Nassauische Allgemeine Zeitung
TVr 40. Mittwoch dm 16. Februar 1853.
Die,,Nassauische Allgemeine Aeitiinft" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PoswereinS, wie für das Ausland 2 fL 24 kr. — Inserate werden die vierspaliig Petitjeilc oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Amtlicher Theil.
D i e n tt n a ch r i ch t e n.
Lehrer Bautz zu Soden ist in provisorischer Eigenschaft an die Schulstelle zu Hundstadt dirigirt und Lehrer Ba so von da zum Lehrer in Soden ernannt worden.
Nichtamtlicher Theil.
Der Aufstand in Mailand
* Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Mailänder Aufstand das Werk Mazzini's ist, welcher vor etwa einem Monate auf der Insel Jersey eine Versammlung der in England weilenden Häupter der politischen Emigration aller Länder veranstaltet hatte, wozu auch Kossuth erschien. Der A. A. Z. wird aus Paris geschrieben, daß Mazzini vor vierzehn Tagen verkleidet und mit einem englischen Passe versehen durch Frankreich gereist sei, um über Straßburg nach dem Can ton Tessin sich zu begeben, von wo aus dann der Mailänder Putsch angezettelt worden. Da Mazzini das Englische vollkommen spricht, und einen Stockbriten, der kaum ein Wort französisch kennt, spielte, erfuhr die französische Polizei seine Durchreise erst, als er schon in Basel angekommen war. So viel ist gewiß, daß Mazzini nicht in London ist. Er fehlte wenigstens bei der letzten Versammlung der „Freunde Italiens" in London, und die englischen Blätter lassen sich zu dem Zugeständnis herbei, Mazzini scheine nicht in London zu sein. Nach der „Daily News" ist Mazzini seit zwei Monaten von London abwesend, nach dem „Journal de Debats" war Mazzini wenige Tage vor dem Ausbruche des Mailänder Aufstandes in Lugano im Can ton Tessi n.
Der Mailänder Aufstand konnte allerdings glücklicherweise leicht unterdrückt werden; bei dem geringsten Anschein von Erfolg hätte sich das Schauspiel der letzten Revolution und wo möglich noch grauenhafter (die Emigration, wie nicht minder der übelverstandene Liberalismus ließen es nicht an Aufhetzungen fehlen), vor unseren Augen wiederholt. Jetzt, da der Versuch mißlang, lehnt alles, was bewußt oder unbewußt dazu beitrug, die Mitschuld ab und gerade jene Blätter, die im Falle des Gelingens die Helden dieses Banditenstreiches nicht genug zu preisen vermocht hätten, beeilen sich, diesen höchst ungelegenen Streich zu desavouiren. Diesem Bemühen verdanken wir merkwürdige Enthüllungen. So äußert das berüchtigte rabicale Blatt, die Turiner „Opinione,": „Seit einigen Tagen verbreitete Mazzini die unerwartete Kunde, daß ihn die Nation rufe, und daß er, der von Gott Gesandte, sich dem Wunsche des Volkes füge und zu einer sicili anischen Vesper nicht nur gegen die Oesterreicher, sondern auch gegen die Aristokraten aufrufe. Am 5. vertraute der Graf Gi u la y dem Grafen Str ass old o das Com- mando an und verließ die Stadt, vielleicht um im Staude zu sein, sich an die Spitze der in der Lombardei zerstreuten Truppen zu stellen. (Graf Giulay ging, wie alle Zeitungen meldeten, ganz einfach auf einen sechswöchentlichen Urlaub.) Am Sonntag Morgen sah man, wie unbekannte Leute mit vollen Händen Geld ausstreuten; um das Volk aufzuwiegeln. (Im Laufe der Untersuchung hat sich bereits herausgestellt, daß sämmtliche ergriffene Individuen fünf Lire erhalten haben). Aber nur die Hefe des Volkes, d. h. einige zum Meuchelmorde und zur Plünderung der Häuser aufgelegte Betrunkene, Diese sind die Men- 'schen, welche einige vereinzelte Soldaten ermordeten, so wie Herrn Leoni, den Director des Hauses der Adda, unter dem Rufe: Nieder mit den Aristokraten! Die größte Furcht herrschte, daß diese Leute auch nur eine Stunde triumphiren möchten. Es ist also natürlich, daß alle j Volksclassen ihren lebhaftesten Abscheu vor einer Mazzinistischcn Bewegung bezeugten. So unheimliche Gestalten trieben sich auf den Straßen herum, daß sich bei ihrem Herannahen alle Läden schlossen. Wir werden sehen, ob Mazzini diesmal einen Triumphgesang anstimmen wird. Die Nachrichten aus Mailand beweisen zur Genüge, daß durch die Zettclungen Mazzini's eine republicanische Bewegung in der lombardischen Hauptstadt vorbereitet war. Unsere Ansicht über derartige Attentate ist bekannt; unablässig haben wir nach Kräften alles DaS bekämpft, was unS geeignet schien, die Sache der italiänischen Wiedergeburt von ihrer regelmäßigen, positiven und legalen Bahn abzulenken. Seit langen Jahren hat der Name Mazzini's
die traurige Auszeichnung, von dem Unglücke Italiens unzertrennlich geworden zu sein. Mazzini rechnete falsch, ja, noch mehr, er log, als er seinen Anhängern verkündigte, „Gott und dem Volke" (unter dieser Devise soll das von Mazzini aufgestachelte Gesindel kämpfen) werde diesmal eine ungarische von K l ap ka befehligte Heeresabtheilung beistehen. Die Bewegung hat in Mailand keine Folgen gehabt; gegenwärtig ist die ganze Sache aufgeklärt. Unser Freund aus London wollte trotz aller Gegenvorstellungen seiner Partei einen Handstreich unternehmen. 90,000 Francs (wo kommt das Geld her?) und einige Hundert Dolche sollten im Jahre 1853 die Oesterreicher aus Italien verjagen. Einige jungfräuliche Gewissen, wie der Prophet sagt, und die Hefe des Volkes waren die einzigen Theilnehmer an dieser unsinnigen Bewegung. Um 5 Uhr wurden die unbewaffneten Soldaten, welche in der Stadt umherwandelten, angefallen und erdolcht. (!) Der Posten des Hofes wurde überrumpelt; der Kampf dauerte ein paar Stunden, das heißt bis zu der Ankunft der Patrouillen , welche die Ruhe sofort wieder herstellten. Das Einzige, was der große Londoner Politiker mit dieser erhabenen Handlung des Wahnsinnes erzielt hat, ist der materielle Verlust von mehreren Millionen, den Mailand durch die Störung des Verkehres erlitten hat, sowie die auf alle Volköklassen ausgeübte Wirkung, insofern dieselben in den Patrouillen ihree einzigen Retter erblickten. Es ist ein Glück, daß der wegen seiner eisernen Strenge bekannte Graf Guilay sich nicht in Mailand befand, und daß die beiden Brüder Strassoldo sich weniger streng zeigten als ihr Chef. Unmöglich läßt sich die Entrüstung des ganzen Landes beschreiben. Wie darf ein leerer Träumer es wagen, bloß zur Befriedigung seiner Laune und seines persönlichen Ehrgeizes, ohne die geringste Aussicht auf Erfolg, ein Land in Blut und Flammen zu tauchen? Die Polizei hat strenge Maßregeln ergriffen; mehrere Stadtthore sind geschlossen und die Eisenbahnen befinden sich in den Händen der bewaffneten Macht." So das rabicale Turiner Blatt. In ähnlicher Weise sprechen sich die übrigen italienischen Blätter aus. Sämmtlich tadeln sie die Jnsurrection und nennen Mazzini als deren Urheber. — Bringt man die in den letzten Tagen eifrigst verbreitete Nachricht, daß die sardinischen Truppen neuerdings auf den Kriegsfuß gesetzt werden, die an den Grenzen in Tessin fortwährend wach erhaltenen Neckc- reien einerseits, andererseits die türkisch-montenegrinischen Zerwürfnisse und die in der Türkei fortgesetzten Einflüsse der revolutionären Emigranten in Verbindung, so ist wohl nicht zu zweifeln, daß die verschworenen Häuptlinge jedenfalls den Augenblick für günstig hielten, einen neuen Versuch zu wagen, — und wäre eö auch nur, um das keimende Gefühl der Ruhe wieder hinwegzu- scheuchen.
Indessen scheinen die Fäden des ComploteS, welches in Mailand zur Ausführung kam, nicht allein in Italien angeknüpft gewesen zu sein, sondern sich über ganz Deutschland und Frankreich verbreitet zu haben. Die Häupter der Emigration haben sich nicht darauf beschränkt, Nationalsubscriptionen für die „große Sache" zn eröffnen, und sich dadurch behagliche Renten zu sichern (der Revolution müssen ja vor allem die Führer erhalten werden!). Der Communistenproccß in Cöln, die Absendung des Paul Daraß, die Verbindungen, welche mit den meisten demokratischen Blättern von London ans unterhalten werden, beweisen für eine umfassende Thätigkeit und weitverzweigte Bestrebungen. So konnte die „Tessiner Dcmokrazia" den Mailänder Aufstand am Tage zuvor verkündigen In Turin gab sich, wie die N. Münch. Z. berichtet, unter den Flüchtlingen und ihren Anhängern in letzter Zeit eine gehobene Stimmung kund. Eine Schaar von 700 Piemontesen beabsichtigte einen Zuzug nach Mailand, wurde jedoch an der Grenze zurückgewiesen; ebenso war ein Zuzug von Tessin aus vorbereitet; kurz, aus Allem geht hervor, daß die angelegte Mine zu früh aufflog und nur deßhalb ihre ganze verderbliche Wirkung nicht hatte.
Was bei einem Gelingen des Mailänder Aufstandes zu erwarten gewesen wäre, geht zu Genügen ans den Proclamationen Mazzini's und Kossuth's hervor, welche gleichzeitig in Oberiralieu verbreitet wurden. Mazzini proclamirt die Solidarität der Demokratie, predigt den Kreuzzug für „Freiheit", zwanzig Revolutionen würden dieser Erhebung folgen; cr fordert auf, den Krieg mit Messerstichen zu führen (dieser Rath wurde in Mailand pünktlich und auf Mazzinische Weise befolgt.) Kossuth erklärt, er habe im Namen „seines" Volkes mitdèr italienischen Nation eine Allianz
abgeschlossen und stellt seinen Helden Gütertheilung in Aussicht. Beiden Schriftstücken ist zwar der Stempel der Narrheit und des Verbrechens aufgedrückt, da es aber noch immer Leute genug gibt, welche auf solch hirnverbranntes Zeug wie auf ein Evangelium schwören und sich wirklich durch dasselbe zu den anbefohlenen Gräueln hinreißen lassen, so fragt es sich, ob sich es noch länger rechtfertigen und dulden läßt, daß die englische Regierung diesen Verbrechern ein Asyl gewährt, in welchem sie ungefährdet Meuchelmord und Aufruhr predigen! Weiß doch ein englisches Blatt, der „Examiner" an dem Mailänder Aufstand nichts auszusetzen, als daß der Augenblick dazu schlecht gewählt war, indem cs behauptet, daß die „infamen" Regierungen Italiens nicht einen Tag länger zn respectiren sind und daß jede Revolution, welche sie vom Erdboden wegfegt, als ein Segen zu betrachten sei.
Unter solchen Umständen wird cs den Regierungen nicht mehr zweifelhaft sein, daß ein festes Zusammenstehen gegen die solidarischen Bestrebnngcn der Umsturzpartei und gegen jene Regierungen vor Allem Noth thut, welche in ihrer egoistischen Haltung oder in ihrer Ohnmacht gegen die Bestrebungen der herrschenden mehr oder minder revolutionären Parteien die Solidarität der confervativen Interessen nicht als leitenden Grundsatz ihrer Politik gelten lassen. Einen Vortheil hat der in Mailand verunglückte Versuch, eine europäische Revolution hervorzurufen; er fordert die Regierungen zu größerer Wachsamkeit auf und hindert, daß sie sich dem Gefühl der Sicherheit allzüsorglos überlassen.
Deurschlattd.
Frankfurt, 11. Febr. (A. A. Z.) Nach längerer Verzögerung, veranlaßt durch die mit der kurfürstlich hessischen Regierung angeknüpste» Isickerhand- lungen, welche indeß das gehoffte Ergebniß nicht her- beigeführt hat, ist endlich vor einigen Tagen von der Aktiengesellschaft, an deren Spitze die HH. Gebrüder Blaue sich befinden, der Beschluß gefaßt worden, die Eisenbahn von Frankfurt bis Homburg vor der Höhe mit gänzlicher Umgehung des kurfürstlich hesfischen Gebiets in Ausführung zu bringen. Die Bahn wird somit nur Frankfurtisches, großherzoglich hessisches, nassauisches und landgräflich hessisches Gebiet durchschneiden. Sie soll in dem Bahnhof der Main-Weser- Eisenbahn beginnen, letztere eine kleine Strecke weit benutzen, dann neben der Taunusbahn sich hinziehest, diese Parallele unfern des Jägerhauses Rebstock verlassen und sich durch den Wald nach dem Flecken Rödelheim ziehen, wo die erste Station errichtet werden soll. Von da wird die Bahn in etwa viertelstündiger Entfernung au dem Dorfe Eschbach, dänn an dem Dorfe Steinbach und dem Städtchen Oberursel vorüber nach Homburg führen. Die Entfernungen werden berechnet wie folgt: Frankfurt-Rödelheim 1 Stunde 6 Min., Eschborn 38 Min-, Steinbach 27 Min., Oberursel 47 Min., Homburg 52 Min., zusammen 3 Stunden 50 Min.
Mannheim, 14. Febr. Am 24. d. M. kommt der G e r v i n u s'sche P r c ß p r o c c ß vor dem hiesigen Hofgerichte zur Verhandlung.
München, 11. Febr. Nach der „Angsb. Postz." sind A m n e st i c d e c re t c für politische Verbrecher aus Rom ein getroffen.
Berlin, 14. Febr. Die gestern erwähnte Confe- renz, welcher außer den beiden Commissarien Oesterreichs und Preußens auch die betreffenden Herren Minister beiwohnten, wurde durch die aus Wien eingetroffene Rückantwort auf die hier stattgefundenen Puncta- tionen veranlaßt. Wie der Franks. Postztg. berichtet wird, handelt es sich um die Erledigung einiger Fragen von minderer Bedeutung, deren definitive Entscheidung jetzt dem Wiener Cabinct vorliegen dürfte und die, wie man hofft, bald erfolgen wird. — Die heutige Nummer dcr Kreuzzeitung polizeilich mit Beschlag belegt worden.
ES bestätigt sich, daß in Betreff der Eisenfrage vorläufig zwischen den beiden Kabinetten eine Ermäßigung des auf fremden Eisen lastenden Zolles verabredet worden ist.
Nach der Fr. Postztg. war cs in der Nacht zum 9. Februar, als Sr. Maj. dem König, inmitten des glänzenden Festballes, auf Grund eben eingelaufener telegraphischen Depeschen genauere Mittheilung von den ausgebrochenen Unruhen gemacht wurde. Seine Majestät sollen sofort mit besonderer Betonung den Zusammenhang dieser Bewegung mit einer tiefer liegenden, allgemeiner verbreiteten Strömung, und die Nothwendigkeit,