die außerdienstliche Nonchalance , welche in Deutschland bei dem Charakter des deutschen Soldaten unmöglich wäre, habe.beim Franzosen nicht den Mindesten Einfluß auf die Disciplin. Wenn der Franzose unter den Waffen stehe, sei er ein ganz anderer Mensch als sonst, ein vollendeter Soldat. Diese Behauptung erscheint uns nur halb wahr. Mehr Einsicht und Tact hat der Franzose in dieser Beziehung allerdings, als der deutsche

Soldat, und darum kann man ihm auch mehr erlauben. Aber wer, wie wir thaten, die Listen der Prisonsdnrch- liest, der wird sich sagen müssen, daß eine solche Menge Disciplinarstrafen der schlimmsten Art: Insultes et menaces contre un supérieur, in keiner deutschen Ar­mee vorkommt. Es werden ihm dabei die seitenlangen Strafen wegen: vente deffels, lacéralion darmes et deffels, gleichfalls - nicht entgangen sein, und er wird daraus nothwendig geschlossen haben, daß trotz der flotten Außenseite manches faul sei im Staate Dänemark.

Rechnet man hinzu die Oberflächlichkeit, den Leicht­sinn, mit weichem mit Ausnahme einzelner Corps im allgemeinen die Uebungen in der zerstreuten Fecht­art, im Scheibenschießen, bei der Reiterei und Artillerie die Wartung der Pferde machte man uns ja mit naivem Stolze auf die prächtige neue Einrichtung einer bestimmten Stallzeit aufmerksam! und noch manche andere Dinge betrieben werden, so wird man zu der schließlichen Ueberzeugung kommen: daß die Franzosen nur deßhalb ein Ucbergcwicht über uns besitzen, weil sie diejenige Einheit in Befehlsgebung und Verwaltung, in Ausbildung, Dienstvorschriften und Bewaffnung haben, die jedem geschlossenen Staat mehr oder weniger zu­kommt. Im übrigen wird ein kommender Krieg den wir aber ja nicht heraufbeschwören wollen! zeigen, daß die deutschen Officiere seit 1815 nicht geschlafen haben, daß sie vielmehr, sobald sie sich von dem ersten Erstaunen, den der heftige Anprall der Franzosen auf sie üben wird, erholt haben, sobald sie durch die Noth des Augenblicks zur Einigkeit und Einheit, durch Er­fahrungen zum Selbstvertrauen gelangt sind, sobald sie den Gedanken wagen werden: den Degen nicht früher einzustecken, als bis sie die Loire oder wenigstens die Thore von Paris sehen, durch die ihre Augen eingezo­gen , auch Sieger sein werden. Dann wird vielleicht auch England und Rußland zur Ueberzeugung kommen, daß man im dritten Pariser Frieden den Franzosen ihre natürlichen Gränzen, die Vogesen und Ardennen, zurück- geben muß, wenn Europa vor ihnen diejenige Ruhe haben soll, die es zum Weiterschreiten seiner Civilisa­tion bedarf. Und sollten Rußland und England dieß dann noch nicht einschen, so wird man hoffentlich auch einmal in Dcntschland auf die Idee kommen, sich nichts darum zu betummen, und den Gedanken Elsaß und Lothringeu wieder zu gewinnen, auch ohne andere und trotz andern ausführen. Wie die Sachen jetzt stehen, haben aber die Franzosen vollkommen Recht, wenn sie nach ihren natürlichen Gränzen schreien, denn sie sind über die, welche ihnen Geschichte und Geographie an- weisen, unpolitischerweise hinausgetrieben worden, und dadurch beständig angercizt, nicht aus halbem Wege stehen zu bleiben, sondern sich, in ihrem Sinne, abzu­runden.

Die Lehren aus dem Aufruhre zu Mailand.

Die zwei Hauptmittel, deren sich die modernen Re­volutionäre für ihre Zwecke bedienen, schreibt dieN. M. Z." in einem Artikel, in welchem sie die aus dem Mailänder Aufruhr sich ergebenden Lehren zusammenstellt, sind die Lüge und der Mord. Als Dareingabe und Aufstachelmigsmittel stellen sie ihren Werkzeugen Diebstahl und Raub in Aussicht. Die Lüge war und ist ihr erstes Hauptmittel. Wenn die Revolutionäre in den Jahren 1848 und 1849 irgendwo eine Bewe­gung zu stande bringen wollten, so konnte man sicher sein, daß sie an einem Orte Gerüchte in Umlauf setzten, als ob an einem anderen eine solche bereits stattgefun­den hätte. In Berlin ließ man, um das Militär zu verführen, in revolutionären Volksversammlungen Indi­viduen auftreten, die in die Uniform des 24. Infanterie- Regiments verkleidet waren, um die Soldaten der an­deren Regimenter der Garnison glauben zu machen, die­ses Regiment sei bereits für die Revolution gewonnen. Ebenso verbreitete man in Mailand Gerüchte, als fra- ternisirten die ungarischen Grenadiere mit ihnen, als sei zu Paris der Kaiser ermordet, die Revolution siegreich, die Republik wie 1848 wieder eingeführt, 40,000 Pie­montesen bereits zur Unterstützung des Aufruhrs in An­marsch, Verona und Mantua schon in Aufstand ja man scheute sich nicht, sogar kaiserliche Generale als ein­verstanden und thätig mitwirkend zu verläumden. Der Mord aber ist es, mit dem fast alle Aufstände der neuesten Zeit angefangen haben. Bei der Pariser Mai- Emeute 1839 schon fiel der unglückliche Lieutenant Drouineau am Justizpalaste als sein erstes Opfer. Der Elende Barbes schlich sich zu ihm, als er vor seinem Posten stand, verlangte von ihm Feuer, um seine Ci­

garre anzuzünden, und in demselben Augenblicke schoß er ihn mit der bis dahin verborgen gehaltenen Pistole nieder. Dann wurde die Wache überrumpelt und ent­waffnet. Die provisorische Regierung der Herren Lcdru- Rollin und Lamartine machte ihn dafür im Februar 1848 zum Gouverneur des Luxembourg-Palastes! Der Frankfurter Aufruhr am 18. September 1848 begann mit der Ermordung von Lichnowsky nnd Auers­wald; Kossuth's dictatorische Herrschaft in Ungarn mit jener des unglücklichen Grafen Lamb er g aus der Do­naubrücke zu Pesth; der Octoberaufruhr 1848 zu Wien mit den Greuelsceneu der Ermordung des Kriegsministers Grafen v. Latour; die empörenden Verstümmelungen österreichischer Offiziere zu Brescia 1848 , wofür Hay- nau dann gebührende Gerechtigkeit übte, sind noch in frischem Andenken; die jetzigen Morde, meuchlings be­gangen an österreichischen Offizieren, Soldaten und Schildwachen zu Mailand, bilden dazu den würdigen Pendant. Für ein auf den Kaiser der Franzosen, wie es scheint, beabsichtigtes Attentat fand sich blos keine Hand keck genug, es zu vollbringen. Um aber Werkzeuge für solche schändliche Mittel zu finden, wird haben wir gesagt denselben der Diebstahl und derRaub in Aussicht gestellt. Die auf der That ertappten Aufrührer zu Mailand waren, wie nun unumstößlich constatirt ist, neben den Dolchen, mit denen sie arme Soldaten rück­lings niederstachen, auch mit Dietrichen versehen, mit denen sie Thüren und Schlösser eröffnen konnten, um sich selbst sogleich den Lohn ihrer Schandthaten zu holen. Und auf offener Straße wurden wehrlose Bür­ger ausgeplündert, andere in ihren Händen zu gleichem Zwecke förmlich belagert, erst durch herbeigekommenes Militär befreit. Die intellectuellen Urheber von all Dem, Mazzini an ihrer Spitze, stehen also zugleich als Lügner, Mörder und Diebe, ihre Gleichgesinn­ten, alle Beförderer ihrer Plane, als Mitschuldige da und müssen als solche öffentlich gebrand markt werden. Die weitverbreitete Verzweigung des Komplottes, das zu Mailand nur vorzeitig zum Ausbruche kam, ist nach den Enthüllungen, die darüber von allen Seiten kom­men, außer Zweifel. Wir unsererseits haben ost genug daran erinnert, wie man sich nicht in eine nuheilbriu- gende Sicherheit einwiegen lassen solle. Die Thatsachen haben uns jetzt nur zu sehr Recht gegeben. Wir sagen es mit der vollsten, auf diese unumstößlichen Thatsachen gegründeten Ueberzeugung: wer jetzt nach solchen Er­fahrungen revolutionäre Bestrebungen, mögen sie mit dem Dolche in der Hand oder in Schlafrock und Pan­toffeln auftreten, noch beschönigen, sie entschuldigen oder ihnen gar das Wort reden kann, der ist ein Verräther an der allgemeinen Sache der öffentlichen Ordnung und muß als solcher behandelt werden.

Deutschland.

* Wiesbaden, 19. Februar. Ter k. k. öster­reichische Bnndcspräfidialgesandte Feldmarschalllieutenant Freiherr v. Prokesch-Osten traf gestern hier ein, um Sc. Hoheit dem Herzog nnd I. Hoh. bet Frau Herzogin seine Aufwartung zu machen. Seine Excellenz wohnte der Herzoglichen Tafel bei.

N a ch einer S e. E x c. g e st e r n n m 3 U h r hier z u gek om menen tele g r apbischen De­pesche aus Wien bat auf Se. Majestät den Kaiser vor Oesterreich ein Attentat statt­gefunden. Nach einer zweiten um 4 Uhr Nachmittags hier eingctroffeiien Depesche ist die Sr. Maj. (in die linke Seite) bei­gebrachte Stichwunde nicht gefährlich und sind nachtheilkge Folgen nicht zu besorgen. Der Morde ist verhaftet.

2|. Wiesbaden, 17. Febr. Der Herzogs. Cassations­hof hat in seiner gestrigen öffentlichen Sitzung die in diesen Blättern angezeigte von der Staatsbehörde in Dillenburg erhobenen Nichtigkeitsbeschwerde in der Un­tersuchung gegen Wilhelm Stoll zu Hambach und Friedrich Pabst zu Aull, Herzogl. Justizamts Diez wegen Schriftfälschung verworfen.

Wiesbaden, 18. Febr. (Assisenverhandlung gegen Georg Schalk von Falkenstein, wegen ausge­zeichneten Diebstahls.) Der Angeklagte wurde von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Assi- seubofe zu einer Correctionshausstrafe von zwei Jahren verurtheilt. Die Kosten betragen 54 fl. 8 kr.

* Wiesbaden, 18. Februar. (Assisen-Verhand- lung gegen PH. Andreas Kaltwasser von Renrod wegen Schriftfälschung.) PH. A. Kaltwasser ist ange­klagt, auf einen falschen, mit dem Namen des Feldge­richtsschöffen Rimmel von Renrod unterzeichneten Bürg-