Nassauische Allgemeine Zeitung.
Jr 19.
Samstag 6t« 22. Januar
1853.
Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang des Zburn* und TariS'fchen Verwaltungsbezirks mit Znbigriff des Postaufschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deutschebsterreichischen PostdereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 fr. — Inserate werden die Einspaltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Die nassnnische Eisenindustrie.
* Uebereinstimmend mit der Ansicht, welche einer iuv sercr intelligentesten Hüttenbesitzer in der handelspolitischen Beilage der Frankfurter Postzeitung ausgesprochen hat, läßt sich als das hauptsächlichste Erforderniß zur Erhaltung und Hebung unserer einst so blühenden Eisenindustrie die Beischaffung der Verkehrsmittel bezeichnen. Wenn die Aufsätze in der handelspolitischen Beilage den Grund oder die Besorgnisse eines nahen Versallcs derselben hauptsächlich in der Eoncurrenz des Niederrheins fanden, so kommt dieß wohl auf Eins hinaus; denn diese Gegenden sind eben im Besitz der größeren Wasserstraße, der Eisenbahnen, oder haben in ihre Nähe die so nöthig gewordene Steinkohle. Die bequeme Thalfahrt der Lahn bringt ihnen leicht das treffliche Eisenerz, während die mühsame Bergfahrt dieses Flusses die Herbeiführung der nöthigen Menge von Steinkohlen nicht möglich macht, so daß hier nur durch eine Eisenbahn geholfen werden kann. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte cs als gleichgültig erscheinen, ob auf der rechten Seite des Mittelrheins die mehr als tausendjährige Eisenindustrie noch ferner in ihrer alten Heimath bestehe, oder ob sie an den Niederrhein auswandere, wo die preußische Negierung ihr durch Prämie» für Errichtung neuer Hochöfen, durch wohlfeilere Coaks in Folge eines gewissen Procentnach- lasscs, durch sorgfältige Pflege der größeren und kleineren Straßen u. s. w. nachhilft. Wir wollen kein zu großes Gewicht darauf legen, unmittelbar hinter den beiden Schlüsseln Deutschlands, den Festungen Ehren- breitstein-Koblenz und Mainz eine großartige Eisenwerkhütte zu besitzen, ans deren Hüttenwerken in den letzten großen Kriegen hunderttausende von Kanonenkugel her- vorgegangcu sind, und wo so manches andere Kriegsmaterial schnell bereitet werden kann, sondern cs ist gewiß überhaupt im Interesse des Gesammtvaterlandes, daß eine blühende Industrie in einem so wichtigen Gebiete Deutschlands nicht gänzlich in dieser Hinsicht veröde.
Es liegt daher nicht blos im nassauischen, sondern im allgemeinen deutschen Interesse, daß die nassauische Regierung ihre wankende Eisen-Industrie durch dieselben Mittel stützt, welche auch anderivärts angewendet werden. In erster Linie steht hierbei immer die Concession einer L a h n e i s c n b a h n, welche auch ihrer strategischen Wichtigkeit wegen, indem sie die nächste Verbindung zwischen Berlin-Erfurt und Ehrenbreitstein - Koblenz ist, immer mehr Freunde im preußischen Ministerum findet. Möchte die belgische Gesellschaft mit einem belgischen General an der Spitze eine recht solide Persönlichkeit sein und nach der nassauischen Vorconccssion für die WieSbaden-Westerwälder-Eisenbahn recht bald auch die preußische Concession für die Westerwälder-Kölner Strecke erhalten! Dann würde es auch aus manchen Gründen mit der dieselbe krcutzendeu Lahnbahn vorangehen.
Das zweite Mittel zur Hebung der Eisenindustrie ist auf negativem Wege zu suchen, in der Vermeidung nationalökonomischer Mißgriffe. Es ist ein anerkannter Satz, daß jene Concurrenz die bedenklichste und gefährlichste sei, welche man sich selbst bereitet. Die besondere Güte des nassauischen Eisens wäre allein im Stande, unserer Eisenbahufabrication die Concurrenz mit den meisten unter den günstigsten Verhältnissen producirenden ausländischen Etablissemeuts zu ermöglichen. Durch die von Jahr zu Jahr überhandnehmende Ausfuhr nassauischer Eisenerze werden unsere Producenten ihres hauptsächlichsten Vortheiles beraubt und wird nassauisches Eisen durch nassauisches Eisen nach und nach vom Markte verdrängt. Der augenblickliche, wenn gleich flutete Gewinn, der vielleicht so manchen Privatgrnben- besitzer zu einem unregelmäßigen Abbau verleitet, kann die Nachtheile nicht aufwiegcn, welche aus einem solchen Vorgehen für die Zukunft drohen. In der Eisenindustrie findet eine bestimmte Menge von Arbeitskräften ihre Verwendung, mit der Abnahme der Eisenindustrie werden diese entbehrlich; die überflüssigen Kräfte sind gezwungen , sich auf andere Bcschâstigungen zu werfen, dvs Angebot der Arbeitskraft siebt mit der Nachfrage in einem Mißverhältniß, die Möglichkeit des Erwerbes wird geschmälert, der Arbeitslohn sinkt und die Nah- rungslosigkeit steigt. Vor zwei Jahren, wo die nassauische Eisenfabrication schon sehr gedrückt war, betrug die Ausfuhr des Eisenerzes nur einige tausend Centncr mehr als die Menge desjenigen Erzes, welches im Lande selbst verhüttet wurde, und der jährliche Arbeitslohn für die Eiscnfabrication erreichte fast noch eine Million Gulden; seitdem ist aber die Ausfuhr des unvcrarbei teten Erzes sehr gestiegen, die Fabrication des Rohei
sens nimmt immer mehr ab, und in Folge dessen ist gewiß auch der jährliche reine Arbeitslohn sehr gesunken, obgleich noch keine genauen amtlichen Berichte hierüber vorliegen.
Da Nassau immer weniger im Roheisen mit dem Niederrbcin concurriren kann, hat es sich stets entschiedener auf dieGußwaaren geworfen, indem hierbei zu der Güte seines Eisens der Trefflichkeit der Holzkohle kommt, über welche es bei seinen reichen Wäldern noch einigermaßen gebieten kann, besonders wenn die Forstverwaltung überall recht in rationeller Weise verfährt. Hierbei muß aber deö Uebelstandes gedacht werden, daß auf den großen deutschen Märkten meist mehr auf die Wohlfeilheit der Waare als auf deren Güte gesehen wird, so daß die ans schlechterem Erz und bei Steinkohlen verfertigten und Darum viel spröderen und vergänglicheren Eiseuerzeugnisse den Sieg über die trefflichen Eiscnfabricate des Lahnthals überall da gewinnen, wo man dieselben nicht noch aus alter Kenntniß und gerechtfertigter Anhänglichkeit vorzieht. Bei dem leichtfüßigen Leben der Gegenwart wird gegen diese Richtung der Zeit schwer anzukämpfen sein. Die nassauische Eisenindustrie verdient jegliche Unterstützung der deutschen Haudelswelt, weil sie eben Erzeugnisse liefert, welche überhaupt dem deutschen Gewerbefleiß zur Ehre gereichen.
Es ist daher erfreulich, wahrzunehmen, daß dieselbe auch in weiteren Kreisen Beachtung und Unterstützung findet. Das Bremer Handelsblatt, welches bisher der nassaui- seben Industrie stets eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, bringt in seinen letzten Nummern von der Lahn schätzenswerthe Mittheilungen über den Stand und die Aussichten der nassauischen Eisenindustrie, der wir insbesondere interessante Aufschlüsse über Die jetzige Richtung der nassauischen Eisenindustrie verdanken. Nach diesen hat sich die nassauische Eisen-Fabrication nun des ganzen Gebietes Der Tcctonik bemächtigt, sowohl der Baukunst im Großen, als Der Technik Der Geräthe und Gesäße, welche man auch wohl die untergeordnete Tectonik nennt. Was die eigentliche Archi- tectonik anlangt, so werden auf den nassauischen Hütten, z. B. auf Der Audenschmiede bei Weilburg, sehr geschmackvolle Häuser gegossen, allerdings im Allgemeinen erst noch Gartenhäuser, Da die eisernen Gebäude in Deutschland noch nicht im Gebrauch sind. Dagegen kommen aber einzelne Theile des Hauses immer mehr aus Eisen in Aufnahme; wie besonders in Frankfurt und dessen Umgegend Säulen und Psosten, welche viel zu tragen haben. Dieselben werden hohl oder auch massiv gegossen. Es wird hierdurch ein zierlicher, gar geschmackvoller Häuserbau ermöglicht. Einen schon weiten Markt haben sich die durchbrochenen Treppen mit sinnreichen Verzierungen ans Der Pflanzenwelt erworben. Die eisernen Balköne werden immer mehr Mode. In manchen Städten am Mittelrhein werden jetzt alle neuen Häuser, welche nur einigermaßen Ansprüche machen wollen, mit einem Balköne versehen, so besonders in Der reizenden Gartenstadt um Frankfurt und in Der Badestadt Homburg, deren meisten Balköne wohl aus den Hüttenwerken Der Buderus hervorgegangen sind.
Bei diesen beiden letzteren Gegenständen, den Treppen und Balkönen, möchte Die Festigkeit des nassauischen Holzkohleneisens wohl am ersten allgemeine Anerkennung finden und so leicht keine fremde begründete Con- currenz zu fürchten haben. Eiserne Fensterrahmen mit Fenstervorsätzen für Blumen haben so manche Vorzüge vor den hölzernen, zumal da die Ausdehnung und Zusammenziehung durch Wärme und Kälte so unbedeutend ist, daß sie sich für das Glas als unbedeutend herausgestellt hat. Die langen eisernen Durchlässe für Wasser und alle Arten von Unreinlichkeiten, welche sich leicht durch alle Theile des Hauses verzweigen lassen, sind von unfern Architecten noch lange nicht genug an gewendet. Auch für Schornsteine empfehlen sich Die eisernen Röhren , so wie zur Dachbebeckung Die eisernen Ziegel mit Mineraltheer aus Steinkohlen. Wie für das Haus selbst hat das Eiseu nun auch für das Gc- râthe desselben eine neue Bedeutung gewonnen. ES werden Möbel aller Art gegossen, Tische und Stühle, mit deren Zierlichkeit nichts anders wetteifern kann, und welche sich, mit Mineraltheer angestrichen, natürlich besonders für den Garten eignen, aber auch den Räumen des Hauses selbst zum Schmuck gereichen. Unter den Möbeln empfehlen sich vorzüglich noch Die eisernen Betten, weil sie wenig Raum cinnehmeu, leicht zu tranSportiren sind rc. Aus diesen und anderen Gründen müssen sie hauptsächlich Kasernen und Hospitälern empfohlen werden. Aus der zweckmäßigsten und ge
schmackvollsten Construction der Küchenheerde, der Oefen und Der ist neuerer Zeit so beliebt gewordenen Kochöfen, welche Den Küchenheerd mit dem Stubenofen verbinden, hat Die nassauische Eisenindustrie seit Jahrhunderten ein rechtes Lieblingsstudiium gemacht und besitzt noch immer einen schönen Markt für'dieselben, obgleich von anderer Seite wohlfeilere, aber auch sprödere Fa- bricate auf Die Märkte geworfen werden.
In Den feineren Kunstsachen sind Die größeren Städte neuerdings gefährliche Loncurrenten für unsere Hütten geworden. Die nassauische Eisenindustrie ist daher mehr auf Die allgemein nothwendigen , größeren und im engeren Sinn nützlichen Hausgeräthe angewiesen, unter denen Die Heerde und Oefen eine so große Rolle spielen. Wer sich eine eigene Anschauung davon verschaffen will, wie Die nassauische Eisenindustrie bei den Oefen das Zweckmäßige mit dem Schönen zu verschmelzen trachtet, der lasse sich von Der Firma Buderus die reiche Auswahl ihrer lithographirten Ofenformen kommen. Auch die Hüttenwerke Der Herren Lossen, Obernheimer, Gry- sar 20. leisten sehr Erfreuliches. Die Herren Buderus haben darin einen Vorsprung, daß sie fünf Haupthütten in Hessen und Nassau besitzen und auf denselben eine Theilung Der verschiedenen Fabricationszweige können eintreten lassen, was auch in neuer Zeit mit vollem Bewußtsein der Wichtigkeit dieses Verfahrens immer mehr geschieht. Auch ist der Ruhm der nassauischen Eisenindustrie bei Weitem am längsten mit diesem Namen verknüpft. (Schluß folgt)
Deutschland.
U Eltville, 20. Jan. Der Thätigkeit des hiesigen Landjägers Zimmermann ist es gelungen, dem Treiben eines Jndustrieritters eigener Art auf Die Spur zu kommen, welche das Gericht nunmehr verfolgen und den verübten Betrug im öffentlichen Interesse gebührend bestrafen wird. Im Monat November v. I. wurden dahier und in der Umgegend, meist an unbemittelte Leute s. g. Actien zur Hebung der Industrie in Deutschland gegen den Betrag von 35 Kreuzer vertheilt und jedem Abnehmer bei der auf den 12. Dec. v. I. festgesetzten Verloosung ein Gewinn zugesichert. DaS Geschäft scheint einen guten Erfolg in Aussicht gestellt zu haben, da, wie eine uns vorliegende Actie beweist, dieselben auf Die bedeutende Anzahl von über 11,200 gestiegen sind; dieses und der Umstand, daß Jedem ein Gewinn zugesichert wurde, machte Die Sache um so lockender und anziehender; bis jetzt ist jedoch ein Resultat der Verloosung nicht bekannt geworden und die Theilnehmer sehen daher ein, daß Die geprellt sind. — Die Acnen sind ausgestellt zu S ch l e i z im November 1852 mit der Unterschrift „die Dircction Der Industrie-Anstalt für Deutschland." — Es ist dies eine ganz neue, bisher nicht gekannte Anstalt, welche wahrscheinlich ihr Treiben Dem Lichte der Oefscntlichkeit entzieht und unter diesem verkappten Namen andere Tendenzen verfolgt, was umsomehr |Cer Umstand beweist, da ihr Agent ein Democrat vom reinsten Wasser sein soll, Dem zur Verbreitung jener Actien sowohl Die obrigkeitliche Erlaubniß, als jede andere Legitimation fehlt.
■^ Ufingen, 18. Januar. Unter vorstehendem Datum wird uns mitgetheilt, daß eine Verloosung Ansbacher Wollwaarcn im Werthe von 2000 fl. im Werke ses, um den Ansbacher Webern, Die bei Dem herrschenden gelinden Winter wenig Bestellungen auf ihre Ma- facturen erhalten, eine zweckmäßige und nothwendige Unterstützung zukommen zu lassen. Es wird der Wunsch geäußert, daß Der Gewerbeverein sich dieser Angelegenheit annehmen möge. Wir hegen die Ueberzeugung, daß dieser Verein ebensowenig als irgend Jemand im Herzogtum sich der Förderung dieses guten Zweckes entziehen wird.
H Dillenburg, 18. Januar. Am verflossenen Sonntag wurde von der Kanzel die Entscheidung der Oberkirchenbehörde, den Austritt Der zum Baptismus übergegangenen hiesigen Einwohner betreffend, verkündigt. Sie lautet kurz folgendermaßen. Die Oberkir« chènbchörde hält cs für unnöthig, eine Widerlegung der in Der AuStritts-Anzeige angeführten Beweggründe zu geben, Da Die Ausgetretenen keine Mitglieder der evangelischen Landeskirche mehr sind; auch wird man sie so lange ungestört ihren angenommenen Glauben ausüben lassen, als sie den Frieden und Die Ruhe Der übrigen Kirchengemeinden wahren werden. Sollten sie jedoch auf irgend eine Weise beides zu untergraben und zu stören suchen, so wird man ungesäumt die strengsten Maßregeln zu treffen wissen.
Als Beweggründe ihres Austrittes hatten sie, wie