Nassauische Allgemeine Zeitung.
VFr SST Mittwoch den 22. December 1858
Neues Abonnement.
Auf das mit dem 1. Januar 1853 beginnende neue Quartal der ^Nassauischen Allgemeinen Zeitung" und des mit der „Nassauischen Allgemeinen Zeitung" vereinigten im Anhang derselben erscheinenden „Kreisblattes für das Kreisamt Wiesbaden" laden wir hiermit zu geneigten Abonnements ein. JQr* Die vor dem 1. Januar 1853 neu eintretenden Abonnenten erhalten die Nummern des laufenden Monates vom Tage der Bestellung an gratis.
Die „Nassauische SUlßtmeinr Zeitung" mit dem bellciristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Svnntag« ausgenommen, läßlich und beträgt der PrânumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Poftregulari» nunmehr auch für den ganzen Nmfang des Llurn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Jnbigriff des Postausschlags 2 fl., kur die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostoereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 kr. — Inserate werden die Sierspalttg Petitzeile oder deren Raum mit 3 ft. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Amtlicher Theil.
D i e n tt n a ch r i ch t e n.
Wilhelm Biehl von Weidenhahn und Friedrich Brandscheid von Wiesbaden sind nach bestandener Prüfung in die Zahl der geprüften Candidaten der Philosophie aufgenommen worden.
Nichtamtlicher Theil.
Kaiser Franz Joseph in Derliu.
* Wir fahren fort, die Stimmender Presse über die Anwesenheit des Kaisers Franz Joseph in Berlin zu registriren. Sie sind an ihrer Verschiedenheit allzu bezeichnend für die Haltung der betreffenden Organe. Zuerst die Weser Zeitung, die das politische Gras wachsen hört und sich seit geraumer Zeit in erbarmungswürdiger Weise abmüht, stets anderer Meinung zu fein, als alle Welt, was oft die Kaffeesäcke und sCigar- renkisten Bremen's in nicht geringen Schrecken versetzt. Die Weser - Zeitung, die bei diesem wichtigen Anlaß abermals nach „Originalität" hascht, sieht in dem Besuch des Kaisers von Oesterreich eine späte, doch in Berlin noch immer willkommene Sühne für den Tag von Olmütz. Sie könnte tausend deutsche Betrachtungen an diese „wunderbare Thatsache" knüpfen; sie findet jedoch keine, als daß dieser Besuch der Anfang einer Bundespolitik sein werde, der dem Dualismus in Deutschland zu dauernder Herrschaft verhilft, keine, als daß derselbe an den Höfen des Darmstädter Siebengestirns Angst erregt haben muß, die Zollfrage werde eine mehr den Wünschen und Bedürfnissen der süddeutschen Bevölkerung als den Interessen der Regierungen entsprechende Lösung finden. (Oesterreich hat gegen seine Coalirten stets loyal gehandelt und nur Unverstand und Böswilligkeit oder die Weser-Zeitung vermögen zu behaupten, daß die Koalitionsregierungen etwas'anstreben, das den Wünschen und Bedürfnissen der Bevölkerung nicht entspräche.) Sie möchte sich sogar bis zu einer, wenn gleich lauen, patriotischen Freude über das gute Einvernehmen unserer Großmächte hinaufschwingen, allein sie kann es nicht; abgesehen davon, daß sie alle Demokraten vor den Kopf stoßen würde, häben nur europäische Erwägungen die Zusammenkunft der beiden Monarchen bewirkt. „ Den Gegner, dessen Politik er auf allen Punkten geschlagen, dessen stärkste Stellungen er spielend überwunden hat, den kommt Franz Joseph jetzt freiwillig zu besuchen und um Vergessenheit des Geschehenen zu bitten. Verschmähte er seine Hülfe, da cs die siegreichen Rebellen Ungarns niederzuwerfen galt; so greift er desto hastiger nach der Bundcsgeuossenschaft der preußischen Heere, da nun nur erst die leiseste Gefahr emportaucht, daß der Aufstand inj Italien von Neuem losbreche." Der Besuch des Kaisers von Oesterreich in Begleitung einer rein militärischen Begleitung ist ihr eine Demonstration gegen Frankreich, wie cs der Besuch der Königin Victoria bei dem von Frankreich zollbedrängten König Leopold von Belgien war. Man sagt dem „übermüthigen Kaiser ^des Westens" durch die „Blume dieser Zusammenkunft": jDu kannst den Po nicht angreifen, ohne daß vom Rhein ans ein Angriff gegen Dich gerichtet wird; und umgekehrt. Die Weser-Zeitung schließt ihre politische Kannengicßcrei damit, daß sie die neuen Verbündeten zur Wachsamkeit und zu energischem Widerstand gegen Rußland auffordert. Sie sagt: Nur die Gefahr eines flüchtigsten Augenblicks kann uns über den Rhein Herkommen: die einzig ernsthafte und wirklich furchtbare lauert an Weichsel und Niemen, umklammert uns von drei Seiten, und kann sich Kopenhagens oder Konstantinopels nicht bemächtigen, ohne Deutschland in seinen Grunb- festen zu erschüttern. Da kann die Weser-Zeitung noch viele Leitartikel schreiben und noch oft in gleicher Weise durch die Blume sprechen, ehe diese Ereignisse eintreten.
Die Berliner „Zeit", dieses halbofficieüe Blatt - Wagner würde vielleicht sage», dieses osficieü halbe Blatt — das sich stets dadurch ausgezeichnet hat, mehr zu sagen, als nöthig war, oder dort zu sprechen, wo Schweigen eine Tugend ist — erblickt in der Anwesenheit des Kaisers von Oesterreich in Berlin nicht den
Beginn einer dualistischen Bundespolitik, sondern — wie sie sich so klar ausdrückt — nur den Beweis, daß der Dualismus neben der Einhcitstendenz tief in das Herz des deutschen Volkes eingewachsen ist. Die „Kölnische Zeitung" macht Chorus mit der „Zeit", sorgt aber dafür, die „Zeit" mit ihren Ansichten noch zn überflügeln, sie gibt der „Zeit" zu, daß auch das preußische Volk Oesterreich stets gern als ein fest verbundenes deutsches Bruder-Reich betrachte, unter der Bedingung, daß Oesterreich ihm seine besonderen und fremdarrigen Existenzbedingungen nicht aufzwinge und noch weniger ihm seinen deutschen Beruf neidisch zu verkümmern suche. Sobald Oesterreich aushört der Schwarzenbergischen Mittelreichspolitik nachzuhängen und dafür sich zum Hort der ger- manischeu Interessen im Südosten zu machen sucht (d. h. Preußen völlig freie Hand in Deutschland läßt) — sind die besten Segenswünsche des preußischen Volkes mit ihm. (Wo bleibt denn der mit der Einheits- tendenz tief in das Herz des deutschen Volkes gewachsene Dualismus?) Sie nimmt mit der „Zeit" den Besuch des jungen Kaisers für ein erfreuliches Zeichen einer eingetretenen freundlicheren (!) und verständigeren (!!) Wendung der österreichischen Politik (Ist denn Ryno Quehl von seiner Badereise schon zurückgekehrt?) nur möchte sie allerdings positivere Thaten sehen, bevor man das in den letzten Jahren eingesogene Mißtrauen fahren zu lassen wagt. (Eine für ein „ministerielles" Organ sehr freundliche und verständige Aeußerung.)
Wie ungleich würdevoller waren nicht die Leitartikel der „Neuen Preußischen Zeitung" — ganz abgesehen von den Seitenhieben auf die Coalition — gehalten. In ebenso würdiger Weise spricht sich die „Presse" aus. Ihre Ansicht über „DuaUSmus und Einheitstendenz" ist natürlich eine andere.
„Europa zählt viele Denkmäler, sie sprechen von gewaltigen Schlachten und glänzenden Siegen; aber zugleich auch von geschlagenen Wunden, von verbrannten Städten und verheerten Ländern. Doch einen Denkstein wird die Nachwelt setzen, vielleicht auch schon die dankbare Mitwelt, ein Denkmal, rein von der Erinnerung an Blut und Thränen. Dieser Denkstein wird die Stelle bezeichnen, wo der Kaiser Oesterreichs die preußische Gränze überschritt, um dem zweiten Machthaber in Deutschland zum gemeinsamen segensreichen Werke die Hand zu reichen. .Die Gedenktafel wird die bedeutungsvolle Inschrift tragen: Ende des Zwiespaltes im Herzen Deutschlands! Wir sprechen hiermit eine Ueberzeugung, das Resultat einer sorgfältig angestellten Rechnung aus, in welcher kein Factor vergessen oder zu gering angeschlagen wurde: In dem mit Deutschland innig verbundenen Oesterreich liegt der Schwerpunkt Europa's! Nur der innere Zwiespalt hat bisher das Bewußtsein dieses Besitzes nicht aufkommen lassen und machte lange genug zum unbestrittenen Axiom den stolzen Ausspruch eines benachbarten Machthabers: „„Ohne Frankreichs Einwilligung darf kein Kanonenschuß in Europa falle»."" Von diesem Gesichtspunkte adoptiren wir mit Vergnügen den Ausspruch: „„Das Kaiserthum ist der Friede."" Wir machen nur den kleinen Unterschied, daß wir die Bürgschaft nicht in Frankreich, sondern in der Heimath suchen, daß wir die Wirkungen mit der Ursache vertauschen. In diesem Sinne gehen wir noch einen Schritt weiter, indem wir behaupten: das Kaiserthum ist der Anfang vom Ende des französischen Einflusses auf die Gestaltung und Entwicklung Europa's, es vollendet die schon seit längerer Zeit angestrebte Emancipation der Regierungen und Völker in jeder politischen und socialen Geschmacksrichtung."
Deutschland.
/ Wiesbaden, 21. Dec. Es verdient gewiß die vollste Anerkennung, wenn das Interesse unserer Mitbürger für die lange vergessenen und lange vernachlässigten Ueberreste der Kunst unserer Vorzeit in der Weise in Anspruch genommen und rege erhalten wird, wie es der nassauische AlterthumSverein sich neuerdings zur besonderen Aufgabe gestellt zu haben scheint. Besonderer Beifall gebührt in dieser Beziehung dem Unternehmen, denZprachtvollen Hochaltar in der Pfarrkirche zu Lorch, ein Werk der vollendetsten Kunst der. Holzschnitzerei aus dem Jahre 1483, nicht nur zeichnen, sondern auch durch sorgfältige Restauration vor gänz
lichein Verfalle sicher stellen zu lassen. Sowohl in Lorch selbst, als in hiesiger Stadt haben Subscriptionen für diesen Zweck vor einiger Zeit begonnen und ihr Ertrag — bis jetzt etwa 200 fl. — hat zum Beginne des Werks, das einem hiesigen jungen Künstler anvertraut ist, die Mittel gegeben, die freilich noch längere Zeit so fortfliegen müssen, wenn die Restauration kein Bruchstück bleiben soll. Sowohl die zehn Statüen und mehrere Büsten, welche der Altaraufsatz einschließt, als die herrlichen Nischen, Laabornamente, die durchbrochenen Gallerten, Thürme und Thürmchen, die bis zu einer Höhe von 40 Fuß emporsteigen, haben durch Wurmfraß, Vernachlässigung und muthwillige Beschädigungen so bedeutend gelitten, daß die Herstellung eine recht mühsame Arbeit geworden ist. Bereits sind zwei Porträtbüsten, den Meister und einen Gehülfen vorstellend, vollendet und an Ort und Stelle gebracht worden; die übrigen Arbeiten werden nach Maßgabe der verfügbaren Mittel voranschreiteu.
Mögen die Freunde vaterländischer Kunst diesem Unternehmen auch ferner ihre Theilnahme zuwenden, damit dem Lande ein Kuustdenkmal erhalten wird, das, in seiner ursprünglichen Schönheit hergestellts, seines Gleiche» am Rheinstrom nicht mehr findet.
N Hochheim, 18. Dec. Beinahe hätten wir in diesem Winter in unserem Landstädtchen das seltene Vergnügen genossen,. Theatervorstellungen zu sehen und zu hören, wenn sich unglücklicher Weise die Sache nicht wieder auf eine eigene Art zerschlagen hätte. Ein Stück von einem wandernden Schauspieler hatte nämlich die Erlaubniß erwirkt, Vorstellungen zu geben, bereits einen Saal gemiethet und die bretterne Welt bei einem Schreiner bestellt. Der gute Mann trug Abonnementskarten herum, ließ sich dieselben bezahlen, den Schreiner feine Bretter verschneiden und wurde dann wenigstens für uns Hochheimer auf einmal unsichtbar; heutö^weiß man noch nicht, wohin sich dieser Schwindler gewendet hat, soviel bleibt indessen gewiß, daß die Abonnenten um ihr Geld geprellt sind.
Naurod, 20. Dec. In der Nacht vom 18/19 d. M. brach in Naurod Feuer aus, welches jedoch durch die schnelle Hülfe und Thätigkeit der Bürger Naurods alsbald gelöscht wurde, so daß nur ein Stall niederbrannte. Der Herzogl. Kreisamtmann, welcher zur Untersuchung heute dahier sich einfand, ermittelte alsbald, daß daS Feuer absichtlich angelegt worden war, verhaftete den Brandstifter, ein übelberüchtigtes Subject aus Naurod, und überlieferte denselben der Justiz, woselbst er der verdienten Strafe nicht entgehen wird.
$ Würges an der Ems, 20. Dec. Gründet eine OrtSbehörde eine scgenbringende Anstalt, so ist deren Veröffentlichung darin gerechtfertigt, daß Andere zu ähnliche» Thaten »»gefeuert werden. In Würges wird eine Strohflechterei errichtet. In der Sitzung des Ge- meinderaths am 18. L M. eröffnete der Herr Bürgermeister Meurer: „Die Verhandlungen mit der Fi- landa in Wiesbaden seien so weit vorgeschritten, daß nach Neujahr, auf Einberufung — Seitens des Herrn Bürgermeisters — von dorten eine Flechtmeisterin geschickt werden würde." Man hat hier diese Nachricht mit Freuden begrüßt, Man erblickte in der Pflege dieses Industriezweiges ein Mittel, der Jugend eine Geschicklichkeit beibringen zu lassen, die vom Müßiggang abhält und Verdienst verschafft,— und hofft nicht minder, daß dadurch später die für Würges so große Summe von Unterstützungen an die Armen, sich' gewiß vermindern wird. — Noch verdient Erwähnung, daß die Gemeinde Würges so eben ihre Felder reguliern läßt, hierdurch auch in Bezug auf die Landwirthschaft im Fortschritl begriffen ist. Herr Bürgermeister M. legte auch hierzu den Grund und führt, trotz Anfeindungen von Leuten, die das Bessere einzusehen keinen Verstand uni Willen haben, muthig auf dcr betretenen Bahn fort.
Mannheim, 19. Dec. Herzog Bernhard vor Sachsen-Weimar hat seine Abreise nach Java auf meh rere Monate verschoben, um noch der Trauung Jhrei Hoheit der Prinzessin Amalie mit Seiner Hoheit den Prinzen Heinrich der Niederlande beiwohnen zu können
Würzburg, 15 Dec. Vorigen Sonntag hatt sich in der Halle' des Theaters Abends zwischen -einigei Studirenden und einem Offizier der hiesigen Garnison ein Streit entsponnen, in dessen Verlauf Letzterer vo