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Nassauische Allgemeine Zeitung.

TVr »7. Dienstag den 1. Februar /S5».

Die,,Nassauische Allgemeine Zeitung'^ mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erschemt, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der Präaumerationspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Lburn- und Taris'fchen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlagâ 2 ft., für die übrigen Länder deS deutsch.österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 fr. Inserate werden die v^erspaliig petitteile ober deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auâwärtS bei den nâchstgelegeueu Postämtern, zu machen.

Naturschätze und industrielle Thätigkeit des Fahuthals.

Die nassauische Walkererde.

* Das Bremer Handelsblatt beschäftigt sich in seiner neuesten Nummer mit einem für die ganze deutsche Industrie und für unser Herzogthum insbesondere wich­tigen Gegenstand. Ein Artikelvon der Lahn" macht auf den großen Reichthum des Lahnthals au trefflicher Walkererde und auf die bisher nur sehr spärliche Ausbeute dieses beinahe unerschöpflichen Naturschatzes aufmerksam. Die Walkererde kommt in der Gemarkung Mehreuberg, Amtsbezirks Weilburg, sowie in der Nach­barschaft derselben, in so mächtigen Lagerungen vor, daß man die Tuchfabriken eines großen Theils von Europa, ja wohl unserer ganzen Erde, auf sehr lange Zeit daraus versehen könnte. Auch wird dieselbe mit leichter Mühe gewonnen, da sie nur mit einer dünnen Sandschichte bedeckt ist; sie erfordert daher keinen eigent­lichen bergmännischen Betrieb; das einzige Hinderliche ist, daß sich die Gruben leicht mit Wasser füllen, was unsere Bauern allerdings in ihrer Arbeit aufhält. Da denselben Capital und Intelligenz fehlte, so haben sie sich keinen Absatz im Großen zu verschaffen gewußt. Wenn sie ein paar Tage gegraben, hatten sie einen großen Vorrath von Malkererde und stellten daher die Arbeit wieder ein. Kamen sie nach einiger Zeit zu den Gruben zurück, so waren dieselben mit Wasser gefüllt, dessen Beseitigung viele Mühe kostete. Dieser Uebel­stand würde Wegfällen, wenn bei erhöhtem Absatz ein regelrechter Betrieb eingeführt werden könnte. Trotz der nachlässigen Behandlung der Walkererdefelder hat dieser fettcinsaugeude Thon sich dennoch bereits die Fa­briken am Niederrhein und in Brandenburg erobert. Nach Aachen, Berlin, selbst bis Polen hin sind schon bedeutende Sendungen der nassauischen Walkererde gegangen. In manchen Gegenden und sogar im in­dustriellen Sachsen wenden viele Fabricanten statt dex Walkererde noch die Seife an, welche viel theuerer ist und ihren Zweck nicht so gut erreicht, als unsere Erde. Die Sachsen haben bisher nur die schlechte Walker­erde des Böhmer Waldes gekannt, woher ihre Vorliebe für die Seife gekommen sein mag. Die Waft kererde ist bekanntlich sehr verschieden, auch im Amtsbe­zirk Nassau-Weilburg. Es kommt Alles darauf an, daß dieselbe sehrfett" und zart sei, möglichst wenig Sand und besonders gar keine Steine enthalte. In dieser Be­ziehung zeichnet sich die Walkererde der Gemarkung Mehreuberg aus. Diese Gemarkung besitzt überdieß auch einen ausgezeichneten Thon für Kannenbäckerei, welche bis zum dreißigjährigen Krieg blühte, aber durch jenen langdauernden Bürgerkrieg seinen völligen Unter­gang fand.

Außer dem pecuniären Vortheil, den das Walken mit der hiernach benannten Erde vor demjenigen mit Seife gewährt, ist auch besonders noch zu beachten, daß wenn die Tücher in Waidküpen gefärbt werden sollen, die Erde nicht nachtheilig auf dieselben zurückwirkt, wie dies bei den mit Seife gewalkten Tüchern der Fall ist, im Fall sie nicht nach dem Walken mehrmals auf das Sorgfältigste gereinigt werden. Obgleich niederrheinische Fabricanten schon an Ort und Stelle waren, die früher im Betrieb gewesenen Gruben mehrere Tage lang un­tersucht haben und für ihre in so erfreulicher Weise auf- blühende Industrie ganz ansehnliche Ladungen haben kommen lassen, so bedeutet die Ausfuhr im Verhältniß zu den unterirdischen Schätzen doch noch gar wenig. Die meist armen Grubenbesitzer mußten ihre Arbeit zu oft unterbrechen, um durch anderweitigen Taglohn ihren nöthigsten Lebensunterhalt zu gewinnen, und waren so in keiner Weise auf einen in die Ferne gehenden kauf­männischen Vertrieb eingerichtet.

Dies wird nun besser werden, indem einige tüchtige Geschäftsleute, die Herren Georg Vogl, Besitzer einer Tuchfabrik, und Carl Metzler, Besitzer einer Blaufärbe- rei, die besten Gruben angekauft haben und mit dem nöthigen Capital ausgerüstet, einen regelrechten Betrieb einrichte». Um die Aufmerksamkeit der Tuchfabricanten von ganz Deutschland, sowie der Nachbarländer, auf die nassauische Walkererde zu leiten, und hierdurch ihrer heimathlichen Bevölkerung einen neuen Verdienst zu er­öffnen, werden diese gemeinnützigen Männer nur das trefflichste Material auf den Markt liefern. Bei dem internationalen Wettkampf in der Industrie ist jede Förderung der vaterländischen Gewerb- thätigkeit wichtig und das bessere und auch wohl­feilere Walken des Tuches ist gewiß nicht gering anzu­schlagen.

Aber auch der com mc r ci el l e Betrieb unserer Naturschätze nach anderen Länder hat seine Berechtigung durch Förderung der Schifffahrt und anderer Seiten der Volksthätigkeit. Die einheimische Industrie hat doch schon den Vorsprung der Nähe, welche bei diesem gewichtigen Material hoch anzuschlagen ist. Da die Engländer der Ausfuhr ihrer Walkererde, die man bis­her für die beste gehalten, welche aber schwerlich der erst ncucntdeckteii Mehrenbcrger vorzuziehen ist, die be­kannten Hindernisse entgegensetzen, so Knuten unsere deutschen Seestädte aus dem unerschöpflichen Schatz un­serer Walkererde manches Schiff befrachten. Dieser Gegenstand scheint uns der Beachtung auch der Bre­mer Kaufleute werth zu sein. Die Walkercrde wird bis jetzt auf zwei Wegen ausgeführt, 1) die Lahn ab­wärts zu Schiff nach dem Rhein, und 2) per Achse nach dem sieben Stunden entfernten Gießen , von wo die Eisenbahn nach Nordosten, besonders in das Oder­gebiet sie einführt. Eine L a h n e i s e n b a h n würde dieser Ansfuhr den großartigsten Aufschwung gewähren. Wenn sich, wie wohl sicher zu erwarten ist, die Tuch­fabricanten Deutschlands, welche bisher mit Seife ge­walkt haben, entschließen, künftig die bessere und weit wohlfeilere Methode mit Walkererbe vorzuziehen, so wer­den gewiß die obengenannten Herren Metzler und Vogl in Weilburg bereit sein, die nöthige sichere Auskunft über das Walken mit Erde geben, da beide Männer darin bereits eine lange Erfahrung besitzen. Mittel- Europa hat noch viele Naturschätze, welche unsere In­dustrie noch nicht ausgebeutet. Es ist endlich Zeit, daß wir Ernst damit machen.

Die Marmorrabrikation zu Villmar.

§ Von der Lahn, Ende Januar. Der Bau der großartigen Marmorcapelle zu Wiesbaden wirkt sehr wohlthätig auf die Marmorfabrication unseres Thales ein. Es herrscht zu Villmar ein reges Leben. Der als tüchtig bekannte Meister Leonhard ist z. B. mit vier seiner sieben Söhne, von denen zwei andere mit Marmorarbeiten in der Burg zu Mosbach-Biebrich be­schäftigt sind, an der Arbeit des prachtvollen marmor­nen Fußbodens der griechischen Kapelle, welche ihm allein anvertraut wurde. Der kunstreiche Fußboden ist fertig bis auf die Rosette, welche in die Mitte desselben gelegt wird. Diese Rosette hält beinahe acht Fuß im Durchmesser und wird um Ostern fertig werden. Sie wird ein wahres Prachtstück. Auch die übrigen Mar­morarbeiter zu Villmar sind durch den Kapellenbau in umfassender Weise beschäftigt worden, was bei ben ge­drückten Verhältnissen unserer Marmorfabrication nur von den wohlthä igste» Folgen sein konnte. Mit Bangigkeit sieht daher mancher der Zeit entgegen, wo für den Wiesbadener Marmortempel nichts mehr zu arbeiten sein wird. Unser Gewerbvercin wird alsdann hoffentlich mit den betreffenden Behörden seine Hülfreichc Hand bieten, daß unserer Marmorfabrication ergiebige Märkte eröffnet werden. Das treffliche Material unseres in seiner Bildung an südlichere Gegenden erinnernden Flußbeckens verdient cs wahrlich durch künstlerische Men­schenhand zum würdevollen Schmucke des Lebens be­reitet zu werben. Der rothe, graue und schwarze Marmor unseres Thales ist manchem weit berühmteren fremden Material vorzuziehen und eignet sich zur Verwendung für alle Gebiete der Tectonik. Es kommt nur darauf au, durch Errichtung von größeren Marmor - Schneide­mühlen gleich denen in Italien, den Niederlanden und anderwärts die gröbere Arbeit zu erleichtern, sowie wohl­feiler zu machen, so wie in dem Heranwachsenden Ge­schlecht den feineren Kunstsinn zu erwecken, welcher in den verschiedenen Geräthschaften des Lebens schöpferisch fortbildend auftreten könnte, damit die Nassauische Mar- morfabrication nicht blos dasjenige nachahmt, was man schon von anderer Seite her auf den Markt gebracht hat. In seiner Gewerbschule besitzt Villmar einen Au- knüpfungspunct für diese sichere selbstständige Ausbildung seiner Jugend. Viele treffliche Vorlagen für Marmor- arbeiten, besonders von München her, gaben neue frucht­bringende Anregungen, doch wird leider die hohe Wich­tigkeit dieser Schule von einem großen Theile der Ein­wohnerschaft noch nicht recht eingesehen. Ohne ben un­erschütterlichen Eifer des Meisters Leonhard als Mit­glied des Schulvorstandes würde die Gewerbschule viel­leicht schon Schaden gelitten haben. Eine recht sorg­fältige Theilnahme und Ueberwachung dieses Institutes von Seiten des Gewerbvercius und der Schulverwal­tung zu Wiesbaden würde demselben neuen Halt und Aufschwung verleihen. Die Ehre unseres Landes ver­langt, daß die Gewerbschule unseres Hauptmarmorbezirks

in rechter Blüthe dastèhe. Die Mittel dazu werden sich leicht finde». Es wäre doch zu traurig, wenn das schöne Villmar, einer der größten Flecken unseres Herzogthums, nicht auf der neuerdings cmgcschlagencn Bahn des Auf­schwunges fortschreiten sollte. Durch Unterstützung der tüchtigsten Schüler der Gewerbschule mit Reisestipendien rc. könnte viel Eifer und neues Leben geweckt werden. Daß Meister Leonhard sich in seinen jungen Jahren in mehreren Ländern Europas umgesehen, ist unserer gesummten Marmorfabrication zu Statten gekommen. Da steht man, was ein einziger tüchtiger Mann vermag. Sollte unser Land nicht nach und nach ein halbes Du­zend strebender Jünglinge mit einem bescheidenen Reise- stipendium auSstatten können, damit cs denselben mög­lich würde, sich in Carrara, München und anderen für die Marmorfabrik bedeutenden Orten umzusehen? Als würdig solcher künstlerischen Förderung würden wir gleich die Söhne des Meisters Leonhard betrachten. Ehe­mals nahm der Landesherr ein lebendiges Interesse an den Familien, welche mit sieben Söhnen prangten, und erleichterte dem Familienvater die Erziehung derselben. Die bekannte Hochherzigkeit unseres Herzogs erweckt in uns die frohe Hoffnung, daß er unserer Villmarer Künst­lerfamilie seine hohe Förderung nicht entziehen werde. Wenn nicht überwältigender Beruf vorhanden ist, bür> feit wir nicht wünschen, daß sich unsere Jünglinge der höheren Plastik widmen; denn das deutsche Vaterland ist schon reich genug an solchen verfehlten Existenzen; aber das Gebiet, wo sich Gewerk und Kunst begegnen, ist groß, gewinnbringend und bedarf noch vieler künstle­rischer Kräfte. Außerdem ist unser Marmor durch seine Farbe nicht den Anforderungen unserer höheren menschen­bildenden Plastik entsprechend, um so mehr aber dem reichen Felde der Tectonik im engeren Sinne. Dieser heimathliche Stoff stellt uns eine heimathliche Aufgabe, welche erfüllt werden muß..

Vrrlischiand.

* Wiesbaden, 1. Febr. Eine gestern hier ein- getroffene telegraphische Depesche bringt die betrübende Nachricht von dem plötzlich in Wien erfolgten Ableben des Herrn Obersteuerraths Scholz, diesseitigen Be­vollmächtigten bei den Wiener ZoUconferenzen.

* Wiesbaden, 1. Febr. Nach dem Ergebniß der am 3. Dec. v. J. vorgenomnienen Volkszählung hat das Herzogthum Nassau 429,060 Einwohner. Darunter sind 143,308 Männer und Jünglinge, 143,082 Weiber und Jungfrauen; 72,440 männliche, 70,230 weibliche Kinder unter 14 Jahren. Die Anzahl der Familien beträgt 102,281. Die Bevölkerung »ertheilt sich wie folgt:

auf das jlmëamt Familien Männer Weiher Knaben Mädchen Summa Hachenburg . . 9139 12573 12226 6933 6688 38420 Haramar. . . 13538 18577 1840t 9499 9235 55712 Herborn . . . 11969 16099 16022 7841 7612 47574 Höchst .... 11582 16241 16610 8504 9309 49694 Idstein . . . 10020 13436 13464 6902 6835 40637 Langenschwalbach 8409 11501 11523 5866 5541 34431 Limburg . . . 11866 16523 16401 8282 8087 49293 Nassau . . . 10048 14579 14421 7400 7183 43583 Reichelsheim . 41 1 585 559 221 209 1574 Rüdechcjm . . 8920 12920 12808 6393 6055 38176 Wiesbaden . . 6376 10274 10617 4599 4476 29966

Frankfurt, 1. Febr. Mit dem testen Zug der Main-Wcserbahn ist gestern Abend der k. k. Bundes­präsidialgesandte, Frhr. Prokcsch v. Osten, hier eingetroffen.

Darmstadt, 30. Jan. Der großh. Bevollmäch­tigte bei der Zollcouferenz zu Wien, Herr Ministerial- rath v. Riegelchen ist von seiner Krankheit wieder her- gestellt, sein bisheriger Stellvertreter, Herr Obcrsteuer- rath Ewald, wird in kurzer Zeit hierher zurückkèhrcn.

Aus Nheinbayerrr, 29. Jan. Die bedeuten­den Tabaksaufkäufe der österreichischen Regierung, welche »och immer fortdanern, wollen manchen Leuten gar nicht behagen. Auch im Frankfurter Journal macht sich ein gepreßtes Herz, angeblich von Ludwigshafen aus, darü­ber Luft; nicht keck genug, um die Thatsache selbst zu bestreiten, sucht der Berichterstatter des genannten Blat­tes daran zu mäkeln und zu kritteln, was ihm aber nur schlecht gelingen will. Die Hauptsache ist und bleibt, daß die österreichische Regierung für mehr als eine Mil­lion Gulden Tabak in der badischen und bayrischen Pfalz aufgekauft hat, und daß die gegründetste Aussicht zur jährlichen Wiederholung dieser Käufe besteht. Mö­gen diese auch gewissen Leute» noch so wenig behagen, unsere Bauern lassen sich dadurch ihre Freude schwerlich verderben.

München, 28. Jan. Der Ministerpräsident Hr. v. d. Pfordten hat heute früh eine Reise zur Besicht!-