Nassauische Allgemeine Zeitung.
â 30/. Dienstag den 21. December /S53
N eues Abo n n e m e n t.
Auf das mit dem 1. Januar 1853 beginnende neue Quartal der „Nassauischen Allgemeinen Zeitung" und des mit der „Nassauischen Allgemeinen Zeitung" vereinigten im Anhang derselben erscheinenden „KreiSblatteS für daS Kreisamt Wiesbaden" laden wir hiermit zu geneigten Abonnements ein.
KrZ^ Die vor dem 1. Januar 1853 neu eintretendcn Abonnenten erhalten die Nummern des laufenden Monates vom Tage der Bestellung au gratis.
Die „Naffamfcke Allgemeine ZeiNniq" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntasts ausgenommen, täglich und beträgt der Piänumemtionâpreiâ für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregnlariv nunmehr auch für den ganzen Umfang deâ Lburn- und Taris'fchen PerwaltungSbezirkâ mit Jnbtgriff de« Postausschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deulsch.österreichischkn PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 21 tr. — Inserate werden die »ierspalttg Petitzeile ober bereit Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auâwartâ bei den nächstgelegenen Postämtern, zu macken.
Die Heirath der Prinzessin Wasa.
Einige wenige Pariser Blätter haben die Verlobung der Prinzessin Wasa mit dem Prinzen von Sachsen als nacktes Factum mitgetheilt: Eine lithographirte ni i n b stcriclle Generalcorrespondenz hatte noch am 14. December diese Neuigkeit, die durch deutsche Zeitungen nach Paris gelangt war, nur darum berührt, um auf Unwahrscheinlichkeit derselben aufmerksam zu machen, da allgemein angenommen sei, daß die Prinzessin Wasa den Thron Napoleons III. theilen werde. Diesen Zweifel hat sie nun in der Nummer vom 15. December abgelegt, sic bemerkt: „Die brennende politische Frage deS Tages ist die Heirath der Prinzessin Wasa, die man sich gewöhnt hatte, hier als die künftige Kaiserin der Franzosen zu betrachten. Deutsche Blätter haben versichert, daß sie den Prinzen Albert von Sachsen hei- rathet. Die Vermählung wurde als nahe ^bevorstehend bereits angezeigt. Diesen Nachrichten haben die offieiö- sen Versicherungen mehrerer vertranten Freunde des kaiserlichen Hofes widersprochen. Diese Ungewißheit dauerte bis gestern Abend. Wir erhielten um diese Zeit die officielle Versicherung, daß die Hcirathsuntcr- Handlungen zwischen dem Kaiser und der Prinzessin Wasa ganz abgebrochen sind. Dieser Umstand verstärkt die Glaubwürdigkeit der deutschen Nachrichten, und gibt zu einer Menge von Commentaren Anlaß. Ist diese Heirath hintertrieben , so kann man dieß , nach den hiesigen politischen Auslegungen, nur' dem Einflüsse Oesterreichs zuschreiben. (Warum sollte Oesterreich, daS in politischer Beziehung sich dem Napoleonischen Frankreich keineswegs unfreundlich erzeigt hat, durch Einmischung in eine Familienangelegenheit, die nicht eine Sache seines Hauses ist, das gute Vernehmen wollen? Der Geist der Besonnenheit und Mäßigung, der die dortige Politik leitet, hat zu viele Proben ab. gelegt, als daß eine solche Voraussetzung sich nicht selbst widerlegen müßte.) Wenn aber Oesterreich seine Gesinnungen gegen das neue Kaiserhaus auf diese Weisekundgibt, so ist cs leichtersichtlich, daß alle Bedenken über die Anerkennung Napoleons III. gegründet sind. Daraus entsteht eine wichtige politische Frage, von deren Lösung der europäische Friede abhängt. Man hat sich seit langer Zeit daran gewöhnt, die österreichische Politik nur im Schlepptan des russischen Cabi- uets vorznstcllcn. (Abermals eine Voraussetzung, die so grundlos ist wie die Folgerungen, die man daran knüpfen will. Kein unbefangener Beurtheile wird de österreichischen Politik die Anerkennung versagen, daß sie sich vor wie nach Annahme einer temporären Hülfe, stets auch Rußland gegenüber, in voller Selbstständigkeit bewegt hat.) Jede Richtung, die sie nimmt, ist demnach voraussichtlich von Rußland unterstützt. Was soll aber daraus werden, wenn die nordischen Mächte, wie man sie hier nennt, in dem Widerstreben das Kai- sethum Frankreichs, in den Form, in der cë ausgetreten ist, anzuekenncn beharren ? Ein Krieg? Er ist kaum denkbar, denn das Kaiserreich hat in seinen halbdemo- fratifeßen Einrichtungen so viel Stoff zu einer Propaganda, die cs in den Ländern seiner etwaigen Gegner ânzünden kann, daß diese sich wohl zweimal bedenken müssen, ehe sie eine solche Waffe ernstlich heauSfordeu. (Eine Drohung mit einer revolutionären Propaganda? Unmöglich im Ernst. Eine Gewalt, die auf den Trümmern der öffentlichen Freiheiten emporgestiegen ist, und die demokratischen Leidenschaften unserer Zeit entfesseln wollte, würde ja nur einen wirklichen Selbstmord begehen. Was müßte das für eine Lage sein, wo man zu einer solchen Politik der Verzweiflung greifen könnte?) Rechnet man auf eine Nachgiebigkeit der französischen Regierung, so hat man sich verrechnet. Die gegenwärtige Regierung kann von der proclamirten, von vielen Staaten, darunter England, anerkannten Form nicht mehr abgehen, ohne ihrer Würde zu vergeben. Das französische Cabinet, man kann dessen sicher sein, wird keine neuen Zugeständnisse machen. Wollen die aHiirten Mächte unter diesen Umständen aus dem diplomatischen Verkehr mit Frankreich heraustreten, so werden sie den Nachtheil davon bald selbst sehr ernstlich empfinden. Sie treiben dadurch den Kaiser Napoleon, der bisher den konservativen Interessen alle Garantien geboten hat, immer mehr links, und was bis jetzt als eine Phrase
betrachtet wurde, ein demokratisches Kaisertum (con- tradictio in adjecto!), muß unter diesen Umständen eine Wahrheit werden. Wollen die Mächte es darauf 'ankommen lassen, so haben sie wahrscheinlich im voraus alle Chancen für und gegen sich berechnet. Frankreich ist aber mit offenen Armen bereit, diese Gestaltung deS Kaiserreichs anzunehmcu, unv wird kein Bedenken tra gen, das Princip seiner Nationalunabhängigkeit mit Gut und Blut zu vertheidigen. Die Artikel der Re- gieungsjvürnale, welche mit einer raffinirten Dialektik den Titel Napoleon III. vertheidigten, haben bereits eine Ahnung von dem Widerstreben der auswärtigen Mächte in das Publicum geworfen. Dieß genügte, um den Nationalstolz der Franzosen aufzustächcln. Frankreich hat Napoleon III. als Kaiser der Franzosen mit 8 Millionen Stimmen anerkannt, und wird sich um keinen Preis und unter keinen Bedingungen davon abbringen lassen. Je mehr man es ihm bestreitet, desto enger wird cs an dem selMgeschaffenen Kaisethume hängen und die auswärtigen Mächte fördern, vielleicht gegen ihren Willen, durch ihre Bedenklichkeiten und Zögerungen die unbestreitbare Popularität des Kaiser! bums in Frankreich. Wenn die europäischen Cabincte von dem wahren Zustande der öffentlichen Meinung genau unterrichtet sein werden, so unterliegt eS weiter keinem Zweifel, daß sie nur der Wahrheit gewisser Formen willen weder den europäischen Frieden, noch die kaum hergestellte Ruhe in ihren eigenen Ländern aufs Spiel setzen werden." (Die Bedenklichkeiten, welche hier den nordischen Mächten hinsichtlich der Anerkennung des Kaiserthüms zugeschrieben werden, sind wohl übertrieben. An der Anerkennung ist nicht zu zweifeln, wenn eS wahr ist, daß der neue Kaiser seinerseits die bündigsten Versicherungen über Hei- Jl^iltungiü^c^ WL5 gegeben hat.) (A.Z.)
Die Glaubensfreiheit in dee Suekek.
Wien, 17. Dec. ES ist in der That kein leeres Interesse, welches das christliche Abendland an den Leide der christlichen Bewohner in der Türkei nimmt. Zwar hören wir, sagt die „Oester. Corr.", von dorther beständig, laut und beinahe ruhmredig die Versicherung van vollkommener Gleichberechtigung aller wie immer gläubigen •Unterthanen der Pforte ertönen. Dessenungeachtet ereignen sich immer noch grelle Mißgriffe, und barbarische Gewaltthätigkeiten in dieser Beziehung; dessenungeachtet will das Wort der Glaubensfreiheit noch immer nicht lebendig werden, und wenn auch auf vielen Punkten des Reiches, namentlich zu Constanti- nopel selbst, wo Alles unter den Augen der höchsten Behörden sich ereignet, verhältnismäßig befriedigende Zustände herrschen, so sgilt dies wieder nicht von anderen Gegenden. Insbesondere Bosnien und die Herzegowina scheinen ansersHrn, den Schauplatz von Tba- ten zu bilden, welche aus fanatischer Verfolgungssucht entspringend unwiderleglich darthun, daß das Recht der Christen, weit entfernt entsprechend gehütet, ja auch nur anerkannt zu sein, vielmehr nicht selten in der härtesten und rücksichtslosesten Weise geradezu verletzt wird. Wir sind in ter nicht beneideuSwerthen Lage, hierüber wieder einige Einzelheiten aus authentischer Quelle mit- zutheilcu. Die Expedition der Montenegriner hat alle Elemente, welche den Schauplatz des Kampfes bewohnen, auf das Tiefste aufgeregt. Obschon jene GebirgS- söhnc mit den Christen der Türkei teilweise nicht säuberlich verfahren, so wird doch in beiden Provinzen die Mähre absichtlich verbreitet, die Najah's *) zeigten alle Lust, sich auf die Seite der Montenegriner zu schlagen, und eine geheime Verschwörung bedrohe die Sicherheit der gesetzlichen Autorität. Mit diesen Waffen trachtet man den Angriff abzuwehren, Ismail Pascha, Gouverneur der Herzegowina legt unthätig die Hände in den Schovß ; nur bezüglich der Christen äußert er sich ungehalten und beklagt, durch Instructionen des allzu milden Sultans und durch die beengenden gerichtlichen Formen gebunden
*) Christliche und israelitische Schutzgenossen, welche im Gegensatz zu den steuerfreien OSmanen und anderen Bekenner» des Islams den Cdaradsch (eine Art Kopfsteuer) zahlen sich vielerlei Beschränkungen im Leben (Wohnung und Kleidung) unterziehen müssen, keine Zungenschaft Igegcn einen Muselmann oblegen dürfen und mit oem erniedrigenden Namen Naza d. i. Heerde belegt werden. Anm. d. Ned.
zu sein, indem er sonst mit (Anwendung scharfer Strenge bald mit den unruhigen Köpfen fertig zu werden hoffte.
Es erzeugt sich, da diese Aeßerungen überall herumge- tragen werden, eine sehr gereizte Stimmung gegen die Christen, und es könnte möglicher Weise zu ernsten, ja blutigen Auftritten kommen. So z. B. ereignete sich schon kürzlich, daß ein Muselmann aus Klez einen Christen blos darum tödten wollte, „damit Einer von der Brut weniger sei". — Die Gemahlin eines arnautischen Häuptlings war längere Zeit von den Montenegrinern in Gewahrsam gehalten worden; nachdem sie sich durch ein Lösegeld befreit, ward sie dem Kucseu von Krstac übergeben; als dieser'^ diesfalls die Meldung bei dem türkischen Commandanten machte, ward er jämmerlich mißhandelt, angeblich als ein mit den Montenegrinern im Einverständnisse lebendes Individuum; nur die dringendsten Vorstellungen der Frau selbst vermochten, ihn vor weiteren Mißhandlungen zu schützen.
Ein Greis begab sich von Niksich auf die Reise nach Mostar um die Frcilassu.ng seines,^ angeblich wegen politischen Bedenken, gefangen gehaltenen Sohnes zu erwirken. Das Unglück wollte, daß er hi Blagaj auf einer Stelle sich zum Schlummer legte, wo wenige Tage vorher ein Türke ermordet gefunden worden war. Von der Patrouille der Tapties aufgegriffen, ward er furchtbar geschlagen, und in das ^Gefängniß nach Mostar geschleppt, wo sich später erst seine Unschuld herausstellte; die Tapties wurden für die Unbill, welche sie ihm angethan hatten, nicht nur nicht bestraft, sondern nicht einmal getadelt. — Zu Revefinje ward vor^Kur- zem ein Muselmann von unbekannten Händen in Stücke gehauen. Sofort wurden drei Christen im Orte verhaftet, und ungeachtet sie ihre Unschuld auf das Ein- dringlichste betheuerten, wurden jedem derselben 300 Stockskrewhc aufgemeffen, um ein Äestündmß zu erpressen. Sie blieben standhaft und bekannten Nichts, weil sie offenbar nichts zu bekennen hatten. Dessenungeachtet wird ihr Prozeß, wenn man ein derartiges Verfahren mit diesem Namen bezeichnen will, nicht eingestellt, sondern bereits werden Anstalten getroffen, um die Execu- tion der Stockstreiche auf die Fußsohlen, vielleicht noch schmerzlicher, bei den Unglücklichen zu wiederholen.
Unser Berichterstatter fügt hinzu, daß, wenn diesem rücksichtslosen und guälenden, willkürlichen und grausamen Verfahren nicht bald Einhalt geschieht, allerdings der tief gereizte Unwille des Volkes sich in einem Ausstande Luft machen dürfte, Znsammengrcifend mit den Operationen der Montenegriner könnte dieser Aufstand leicht eine außerordentliche gefährliche Ausdehnung gewinnen. Dann aber fiele die Verantwortung für die so entstandene Gefahr und Verwickelung nicht aus die Häupter der gebrückten Bevölkerung, sondern auf die der türkischen Behörden, welche so oft die einfachsten Grundsätze der Gerechtigkeit, Billigkeit und Humanität theils aus Sorglosigkeit, theils aus schwerausrottbarem Glaubenshaß, immer jedoch im Gegensatze zu den wenigstens wohlmeinenden Intentionen dcr großherrlicheu Regierung außer Augen setzen.
F Wiesbaden, 19. Decbr. Die Strohflechterei — dieser für unser Land noch neue Industriezweig, macht die erfreulichsten Fortschritte. Da, wo die Armuth deS Volkes für die Sache nichts zu thun vermag, bietet die Staatsbehörde bereitwillig die Hand, und auch Menschenfreunde finden sich, welche auf ihre Kosten arme Mädchen in die Flechtschule der Filanda senden, um sie in der Kunst der Strohflechterei unterrichten zu lassen, damit sie demnächst als Fiechtmeistcrinnen in ihre Gemeinden zurückkchren lind dort die Jugend darin unterrichten können. So läßt der Herr Rechnungsrath Reuscher zu Wiesbaden zwei arme Mädchen in der Flecht- schnle der Filanda unterrichten; sie werden in den ersten Tagen deS Monats Januar ciutretcn. Der Kreisamtmann Freiherr v. Sagern zu Rüdcsheim hat in der Person der Elisabetha Vohs zu Sauerthal heute ein Mädchen aus dieser so sehr armen Gemeinde auf seine Kosten in die Flechtschule der Filanda gesendet, und der Ministerialratb Freiherr v. Sager n zu Wiesbaden hat gleichfalls die Elisabetha Herr m a u n ans Hornau dafür bestimmt. ES sei uns vergönnt, denselben unseren Dank für ihre Mitwirkung bei Beförde-