Einzelbild herunterladen
 

Nassauische Allgemeine Zeitung.

2V*; //. Donnerstag den 13. Januar 185®.

DieNassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Taiis'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 ft, für die übrigen Länder des deutsch-Ssterrcichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 21 kr. Inserate werden die vierspaltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegegen Postämtern, zu machen.

England und Frankreich

DieTimes" erblickt in demselben Streich, der gegen dieFreiheiten" Frankreichs geführt wurde d. h. in dem Erfolge des 2. Dec. 1851 einen Streich gegen die Sicherheit Englands.

DerLloyd" findet dieß natürlich. Eine starke Re- gierung in Frankreich, sagt dieses Blatt, ist, was die Coutinentalstaaten wünschen müssen ; seine schwache Re- gierung in Frankreich wünscht England. Die Lava, welche aus dem Pariser Krater strömte, hat noch nicht die Macht gehabt, sich über den Canal einen Weg zu bahnen, wie über den Rhein. Der englische Nadicalis- Mus hat noch einen nationalen, insularischen Eharacter und sein Eutwicklungsproceß steht mit dem deS französi­schen Radicalismus in einem sehr entfernten Verhältniß. England fürchtet daher in Frankreich nur den Staat, nicht die Parteien. Es hat die Parteien sogar darum gern, weil sie dem Staate seine Furchtbarkeit benehmen. Nur ein Frankreich ohne Parteien, nur ein Frankreich mit einer furchtlosen Regierung, vermag England furcht­bar zu werden. Zur Zeit der tiefsten Erniedrigung Englands, unter der Regierung der letzten Stuarts, war der französische Botschafter die wichtigste politische Person in London. Er hielt bis zum König hinauf Alle in seinem Sold, und gab den wichtigsten Factor ab in bet Bestimmung der politischen Geschicke des Landes. Auch Frankreich hat eine Periode, wenn auch lange nicht so tiefer Erniedrigung, gehabt, als in Paris die Fäden der geheimsten Intriguen in dem Botschaftshotel des Marquis Normanby zusammenliefen, in derselben Art, wie sie in Athen in .ber Wohnung deö Sir E. Lyons, in Madrid in der Behausung des Herrn Bulwer gesponnen wurden. Der letztere wurde allerdings mit Schimpf und Schande aus dem Laude hinansgejagt, wo er seinen amtlichen Eharacter mißbrauchte. Frank­reich war aber durch seine Factionen zu geschwächt, um sich gegen die Intriguen Englands in eben so resoluter Weise zur Wehre zu setzen. DieFreiheiten" Frank­reichs waren für England ein so festes Bollwerk, daß man fast auf kein anderes dachte; die namhaftesten der französischen Parteihäupter dienten ohne Sold als so gute Trabanten für England, daß man dort sich nicht anschickte, andere Soldaten um schweren Lohn anzu­stelle». Wohl mag dieTimes" jetzt darüber jammern, daß derselbe Schlag, welcher dieFreiheiten" Frank­reichs traf, auch die Sicherheit Englands bedrohe. Jetzt herrscht kein Marquis Normanby mehr sin Paris, jetzt vermag kein englischer Botschafter länger mit den Waf­fen gegen die Regierung zu kämpfen, welche die Häup­ter der Opposition ihm freiwillig darleihen. Die Zeit ist vorüber, wo Franzosen genügten um Englands Sicherheit" zu garantiren. Es ist an den Ufern der Themse mit Recht ein Gegenstand der Klage, daß theure Engländer jetzt geworben werden müssen, um dieselben Dienste zu leisten, welche früher Nichts kostende Fran­zosen so viel besser verrichteten. Wie ist am Ende eine englische Miliz eine unsichere Schutzwehr im Vergleich mit einer französischen Opposition: Wie waren die Freiheiten" Frankreichs als sie noch existirten, köstliche Bollwerke für England im Vergleich mit den alten, viel kostendenhölzernen Wällen" von Portsmouth Hub Plymouth, die jetzt in den Stand gesetzt werden? Die Sympathien derTimes" für die selig entschlafenen Freiheiten" Frankreichs fließen in der That aus einem aufrichtigen Herzen! Sie sparten England viel Geld und viele schwere Besorgnisse, dieseFreiheiten,"

Ein großer Theil der englischen Presse macht kein Hehl ihrer Feindschaft gegen die jetzige Regierung in Frankreich. Die französische Presse ist nicht so energisch in den Ausdrücken ihrer Abneigung gegen England, aber die Presse beider Länder repräsentirt nicht getreulich die Stimmung der beiden Nationen. Im französischen VolkSbcwnßtsein liegt der Haß gegen England weit tie­fer und fester gewurzelt, wie im englischen die Abnei­gung gegen Frankreich. Es ist wahr, daß ein französi­scher Botschafter, der als natürlicher Sohn des Kaisers Napoleon gilt, den Leichenzug des Herzogs von Wel­lington begleitete, wahr, daß ein englischer Botschafter, der ein Neffe jenes verstorbenen Herzogs ist, in heißer Hast sich beeilte, im Namen seiner Regierung den Kai­ser Napoleon den Dritten ohne Rückhalt und Vorbe­halt anerkennen. Aber hinter der Freundlichkeit liegt auf der einen Seite die Besorgniß, auf der andern die Wachsamkeit. Der Adler und der Leopard liegen doch nie ans freiem Herzenstrieb beisammen. Frankreich hat einen Vortheil jedenfalls voraus: cs kann seine Gcle- genheit abwarten und wählen, braucht nicht zu fürch­

ten, selbst durch einen Angriff überrascht zu werden. Während dem cs sich friedlich und ruhig verhält, hat das Geschick der demokratischen Partei in den Vereinig­ten Staaten das Ruder in die Hand gegeben. Vom 4. März d. I. ist Franklin Pierce Präsident der Union. Es ist möglich, daß die demokratische Partei eine Poli­tik befolgt, wie noch nie seit dem Bestand der Union, es ist aber viel wahrscheinlicher, daß sie nicht den al­ten, gut gebahnten Weg derAnncxation" verlassen wird. Was sie auch thue, England wird sich Alles ge­fallen lassen müssen, wenn Frankreich ihm nicht bei­steht. Und wie wird Frankreich, so lange ein Napo- leonide es regirt, sich mit England gegen die Union verbünden. Denn der Wachsthum der Macht der Union ist ja gleichbedeutend mit dem Verfall der Macht Englands.

Deutschland.

Bz. Wallmerod, 10. Jan. Bei der heute statt- gehabten Wahl der Mitglieder zum Kreisbezirksrathe aus dem Justizamte Wallmerod fanden sich 69 Wahl- mäuuer ein. Im ersten Wahlacte wurde Se. Excellenz Herr Graf von W a l d e r d o r f f mit 68 Stimmen ge­wählt. Im zweiten und dritten Scrutinium erhielten die Herren KaSpar Wolf von Meudt mit 35 und Christian Speier von Nentershausen mit 43 Stim­men die Majorität. Die beiden Ersteren waren bisher Mitglieder des Kreisbezirksrathes und bekundeten die Wähler durch diese abermalige Wahl einen richtigen Tact. Christ. Speier von Nentershausen, weniger be­kannt, soll ebenwohl ein achtungswürdiger und besonne­ner Mann sein.

Herr Pfarrer D i l l m a n n von Möllingen, dem schon vor dem Wahlacte das Vorhaben, ihn zu wählen, vorgetragen wurde, dankte für das geäußerte Vertrauen und erklärte später im Wahllocale, da sich eine bedeu­tende Anzahl Stimmen auf ihn vereinigten, daß er die etwa auf ihn fallende Wahl wegen Gesundheitsrücksich­ten und zu weiter Entfernung vom Kreisamtssitze nicht annehmen könne. Ohne diese Erklärung wäre er sicher­lich gewählt worden und hätte sich das Kreisamt dazu nur Glück wünschen können, da Liebe zu seinen Mitbür­gern, ausgebreitete Kenntnisse und unermüdliche Thätig­keit ihn ganz besonders zu einem Kreivbezirksrathe be­fähigt hätten.

Frankfurt, 9. Jan. Ein Frankfurter Corr, der Köln. Ztg. läßt sich also vernehmen: Es ist mehr als die höchste Ucbcrraschnng, es ist Bestürzung, welche die telegraphische Depesche ans Wien hervorrief, wonach Hr. v. Prokesch-Osten durch kaiserliches Decret v. 2. b. M. zum Bundespräfidialgesandten ernannt ist Sowohl die Freunde Oesterreichs, als seine Gegner müssen, wenn sie sich bewahrheitet, daraus erkennen, baß die von Oesterreich demonstrativ angebahnte Entente cordiale entweder absichtliche Täuschung (!) war oder einer plötzlichen neuen gereiztheit in Wien gewichen ist. We­nigstens erkennt man deutlich, daß jene Stimmen nicht Unrecht hatten, welche im Angesichte des kaiserlichen Besuches zu Potsdam, so wie der Absendung deS Herrn v. Bruck nachdrücklich darauf hiuwiesen, daß man sich nicht in falsche Sicherheit wiegen lassen dürfe. Obgleich nun keineswegs unbekannt ist, daß preußischerseits glück­licher Weise (!) den Anforderungen nicht entsprochen wird, welche von Oesterreich als Vorbedingungen des abzuschließenden Handelsvertrages ausgestellt wurden, so kann man doch andererseits kaum glauben, daß die österreichische Gereiztheit darüber so groß sein könne, um durch die Ernennung deS Herrn von Prokesch zum Dundespräsidialgesaudtcu ganz dieselben österreichisch- preußischen Situationen wieder zu erneuern, welche bis zu seinem Abgänge vom Berliner Hofe herrschend wa­ren, herrschend zum Schaden der inneren Angelegen­heiten Deutschlands, herrschend zur Freude derjenigen, denen die Uneinigkeit beider Großmächte für ihre Plane in Deutschland förderlich schien. Denn natürlich müßte Preußen dieser Demonstration energisch antworten und eine eben so prägnante Persönlichkeit, z. B. den Herrn Grafen von Bernstorff, im Bundestage gegenüber stellen. Oder cs könnte dessen Präsidium nur als gewisser Ma­ßen transitorisch auffassen und eine indifferentere Wahl für den Moment treffen, etwa Herrn v. Sydow, welcher so eben in Berlin anwesend ist. Wir versprechen uns nur den besten Erfolg von der Thätigkeit des neuen Bundespräfidialgesandten und halten dafür, daß seine Ernennung für den Gang der Verhandlungen in Ler- ün eine recht heilsame Wirkung üben wird.

Die Nachricht, daß der Herzog von Augustenburg für seine schlcswigschen Güter von der Krone Däne­

mark 3 Mill. Thlr. in Obligationen und 350,000 Thlr' baar bekomme- ist nicht richtig. Die dänische Regierung zahlt nach der F. P. - Z. an Kaufgeld für die Güter nicht 3 Mill., sondern nur 2,250,000 Thlr. preußisch unb statt der bisher zurückgehaltenen Revenüen baar eine Aversionalsumme von 150,000 Thlr. preußisch und was die Güter von Mai bis Juni eingetragen haben, wogegen sie von jeder Rechnungsablage wahrend der Zeit ihrer Administration befreit wird. Für die Kauf­summe werden 4procentige transportable binnen 13 Jahren zahlbare Obligationen ausgestellt.

Vom Neckar, 9. Jan. Wie vor einigen Jah­ren für die niederen Diener der großh. Posten und Eisenbahnen, ist nun auch ein Unterstützungsvercin für die Bahnwärter gebildet worden. Es sind diesem Ver­eine sämmtliche Bahnmeister und Bahnwärter auf den großhcrzogl. StaatSeiseubahucn und die badischen der Main-Neckarbahn beigetreten. Der Verein tritt mit 426 Mitgliedern ins fieber Der Zweck desselben ist gegenseitige Unterstützung bei Sterbe - und Unglücks- sällen.

Wiesloch. Bekanntlich gehört das hiesige Gal- meybfrgwerk zwei Eigenthümern an, den Gebrüdern Reinhardt in Mannheim unb dem Bankier Reinach in Frankfurt. Der letztere hat nun sein Besitzthum am 29. v. M. an die bekannte belgische Gesellschaft für den Abbau und die Verhüttung von Zinklagern in Alten­berg (vioille montagne) um eine so beträchtliche Summe abgegeben, daß man hieraus sieht, welch großen Werth das hiesige Galmeylager im Ganzen hat. Die gedachte Gesellschaft hat auch den Gebrüdern Rheinhardt ein ungleich noch schöneres Offert gemacht, so daß dann das Ganze in Eine Hand käme. Diese wollen jedoch ihr Glück im Selostbetricb ihres Bergwerks suchen, wozu sie in Mannheim ein großartiges Schmelzwerk erbaut haben. Wir sehen also künftig hier belgischen und ba­dischen Bergbau mit gegenseitiger Concurrenz in Zugut- machung der Ausbeute. Mit Befriedigung würden wir wahrnehmen, wenn die badischen Unternehmer den Wett­kampf mit den belgischen siegreich bestehen.

Münchelt, 10. Januar. Ihre Majestät die Königin Therese und Ihre Hoheit die Prinzessin Eduard sind jedoch nicht besorguißcrrcgend erkrankt.

Heute Nachmittag wurde die Anklage den Reichs­rath Fürsten v. Wredewegen Vergehens der Kör­perverletzung mit Waffen" (in dem vielbesprochenen Duell mit dem Abg. Frhr. v. Lerchenfeld vom 3. Juni 1851) in contumaciam verhandelt und der Angeklagte zu 6 Monat Festungsarrest verurtheilt.

Kassel, 7. Januar. Die Unterhandlung mit der Staatsregierung wegen Ersatz der Herstellung^ und Verwaltungs - Kosten der gemeinschaftlichen Eisenbahn­strecke von hier bis ©unterlaufen (1,500,000 fl.) ist dahin zu Abschluß gebracht, daß die Staats-Regierung sich für den auf den Friedrich-Wilhelms-Nordbahn-Ge- sellschaft fallenden Kosten-Antheil von 1,105,000 Rthlr. mit der Einhändigung von einer Million Thalern in neu zu creirenden Prioritäts - Bahn - Actien begnügen wolle.

Köln, 10. Januar. Auch hier in Köln sollen auf einem vornehmen Balle nach französischer Mode mit Gold gepuderte Haare vorgekommen sein, und zwar in Kreisen, die am meisten Ursache hätten, der Fran- zosenthümelei entgegenzuwirken. Die Carncvalsgcscll- schaft macht sich hierüber, sowie über die halbnackten Trachten der Damen, was freilich weniger französisch ist, lustig; auch hat sie ihren Narrenmützen die Form von Bonaparteshüten gegeben. Wie cs heißt, wird die Wittwe Raveaux mit einem Flüchtlinge, der in Belgien als Lehrer lebt, in eine zweite Ehe treten.

'Hamburg, 9. Jan. Unter vorstehendem Datum wird der Frkftr. Post-Zeitung, der Köln. Ztg. entgegen, aus bester Quelle mitgetheilt, daß der Großherzog von Oldenburg dem Londoner Tractat über die dänische Erbfolge beigetreten sei. Der Beistimmungsacte ist ein ' das oldenburgische HauSintcresse währender Vorbehalt 1 beigefügt. Daß er aber sehr harmloser Natur sein muß, zeigt der Umstand, daß er sowohl am Kopenhagener als am Petersburger Hofe nicht ohne Freude ausge­nommen und stillschweigend gutgeheißen wurde. Hiermit fallen alle entgegenftebenben Behauptungen von selbst zusammen. Die dänische Erbfolgefrage ist erledigt und das Warschauer Protocoll und der Londoner Tractat dürften schwerlich durch gewisse Partei Ideen , so ach- tungswerth sie ihrer bessern Natur nach sein mögen, etwas an ihrer europäisch-internationalen und tiefer» zeitgeschichtlichen Bedeutung verlieren. In Beziehung