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Nassauische Allgemeine Zeitung.

^r TSG. Mittwoch dm 15. December A.58

Dir,,Naffa»is>bk ?NlqkMkii>k Zk!timg" mit dem fctiittrifttfdirn BeiblattDer Wanderer" erscheint, SvnnlaqS ausgenommen, köstlich und beträgt der PränumerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulviiv nunmehr auch für den ganzen Umfang des Tdurn» und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Jnbtgriff des Postausschlagâ 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 21 kr. Inserate werden die vierspaliig Petitzeile oder deren Naum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auswärts bei den »ächststelegeneu Postämtern, zu machen.

Amtlicher Theil.

Seine Hoheit der Herzog haben die Justiz- ämts-Accefsisten Thönges von Höchst nach Königstein, Dippel von Langenschwalbach nach Hadamar, Dilger von Nassau nach Walmerod und von Rößler von Nastätten nach Nassau zu versetzen geruht.

Höchstdieselben haben dem von des Herrn Erbland- postmcistcrS Fürsten von Thurn und Taxis Durchlaucht zum Postexpeditor zu Kirberg präsentirten Posthalter Bender daselbst die Bestätigung ertheilt.

Nichtamtlicher Theil.

Nattke und Macaulay.

(Schluß.)

Die diplomatische Geschichte unseres Festlandes hat in Ranke ihren Meister gefunden; überall entdeckt er unter tausend Gestalten und Verwandlungen die großen Motive, und leitet ans ihnen mit unvergleichlicher Klar­heit den Ursprung aller denkwürdigen Begebenheiten ber. So hat die Verschiedenheit des Stoffs die verschiedene Art der Darstellung bei den zwei Geistesverwandten, dem insularen und dem continentalen Historiker, aus­gebildet.

Aber selbst in einem frei sich entschließenden Volk und bei den politischen Traditionen behält der einzelne noch Spielraum genug durch seine Persönlichkeit auf die Ereignisse einzuwirken. Hier kommt es beim Historiker nicht blos darauf an, daß er Kenner des menschlichen Gemüths sei, sondern er muß künstlerisch verfahren, da­mit er durch seine Darstellung uns eine unvergeßliche Gestalt hinterläßt. Nichts ersetzt uns das Portrait ei­nes geschickten Meisters; selbst von einem jämmerlichen Bilderbogen können wir noch gewinnen. Friedrichs des Großen Bonhonime wird uns selbst noch aus einem Steindruck erkenntlich, und von Napoleons Contcrsei haben wir schon in der Kinderzeit den Eindruck erhal­ten: der thue nicht leicht etwas um Gotteswlllen. Ranke's Darstellungen gelingen ohne Ausnahme, mit ein paar unbedeutenden, scheinbar gleichgültigen Zügen werden seine historischen Charaktere uns zum Nimmer- wiedervergessen gegenwärtig. Begierig hören wir wie Heinrich HL auf einsamen Schlössern als Wirth, wie er sich einbilden möchte unter Gleichgebornen, junge Män­ner an sich zieht, deren dürftiges Verdienst darin bestand, daß Hut und Mantel die neueste Form und den sau­bersten Schnitt trugen. Wenn in einem Lande zwei Parteien ernsthaft mit sich zu Rathe gehen, wie sie einander gründlich vernichten möchten, dann wird ein Fürst, der Edelsteine im Ohrgehänge trägt, gern jener Partei ein Haupt sein, die, bessere Royalisten als Ka­tholiken, unter dem bezeichnenden Namen der Politiker von den Bigotten wie alle lauen Bundesgenossen mehr gehaßt wurden, als der gemeinsame Feind, und zuletzt von den Guisarden und ihrem Anhang ins hugenottische Lager gedrängt werden mußten.

Macaulay könnte Rauke in der Menschenschilderung wegen seiner höheren Darstellungsgabe überlegen sein, wenn er sie zu beherrschen vermöchte. Die historische Phantasie deS Briten wird an den Decorationen seines Gemäldes reich verschwendet. Er gibt uns gleichsam Kost und Quartier in dem fremden Lande und der fremden Zeit, wir erleben, möchte ich sagen, von der Stube aus die großen Verwandlungen der Geschichte, wir schauen hinab auf die Straße und hören sie aus den verworrenen Nachrichten, die eilfertig von Mund zu Mund gehen; wir mögen uns einbilden in Cheapside oder in Cornbill des alten London unter wehenden Flaggen und durch Triumphbogen und Blumenschmuck die Cavalcade Karls II. zur Krönung nach St. Paul ziehen zu sehen. Marcaulay ist als Prosaist zu groß, um uns nicht mit seinen Antithesen und überraschenden Wendungen unterhalten zu wollen, so daß wir ein Fehler int Geschichtswerk durch die Kunst der Dar­stellung vom Dargesiellten abgezogen werden. Es ver- führt 'ihn sogar, uns die Mauern einer Abtei mit Epheu überklèidet zu zeichnen, die reizenden Biegungen des Flusses durch üppiges Weideland und den Schatten königlicher Baumgipfel auf der sonnigen Flur zu be­schreiben. Wegen dieser Vernachlässigung seiner Würde als Historiker wird ihm von seinen Landsleuten selbst vorgeworfen, die englische Geschichte sei nur eine präch­tige historische Novelle.

Da die Staaten des Festlandes genöthigt sind, be­ständig an ihren Gränzen Schildwache zu stehen und das Bedürfniß nach starken Staatsgewalten zuerst Be­

friedigung finden will, so werden sich die wechselnden Anschauungen der Menschen mit geringerer Freiheit in den historischen Wandlungen aussprechen. Nur bei all­zu strengem Druck entzünden sich mitunter diese un­wägbaren Stoffe und verwandeln dann in Asche, was sie vorfinden. Aber auch von dem geistigen Inhalt der Epoche empfangen wir durch Ranke ein bewegtes und belebtes Bild. Er weist nach, wie Kunst und Wissen­schaft, die sich so frei dünken, den großen Ideen in der Geschichte gehorcht haben. Wir entdecken davan Spuren in der Musik, im Bauwerk, im Gemälde, in dem flie­genden Blatt mit seinem burlesken Reimen, in der An­ziehungskraft, die einzelne Fächer, einzelne Materien des wissenschaftlichen Faches auf die Gelehrten der Zeit ge­übt haben. Das Volk aber nimmt darin mehr Theil an den Vorgängen, als daß es sie bestimmen würde.

Ein Vorzug beider Geschichtschreiber ist es, daß sie den unerträglichen Fastenpredigerton vermeiden, als hät­ten sie sammt und sonders die Kraft des Tacitus und seinen Beruf geerbt, eine abgelebte Race vorf schimpflicher Lust zu warnen, und in frischen Zügen und vergessenen Anklängen an die sonstige Mannbarkeit zu erinnern. In solchem Bestreben greifen viele Historiker gierig nach den Lästerchroniken der Epochen, um den ganzen Saft auf uns anszupresseu. In Zeitläuften, wo sich Angriffe auf die Staatsgewalten vorbereiten, kann man dadurch be­liebt werden und aufkommen, aber nur daS absichtslose, das ächte Geschichtswerk wird dauernden Werth behal­ten. DaS Verachtungswerthe ist schon gerichtet durch seine Darstellung, und mit dem Volk steht cs traurig, dem erst die Moral znr Fabel verständlich vorgetragen werden muß. Macaulay läßt sich dann und wann von dem Schwung seines Vortrages zu Sentenzen hinreißen, die mehr an Sallust als Tacitus erinnern, doch hält er die bessere Meinung von den Menschen für die wahre, und nimmt lieber Irrthum oder Schwäche an, wo An­dere eine Lust am Verruchten voraussetzen. Er, der Mitkämpfer für die Katholiken-Cmancipation, haßt die Unduldsamkeit, er haßt sie auch da, wo sie im ehrbaren rauhen Gewand des Puritaners auftritt. Am schärfsten kehrt er sich gegen jene protestantische Bigotterie, der selbst die unendliche Güte und Liebe, wie sie im neuen Testamente quillt, verdächtig wurde, und die lieber zu dem Jehovah des alten Testaments betete, der in seinem Zorn die sündhaften Städte auflodern ließ. Macaulay hat Nachsicht für die galanten Cavaliere an dem Hofe Karls II., aber keine für die Rundhüte, welche die häuslichen Freuden am H. Christabend als Teuselswerk verboten.

Daß sich Rauke nicht mit der dürren Art des Mo- ralisirens befaßt, entspringt aus seiner Goethe'schen Ruhe und der innern freudigen Betrachtung des hohen Zu­sammenhangs der Dinge. Auch gilt es ihm als un­historisch, Thaten eines herberen Geschlechts aus der bürgerlichen Bequemlichkeit des 19ten Jahrhunderts nach dem Maßstab des schlichten, ehrlichen Mannes zu messen. Wenn Ranke der mannichsachen Verletzungen gedenkt, die sich Friedrich Wilhelm I. gegen das er- laubte, was wird später Menschenwürde nennen lern­ten, so bemerkt er dabei, man thue Unrecht, dem ein­zelnen zuzuschreiben, was dem Geist des Jahrhunderts angehöre.Was sich der König in der Heftigkeit seiner Aufwallung zu Schulden kommen ließ, seine Umge- bung nahm wenig Anstand daran." Das ist, wenn sie nicht entbehrt werden kann, die richtige, die historische Art des ethischen Urtheils, nur das dem ewigen Haß preiszugeben, was auch die Zeitgenossen mit'Entsetzen oder Abscheu erfüllte, denn nur unge­wöhnliche Menschen werden seiner fühlen und das höhere Empfindungsvermögen reiferer Geschlechter im voraus besitzen. Nirgends aber steht ein Gebot, daß irgend Jemand ungewöhnlich, daß er völlig frei sein sollte von den Verkehrtheiten oder Entartungen der mit ihm le­benden Welt. Wohl jedem, der nicht im Zeitalter der Medicis, der Philipp und Granvclla, Loyola's und Machiavells in einer italienisch Stadt geboren wurde, nicht mit Spanien, nicht am Pariser oder am schotti­schen Hofe verkehren mußte! Wohl uns, daß wir über­haupt mit Schaudern dieser Zeiten gedenken können, und daß ein voriges Geschlecht nicht schon die Gleich­gültigkeit gegen das Verruchte auf uns vererbte.

Deutschland.

Wiesbaden, 14. Dec. (F. I.) Man schreibt uns soeben von Niederlahnstein bei Coblenz:Es ist nunmehr eine ausgemachte Sache, daß die englische Ge­sellschaft die Eisenbahn von Wiesbaden ans nicht durch das Innere des Herzogthums Nassau nach Deutz, stm-

dern längs des rechten Rheinufers von Biebrich nach Rüdesheim, Caub, Braubach, Lahnstein bis an die preuß. Grenze in der Nähe von Coblenz führen wird. Wir kennen noch nicht die Motive dieser plötzlichen Wendung der Sache; wir selbst sahen jedoch die In­genieure auf dcin rechten Rheinufcr von Lahnstein bis Braubach die Bahnlinie definitiv abstecken. Dieselben Ingenieure versicherten uns auch, daß im Rheingau mit den Arbeiten in der nächsten Woche begonnen würde. Von dieser Strecke sind die Pläne schon gefertigt und festgestellt. Dicie Nachrichten kommen aus einer zuver­lässigen Quelle."

X Eltville, 13. Dec. In Betreff .bet bereits mehrmals in d. Bl. erwähnten Errichtung einer Lande­brücke dahier, kann ich nun die bestimmte Mittheilung machen, daß die Cölnische Dampfschifffahrts-Gesellschaft bereits eine solche in Angriff hat nehmen lassen, um sie demnächst dahier zu placiren. Die Gemeinde hat also keine weiteren Kosten dadurch, als die Herrichtung der Ufermauer, welche einige Hundert in Anspruch nehmen soll. Es mangelt nun.eben an nichts Weiterem, als an diesen einigen hundert Gulden; und hat deshalb unser Gemeinberath sich an das Staatöministerium mit der Bitte gewendet, diese Kosten auf die LandeSsteuer- Cassc zu übernehmen. Durch diese Entscheidung wird also die Frage: ob uns das Glück einer Landebrücke zu Theil wird ihre Lösung finden.

Ich kann mich bei dieser Gelegenheit der Bemer­kung nicht enthalten, wie es auffallend erscheint, daß während früher, d. h. vor dem Jahre 1848 die hiesige Gemeinde schöne Activa besaß, sich jetzt ihre finanzielle Noth so steigern kann, da doch seit dieser Zeit mancher­lei Mittel zu Ersparungen ersonnen und auch durchge­führt worden sind, wozu namentlich die Abschaffung der Straßenbeleuchtung zu rechnen ist. Ihr kann wirklich kein anderes Motiv, als das des Sparsystems, unter­schoben werden, denn das Bedürfniß liegt hier um so mehr vor, als gerade hier die Straßen so mit Gegen­ständen aller Art überhäuft sind, daß bei der Herrschen­den ägyptischen Finsterniß nicht selten eine unsanfte Bekanntschaft eintritt, was einer Stadt, wie die hiesige, nicht zur Empfehlung gereichen kann.

H9lain$, 9. December. Gestern wurde der Re­dacteur derNeuen Mainzer Zeitung", Herr Jörg, we­gen Abdrucks der Rede, welche Müller-Melchiors in der zweiten Kammer über die Zollvereins - Angelegenheit gehalten, und welche eine Verletzung der sämmtlichen großherzoglichen Civil-Ministerien enthält, zur Hilft ge­bracht.

Gießen, 11. Dec. (Kaff. Ztg.) Wie wir immer gehofft und vorausgesagt, werden diejenigen Unrecht haben, welche glauben, Preußen sei wegen der handels­politischen Constellationen gegen eine Lahnbahn gestimmt. Die Aengstlichen haben hierbei übersehen, daß eine Lahn­bahn wegen des Kreises Wetzlar, besonders aber wegen Ehrenbreitstein - Coblenz eine unendlich hohe Bedeutung für Preußen hat. Es liegt zu sehr in der Natur der Sache, daß Berlin und Erfurt auf dem nächsten und schnellsten Wege mit der großen mittelrheinischen Festung durch eine Eisenbahn verbunden werden, welche von Taunus- und Westerwald geschützt, unmittelbar in Eh­renbreitstein mündet. Man wird hierauf Gewicht legen müssen, auch ohne gleich so manchen Politikern, welche für das englische Interesse arbeiten, eine besondere Kriegsgefahr von Westen her zu fürchten: denn Ihre geehrte Zeitung hat es schon entwickelt, daß der neue französische Kaiser zu sehr die Kräfte kennt, welche ge­genwärtig die Welt bewegen, um in die Bahnen einer veralteten Politik einzulenken. Daß Preußen seine größeren Gesichtspunkte nicht aufgegeben, ging uns auf erfreuliche Weise auch daraus bervor, daß der Handels« minister v. d. Heydt bei seiner kürzlichen Durchreise durch unsere Stadt bei unserem Regierungscommissär sich aufs Günstigste für die Lahnbahn ausgesprochen hat.

Tübingen, 12. December. (S. M.) Von dem Wiesbadener Comite der 'Versammlung der deut­schen Naturforscher und Aerzte ist nun die förmliche An­zeige von der Wahl der Stadt Tübingen für die nächst­jährige Versammlung bei dem erwählten ersten Geschäfts­führer Prof. Mohl eingetroffen. Derselbe hat die erste Geschäftsführerstelle angenommen, sich mit dem erwähl­ten zweiten Geschäftsführer, Prof. Bruns, bereits ge­stern in Verbindung gefegt und an den Minister des Unterrichts ofnciellcn Bericht erstattet.

Bremerhaven, 10. Dec. Angekommeu ist hier das englische DampfbootLeith", Kapitän Seyards, von London, mit circa 200 Mann Besatzung für die hier angetansten deutschen Krieghschiffe.