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Nassauische Allgemeine Zeitung.

TVr SSS. Samstag -eu 11. December 1853

DirSZaif.iuifdic Marmeinc Aeil,i»ft" mit dem belletristische» BeiblattDer Waodirer" erscheint, SonntaqS ausgenommen, täglich und beträgt der Prânumeraiionspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch r den ganzen Um sang deS £lurn< und TarrS'sLe» PerwaltungSbest, IS mit Jnbigrig deS Postansschlags 2 fl für die übrigen»der deS deutsch-ösierreichischen PostoereinS, wie für daS Ausland 2 fl. 24 fr. Inserate werden die »ierspaltige Petitleile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Hanggasse 42, auSwärtS bei den nachstgelkgenen Postämtern, zu machen.

D'Zo rn elis Fiuanzrcform.

Wir geben nachstehend einen Auszug aus der Rede des Schatzkanzlers D'JSraeli, in welcher er seine pro- jectirtc Finanzresorm motivirte. Seine Finanzvorlage, bemerkte er, müsse sich die Freiheit nehmen, Gegenstände von nicht rein finanziellem Charakter in ihren Kreis zu ziehen, denn sie geschehe unter eigenthümlichen Umstän­den; überdies seien erst zwei Driltheile des Finanzjah­res abgtlanfen. Man möge daher nicht staunen, daß er von der herkömmlichen Routine abweiche, und seinen Finanzplan als ein Ganzes betrachten, bevor Man über die Einzelheiten rasch aburtheile. Er wolle zuerst die Ansprüche jener Interessen prüfen, denen daS neuerdings (1846) ciugeführte Handelssystem ihre alten Bürden unerträglich gemacht habe, Schifffahrt, Zuckerplanta­gen. und Landbau. Was die Schifffahrt betreffe, so wolle die Regierung bei den Leuchlfener - Gebühren die passing tolls" (Gebühren, die ein Schiff erlegt, wenn es einen Leucktthurm passirt, ohne in dem dabei befind­lichen Hafen cinzulaüfeu) ganz abschaffeu. Dies würde den Staatsschatz 100,000 Pfund St. jährlich kosten. *) Das höchste anomale System der Lootseugebühren em­pfehle die Regierung der Prüfung eines Comitëe's. Wenn der Matrose eines Kauffahrers zur Kriegsflotte übergebe, sei der Kauffahrer-Capilän jetzt gezwungen, dem Mann seine Löhnung sofort auszuzahlen. Er­schlage vor, daß in Zukunft der Kauffahrer dazu nicht eher verpflichtet sei, als bis er den übrigen Theil sei­ner Mannschaft ablohne, und daß er ein Recht auf Er­satz für den ihm durch die Desertion solcher Matrosen zugefügten Schaden habe. Das Berge-Geld, soweit eS die Gebühren für den einem Kauffahrer durch ein Kriegsschiff geleisteten Beistand bei Schiffbruch, Stran­dung und andern Unfälle betreffe, wolle er abschaffen. In Bezug auf Ankergrund-Rechte sollte kein Kriegsschiff vor einem Kauffahrer den Vorrang haben. Zur Re­form des gegenwärtigen BcmannungSfystcms hoffe die Regierung in Kürze geeignete Maßregeln vorzulegen. Inder Zuckerfrageseien die westindischen Colonien mit Ungerechtigkeit behandelt worden. Die Colonien for­dern, daß die Herabsetzung der Zölle auf ausländischen Zucker nicht weiter gehe, daß man die Zölle auf briti­schen Plantagen - Zucker herabsetze, und daß ein Co- lonials-Anlehen für AuswanderungS- Zwecke und Ver­besserungen garantirt werde. Ferner, daß das Raffini- ren deö unverzollten Zuckers für den heimischen Ver­brauch und die Verwendung von Melasse in Brauereien erlaubt werde und die Zölle auf Rum mit den briti- schen Branntwein-Accisen gleich seien. Was die ersten zwei Punkte betrifft, so gab er statistische Ausweise über den gesteigerten Verbrauch von Colonialzucker in Eng­land,' verglichen mit dem Verbrauch von ausländischem Zucker, wonach keine Differentialzölle nöthig seien, um das Interesse der Colonien zu wahren. Man möge ihn einen Verräther oder Renegaten nennen, aber im An­gesicht der Thatsachen und Ziffern, die er angeführt, frage er, ob ein einziger Gentleman im Hause einen Differential -Zucker-Zoll billigen könne. (Cheers und Lachen auf den Oppositionöbänkeu.) Was den drit­ten Punkt betrifft, so hat die Regierung bereits die chinesische Auswanderung nach Trinidad unterstützt. In

*) In England lasten die zue Erhaltung der Leuchtfeuer erhobenen Gebühren auf der englischen Schifffahrt. Zu America dagegen werden die americanischen Leuchtfeuer aus dem öffent­lichen Beutel bezahlt. So will man es jetzt auch in England haben und erwartet Abhülfe und Gerechtigkeit vom Parlament. Der Betrag der eingekommenen Lenchtfeuergelder belief sich im Jahr 1848 auf 356,905 Pf. St. Dazu zahlten die Schiffe des vereinigten Königreichs allein 301,181 Pf. St. und fremde Schiffe nur 48,723 Pf. St. Zn dem genannten Jahr ward in England an Lcucytfeucrgctd die Summe von 356,905 Pf. St. eingenommen und nur 131,029 auf die Erhaltung der Leuchtfeuer verwendet. Die Bilanz auf Kosten der Schifffahrt betrug also 225.876 Pf. St. Die Kosten an Küstenfeuern im vereinigten Königreich waren 2'/,mal und die an Feuerschiffen über 2mal so viel als in America. Aach Capt. Washingtons Angabe kostete jedes Küstenfeuer in England damals 504 Pf St. und in America 202 Pf. St., und jedes schwimmende Feuer in England 1316 Pf. St. und in America 636 Pf. St., also ersteren 302 Pf. St. und letzteres 680 Pf. St. mehr als in America. Würden die 150 Feuer, die 1843 in England waren, so ökonomisch erhalten als die in den Bereinigten Staaten, so kosteten sic statt 131,029 Pf. St. nur 41,150 Pf. St. das Jahr, oder da die americauischen, obgleich sie sehr gut sind, den englischen nicht völlig gleich sind, wollen wir statt der 41,150 Pf. St. 50,000 Pf. St. setzen, und cs ergiebt sich, daß für schlechte Verwaltung 81,029 Pf. St. zu v el bezahlt wurden. Es kamen 356,905 Pf. St. ein, die Feuer ^sttteu 50,000 Pf St. kosten sollen, allo wurden 306,905 Pf. St. zu viel bezahlt. Ueber 300,000 Pf. St. im Jahr mehr erhoben als ausgelegt, das ist allerdings ein Gegenstand, dessen Erör­terung das englische Parlament sich nicht entziehen darf.

dem vierten Punkte sei die Regierung gewillt, trotz mancher finanziellen Rücksichten, dem Begehren der Co­lonien nachzugeben, so daß der raffinirte und nicht der rohe Zucker verzollt würde. Die anderen Punkte be­halte er einer späteren Betrachtnahme vor.

Die Lasten des Landbanes anlangcnd, die hauptsäch­lich in den Chaussee- und Grafschaftsabgaben und in der Armenstcucr bestehen, hat die Regierung eine bald vor- zulegeude Bill mit Bezug auf die Chausseen auSgear- beitet, In die Erhebung der Grafschafts-Abgaben will die Regierung gern daS Repräscntativ-Princip cinführen, obgleich Gefängniß- und Irrenhaus-Erhaltung die Frage verwickeln dürften. An eine finanzielle Aenderung in Sachen der Grasschastsabgaben, die jährlich 600,000 Pf. St. machen, könne nicht gedacht werden. Was end­lich die größte Last die Armeusteucr anlaugt, so erinnerte er an die bedeutende Redaction (25%), die in dieser Abgabe eingetreteu ist, seit er 1849 über die­sen Gegenstand zum Hause sprach. (Cheers und Lachen auf den Oppositionsbänken.) Im Ganzen glaube er au die Wohlfahrt des Landes und hoffe eine fortdau­ernde Abnahme des Pauperismus. Aber ohne eine Aenderung in den localen Abgaben des Landes zu em­pfehlen , verfolge er doch das leitende Princip, jedem bedrängten Interesse wesentliche Abhilfe zu bringen. ^Unbeschränkte Concurrenz sei eine Jnconsequcnz, wenn sie mit einer beschränkten GcwerbSthätlgkcit gepaart werde. Wenn das Volk den Concurrenzkampf bestehen solle, müsse die Regierung alle Hauptbedürfnisse des Lebens und Arbeitens wohlfeiler zu machen suchen. Daher solle die Malzsteuer vom 10. Cctbr. nächsten Jahres an auf die Hälfte herabgesetzt werden. (Sie beträgt jetzt 2s. 7%d. per BuShel und bringt im Durchschnitt 5,000,000 Pfd. jährlich.) Ferner soll die Thee-Steuer, welche jetzt 2s. 2*/3d. per Pfund beträgt, ohne Unterschied der im- portüten Thcegattung, auf 1 8. herabgesetzt werden (Bei­fall), jedoch in allmäliger Abstufung von 6 Jahren (Murren), so daß im ersten Jahre 4% d. nachgelassen würden (nach seiner Berechnung den Verbrauch um 3,000,000 Pf. vermehren würde), und in jedem der nachfolgenden 5 Jahre 2 d. Von der Hopfensteuer, die aus zwei verschiedenen, aber gleich großen Abgaben be­steht, soll die letztere, unter dem NamenKriegssteuer" bekannt, wegfallen. Ermuthigt wurde er zu diesen Vor­schlägen durch den Gedanken, daß, trotz der Auswande­rung, die eine offenbare Schwächung des Mutterlandes sei, die ConsumtionSkraft des Volkes nicht abgenommen habe, denn dieselbe hänge weniger von der Zahl, als den Vermvgensumstäudcn der Bevölkerung ab. Das Steigen des Arbeitslohnes könne er für kein schlimmes Symptom halten, da die Arbeitgeber ihr Betriebs­capital zu niedrigeren Zinsen, als jemals, auftreiben können; denn vorzugsweise die entdeckten Goldländer seien es, denen der englische Credit seinen Aufschwung und seine Befestigung zu verdanken habe. Es handle sich nun darum, den durch die angeführten Ermäßi­gungen zu erwartenden Ausfall in den Einnahmen zwischen 3 und 4 Millionen Pf. zu decken. Zu dicsm Zweck schlage die Regierung eine Umwandlung der ohnehin binnen wenigen Monaten erlöschenden Ein­kommen - und Vermögenssteuer (Ertrag: 5 Mill. Pf') vor. Die Steuer soll auf Gehalte und fündirtees Ver­mögen in Irland ausgedehnt, dabei jedoch der Unter­schied zwischen gesichertem Besitz und unsicherem Ge- webscrtrag im Auge behaltnu werden. Es soll jedes gewerbliche Einkommen unter 100 Pf. und jedes ge­sicherte oder Besitzeinkommen unter 50 Pf. steuerfrei sein, und während die Vermögenssteuer auf ihrer jetzi­gen Höhe von 7 d. per 1 Pf. bliebe, solle die Ein­kommensteuer auf 5% d. per 1 Pf. herabsinken. Da jedoch die Verstärkung der Flotte nebst andern Maß­regeln zur Vertheidigung des Landes im nächsten Jahre eine Ansgaben-Erhöhung von 600,000 Pf. verursachen werde, so schlage er dazu die Verwendung dcS Ueber- schusses vor, den er am 5. April nachweisen zu koii- neu hoffte und den er auf 1% Mill, anschlage; die Abschaffung der überflüssigen und kostspieligen Anlehcu- Fouds-Commission und eine Ausdehnung der Hanssteuer Auch hier wolle er dasselbe Princip wie bei der Ein­kommensteuer auwenden: ungerechte Ausnahmen mög­lichst vermeiden und billige Unterschiede macken. Die gegenwärtige Steuer soll auf Häuser von 10 Pf. Rente ausgedehnt und auf 1 s. 6 d. per Pf. Rente von Wohn­häusern nud auf 1 s. von Kauf- und Kramladen erhöht werden. Dann werde die Haussteuer 1,723,000 Ps. jährl. bringen. Auf solche Weise, berechnete der Schatz- kanzler, wird die Regierung im Finanzjahr 1853 54 2,500,000 Pf. in der Hand haben, um die Extraaus­

gaben von 2,100,000 Pf. bestreiten zu können. Im Finanzjahr 185455 werde, bei allen Verlusten durch Zollermäßignugeu, durch Ueberschuß vom vorhergegan- genen Jahre und als Ertrag der Haussteuer, die dann in voller Thätigkeit sein wird, der Staat eine Summe von ungefähr 3,510,000 Pf. verfügbar haben, kurz, der Ueberschuß wird im ersten Jahre die Ziffer von 400,000 Pf. und im zweiten die Höhe von beinahe 500,000 Pf. erreichen. ( Theilweise Cheers.)

Deullchkand.

ch Wiesbaden, 11. Dcc. Dem Vernehmen nach hat das Directorium unseres landwirthschaitlichen Ver­eins dem Pfarrer Petmecky zu Ransbach im Amte Wied-Selters folgendes Schreiben zugehen lassen:Mit besonderem Wohlgefallen haben wir von dem Bestreben Ew. Hochehrwürden Kenntniß genommen durch Aus­führung cines größeren Drainiruugsversuches in land-- wirthschaftlicher Beziehung für die dortige Umgebung ein Muster deS Fortschrittes zu geben. Solche Bei­spiele des thatsächlickcn Voranschreitens ausgehend von Männer, deren amtliche Stellung ein gewisses Vertrauen und die Neigung zur Nachahmung erweckt, können ihren .guten Zweck nicht verfehlen. Mit Vergnügen verneh­men wir, daß die Landleute in dortiger Gegend, die von Ihnen veranlaßten Anlagen während der Ausfüh­rung mit Aufmerksamkeit verfolgt Md sich theilweise schon jetzt, ohne den Erfolg abzuwarten, zur Nachah­mung entschlossen haben. Genehmigen Ew. Hochehr- würdcn daher von hier aus die Versickerung der freund- schaitlicksten Anerkennung Ihrer Verdienste rc."

* Wiesbaden, 11. Dcc. Nach demMainzer Journal" hat sich gestern hier das Gerücht verbeitet, es sei preußischerseits die Bewilligung zum Bau resp, zur Fortführung der Westerwälder Bahn dem General Nicllon ertheilt worden. Wir können auf das Be­stimmteste versichern, daß nicht nur die obenerwähnte Bewilligung noch nicht ertheilt worden ist, sondern auch daß ein solches ®erüd t hier gar nicht bestanden hat.

Von der Mainlinie, 9. Dec. Seit Kur­zem Ist, in vsscutlicheu BiWw Mrij^m^ den, Oesterreich gehe damit um, seinen Tarif neuer­dings zu modificiren. Uns erscheint dies als sehr wahr­scheinlich, und wir halten dafür, daß ein solcher Schritt, nicht bloß wirthschaftlich für Oesterreich selbst, sondern auch politisch für dessen Pläne in Bezug aus Zolleini- gung mit Deutschland, gut berechnet sein würde. Der erstere Punct bedarf nicht erst der Erörterung, und auch der zweite liegt, unseres Erachtens, ziemlich klar vor. Denn erstlich bildet der jetzige Tarif Oesterreichs, wenn gleich bereits eine Modfication, gegen den früheren, in sich tragend, noch immer einen zu bedeutenden Con- trast jgegen Das, was ein wesentlicher Theil Deutsch­lands , und besonders der für dessen Handel so äußerst wichtige Norden handelspolitisch will und wünscht, als daß da an eine Verständigung und Einigung nur ent­fernt zu denken wäre. Sodann ist zu erwägen , daß Preußen, wenn gleich cs kein festes handelspolitisches Programm für die Zukunft bis jetzt aufstellte, doch augenscheinlich seit einiger Zeit dahin tendirt, sich der Richtung des Nordens zu nähern, und sich davon durch­aus nicht mehr wird ganz zurückziehen können, wohl aber sehr leicht zu entscheidenden Schritten der Art ge­führt werden kann. Endlich darf nicht außer Acht ge­lassen werden, daß auch in anderen Ländern eine frei­sinnigere Handelspolitik sich mehr und mehr jetzt Bahn bricht, und kann cs unmöglich im Interesse Deutsch­lands liegen, dagegen ganz zurückbleiben, nicht mitgehen und folgen zu wollen. In England hat das Schutz­system so eben seinen letzten Halt verloren und der Freihandel nunmehr vollständig obgefiegt. (?) Holland ist aus dieser Bahn bereits ziemlich nachgefolgt, und in Belgien bereitet sich jetzt ein Achnliches vor. Spanien fährt mit Modificationen seines Tarifs fleißig fort. Selbst Frankreich hat durch den England vorgeschlage- uen Handelsvertrag bereits eine entschiedene, dahin ge­hende Neigung an den Tag gelegt, und in America darf man mit Sicherheit bald einen neuen weiteren Schritt in dieser Richtung erwarten. Es erklärt sich von selbst, daß duchr alles Dieses der Norden Deutsch­lands um so mehr noch bestimmen wird, an seinen han­delspolitischen Ansichten und Grundsätzen festzuhalten, und daß, so lange man ihm nichts Entgegenkommendes von Erheblichkeit bietet, die Aussicht auf eine handels­politische Verständigung Deurschlands völlig illusorisch bleiben muß. Wir glauben über diesen Punkt ziemlich gut unterrichtet zu sein, besser, als so manche Andere, die seit einiger Zeit die Lage der Dinge anders dar-