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Nassauische Allgemeine Zeitung.

Wr VS. Donnerstag den 27. Januar ^KâS.

DieNassauische Allgemeine Zeitung" mit dem beUeiristiscken BeiblattDer Wanderer" ersckieint, Sonntag« ausgenommen, täflli» und beträgt der PränumerationSprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Pos, regulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Sturiu und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Znbigriff des Poftaufschlags 2 fl., für die übrigen Länder des dkutfcheöfterreichtschen Postve-eins, wie für das Ausland 2 fL 24 kr. Inserate werden tue Sierspallig Petitzeile oder deren Naum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Zur IjaniHUpiditifdKH Literatur.

* Im Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn in Braunschweig ist so eben von einem ungenannten Ver­fasser ein neuer Beitrag zur handelspolitischen Literatur erschienen.Ansprache an die deutsche Fabrik- und Handelswelt über die schließliche Wendung der Zollver­eins- und Handelsverträge» ist der Titel dieser Schrift. Dieselbe wird nicht verfehlen, Aufmerksamkeit zu erregen, aber sie wird diesen Erfolg weniger ihren scharfsinnigen Deductionen, ihren klaren Auseinandersetzungen, der ruhigen und verständigen Beurtheilung der jetzigen Lage der Dinge, als dem gerechten Erstaunen verdanken, das es noch jetzt Jemand versuchen könne, das glücklich angebahnte. gute Einvernehmen der unterhandelnden Mächte zu ' stören, und die Geneigtheit zu allseitiger Versöhnlichkeitin der zwölften Stunde" noch zu min­dern. Diese Schrift will alle Spcculirendcn, dieHel­den im Glauben und Vertrauen auf Abnahme und schwunghaften Verkehr" in den Stand setzen, ihre Ent­schlüsse für die Eventualitäten des Termines vom 1. Januar 1854 zu fassen. Indessen ist sie nichts als ein Libcll gegen Oesterreich und die Coalitionsstaaten, das zu den alten abgenutzten längst widerlegten Vor­würfen zu den längst mit Entrüstung zurückgewiesenen Insinuationen nur noch neue Schmähungen hinzufügt, diesen jetzt einander näher gerückten Staaten die un­würdigste Haltung, das perfideste Verfahren andichtet und kaum geheilte Wunden wieder aufreißt. Sie be­urtheilt eine deutsche Frage von specifisch preußischen Parteistandpunkte.

Der anonyme Verfasser erwägt zuerst, was die po­litische Veranlassung der Zerwürfnisse im Zollverein.war. Er findet sie in der gewohnten Politik der mittel- und süddeutschen Staaten, 0« sic antrcibt, eine eigene Zwischenstellung zwischen Oesterreich und Preußen durch dèn schwankenden Wechsel ihres ungebetenen Anschlus­ses an die eine oder andere Macht zu erlangen. Preu­ßens Diplomaten hätten vorausgesehen, daß die bis­herigen Zollvereinsverträge vom 1. Januar 1854 ab durch diese Politik der Mittelstaaten und durch Oester­reichs Beihilfe eine Unterbrechung erleiden würden und hatten deßhalb dafür gesorgt, dem preußischen Verkehr zwischen seinen Staatstheilen und Deutschland eben die nähere Verbindung mit dem Steucrvercin zur Ent­schädigung im Voraus durch stille Schritte zu sichern. Die Begründung einer stärkeren Marine der norddeut­schen Staaten dadurch zu veranlassen, sei nebstbei be­absichtigt worden. Dies Interesse finde aber bei den mittel- und süddeutschen Regierungen gar keinen Anklang. Wir möchten hier die Frage an den Anonymus richten, was denn Preußen zur Erhaltung der deutschen Flotte gethan habe und ob cs zur Begründung der norddeutschen Marine" genug gethan zu haben glaubt, daß esSr. Maj. Fegatte" undSr. Maj. Corvctte" undSr. Maj. Transportschiff" auf eine Spazierfahrt schickt, um den ausländische» Häfen das seltene und seinerseits wohlfeil genug erkaufte Schau­spiel zu verschaffen, die preußische Flagge von einem größeren" Kriegsschiffe wehen zu sehen. Die formell erfolgte preußische Kündigung der Zollvereinsverträge wäre von sieben deutschen Regierungen von der Seite der Kündigung und nicht, der gleichzeitig erfolgten Ein­ladung, die Erneuerung der alten Verträge zuvercin- baren" wegen von Seite dcö Wiederanknüpfens ausge­nommen. Dies sei bei ihnen leider wohl voras zu sehen gewesen. Die Folgen und die Tragweite der erfolgten Kündigung zu ermessen, war Preußens Sache, und es mußte darauf gefaßt sein, daß seine Kündigung auch als solche betrachtet werde, und mußte es auch wollen, weil Hannover nur einem neu abzuschlicßenden, aber nicht dem erneuerten Zollvereine beitreten konnte. Uebrigens wurde ja der Einladung Preußens zurVereinbarung" (also Unterhandlung) durch Beschickung der BcrlincrConferenzcn bereitwillig entspro­chen. Die Forderung, daß Oesterreich gleich wie Han­nover an den Zollverbandlungen Theil nehme, erklärt die Schrift für handelspolitische Fantasieen, ohne den Anspruch Preußens auf einen kleinen Antheil an dieser Benennung geltend zu machen.

In diesem Tone geht cs weiter. Pag. 11 heißt cs, der Plan mancher Cabiuete sei, Preußens Handelspolitik in Deutschland zu isoliren und den Verkehr zwischen den östlichen und westlichen Staatstheilen Preußens zu er­schweren und ihr Zorn sei weniger durch die Verle­tzung ihrer Interessen durch den Septemberverttag als durch das F e h l s ch l a g e n dieses Planesgesteigert" worden. Pag. 15. Schon in den zwanziger und drei­

ßiger Jahren dieses Jahrhunders hätten ganz ohne alle Gründe auch nur zu den entferntesten Klagen über Preußens politisches Benehmen, die meisten Staaten der jetzigen Coalition (der übrigens Hessen-Darmstadt und Nassau aus Personalteudenzen! beigetreten wären), das­selbe Verfahren wie jetzt beobachtet; wie vor Kurzem sei auch damals Oesterreich in die Falle ihrer scheinba­ren politischen Vorliebe für die kaiserlichen Interessen an der Donau und dem adriatischen Meerbusen gegan­gen eine Uranhänglichkeit, welche beiläufig und be­kanntlich den Kaiser Franz II. in Wahrheit dahin ge­bracht habe, am 6. August 1806 der deutschen Kaiser­würde zu entsagen. Wir könnten das Register dieser Jnvectiven noch fortsetzen f wir fürchten zu ermüden. Preußens Sache steht wohl nicht so schlimm, noch ist sein Ansehen wohl so tief gesunken, daß es solche Mit­tel zur Vertheidigung braucht und wird Preußens Re­gierung mit Entrüstung die Unterstützung eines solchen Helfers zurückweisen.

Die Deductionen znr Begründung der ausgestellten Vcweissätze sind zum großen Theil unrichtig, zum Theil geeignet, den Verfasser der Ansprache selbst ad absur­dum zu führen. Wir wollen von vielen nur einiges an­führen.

Die Nothwendigkeit, den September-Vertrag mit Hannover allein und ohne Zustimmung der übrigen Coalitionsstaaten abznschlicßcn, sei durch die anerkannte Regel geboten, bei wahrhaftbedurften" Verträgen nicht mehr Thcilnehmer und Mitberather einzumischcn, als zum Abschluß gehören; während Preußen . zur Vereinba­rung über die Erneuerung der doch ebenfalls wahrhaft bedurften" Zollvereinsverträge die Zuziehung Hanno­vers verlangt, somit selbst (s. v.) zugestanden hat, daß dieselben durch seine keineswegs unbedingt nothwendige Kündigung als gelöst zu betrachten sind. Hätte Preußen, heißt cs weiter, bei den übrigen Zollvereinsregierungen angefragt, so wäre der Septembervertrag unfehlbar heute noch nicht zur Ratification gediehen. Die Gewährung des starken Präcipnums an Hannover (wir nehmen dieses Zugeständniß zur KvMttiiß) wäre nie erfolgt, es hätte vielmehr diese Einmischung den Chefs der Cabi­nete in Kassel, München und Dresden Gelegenheit ge­geben, ihregewohnte" Politik zu üben und mit ihren stets so deutlich offenbarten Plänen zur Gewinnung ei­ner eigenen Machtstellung durch Gegenüberstellen und Ver­wickeln der preußischen und österreichischen Interessen auch hierbei scharf aufzutreten. Wir wüßten nicht, wie bet Berathung des Septembervertrags ein Hereinziehen der österreichischen Interessen möglich gewe-en wäre. Dem schon bei der Zollconfereuz zu Wiesbaden ausge­sprochenen Wunsche nach einer handelspolitischen Eini­gung von ganz Deutschland war ja Preußen durch seine Protocollarerklärung beigetreten und es liegt seither an ihm, dieselbe wenigstens durch die jetzt geforderte An­bahnung einer Zolleinigung mit Oesterreich zur Wahr heit zu machen.

Dieser Protocollarerklärung gegenüber war schon der einseitige Abschluß des Septembervertrages ein unge­rechtfertigtes Vorgehen, der Versuch, den übrigen Zoll- ve^einsregicrungen eine geänderte Handelspolitik aufzu- uöthigen, eine Demonstration gegen Oesterreich. Uebri­gens haben die Coalitionsstaaten auf den Berliner Zollconfereuzcn dem Septembervertrag beitreten zu wol­len erklärt. Preußens Diplomaten haben sich daher in der Voraussetzung geirrt, daß sie durch Eröffnung gemeinsamer Verhandlungen über den Septemberverttag den wahren Born aller Mißhelligkeilen:die alte Politik besonders einiger Mittelstaaten" öffnen oder der Anonymus hat Unrecht. Wir können füglich das letztere annehmen.

Der Anonymus nennt ferner den Septemberverttag eine Wohlthat, welche Preußen dem Zollverein, zwar nicht aufgedrängt, aber erwiesen hat. Während der Drucklegung der Brochure haben sich die Verhältnisse in etwas geändert; man beginnt die schädlichen Wir­kungen der Herabsetzung der Eingangszölle auf die sechs wichtigsten Consumtionsartikel (Franzbranntwein, Kaffee, Syrup, Tabaksblätter, Thee und Wein) so wie jene der zugestandenen Nachsteuerfreiheit zu fürchten und ein­zusehen, daß das Zugeständniß des Präcipunms an Hannover nicht in Folge des größeren Verbrauches, sondern einer unnatürlich gesteigerten und anderen Zwe­cken dienende Einfuhr gewisser Artikel veranlaßt wurde. Organe, die entschieden den Septembervertrag bcsürwor teten, nehmen jetzt Partei gegen denselben und die Un­zufriedenheit im Lande wächst, wie auch Seitens der Regierung auffallender Weise noch keine Vorbereitungen zur Einführung des Vertrages getroffen werden.

DieAnsprache" leidet überhaupt an dem Fehler, daß sie nicht auf Grund der neuesten Thatsachen ge« schrieben ist und den jetzigen Stand der Zollfrage nicht kennen will. Die jetzt in Berlin stattfindenden Unter­handlungen geben beinahe der ganzen ersten Hälfte der Schrift nur noch einen zweifelhaften historischen Werth und überheben uns der Pflicht, in eine Kritik ihrer specifischen Anschauungsweise einzugehe», während das voraussichtlich günstige Resultat der Unterhandlungen die Vorschläge, Voraussetznngcn und Ansichten des Ano­nymus ganz über den Haufen werfen wird. Von In­teresse ist nur, daß der Verfasser der Ansprache die Competenz des Bundes zur Entscheidung der handels­politischen Frage geradezu längnct; daß er eine enge handelspolitische Verbindung der Coalition mit Frank­reich (?) für unmöglich hält; sehr wahr ist ferner, was er über Preußens neuere Politik und seine aus­wärtige Stellung sagt. Wir werden diese drei Punkte in einem zweiten Artikel besprechen und dann noch des ausgestellten Systems der handelspolitischen Noth­wendigkeiten, Thatsachen und Möglichkei­ten erwähnen, schließlich aber, was die Hauptsache ist, die (hoffentlich)unmaßgeblichen" Rathschläge des Ano« nymus mittheilcu.

Die letzte kaiserliche Rede

* Die Rede, in welcher Louis Napoleon den Staats- körpern seine bevorstehende Heirath aii geigte, ist die erste, in welcher die gewohnte Mäßigung und Beson­nenheit vermißt wird, die den übrigen Michten, wenn auch nicht Anlaß zu gegründeten Besorgnissen gibt, je­denfalls aber zu ernsten Erwägungen über die Haltung auffordern wird, welche dem französischen Kaisertbum und man kann mit vollem Recht sagen, dem neuen Kaiser gegenüber zu beobachten sein dürfte. Die Rede ist eine Umschreibung einer Aeußerung , welche der Kaiser bei Mittheilung seines Projektes in dem engeren Cirkel seiner vertrauten Anhänger gethan haben soll. Die Fürsten sollen sehen, daß ich ihrer nicht bedarf". Während es die bis jetzt geübte Politik war, durch ehe­liche Verbindungen freundschaftliche Beziehungen zu an­deren Höfen und diesen nahestehenden Fürstenhäusern herzustellen, während es für den hohen Beruf der her­vorragenden Stellung eines Fürsten zu gelten schien, daß er eine Verbindung schließe, deren Glanz seinen Einfluß vermehrt, möglicherweise der Nation Vortheile verschafft, jedenfalls aber ihrem Stolz eine gerechtfer­tigte Befriedigung gibt, hat Louis Napoleon dem Her­kommen, seinen ehrgeizigen Bestrebungen entgegen, eine Wahl getroffen, durch welche er sich den übrigen Herr­schern isolirt gegenüberiteüt, und die Napoieonidcn für immer von ihnen sondert. Es war unnöthig, dessen in der Rede ausdrücklich zn erwähnen; in der einfachen Thatsache der Heirath selbst ist das Princip ausgespro­chen, daß das neue französische Kaisertbum, anstatt sich den bestehenden Monarchien zu ajfimiliren, sich diesen als neu entstandene gcgenübcrstellt, das Recht von vor­gestern dem Recht von ehedem entgegensetzt und anstatt auf seinen Ursprung, der in der Revolution wurzelt, zu seiner eigenen Kräftigung und Befestigung vergessen zu machen, entschlossen ist, stets auf seine eigenthümliche Entstehungsart, auf seinen eigenthümlichen Charakter hin- zuweisen. Wie das Kaiserthum als Product der allge­meinen Volkswahl ein Angriff auf das dynastische Erb- lichkeitsprincip ist, so ist tue Vermählung mit der Gräfin v. Montijo ein Angriff auf daS Ebcnbnrtigkeitsprincip. Die bisher durch alle Phase» der letzten Zeit beibe- haltene Politik ist somit aufgegeben. Den traditionellen Monarchien steht von nun andie aus dem allgemei­nen Stimmrecht hervorgegangene Sonveränetät" gegen­über, ein Princip , welches die Welt seit 1791 er­schüttert hat. Steht die Rede von Bordeaux noch mit der vom 22 Januar in Einklang? Die, welche vor einigen Monaten zu Europa sagte:Das Kaiserreich ist der Friede!" und die, worin im Namen Frankreichs dem monarchischen Europa zugerufen wird:Das Kaiserreich ist ein neues Princip : cs ist der Bruch mit allen Traditionen der alten Politik!

Louis Napoleon hat in seiner Rede dieß durch das WortParvenu" mehr als nöthig betont. *) Nach der Times läßt sich nichts Taktvolleres und Ver-

*) Dcc französische Tert der Rcee gibt in einem Wortspiel die Erklärung des Wortes Parvenu. Es heißt dort: Cest bien plutdt en sc souvenant toujours de son origine, cn conservaot son caraetfire propre et en prenant franchement vis-a-vis de l'Europe la position de p ar venu, titre glo- rieux lorsqu'on parvient par le libre suffrage N un grand peuple.