Nassauische Allgemeine Zeitung.
2Vr 298, Mittwoch den 24. Uooembcr 1852
Dir „Naffams^e 'Allgemeine ^kttnnq" mit bem belletristifdien ®eibtatt „Der Waiwerrr" erfdietnt, Sonntags ausgenommen, lUqliÄ unt beträgt der PränumerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen ^oftreßulati» nunmehr auch fr den ganten Umfang deS £burn* und Iaxi8’f*en menvaltungâbeurtd mit Inbegriff des Postaufschlaqs 2 fl., für die übrigen tauber des deu!sck-österrei»iscken Postdereins, wie für das Ausland 2 fl. 24 fr. — Inserate werden die veerspalliK« yetitieile ober bereit Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, ilanggaffe 42, auSmättS bei den nâchstgelegeneu Postämtern, zu machen.
-^- 3uö den „Driesen über Staatskunst
bringen wir nachstehend noch folgende interessante Stellen. Der Verfasser dieser Briefe richtet die Frage an sich: Worauf kommt es jetzt an? Seine Antwort auf diese Frage lautet: Zunächst auf Auslegung der Rechte und Sitte verwirrenden Afterschöpfungen der Revolution, den vulgären Coustitntionalismus an der Spitze!
Die ist aber nicht vollbracht mit Aenderungen von Verfassuugsparagraphen, auch nicht mit Beseitigung des ganzen Constitutionsgesetzes.
Unter den Flügeln des Letzteren ist eine ganze Brut von Gesetzen hcrvorgekrochcn, welche den revolutionären Geist ansathmen, der namentlich in der Frankfurter Paulökirche emporgährte. Werden diese nicht ebenfalls, n i ch t s o b a l d 'a l s m ö g l i ch b e s e i t i g l, so wird von ihrer Aussaat eine Erndte kommen, die jeder künftigen abermaligen Reaction das Feld verbieten dürfte.
Wir haben Ge m e i n d c o r d u nn g e u in Deutsch, land entstehen sehen, an deren Stirn, trotz der französischen Revolutionshorte, die Inschrift: liberlé, égalité, fraternilé prangen konnte, und deren Einrichtungen wahre Erziehungsanstalten und Pflege. Häuser der Revolution gründen. (Ob der Briefsteller auch die Nassauische Gemeindeordnung von 1848 kennt?) Andere Gesetze haben so frech und unsittlich in daö Privatrecht hineingegrifsen, daß man sie ohne gründlichen Min des Boltögeistes gar nicht bestehen lassen kann. So richtet das neue Gesetz über die Jagdberaubung mehr Schaden an in dieser Beziehung, als alles Wild und alle Jagden je den Aeckeru der Bauern zugcfügt haben. (Was würde der Berliner erst zu unserm Z e h u t b e r a u b u n g s g e s e tz sagen, wenn er das Glück hätte, dasselbe näher zu kennen?)
Warum fährt man so säuberlich mit diesen Schooß- kindern und Pflänzlingen der Revolution, selbst da, wo man ihre Rechtlosigkeit und Verderblichkeit gar nicht mehr bezweifelt?
Man beobachte doch einmal unbefangen das Volk! Es hat angefangen zu begreifen, daß die Aufrechthaltung des wahren Rechtes durch die landeSfürstliche Gewalt ein unsäglich größeres Gut ist, als aller constitutionelle Formalismus , als alle unrechtmäßige Zueignung von Rechten und Vortheilen, und daß cs eine große Lüge ist, wenn die D octrinäre ihm aufschwatzten, es mache Gesetze mit, es regiere mit, wenn es ihnen dieß Geschäft in den Kammern übertrage, und in diesem Gesetzemachen und Mitregieren bestehe eben die Freiheit!
Es ist eine große Täuschung, wenn man die Decla- matioucn der Doctrinäre und ihres Anhangs in Kammern und Zeitungen für daS hält, wofür sie sich ansgeben: für die Stimme des Volks. Während Jene theils jammernd, theils ergrimmt rufen, man schneide der Freiheit in's Fleisch, begrüßt das von ihrem Tau- melwcine sich entnüchternde Volk bereits jeden Act rechtmäßiger Reaction mit innerer Zufriedenheit Und je entschiedener im Geiste dieser Reaction gegen alle Reste der Revolution vorgeschritten wird, desto mehr ermannen sich dicBesseren und Guten zu gleichemKa mpf und Beistand in ihrem Kreise. Denn Muth steckt an, Muth weckt Muth, und rastet nicht, er werde denn zur That.
Und doch, waS helfen Muth und That an oberster Stelle, wenn die vermittelnden Organe versagen? Natürlich meine ich damit die Beamten, welchen denn doch die Ausführung im Geiste der Regierung zufällt. Leider sitzen die liberal istischen Doc tri neu nirgends fester, und sind nirgends fruchtbarer gehegt und gepflanzt worden, als unter Den Beamtenschaften. — Wie könnte es auch anders sein? Auf den bis zur Abgötterei gepriesenen deutschen Schulen höherer und niederer Ordnung — ihrem thatsächlichen Resultate nach hauptsächlich Beamten - Dresstr - Anstalten — behauptet schon seit einem halben Jahrhundert der flache Liberalismus auf politischem, und der mit ihm innig verwandte, eben so dürre Rationalismus, d. h. die Verachtung des positiven Christenthums, auf kirchlichem Gebiete eine fast unbestrittene Herrschaft. Die Frucht aber pflegt der Aussaat zu entsprechen. Daher die theils offene theils heimlich genährte Sympathie der Mehrzahl der Beamten für die Revolution; daher das Hätscheln, Schonen und Vorschubleisten der Freigemeind- lerei und des Deutschkatholicismus, gleich bei ihrem Auftauchen von Seiten der mit so gebildeten Beamten gesetzten Behörde»; daher deren Feindseligkeit und Tücke
gegen die christliche Kirche, wenn diese es wagt, sich in der ihr nach göttlichem und menschlichem Rechte zuste- ■ henden Selbstständigkeit zu bewegen! — Haben aber denn die Beamten auch nicht eine Art Beruf, wenigstens Erlaubniß zum Revolutionmachen, seit sie ans königlichen, herzoglichen, kurz landesfürstlichen - Dienern in Staatsdiener und Staatsbeamte verwandelt worden sind? Diese so ganz allmälig und unscheinbar vor sich gegangene Metamorphose ist, wo nicht die Mutter, doch die Hebamme dessen gewesen, was man jetzt Bü- reaukratie, Slaatsdienerherrschaft, Beamtensouveränität nennt, oder wie man sonst diese Aufzehrung aller Autorität in die der Beamten nennen will, welche zum Theil die Revolution mitverschuldet hat.
Nicht leicht hat ein theoretischer Begriff so viel praktische Verwirrung bereitet als der des „Staats".
Vor der Allgegenwart und Allmacht des „Staates", vor dieser letzten und einzigen Autorität verschwanden allmälig alle concrcten Autoritäten, die landesherrliche, die kirchliche, die alten Stände, die Corporationen u. s. w. Da sich aber Seine abstracte Majestät, der Staat, ohne concrcten Autoritäten doch nicht geltend machen konnte, so mußten überall an Stelle der alten Autoritäten Beamte gesetzt werden, die ihn vertraten, und nicht allein bald fühlten, daß sie in ihrem Amte etwas weit Höheres als den Lanbcsfürsten, nämlich „den Staat und die Staatsgewalt" repräsentirten; sondern auch bemerken mußten, daß sie einem Herrn gegenüber von so unbestimmter, biegsamer und handlicher Natur sich um Vieles unabhängiger fanden, als gegenüber ihrem sehr concrcten Landesherrn. Um dieser er- höhtcren und angenehmen Stellung einen Ausdruck und den Ausgangspunkt einer Sicherstellung zu geben, legten sich um die ehedem lan d e s fü r stl i ch e n Diener nun allmälig den Namen Staats diener bei. Die Fürsten, welche aus politischem Rationalismus, oder aus Interesse dem Neuen Baal geopfert hatten, oder auöJudiffe- rentismus diese Metamorphose hatten ruhig sich entwickeln lassen, standen plötzlich waffenlos vor den Conse- queuzcn per Theorie. Di es e siegteI Die 'Beamtenschaft mußte doch nöthigeufalls im Interesse des „Staats" und der „Staatsidee" auch gegen den Landesfürsten Opposition machen können. Da kam der Beamtenschaft der vulgäre Constitutionalismus noch zu Hülfe, der mit ihm nicht allein den Ursprung, die Doctrin vom ab- stracten „Staate", sondern auch das Ziel: die Ent- selbstigung der landesfürstlichen Macht, gemein hatte. Das verband Beide.
Bei der Herstellung der coustitutionalistischen Verfassungen wurden die „Staatsdiener" nicht nur die Haupfactoren, sondern theils durch diese, theils durch besondere „Staatsdienstgesetze" verschafften sich nun auch die gesuchte Garantie ihrer Stellung, unter deren Schutz sich dann die Beamten -Souveränität bestens ausbildete. Ein äußerst lehrreiches Beispiel gibt hierfür die k n r h e s f i s ch e Staatsbeamtenschaft bis 1851.
(Schluß folgt.)
Deutschland.
A Montabaur , 21. Nov. Einem recht fühlbaren Mangel für unsere Stadt und Umgegend ist abgeholfen; wir erhalten, nach einer hier eingegangenen Ministerialresolution von jetzt ab einen Fruchtmarkt. Man wird diesen neuen Beweis der Fürsorge für unsere Stadt dankbar anerkennen. Wer seither seine Früchte zum Markte bringen wollte, der mußte nach Hadamar oder Diez fahren; für unsere Ortschaften und die des Amtes Wallmerod immerhin ein Weg von 3—4 Stunden und darüber. Hier kauften dann die Müller, Bäcker und Händler die Frucht, um sie auf demselben Wege wieder zurückzubringen. Das nutzlose Hin - und Herfahren und die damit verbundenen Geldausgaben sind nicht mehr nöthig. Gewiß ist, daß unser Markt, wenn auch nicht gleich, dann doch mit der Zeit, wenn keine besondere Hemmnisse in den Weg kommen, bedeutend wird. Man behaupte nicht, daß die in der nahen I Umgegend probucirten Früchte nicht marktfähig seien; cö wächst hier sehr gutes Korn; der Weizen ist nicht schlecht; Hafer und Gerste aber sind sehr gut und das nahe Koblenz wird auch künftig, selbst für den Fall, daß die früheren Zollschranken sich wieder erheben sollten, unsere Futterfrüchte und manches Andere nicht entbehren wollen und können. Preußen kaun, in seinem eignen Interesse liegt das, die Zollschranken nicht errichten wollen. Von hiesiger Gegend aus gehen vor- zngsweise Eier, Butter, Fleisch (fèltcs Vieh), aber eben so gut als vor dem Jahre 1835 dahin ab und wenn auch daS Paar Ochsen bei der Einfuhr mit einigen Thalern
Steuer belegt wird, so verwandeln sich die Fleischesser am Rbeine deßhalb auch nicht in bloße Kräuteresser; der westerwälder Bauer fordert nach wie vor seine 120 —150 Thaler für seine fette Ochsen und erhält sie. Eben so ist's mit den andern Dingen. Kurz, was wir nach Preußen senden, das muß man dorten haben und wird es kaufen, ob's auch etwas theurer ist. Also der Nachtheil, den die gar nicht zu befürchtenden Zollschranken speciell unserer Gegend bringen sollen, ist nicht so groß, als man von gewissen Seiten auch hier glauben machen möchte. Allgemein freut sich deßhalb auch jeder Einsichtige und Vernünftige über die Erweiterung des Zollgebietes über Oesterreich und seine großen Länderstrecken. Das hält natürlicherweise die Demokraten, die ehemaligen Feinde Preußens, nicht ab, nach einer Veramalgamiküng mit Preußen und seinem nach Freihandel schmachtenden Hinterpommerschen Junker'thume eben so zu schreien, wie weiland die Juden nach den Fleischtöpfen Aegyptens Und es sollte mich sehr wundern, wenn nicht auch eine Adresse oder so ein Petitlöncheu in diesem Sinne vom Stappel gelassen würde, zumal sich gewisse Leute in dieser Richtung sehr thätig zeigen sollen. Die Regierung wird aber auf solche Petitionen schwerlich etwas geben, da man ihre Patrone kennt und auch weiß, daß dieselben bei Verfolgung ihrer Parteizwecke das eigentliche Interesse des Landes nicht im Auge haben; denn hätten sie das,'so müßten sie etwa so sagen: Sollte auch Preußen die früheren Zollschranken wieder errichten, so ist es wohl zu bedauern; aber im Osten werden Zollschranken fallen und damit sich Länder für unseren Absatz öffnen, deren Concurrenz wir nicht zu fürchten brauchen; sie würden auch sagen, daß seit dem Zollvereine allein auf dem Pfunde Kaffee, der Nahrung, deS armen Mannes, 22 Pfennige Eingangszoll liegen daß Preußen, namentlich Rheinpreußen, einen bedeutenden Absatz nach Nassau, nach Süd- und Südostdeutschlaud hat, daß 7t o aller hierherkommenden Geschäftsreisenden für Rechnung preußischer Häuser reisen, und daß speciell hier in Montabaur gar manches Geschäft seit dem Zollvereine sehr gelitten hat. Allerdings wird, wenn Preußen hartnäckig in seiner Sonderstellung beharren und seine Zollschranken wieder errichten sollte, für den Anfang und für Einzelne manche Unbequemlichkeit entstehen; allein der Einzelne ist eben nicht der Ganze und Letzteres muß das Gouvernement im Auge behalten. Der verständige Theil billigt das Vorgehen der Regierung vollständig; dennoch sind Petitionen um Vereinigung mit Preußen um jeden Preis nicht unmöglich ; hat man doch auch im Jahre 1848, schmählichen Andenkens, um allem möglichen Unsinn petitionirt und Unterschriften genug erhalten. Die Regierung gibt auf solche Petitionen nichts mehr.
t Aus dem Rheingau, 20. Nov. So schlecht auch die Witterung jetzt ist, so haben doch die schönen Sonnentage, welche der Anfang des Novembers uns brachte, dem Wein noch sehr gut gethan, und gezeigt, wie klug jene Weinbergbesitzer gethan haben, die mit dem Einherbsten nicht so sehr geeilt haben. Der Wein von diesen Gütern hat viel gewonnen. Da der Herbst im ganzen Rheingau nun zu Ende ist; so läßt sich auch das Ergebniß der heurigen Crescenz übersehen. Die Quantität hat im Ganzen durch den Hagelschlag gelitten; jene Gemarkungen, die verschont blieben, liefern einen Wein, der auch an Quantität der Crescenz vom Jahr 1848 gleichkommt, die Qualität wird durch die diesjährige beinahe überall erreicht. Diese Güte und der Umstand, daß die vorjährigen Weine ganz vergriffen sind, sichern dem Erzeugnisse dieses Jahres einen annehmbaren Preis und eine nicht unbedeutende Concurrenz von Kauflustigen. Zu Lorch und Lorchhausen ist so zu sagen Alles verkauft, was eben, wie fast alljährig, von vielen unbemittelten Gutsbesitzern verkauft wird, und zwar zu den Preisen von 28, 30 und 35 fl. per Obm. Zu Asmanshausen wurde die Ohm zu 25 bis 30 fl. abgegeben, natürlich Weißwein. Das Viertel Rothwein dagegen kostet daselbst 2 fl. 30 kr. bis 3 fl. In Rübkshcim ist noch wenig Nachfrage, wurde jedoch von dieser Crescenz die Ohm zu 30, auch 35 fl. ab- gesetzt. Uebrigeus würden unsere Producenten wohl daran thun, bis jetzt noch keinen Verkauf eiuzugehen, da voraussichtlich der Diesjährige Wein erst später seine rechte Würdigung findet und behauptet. Dieses scheinen unsere Winzer auch selbst begriffen zu haben, weßhalb man fest entschlossen ist, sich, wo dies die Verhältnisse erlauben, allen VcrwerthcnS im Herbste zu enthalten, zumal der allerwärtö thätigen Speculation hinsichts der Quantität kein weites Feld geboten wird.