Nassauische Allgemeine Zeitung
Wr SS Dienstag den 15. /ebrnar FKLS.
Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntag» ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiin nunmehr au« für den ganzen Umfang des Ldurn« und TariS'fchen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 fl., für die übrigen Länder des dentsch-österreichifchen PostvereinS, mir für das Ausland 2 fl. 24 tr. — Inserate werden die viersfaltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgassc 42, auswärts bei den nächstgclegeuen Postämtern, zu machen.
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Die „Franken-Briefe."
Die Broschüre: „Lettres Franques“ ist von einem legitimistischen Advocaten aus der Provinz, Namens Billot geschrieben und an Napoleon III., Kaiser der Franzosen, gerichtet. Der Verfasser hat es hauptsächlich auf England abgesehen; er sagt unter Anderin: „Ich wiederhole es, wir sind stolz auf unsere Liebe zum Hause Bourbon, weil es von England verabscheut wurde. Wir müssen das Uebel, damit es verschwinde , mit der Wurzel ausrotten. In das Herz Großbritanniens müssen wir vordringen, den englischen Geist müssen wir in seiner eigenen Heimath ersticken. Dann erst wird Englands Verfall eine Wahrheit werden. Ich trage kein Bedenken, zu erklären, und ganz Frankreich wird mit mir einverstanden sein, daß die Verträge von 1815 eine Schande gewesen sind und der Friede. der ihnen folgte, eine dreifache Schande für Frankreich war. Diese Verträge dictirte die Gewalt, der Haß, die Eifersucht, die Brutalität, die Rachsucht! Sie wurden nicht von den älteren Bourbons acceptirt, welche ihnen sich unterwarfen, wie das Schlachtopfer sich dem Räuber ergibt, der es beraubt. Sie sind eine Seite voller Koth, und nicht genug Blut fließt in den Adern von 10 Millionen Männern, um diesen ungeheuern Flecken abzuwaschen. Die zu erledigende Frage ist keine napoleonische, sondern eine nationale und durchaus französische, und ich glaube nicht, daß Sie die Sache der Nation verlasse» werden. Ich würde zu Heinrich V. selbst sagen, wenn er auf dem Throne seiner Väter säße und diesen Verträgen sich unterwürfe: Sie sind nicht werth, über Franzosen zu herrschen. . . . Wenn Ihre (Napoleon's) Fahne auf dem Londoner Tower weht, werden Sie die Mächte zu einem allgemeinen Congreß berufen. Dann soll eine Allianz gestiftet werden,' die man mit Wahrheit eine heilige' nènnen kann. Frankreich wird seine alten Grenzen wieder bekommen und alle maritimen Stellungen, woraus es Anspruch hat. Seine Colonien werden ihm wiedergegeben werden, Malta wird ihm gehören, Aegypten unter seinem Gesetze stehen. Polen wird unabhängig sein, Rußland die Hegemonie im Osten haben, Konstantinopel wieder eine christliche Stadt werden, Oesterreich seinen Theil von der curcpâischen Türkei, Ungarn seine Unabhängigkeit erhalten. Preußen wird die ihm verbundenen Staaten absorbiren, und Italien wieder frei von dem fremden Joche werden. Spanien und Portugal werden ein Königreich bilden. . . . Prinz, trauen Sie den Engländern drinnen ebenso wenig wie den Engländern draußen. Unsere Publizisten und Staatsmänner wurden gegen den Schluß des vorigen Jahrhunderts größteutheiis fanatische Apostel englischer Doctrinen. Und doch haben wir in Frankreich nichts, was England gliche. Die Engländer sind Protestanten, die Franzosen Katholiken, sie sind Aristokraten, wir Anhänger der Gleichheit, sie sind in Allem die Männer der Vorrechte und Monopole, wir machen für Allen gemeinsame Rechte Propaganda, sie denken nur an Unruhen und Anarchie unter Ändern, um sich selbst mit der Beute der Besiegten zu bereichern, wir denken nur an die Civilisation, Emancipation und Größe der Nationen. Den Engländern in Frankreich, den Doctriuären, verdanken wir die Charte von 1814, die Revolution von 1830 und alle ihre Scheußlichkeiten. Den Engländern im eigenen Lande würden wir eine neue Invasion Frankreichs durch das kontinentale Europa verdanken. Wenn sie sagen: Alles durch die Engländer! werden wir ihnen mit Verachtung antworten: Alles durch die echten Franzosen und Alles gegen die Engländer I Anathema über die Engländer drinnen, Tod den Engländern draußen! Alles vom echten Frankreich und durch Frankreich. Alle Franzosen sind gleich in diesem Gedanken der Ehre und Würde, und der Dichter hatte Recht, als er sang:
Et la Vendée aiguiserait son glaive Sur la pierre de Waterloo.“
Ein Brüsseler Korrespondent des „Schwäb. Merk." nrtheilt über diese Schrift: Der Umstand, daß die französische Censur — denn ohne diese erscheint jetzt nichts in Frankreich — das Erscheinen dieser Schrift und ihre Widmung an den Kaiser gestattete, zeigt jedenfalls, daß die in demselben niedergelegten Ansichten dxn dortigen Machthabern wenigstens nicht anstößig sind. Der Verfasser verlangt eine Invasion in England; natürlich nur im Interesse der Ruhe und Ordnung und zur „Rettung der Gesellschaft". England aber sei der eigentliche Revolutionsherd , und Europa könne der von Napoleon ihm gesicherten hohen Güter nicht in Ruhe genießen, so lange England — protestantisch sei. (!) Der Zweck der
Eroberung soll daher blos sein, England zum Absolutismus und zum Katholicismus zu bekehren. Daß man solchen Unsinn in Paris drucken und dem Kaiser widmen läßt, kann wohl kaum anders erklärt werden, als daß man um jeden Preis die Kriegsgelüste nähren, andererseits Europa irreführen will, damit es nicht wisse, wohin eigentlich gezielt wird, und man bann durch Ueberraschung — schon bisher die beste Verbündete — desto sicherer nach irgend einer Seite hin den entscheidenden Schlag führen könne. — Der Moniteur hat jede Betheiligung der Regierung an diesen sinnlosen Deklamationen in Abrede gestellt.
Der Aufruhr in Mailand.
Ueber den Aufruhr in Mailand berichtet ein Augenzeuge der „A. A. Z." Folgendes unterm 8. Febr. Als ich meinen Bericht vom 6. d. an Sie abgehen ließ, hielt ich cs für überflüssig, Ihnen ein Gerücht mitzu- theilen, das sich am Abend des vorhergehenden Tages in der Stadt verbreitet hatte, und dem zu Folge noch am Sonntag (6.) Nachmittags 3 Uhr die Revolution in Mailand ausbrecheu sollte. Jeder sprach am Sonntag davon, doch, glaube ich, nur sehr wenige hielten das Gerede für mehr als einen Schreckschuß, abgefeuert von den Scheelsüchtigen jenseits des Ticino, die es den Mailändern verargen, daß sie ohne deren Erlaubniß, ja ihnen zum Trotz gewagt haben, endlich eine hier allen lästige Nebelkappe abzuwerfen. Alle Theater waren bisher täglich sehr stark besucht, an Sonn- und Feiertagen überfüllt, und an Ballabcnden (Veglioni) wimmelte es von Masken. Die angesehensten Häuser gaben glänzende Bälle oder wöchentlich an bestimmten Tagen Soirees dansantes, und die Spitzen des inländischen hohen Adels waren bei den Festen gegenwärtig, welche die verschrieensten Unterdrücker und Barbaren veranstaltet hatten. Die Organe der Emigration schlugen, darob empört, lauten Lärm, und stießen arge Drohungen aus, ja ließen cs selbst in Mailand nicht daran fehlen, die frechen Uebertreter einer Landestrauer Quito nazionale), die in der Wirklichkeit nirgends in Italien vorhanden ist, mit den gewohnten Mitteln einzuschüchtern. Das durchschaute hier jeder mit gesundem Verstand begabte Mensch. Doch an einen Versuch, die zweite Auflage der Mailänder sogenannten cinque giornate gloriose unter den gegenwärtigen Umständen wirklich zu unternehmen, wollte hier Niemand glauben. Um 3 Uhr Nachmittags sollte der Aufstand ausbrechen, allein selbst nach 4 Uhr fand ich die Physiouomie der Stadt nicht auffallend verändert. So war es fast 5 Uhr geworden, und ich dachte schon an die mögliche Verlegung der angcsagten Revolution auf den 29. d., da — fielen in der Richtung des DomplatzcS oder der Post einige Flintenschüsse, und — alles stürzte kopfüber davon. Alle Haus« und Ladcnthüren wurden augenblicklich geschlossen. Da sich noch kein Militär zeigte, so wagten cs einige verblendete Handlanger der verborgenen geheimen Clique am Cordusio, in Porta To- sa, auf dem Versaro (Krautmarkt) und Santa Maria Secreta mit Tischen, Bänken und Stühlen Barrikaden zu errichten; doch beim ersten Anblick einer Patrouille waren die Helden wie Staub verflogen; etwa zehn Minuten lang wurde auch Sturmläuten, zum Beispiel am Dom, auf St. Stefano, St. Satiro versucht, den verwegenen Kirchendienern jedoch gar bald das Handwerk gelegt. Mordgewehre schienen den gutbezahlten und ritterlich angetrunkenen Pöbelhaufen, die an den bezeichneten Punkten der Stadt eine Revolution improvi- siren und die ruhigen Bewohner zu tollen Streichen verleiten sollten, eben nicht zu mangeln: Dolche mit dem bekannten Kreuze der berüchtigten Crociati vom Jahre 1848, Säbel, Bajonuettc, Pistolen rc. wurden unzählige vorgefunden; allein ihr Unternehmen mißglückte im vollsten Sinne des Wortes, sie fanden bei der besonnenen Bürgerschaft auch nicht die entfernteste Theilnahme. Bevor sich die bewaffnete Macht in imposanter Zahl allerorts zeigen konnte, wurden leider einzelnstehende Wachposten überfallen und grausam hingewürgt, harmlos herumspazierendc Soldaten und Offi-^ ziere wurden auf offener Straße, ja selbst in den Wirthshäusern beim Essen schändlich gemordet. Mehrere ängstliche Männer, die beim Ausbruche der Unordnungen hastig ihre Wohnungen zu erreichen strebten, wurden von den im Hinterhalt lauernden Genoffen der Freiheitsapostel angcfallen und geplündert. Entlegene Häuser einiger reichen Familien wurden förmlich belagert und wären sicherlich den eifrigen Befreiern in die Hände gefallen, wenn die Behörden nicht schnell
genug sich hatten Respect zu verschaffen gewußt. Während also in häufigen Patrouillen von imposanter Stärke die Stadt sicher gestellt wurde, führte die Polizei zahlreiche Arreste und Hausuntersuchungcn aus. So gelang cs in weniger als zwei Stunden, der Stadt die Ruhe und das Vertrauen wieder zu geben, welches mit allen nur erdenklichen Mitteln eine ebenso gewissen- als kopflose Partei bemüht ist, derselben zu entreißen. Die Zahl der Festgesetzten soll sich bereits gestern auf 400 belaufen haben; sehr viele sind unter diesen die mit den Waffen in der Hand, oder bei Handlungen ergriffen wurden, welche die Ordnung oder öffentliche Sicherheit direct gefährden. Die Zahl der in diesem kurzen Zeitraum Getödteten oder Verwundeten ist heute noch nicht genau zu ermitteln. Die von der Militärbehörde und der Polizeidirection gleichzeitig entwickelte Energie und Umsicht hat uns vor großem Unglück bewahrt — das ist allen klar, allein erst in einigen Tagen werden wir die ganze Tragweite der uns von unsern guten Freunden gelegten Falle überblicken können. Auch die unvermeidlichen Wühler trieben im ernsten Augenblick sehr emsig ihr Handwerk, indem sie glänzende Versprechungen und die abenteuerlichsten Gerüchte aussprengten. Das Castell sollte z B. schon vorgestern Abend durch Verrath eines k. k. Generals in die Hände der Insurgenten übergegangen, ein hartnäckiger Kampf sich zwischen deutschen, ungarischen und croatischen Patrouillen entsponnen, Como, Pavia, Lodi und Brescia im vollen Aufstande und 40,000 Piemontesen im Anzug begriffen sein. , . . Noch Sonntag Abends fanden in dem k. k. Theater die gewöhnlichen Vorstellungen in der Scala, selbst Vcglionc Statt, und die Ruhe wurde nicht im Entferntesten mehr gestört. Die gestern von den Behörden erlassenen Proclamatio» neu wirkten im Allgemeinen beruhigend auf die Ge müther, doch die jeden Augenblick wieder verbreiteten falschen Allarme, und das bei jedem unerwarteten raschen Erscheinen einer Militär - Abtheilung eintretende Rennen und Sichüberstürzen der ReugieriM in den Straßen verbreiteten noch bisweilen kleine Schrecken, und bewirkten, daß die Gewölbe und Häuser oft geschlossen und wieder geöffnet wurden, und eine gewisse Beängstigung nicht ganz unterdrückt werden konnte. Doch gestern gegen Abend schon und heute gar ist alles ins alte Gleis zurückgekehrt. Die Eisenbahnfahrten sind seitens der Behörden vorläufig eingestellt worden. Die Kriegsgerichte werden jetzt vollauf zu thun haben. Indem ich dieses schreibe, versammelt sich ein unabsehbare Volksmenge vor dem Castello, wo im Bereich der mit sechs piemontesischen Kanonen besetzten Front-Lünette einige Galgen erlichtet stehen, Hinrichtungen haben übrigens noch keine stattgcfuudcn. Lassen Sie sich durch das Geschrei und die Lügen ausländischer Blätter nicht irreleiten; ich bin, soweit es möglich ist, sehr gut von Allem unterrichtet.
Ein anderer Augenzeuge berichtet der „Augsb. Abd. Ztg." hierüber folgendes: „Mailand, 8. Februar, Abends. Seit Abgang meines Gestrigen haben sich die hiesigen Verhältnisse leider nicht so schnell geordnet, als man hoffen durfte. Kaum hatte ich dasselbe befördert, als das Gerücht durch die Stadt ging, es seien neue Unordnungen entstanden, worauf überall die Läden wieder geschlossen wurden. Die Patrouillen wurden verstärkt, zogen mit Sack und Pack und Geschirr durch die Straßen. Die Gräuelthaten widerbolten sich jedoch erst wieder nach «ungebrochener Nacht, wo mehrere Soldaten auf die schändlichste Weise niedcrgemacht und sogar starke Posten angegriffen wurden. Das ganze Unternehmen scheint vom Londoner Comito auszugehen, und es. muß dazu viel Geld verwendet worden sein. Ueber die Ereignisse vom Sonntag Abend hört man natürlich sehr viel. Folgendes kann ich als positiv geben. Die Metzelei ging zu gleicher Zeit auf den verschiedensten Punkten der Stadt los und wurde von einem Pack Individuen verübt, die sämmtlich mit langen Stilets versehen waren. Die meisten Stiche, welche die Soldaten erhielten, sind lebensgefährlich; sie gingen meistens hinten von der Seite gegen den Unterleib. Auch viele Verstümmelungen sollen verübt worden sein; so wurde mir von einem bekannten Offizier versichert, daß man einen Artilleristen mit abgesch»it- tenen Ohren und Händen lebend auf der Straße gefunden habe. Die von mir angeführte I Zahl von Todten und Verwundeten ist zu gering, aber ! offiziell weiß man darüber noch nichts. Am Gemüse- - markt soll es am Aergsten zugegaugen sein; dort ■ wurden Barrikaden errichtet. Die Hauptwache an der Residenz wurde überrumpelt rn:d theilweise