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Nassauische Allgemeine Zeitung.

â «. Donnerstag den 6. Januar y^

Bestellungen auf dieNass. Allg. Zeitung" für das erste Quartal 1853 wolle man in Wiesbaden bei der Expedition, auswärts bei der nächsten Postanstalt baldigst machen.

DirNaffamscbe -lllgtmeine 3eititnn" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, SonniaqS auligenomme», täglich und beträgt der Pränumerationspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den «an;en Umfang des durn» und Taris'scken BerwaltuugSbestrks mit Inbegriff deS Postaufschlags 2 ft, für die übrigen bänder deS deutsch-österreichsschen PostvereinS, wie für das Ausland 2 ft 24 fr. Inserate werden die veerspaltig Petitleile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, banggaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Hegel und Uofenkranz.

Moritz Carriere ist als Professor der Philoso­phie nach München berufen. Seine Berufung wird von vielen Seiten nicht gebilligt. DieAugöb. Postztg.", die einen Artikel gegen dieselbe brachte, wurde wie wir gemeldet haben, coufiscirt, obwohl die schärfste Stelle des Artikels von der Redaction gestrichen war. Es scheint nun, daß Moritz Carriere in dem nachstehenden Artikel der Augsb. Allg. Z." sein Glaubensbckenntuiß ablcgt. Er sagt:

Rosenkranz hat über die Reform der Hcgcl'schen Philosophie, die er im vorigen Jahr durch sein System der Wissenschaft begonnen, ein Sendschreiben an I. U. Wirth erlassen, um sich gegen eine Kritik desselben zu rechtfertigen. Von allgemeinem Interesse ist hier die Auffassung der Lehre seines Meisters gerade in dem Punkte, welcher für viele andere Denker die Veran- lassung ward über Hegel hinauözugehcu die Per­sönlichkeit des Absoluten. Ich stimme dem Ruudschauer der Krcuzzeituug vollkommen bei: die Frage nach dem lebendigen Gott ist das Grundproblem unserer Zeit, und von ihrer Lösung hängt die Stellung ab, dte wir uns zu allen Lebensverhältnissen geben. Daß aber diese Hegel'sche Philosophie noch immer eine große Herrschaft behaupte, dieser Ausspruch Wirths hätte Rosenkranz nicht so in Erstaunen setzen sollen.Ist es denn wirk­lich so?" fragt er.Der Stifter dieses Systems ist nun schon über zwei Dccennie» todt ; der Minister von Altenstcin, sein Mäccn, ist über ein Deccnnium todt; der imposanteste Gegner Hegels , Schelling, hat in Berlin seit länger als einem Deccnnium seine positive Philosophie offenbart; die Hegel'sche Schule hat sich nicht nur in Parteien zerspalten, sondern die Parteien haben sich in ganz isolirte Personen aufgelöst, die so wenig Zusammenhang unter einander besitzen, daß sie eher in einen Krieg aller gegen alle überzugehen drohen ; das journalistische Organ der ältern wie der jünger» Fraction ist längst zu Grabe getragen; die Herbart'sche Schule dagegen hat eine große Ausdehnung gewonnen, und beherrscht durch die Leipziger Journalistik die Ta- gespresse gegen die Hegel'sche Philosophie, unermüdlich sie der Unwisscnschaftlichkcit, des SpiuoziSmnö, der Zerstörung der Gesellschaft anzuklagen; die Anhänger Baaders und Kransc'ö ergehen sich in ähnlicher Pole­mik, die katholische Presse anathematisirt diese Philo­sophie als eine diabolisch antichristliche, und der Ultra- montaniömuS, wo er zu befehlen hat, setzt die Proses- forcn ab, die ihm des Hegelianismus verdächtig sind; endlich diejenigen sogar, die wie Sie (Wirth), wie Ulrici, wie Weiße, wie Fichte, wie Carriere, dem Hegel'sche» System so viel verdanken, werden und sind ihm noch schlimmere Gegner als ein Stauden- Maier und Spengler, ein Günther und Drobisch, ein Oischinger und Deutinger, ein Schaden und Hoffmann und doch soll dieses so verlassene und bedrängte System noch eine große Herrschaft behaupten?"

Viel Feind, viel Ehr'!" könnten wir auch hier antworten, und außerdem Rosenkranz darauf verweisen, wie die von ihm als schlimmste Gegner Bezeichneten stets hcrvorgehobcn haben, daß der Lehre Hegels ein Kern der Wahrheit, eine ächte Geistcsuahrung znge­sprochen werden muß. Aber wir unterscheiden zwischen Hegel und seinem System, zwischen dem, was in seinem Geist und Gemüth lag, und was das strengwissenschaft- liche Resultat seiner Doctrineu ist, zwischen dem', worin er der Mund seiner Zeit oder philosophische Herold des allgemeinen Bewußtseins war. und dem worin sich seine Besonderheit als solche geltend machte. Hegel erkannte den Zusammenhang aller Geistesgebicte, den ethischen Organismus deö Volks oder der Menschheit, wie er in Recht und Sitte, in Kunst und Wissenschaft, in Reli­gion und Verfassung sich aus dem Grund einer aUdurch- dringeuden Idee harmonisch darstellt; er verwies das Individuum auf den Strom der Geschichte, in welchem die Wahrheit sich fortwährend erarbeitet und nicht erst auf die isolirten Einfälle der Sprudelköpfe von gestern und heute gewartet hat; er lehrte die Vernunft in den Dingen erst suchen, ehe man die Dinge meistert; er lehrte Achtung vor der Objektivität, im Gesetz wie im Dogma, und verstand es, die Ehrfurcht vor dem Hi­storischen und dem Volk Heiligen, mit der Freiheit des Denkens innig zu verbinden. Aber gerade weil er auf die Macht des Ganzen, auf die Wesenheit der Gattung

Nachdruck legte, verkürzte er das Recht der Individua- lität und Subjektivität, und während er den Dualis­mus bekämpfte, löste sich ihm alles in Gedankenbestim­mungen auf. Von seinem System haben wir die Durch­führung eines Princips nach allen Lebenssphären ge­lernt, gelernt mit unreifen Vorurtheilen zu schweigen und in der Zucht einer logisch strengen Entwicklung anszuhalten; aber sein System selbst erscheint mir we­nigstens als unhaltbar, weil es ganz und gar mit sei­ner Methode steht und fällt, diese aber nur ein Abbild deS allgemeinen Flusses der jDingc ist, ohne im Wer­den das Werdende und Bleibende zu ergreifen, und auf der Fiction beruht, daß die Begriffe sich für sich ent- wickeln, bewegen, ineinander übergehen, während cs doch gar keine Begriffe gibt, ohne ein persönliches Selbstbewußtsein, daS sie hat oder bildet, und dessen Thätigkeit Hegel den Gedanken als solche» zuschreibt, wie wenn sie für sich bestehende Wesenheiten wären.

Wenn wir erkennen, daß zur Vollendung der Kunst die Malerei nicht ausrcicht, sondern die Innerlichkeit der Gefühle erst in der Musik ihren entsprechenden Aus­druck findet, so sagt Hegel, daß die Malerei in die Musik übergehe, was doch eben so wenig der Fall ist, als daß die Mechanik des Himmels sich in den Chemis­mus anfhebt, wenn der Naturphilosoph von der Be­trachtung der Sterne zu der unserer Erde kommt. Bei Hegel ist die Idee das wahre Sein, Natur und Geist nur ihre Erscheinungsweisen; uns ist der absolute Geist als ewiges Ich das Erste, nnd die Idee sein Gedanke; nicht die Idee legt sich in ihre Bestimmungen ausein­ander, sondern das schöpferische Selbstbewußtsein ent­wickelt dieselben aus ihr. Dies ist nicht blos eine ver­änderte Redeweise, wie Rosenkranz meint, sondern eS trifft den Kern der Sache: nicht der allgemeine Ge­danke, sondern die individuelle Wesenheit ist das erste und das wahre Sein. In Hegels System entläßt sich die absolute Idee zur Natur, und weiß von sich, indem der Mensch sie denkt, oder Gott hat kein anderes Be­wußtsein von sich, als in der Fülle der endlichen Gei­ster; aber diese stehen unter der Herrschaft der Idee, die in ihnen waltet und offenbar wird.

Hegel selbst war eine substantielle Natur, er würde die irreligiösen Konsequenzen seines Systems, wie sie Strauß, Ruge rc. zogen, verworfen haben und vielleicht zu einer Revision seiner Lehre durch sie veranlaßt wor­den sein, dafür zeugt die herzliche Freude und der warme Händedruck für Göschel, als dieser seine religiösen Ent­wickelungen und Deutungen der Ideen deö Meisters veröffentlichte. Es ist mir eine willkommene Thatsache, daß Rosenkranz die Persönlichkeit Gottes, als deö abso­luten Geistes, zum Endresultat seiner Reform der Hc- gcl'schtn Philosophie erhält, aber auch ich sehe mit Wirth eine Inkonsequenz darin, daß er dennoch inner­halb des genannten Systems zu stehen glaubt, denn cs ist damit überschritten, wie der SpinoziömuS durch He­gel selbst, wie Kant durch Fichte. Auf dem Standpunkt der abstrakten Jdcenlehre kann nicht beharrt werden, die Idee ist Gedanke eines Subjects; nur deö Men­schen, sagt Feuerbach, Gottes und dann des Menschen, sagen wir andern. Feuerbachs Lehre endet in einem dogmatisirenden Materialismus, der mit dein Geiste die Freiheit und Sittlichkeit längnet, unsere sucht Freiheit und Sittlichkeit wissenschaftlich zu begründen und sich mit der Religion in vollen Einklang zu setzen. Rosen­kranz spricht von dem pomphaften Lärm, mit dem neuer­dings der Theismus proclamirt werde; das ist aber in stiügerciftcn größern Werken schon lange ganz ruhig ge- sachen, und nur einigemal hat man dem größern Pu­blicum sagen müssen, daß es außer den Atheisten auch noch Philosophen gibt."

Für CarriereS Freunde war diese Erklärung über­flüssig, für seine Feinde ist sie nicht genug überzeugend. Theismus und positives Christenthum sind zwei verschie­dene Dinge.

politische Vedenken".

Von dem Verfasser derbrennenden Fragen", wie man behauptet einem der höchsten österreichischen Bc- amlen und Staatsmänner (Graf Hartig), ist ein klei­nes Schriftchen: derneue Kaiser der Franzosen" er­schienen, das seine Tendenz auf dem Titelblatte als politische Bedenken" aukündigt nnd mit den Worten schließt:DaS Kaiserreich ist der Friede! Möglich!

Oder sollen wir vielleicht sagen: Das Kaiserreich! Ist der Friede möglich?" Ueber die Bedeutung dieses Frage­zeichens soll uns die Broschüre belehre»,' und sie gibt uns eine Fülle so feiner Beobachtungen, daß wir unbe­dingt diese Schrift unter die besten zählen, die im Laufe des Jahres bei uns erschienen sind. Der Verfasser sucht zuerst die Spuren einer bonapartistischen Partei vor der letzten Revolution. Er findet sie bei einzelnen Offizie­ren , die als verzagte Verräther bei den Versuchen zu Straßburg und Boulogne sich nicht eher compromittireu wollten, bis der Handstreich nicht halb geglückt war. Er findet sie in den leeren Plätzen solcher Pairs, die Napoleon ihr Wappen verdankten, als der'chste Ge­richtshof über das Attentat von Boulogne ein Urtheil fällen sollte; er findet sie in dem unwillkürlichen Ge- wehrpräseutireu der Wachen, alö der Angeklagte Bona­parte zu seinen Richtern geführt wurde. Mehr als al­les klebrige hat aber den bonapartistischen Namen im Volke der Leichenconduct von St. Helena wieder auf­gefrischt; ferner die Kaisergeschichte des übelbelohnten Thiers, die Anerkennung der Legitimität des früheren napoleonischen Regimentes von Seiten eines Ministers Louis Philipps. Dann betrachtet der Verfasser die ver­schiedenen Metamorphosen des verbannten Bonaparte, den Militärverschwörer, der in Straßburg und Bou- logne dem Zauber kaiserlicher Embleme falsch vertraut, den Broschüreuschrciber in Ham, der in der Einsamkeit das große politische Geheimniß erlauscht, daß er sich an die Massen wenden, daß er diesen durch demokratisch- socialistische Versuche sich bekannt machen muß. Ueber- all hat der Mann Ein Ziel vor Augen: sein ihni zu- gefaUcues Erbtheil zu erwerben, sich selbst in Scene zu setzen, seinen Namen in den Gemüthern der Franzosen anfzufrischen. Vergebens, daß wir aus seinen Schriften bis zu de» eigenen Herzensgedanken des Undurchdring­lichen vorzudringen suchen. Er entschlüpft uns proteuö- ähnlich, Imperialist und Socialist, überall, weil er die veränderten Umstände benutzt, um sich immer neu den wechselnden Launen der Franzosen zu zeigen. Er schreibt den Brief an Edgar Ney gegen die päpstliche Restau­ration und beruft später Oudinot wieder ab. Er ver- braucht so rasch Personen und Talente, als die Pariser eine neue Facon ihrer Hüte wechseln. DaS ist der Geist des Oheims, der die venetianischen Gesandten zu überlisten wußte, der in Aegypten seinen Soldaten Ach­tung vor den Gebräuchen und Festen, die der Prophet eingeführt hatte, streng empfahl und sie selbst beobach­tete, der das Geheimniß kannte, daß man der Menge scheinbar dienen mnß, um sie zu beherrschen.Der Kaiser," sagt der Verfasser,hat bisher Schritt für Schritt das Alles durchgcführt, was er in früherer Zeit als seine Aufgabe erkannte; er wollte eine neue Regie­rung schaffen, er hat eS gethan; er wollte den Volkswillen wieder Herstellen, er hat eS gethan durch die Proclamation der Volkssouveränetät; "er hat daS LooS der armen, gedrückten, der arbeitenden Klchsen ver­bessern wollen, wir sehen ihn in vollster Thätigkeit^ der Kaiser hat als Präsident in dem letzten Jahre Al­les gethan bis auf Eines Eines, wovon er in frühe- rcr Zeit wohl immer gesprochen, er hat mit keinem Worte mehr in der jüngsten Zeit erwähnt: die Schmach von Waterloo zu rächenl"

Das Stichwort von den Siegern und Besiegten von Waterloo bleibe aufgespart. Wir unsererseits glauben, der jetzige Kaiser von Frankreich ist für einen Eroberer schon zu alt. Auch ist cs psychologisch wahrscheinlich, daß ein Mann, der durch schwere Prüfungen gegangen, Geduld und Warten auf die Erfüllungen seiner nie vergessenen Plane gelernt, seine ganze Thätigkeit ous Erhaltung deö Besitzes lenken und vorsichtig jede Wen­dung vermeiden wird, wodurch dieser Besitz einer Ge­fahr ausgesetzt werden könnte. Bis jetzt hat er sich immer den Bedürfnissen und Launen der Massen anbe- quemt und in ihrem Dienste jedcö geschickte Werkzeug verbraucht. So ist er immer der Mann des Augen­blicks geblieben, so würde er auch nur dann dieSchmach von WalcAvo" rächen, wenn die Kriegslust der Waffen einen Erguß ihrer Streitkraft fordern würde. Jetzt im Augenblicke scheint uns dieser Zustand noch fern zu liegen. DaS Stichwort ist: Prosperirenl Alles will zu Genuß, zu Eigenthum gelangen. Erst wenn die Erwartungen eines unerhörten Wohlbehagens sich nicht erfüllten, könnten Worte wieder aufkommen wie la France salUisle oder la France «'onnuio; daun