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Nassauische Allgemeine Zeitung.

Wr »SL Dienstag den 14. December IS^

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Rauke und Macaulay.

DieA. A. Z." zieht folgende Parallele zwischen- den beiden hervorragenden Geschichtsschreibern d.er Jetzt zeit: Ranke und Macaulay.

Macaulay zieht einen Strich durch bie englische Geschichte, hinter welchem die Bedeutung aller großen Begebenheiten von den noch rüstigen Parteien bestritten wird. Der Verlnst ehemaliger Besitztitel ist noch nicht verwunden, später errungene Rechte sind nicht völlig verjährt, das Gegenwärtige scheint nicht gesichert, solange man seinen Ursprung verdächtigt, und so zieht sich von dem Gerüste, wo Karl I. den Todcsstrcich empfing, ein blutiger Faden durch die Nation; hier die Ankläger, drüben die Vertheidiger des Schauderactes, Ankläger und Vertheidiger geschieden durch einen Parteinamen, den der Zufall erfand; heute noch Auge in Ange um grundverschiedene Dinge sich streitend, milder gestimmt durch die Zeiten, aber ohne das mindeste vergessen zu haben, was an dem Parteinamen rostet.

Eine solche Bifurcation haben auch wir in unserer Geschichte, erkennbar am Ursprünge, verhärtet im Ver­lauf der Zeiten und gefährlicher, weil sie sich geogra­phisch sondern läßt, während die britische Nation, von der See eingeschlossen, fest züsämmensitzt wie der Kern in der Schale. Die historische Unbefangenheit hört bei uns schon int 15. Jahrhundert aus, und nicht ein er­grautes Unrecht schieben wir uns zu, sondern unsere Trennung begleitet ein Schmerz, der heute noch lebendig nachgefühlt wird.

Sollte je die gesammte Menschheit eine gemeinsame Ordnung umschließen, so mußte sich die Geister der Beherrschung Eines Erkenntnisses fügen, besonders wenn diese Erkenntniß von einer fortgesetzten Uebertragung sich herschrieb, durch eine körperliche Kette gleichsam mit dem göttlichen Stifter und Gnadenmittler zusammenhing. Die katholische Kirche hat ihren Anspruch aus die Welt­herrschaft nicht ausgegeben, denn sie führt noch ihren alten Namen; und sollte es jemals gelingen, Eine ge­meinsame Ordnung für alle dürftigen wie für alle be­gabten Nacen und Völker .aufzustellen, so war dazu eine Gliederung nöthig, wie sie sich nur einmal im Bauder- römischen Hierarchie gefunden hat. Aber gerade um die nämliche Zeit, wo auf dem ersten abendländischen Schiffe die alte Gnadenlehre nach der jungfräulichen Welt hin­übergetragen wurde, vernichteten die Deutschen nicht blos das Instrument, sondern sie suchten Trost in einer völlig andern Lehre. . Wir müßten aufhören zu denken, wenn sich der Streit um die Wahrheit nicht immer er­neuern sollte; denn jeder stößt auf die Frage: wo tue Freiheit unseres Willenö, wo unsere Verantwortlichkeit beginne? Wir müssen dann unö entscheiden entweder für jene Lehre des Erstarrens von einer ewig verdamm­ten und einer ewig von der Gnade erhellten Hälfte der Menschheit, oder wir hoffen das Heil von einer brünsti­gen Umstimmung unseres Gemüths, oder von einem sortwirkenden Wunder, dessen Heilkraft gehütet werde durch eine göttliche Statthalterschaft. Kein Volk kann sich, wie die Deutschen, so großartiger innerer Erlebnisse rühmen, die Reife seines Bekenntnisses bleibt aber jedem Menschen das größte Erlebniß. .

Gerade an diese Ueberzeugung rührt aber die Ge­schichte der Reformation, die uns Deutsche noch heuti­ges Tages tiefer scheidet, als wir cs gern eingestehen. Dies fühlen wir recht lebhaft beim Eingreifen von Ranke's neuestem Werk, das, wie die Geschichte der Päpste und der südeuropäischen Fürsten, als eine Er­gänzung seiner deutschen Reformationsgeschichte erschei­nen muß. Ranke gehört nur der einen Hälfte unter uns völlig an; die andere Hälfte wird ihn nie ganz anerkennen, obgleich kein Protestant seines geistigen Ranges williger gewesen, den hohen Beruf an der an­dern Kirche zu verehren. Schon darin besteht seine GeisteSverwandtbeit mit Lord John Russells Freund, dem warmen Kämpfer für die politische Ebenbürtigkeit der Katholiken in England. Entschlüpft doch Macaulay in seiner Erörterung über Ranke's Geschichte der Papste die auffallende Aeußerung- auffallend im Mund eines englischen und eines guten englischen Protestanten warum die katholische Kirche, die so viele Reiche und so viele abweichende Lehren verfallen sah, nicht sie alle überleben solle? s

Gleichen sich die beiden Gcfchichtichrciber in der ächt historischen Entäußerung ihres Ichs gegenüber den Begebenheiten, so bestehen doch in der Art ihrer Dar­stellungen immer auffallende Unterschiede.

Nirgends spiegelt sich der politische Zustand einer Nation schärfer ab, als in der Rolle, die das Volk bei

seinen Geschichtschreibern spielt. Thucydidcs erwähnt früher einmal flüchtig, daß Pcrikles an der Pest gestor­ben sei, aber er gedenkt seines Todes nicht, als er den Ausbruch der Pest in Athen beschreibt. Wir erfahren nicht von ihm, wann der große Staatsmann gestorben und wie sein Tod in Athen gefühlt worden. Die Er­zählung geht weiter, denn die handelnde Person bleibt dieselbe, es sind die Athener, und der Historiker einer Demokratie gibt wenig Acht auf den Tod eines großen Mannes, wäre es selbst der größte im Staat gewesen. Wir suchen schon mit ganz anderen Augen in der Ge­schichte ; überall möchten 'wir den Druck einiger gewalt­samen Personen gewahren, und dadurch drängt sich un­sere Geschichte voll mit Memoirenhaftcn und Biogra­phien. Keine Geschichte der französischen Revolution wird geschrieben, ohne daß wir eine Reihe Schilderun­gen von Menschen bekommen, von denen man, wären sie fünfzig Jahre früher oder später gestorben, nach ihrem Tode kaum in der nächsten Nachbarschaft mehr gewußt hätte, als ob sie diesen oder jenen Proceß ver­loren, wie weit sie die Armuth mit Legaten bedacht, oder ob etwas ärgerliches über sie bekannt geworden.

Der Demos hob und schob sie alle, und außerordent­liches war an den meisten nichts, als daß sie die gro­ßen allgemeinen Zuckungen lebendig mitempfanden. So grundverschieden sind unsere politischen Jnstincte von den Demokraten des Alterthums, daß wir immer das Dasein einer Persönlichkeit fühlen wollen. Und darin besteht der Grundnnterschicd von der Politik des Alter­thums , daß der 'Einzelne gegenüber dem Ganzen in vielen Stücken einen Eigenwillen geltend machen darf, daß er nicht mehr rechtlos einem Scherben-Gericht wei­chen muß.

Bei Macaulay finden wir indessen Noch eine breite Schilderung des englischen Volkes. Die einzelnen Be- rufsclassen, ihre Stimmung, ihre verwaltenden Neigun­gen, die Einflüsse die sie beherrschen, werden erörtert ; wir lernen ihren wirthschaftlichen Zustand kennen, die verschiedenen Grade ihres Wohlstandes, das Inventar des Luxus und der Bequemlichkeit, die Rolle Die jeder im nächsten Kreise, die der Landjunker auf seinem Hofe, die er ungewitzigt unter dem bvöhaften Pöbel der Hauptstadt spielte. Zuletzt ist es der Anhang der Par­teien in der Nation der, gewonnen, verloren und wie­der gewonnen, den Lauf der Dinge entscheidet. Es sind athmende Personen, die wir handeln sehen; so gibt ein Schwurgericht in einem Tendenzproceß dem Hof Unrecht, und die zweite Vertreibung der Stuarts ist nicht mehr zu hindern. Wenig beengt von äußeren Einflüssen, mochte auf der Insel alles abhängen von der Gunst oder dem Widerwillen der Bevölkerung.

Auf dem Fcstlande geht, je mehr wir ans dem Mittelalter heraustreten, die historische Handlung von einer anderen Person aus, und diese Person ist in den meisten Fällen nur ein repräsentirter Begriff, der Staat. Seit der Heirath eines habsburgischen Prinzen mit der Erbtochter von Burgund beherrscht die ganze europäische Geschichte den Gegensatz zweier Mächte, die fortwährend ihre Kräfte messen. Anfangs spielt Spanien seine große Rolle rasch herunter, dann tritt England in Allianz mit den Niederlanden dazwischen, bis sich mittlerweile andere Mächte daneben ansbilden, immer mit einem gewissen Beruf einseitig auf die Wage der politischen Schwerkraft zu drücken. Im Innern bildet sich die Fürstengewalt entschiedener ans; was sich früher nicht unabhängig zu erhalten wußte, wird zu einem Lebcnsvcrhältniß, der Bafall zum Unterthan herabgedrückt. So lange dies nicht ganz vollzogen ist, werden die staatsrechtlichen Verhältnisse besonders wichtig, insofern der Fürst durch sie beschränkt wird, die ganze Kraft des Staates ans seinen Beruf in der Völkergeschichte zu verwenden. Deß­halb ist Ranke so genau in seinen Untersuchungen über den Zustand des StaatSrechts und über die Geldquellen, welche den Fürsten zu Gebote standen, denn danach allein ließ sich die politische Schwere der Körper bei ihrer Reibung berechnen. Gerade in jener Zeit aber, wo die Fürsten dem Höhenpuncte der Souveränetät sich näherten, gibt ihnen das unsichtbare und doch bcgränztc, unbegreifbare und überall handelnde Wesen, der Dtaat, die Vorschriften ihres Handelns. Die Bedürfnisse sei­ner Natur, die Eigenschaften seiner Bestandtheile, seine geographische Lage, seine frühern Erlebnisse werden er­kannt, die Erkenntniß wird der Politik znm Gesetz, und erbt mit dem Thron alö Ueberlieferung auf die Nach­folger. So tritt Karl V. der Reformation in Deutsch­land entgegen, weil er die Allianz des Papstes bedarf, um die Franzosen in Italien zu vertreiben; so unter­stützten französische Könige die Protestanten gegen die

katholischen Bündnisse in Deutschland; so sinnt £ IX., von Coligny angefeuert, wenige Tage vor Bartholomäusnacht auf einen Krieg gegen den kathi schön Philipp. So herrscht zuletzt der Begriff, Staatsgewalten dienen ihm nur, und die Perso, werden zunächst nur in dem Grade wichtig, als sie anvertrauten Kräfte geschickt für die Zwecke benützen.

'(Schluß folgt.)

Deutschland.

U Wiesbaden, 13. Dcc. Aus die von Pe t Breiden von Sessenbach, Herzogs. Justizamts Selt« gegen das Urtheil des Assisenhoss zu Dillenburg in I Untersuchung gegen denselben wegen ausgezeichnet Diebstahls erhobene Nichtigkeitsbeschwerde, hat I Cassationshof im gewöhlichen Sitzungszimmer des - Oberappellationsgerichtes Termin zur öffentlichen V, Handlung der Sache auf Mittwoch den 22. d. 2 Vormittags 9 Uhr anberaumt.

F Eltville, 12. Dec. Heute haben dahier t Ersatzwahlen der Gcmeinderäthe stattgefunden und km man deren Resultat als ein günstiges bezeichnen. - Wie immer, so hat auch diescsmal wieder eine Agit tion zu Gunsten eines demokratischen Individuums ftai gehabt, die aber zurückgewiesen wurde. Unter 6 Ne gewählten befinden sich 2, welche seither schon Mitglied des Gemeinderaths waren, und einer, welcher vor Jahren ausgetreten ist; die übrigen sind neu eingetreter

Von bet nassauischen Grenze, 12. Du (M. I.) Wie uns bei unserer gestrigen Anwesenhc in unserer Nachbarstadt Frankfurt glaubwürdig versiche wurde, soll der hohe Senat derselben nach Ankunft d Jesuiten in Frankfurt bei der Regierung eines Nac! barstaatcs angefragt haben, ob die Jesuiten dasell ebenfalls ohne vorherige Einholung der Erlaubniß h her Regierung die Mission eröffnet hätten, und waS t Regierung in diesem Falle gethan habe. Hierauf ha diese Regierung geantwortet, daß um eine Erlaubn zur Abhaltung der Jefuitenmifsion bet ihr nicht nachc sucht worden sei, daß von Seiten der Jesuiten at auch gar keine Veranlassung gegeben worden, denselb die Abhaltung der Mission zu untersagen. Ob d hohe Senat von Frankfurt bei Anwesenheit des I Hannes Rouge sich ebenfalls so ängstlich gezen und sich wegen seines Verhaltens auswärts Rathes ei holt, haben" wir nicht in Erfahrung bringen könne, (Wir wir von anderer Seite erfahren, wurde Die] originelle Anfrage von Seiten des Frankfurter Senate an das Herzoglich Nassanische Ministerium des Inner gestellt. Die Antwort ertheilte Herr Ministerialpräsiden Faber. Die Red. d. M. I.)

Gotha, 10. Dec. Vor kurzem hat unser Herzo die landesherrliche Sanction znr Errichtung des Peste lozzivereins im hiesigen Lande ertheilt. Die Gründun eines solchen, die Unterstützung und Erziehung vo Lchrerwaisen bezweckenden Vereins wurde bekanntlic auf der thüringischen Lehrerversammlung zu Berka c d. Ilm in Anregung gebracht. Von allen thüringische Staaten ist bereits zusagend auf die Einladung geant wortct worden, welche unsere Landesregierung behuf der Beschickung der hier int künftigen Sommer statt findenden allgemeinen thüringischen Gewerbeansstcllunl an dieselben ' erlassen hat. Gleich befriedigend laute, die Erwiederungen der kgl. preußischen Regierungen zi Erfurt und Merseburg.

Magdeburg, 12. Dcc. Die hiesige freie oder wie sie sich selber nennt, neue christliche Gemeinde, ha in ihrer Gemeindeversammlung am 8. d. M. die Ab sendung einer Eingabe an den Justizminister gutgehei ßen, worin sie beantragt, ihren Mitgliedern den form lichen Eid zu erlassen und dafür zu genehmigen, das eine von ihnen mündlich abgegebene Versicherung die selben rechtlichen Wirkungen habe, die der förmlich, Eid bat. . ,

Berlin, 11. Dec. Der heutigeStaats-Anzeiger^ meldet:Se. königl. Hoheit der Prinz Karl hat ein, sehr gute Nacht gehabt. Der vor acht Tagen angelegt, Verbandapparat wird fortwährend sehr gut ertragen, und da im Zustande dcö hohen Kranken in der näch­sten Zeit keine Veränderungen zu erwarten sind, sc werden für jetzt weitere Bulletins nicht ausgegeben."

Heute ist Graf Thun von Sr. Maj. dem Könige hi Anwesenheit des Herrn Ministerpräsidenten in einer Privatandienz empfangen und hat allerhöchstdemselben seine Accredilive überreicht. Später hatten der Herr Handelsminister und der Herr Pvlizetpräsident Vortrag. Dem Vernehmen nach bezog sich dieser Vortrag auf die jetzt mit Lebhaftigkeit ventilirte Frage, Berltu mit