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Nassauische Allgemeine Zeitung.
â SA^. DicilSag 6ra 23. Usiiember 18S3
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MeUiugton's Leicheufeier.
* England versteht cs besser, seine Todten als seine Lebenden zu ehren. Nie zeigte sich dies auffälliger, als bei dem Herzoge von Wellington, der einst vor der Wuth des Pöbels flüchten mußte, und jetzt eine ganze Nation unter den Leidtragenden um seinen Sarg versammelt. Die Ausfälle des Unterhausmitgliedes Carter gegen den eitlen Begräbnißpomp, der den Todten nicht ehre und den Lebenden nichts nütze, wohl aber an gottlose Uebertreibung und beidnischen Götzendienst streife; die Leichtfertigkeit, mit welcher Diöracli sich seiner Amtspflicht entledigte, die es ihm auferlegt, eine Denk rede auf den Verstorbenen zu halten, verschwinden in Nichts, gegen die großartige Huldigung, welche das englische Volk dem Andenken des großen Todten geweiht gegen den Pomp der Leichenfeier, mit welchem seine sterblichen Ueberreste (am 18. November) nach der Paulskirche gebracht wurden.
Die Gruft hat sich über ihnen geschlossen; der „eiserne Herzog" ruht nun an der Seite Nelson 's und das Buch der Paulskirche zählt einen der steinernen Buchstaben mehr, mit denen das englische Volk seine Geschichte schreibt.
Einer der herrlichsten Herbsttage hatte die Feier begünstigt, ihr Eindruck war ein äußerst großartiger.
Der in einer Länge von drei (eugl.) Meilen langsam vorwärts wogende Traucrzng hatte sich schon um 8 Uhr Morgens, nachdem das Abfeuern von siebenzehn Geschützen , das Signal zum Ausbruch gegeben, in Be- wegung gesetzt und erreichte sein Ziel nichts desto weniger erst nach 11 Uhr. Kurz vor 3 Uhr Nachmittags war die Feierlichkeit zu Ende. Die Ordnung des Zuges war im Wesentlichen die folgende: Den Anfang des Zuges bildeten 6 Bataillone Infanterie , welchen sich eine Abtheilung Artillerie mit 9 Feldgeschützen , 5 Schwadronen Eavallerie, reitende Artillerie mit 8 Geschützen und Fuß-Artillerie mit 17 Geschützen anschlossen. Dann folgten Marschälle zu Fuß, 8 Zugordner mit Stäben, gleichfalls zu Fuß, 83 Invaliden aus Ehestea; sodann aus jedem britischen Megimeute ein Soldat, drei Artilleristen und drei Infanteristen aus dem Heere der ostindischen Gesellschaft, die drei indischen Präsidentschaften vertretend. 13 Trompeten und Pauken, 2 Wappenheroide in einem Trauerwagen, die kleine Standarte, getragen von einem Oberstlieutenant und geleitet von zwei Hauptleuten zu Pferde, Diener des Verstorbenen in einer Trauerkutsche, Lieutenant und Unter-Lieutenant des Tower in einem Wagen, Deputationen öffentlicher Körperschaften in Wagen, die Standarte „Guidon", getragen von einem Oberst-Lieutenant und geleitet von zwei berittenen Hauptleuten, Aerzte des Verstorbenen in einer Trauerkutsche, drei Capläne (des Heeres) in einer Trauerkutsche, der Hoch -Sheriff der Grafschaft Southampton, die Sheriffs von London in zwei Wagen, die Aldermen und der Recorder von London, der Militär-Secrctär, Mitglieder, Commandeure und Großkreuze deS Bath-Ordens, daS Banner Wel- leslcy's, die hohen richterlichen Beamten und die Minister, der Erzbischof von Jork und Canterbury, eine Anzahl hoher Militär-Beamten zu Pferde, Prinz Albert in einem sechsspännigen Wagen und das pnnzliche Gefolge in zwei sechsspännigen Wagen, Herolde in einer Trauerkutsche, Musikcorps der berittenen Garden, bas große Banner, die Feldmarschalls-Stäbe vom Auslande, der spanische getragen von dem General-Major Herzog von Osuna, der russische getragen von dem General Fürsten Gortschakoff, der preußische getragen von dem General Grafen Nostitz, der portugiesische getragen von dem Marschall Herzog von Terccira, der niederländische getragen von General Lieutenant Baron b'Omphal, der Hannover'jche getragen von General Halkett und der englische getragen von dem Marquis von Anglesey, die HcrzogSkrone getragen von dem Wappenkönige Clarcn- ceux, der Leichenwagen, begleitet von 8 Generalen, welche die Zipfel des Leichentuches trugen, der Hauptleidtragende in einem Trauermantel, begleitet von den j Obersten Lord Charles Wellesley, Gerard Wellesley und William Wellesley, der Marquis von Salisbury und der Marquis von Tweeddale als Mit-Leidtragende, Verwandte und Freunde des Verstorbenen, das Pferd des Herzogs, von seinem Reitknecht geführt, Privat Wagen des Verstorbenen und des Haupt-Leidtragenden, Musik- banden, Soldaten, Untcrossiclere und Ofstciere aus allen Regimentern, Musikcorps eines hochländischen Regiments, der Wagen Ihrer Majestät der Königin, zwei Wagen, daS Gefolge der Königin repräsentirend, die Wagen der Herzogin von Gloce'ster, des Herzogs von Kent und
der Herzogin von Cambridge. Eine Truppcnabthcilung schloß den Zug.
Eine ungeheuere Volksmenge füllte die weiten Räume, durch welche der Zug sich bewegte; viele hatten die ganze Nacht trotz heftigen Regens auf den Straßen zugebracht, um sich einen Platz zu sichern. Die Zahl der zur Leichenfeier aus der Pro.-uz (gingetroffenen wird auf anderthalb Millionen angegeben, jene der Zuschauer überhaupt auf nnhr als zwei Millionen. Trotz dieser ungeheuren Menschenmenge und dem unvermeidlichen Gedränge verlautet bis jetzt nur von zwei Unglücks- fällen (darunter einem Todesfall), die sich bei Gelegenheit des Leichenbegängnisses zugetragen haben. Dis zu dem Zeitpunkte wo der Trauerzug am Eingänge der City anlangte, hatte die'Polizei allein in dec humansten und wirklich musterhaftesten Weise die Ordnung erhalten. Die ungeheure, züsammengekeilte Menschenmenge wußte sehr wohl, daß durch die leiseste Unordnung namenloses Unglück geschehen könne; jeder Einzelne war daher bemüht, zur Erhaltung der Ordnung beizutragen, es herrschte ein Anstand unter den Massen, der bewunderungswürdig war. Vom City-Thor bis zu St. Pauls verengen sich die Straßen; auf dieser Linie war zur Sicherheit des Publicums das Trottoir zu beiden Seiten durch starke Barrieren vom Fahrwege abgeschlossen; die City-Policei hatte ihrer eigenen Kraft nicht getraut, und um Militär-Verstärkung nachgesucht; doch war diese ziemlich überflüssig. Die Massen waren hier ans Fabelhafte zusammengedrängt; doch war nicht die geringste Unordnung zu beklagen. Im „Strand" allein mögen, als sich der Zug durch diese Straße hindurchbewegte, an 200/000 Sitzplätze gefüllt gewesen sein. Die Clubhäuser in Pall-Mall und den anliegenden Ocrllichkciten waren schwarz verhängt. Sämmtliche am Zug theil- nehmenden Soldaten marschirten mit umgewandten Musketen. Den Oberbefehl über dieselben führte der Herzog von Cambridge. Alle Häupter entblösten sich, als man des Leichenwagens ansichtig wurde. Derselbe war von 12 mit silbergesticktem Sammt behängten Pferden gezogen (je 4 nebeneinander); er ist ganz aus Bronze gegossen, ruht aus 6 massiven- Rädern von kunstvoller Arbeit und trug oberhalb des reichen Untergestelles eine Reihe vergoldeter Schilder mit den Inschriften der vom Herzoge erfochtenen Siege; außerdem Waffeu-Trophäen, Lanzenbündel, heraldische Embleme; auf ihm ruhte der Sarg mit einem kostbar gestickten Leichentuche; auf diesem des Herzogs Schwert und Hut; über dem Ganzen, ein leichter Baldachin, von Hellebarden getragen. Dieser Riesentrauerwagcn ist 27 Fuß lang, 10 Fuß breit, 17 Fuß hoch und wiegt 200 bis 220 Centner. Als die Heerschaar der Trauernden bei Buckingham Palace vorbeizog, erschien die Königin, begleitet von den königlichen Kindern und den jungen belgischen Prinzen, auf dem Altan und verweilte daselbst, bis der Zug vorüber war. Auf dem Kirchhof von St. Paul waren 6 Compagnien der Garde - Genadiere aufgestellt und empfingen den Leichenwagen mit gesenktem Gewehre. Das Innere der schwarz verhängten und mit Gas erleuchteten Paulskirche bot einen düster-majestätischen Anblick dar. Die Peers von England und die Mitglieder des Hauses der Gemeinen (ungefähr 500 derselben waren anwesend) und das diplomatische Corps, mit Ausnahme Oesterreichs, welches nicht vertreten war, hatten sich dort vor Ankunft des Leichcnzugcs eingcfundeu.
Die feierliche Stille, die im Innern des mächtigen Gebäudes herrschte, wurde bald nach 11 Uhr durch Trompeten-Töne unterbrochen, welche von draußen erschallten. In die Trauerweise der Blas -Instrumente mischte sich der tiefe Klang der gedämpften Trommeln und daS Geläute der großen Glocke von St. Pauls. Dreiundachtzig Invaliden von Chelsea hielten zuerst ihren Einzug in die Kirche; es folgten ihnen zwölf andere Invaliden und ein Soldat von jedem britischen Regiment. Kaum hatten sie die ihnen angewiesenen Plätze eingenommen, so erschien der Haupt-Herold mit seinen Unter-Beamten, einer Anzahl Flaggen und anderen Abtheilungen des Zuges. Nach 12 Uhr fanden sich der Bischof und der Dekan so wie ein großer Theil der übrigen Geistlichkeit von London ein, und einige Minuten nach 1 Uhr erschien Prinz Albert, auf welchen der feierlich Anblick, der sich ihm darbot, einen sichtlichen Eindruck machte. Etwas später ward die Leiche hereingebracht, und sofort stimmte ein Sänger-Corps das für diese Gelegenheit bestimmte Musikstück an. Die verschiedenen Behörden nahmen hierauf ihre Plätze ein, und Prinz Albert setzte sich zur Rechten des Hauptleidtragenden. In seiner Nähe nahm der Herzog von Cambridge Platz. Dem Sarge des Herzogs waren,
nachdem man ihn aus dem Leichenwagen gehoben hatte, der Bischof, der Dechan und die übrige Geistlichkeit entgcgcngcgangen. Die Sporen trug der Herold von Jork, den Helm undHelmschmuck der Herold von Richmond, Schwert und Schild der Herold von Lancaster und den Wappenrock der Herold von Chester. Dann folgten die ausländischen Marschallstäbe und der von dem Marquis von Anglesey getragene Marschallstab deS Verstorbenen. Nachdem der Sarg auf einer über der Gruft stehenden Bahre niedergesetzt und das Leichentuch entfernt worden war, werden die Herzogs-Krone und der Marschallstab des Verstorbenen auf den Sarg nie» dergelegt. Der Hauptleidtragende saß zu Häupten des Sarges; die Officiere mit den ausländischen Marschallstäben und der Marquis von Anglesey saßen an der entgegengesetzten Seite. Die Verwandte» und Freunde des Todten nahmen hinter dem Hauptleidtragenden Platz. Als sich die Anwesenden auf die für sie bestimmten Plätze vertheilt hatten, ward die Trauerfeier durch Absingen zweier Psalmen (des 39. und 90., Compo- sition von Lord Mornington) fortgesetzt, welchen sich ein Vortrag des Dechanten, D. Milman, ein Rune d i m i t t i ü von Beethoven und ein von dem Organisten der Kathedrale in Musik gesetzter Trauergesang anschlossen. Als Text für letzteren waren folgende der Gelegenheit angemessene Worte gewählt worden r „Und der König sprach zu allem Volke, das bei ihm war: Zerreißet eure Kleider und trauert in Sack und Asche. Und der König selbst folgte der Bahre. Und sie begruben ihn. Und der König erhob seine Stimme und weinte am Gräbe, und das ganze Volk weinte. Und der König sprach zu feinen Dienern: Wisser ihr nicht, daß ein Fürst und ein großer Mann am heutigen Tage gefallen ist in Israel? Als dieser Gesang verhallt war, wurde der Sarg unter den erhabenen Klängen des Todtenmarsches aus Saul langsam inmitten der stum- ■ men, aber lebhaften Rührung der Umstehenden in die Gruft hinabgesenkt. Noch einige majestätische Todten- lieder Hândel's umfluteten dann das Grab, und der Dechant sprach über die Versammelten seinen Segen. Der Wappenkönig des Hosenbrnd-Ordeiis rief hiernach die Titel des Berstorbeneu aus, und der Controleur (Comptroller) des Herzogs zerbrach seinen Stab und gab die Stücke desselben dem „Garter", welcher sie ins Grab niederlegte. Dann erscholl der Choral: „Wachet auf! ruft euch die Stimme." Der Bischof von London sprach ein Schlußgebet und die Feierlichkeit war zu Ende. Die Glocken aller Kirchen von London und Westminster läuteten während der ganzen Dauer des in St. Pauls stattfindenden Traner-Gottesdienstes.
Die Kosten des Leichenbegängnisses werden auf 250,000 Pf. Sterling angegeben.
Deulichland.
△ Vom Lande, 20. November. Die nahe be< vorstehende Umwandlung der sogenannten französischen Republik — denn in der Wirklichkeit bestand solche schon längere Zeit nicht mehr — in eine Monarchie, macht unsern Demokraten in der That viel Kummer Und Un- muth. Wer will ihnen dieses verargen? Wird doch durch die Beseitigung des republicanischen Namens in Frankreich ihre letzte Hoffnung zu Grabe getragen! Abei dafür, daß Louis Napoleon ihnen diesen empfindlicher Streich spielt, wissen sich die Herren meisterhaft durch die Ehrennamen zu rächen, die sie ihm beilegen und von Erfindungsgabe zeugen. Gönnen wir den Hrn. Demokraten dieses letzte Vergnügen; denn sie, welche in der glorreichen Revolution so herrliche Maulhelden — jedoch weiter nichts — waren, können sich doch nicht auf einmal der alten Gewohnheit entschlafen. Haben in- I dessen die Demokraten jetzt keine Hoffnung mehr auf ReailsiÄng ihrer Pläne zur Beglückung der Völker? und worauf hoffen sie? Antw. Darauf, daß in kürzerer oder längerer Zeit daS französische Volk, beständig in seiner Unbeständigkeit, über kurz oder lang Louis Napoleon wie die Bourbonen und Orleans beseitigen wird: Ihre Hoffnung ist, daß eine neue und gewaltigere Revolution als die jüngstvergangene in Frankreich beginne und von den andern Ländern nachgeahmt werde und so das goldene Zeitalter herbeiführe. In diesen Erwartungen gefallen sich die Herren, mit denselben trösten und erfreuen sie sich in ihren kleinen Zusammenkünften, denn große Versammlungen sind für sie gefährlich, seit ihnen die Negierungen in ihr Fahrwasser gerathen sind. Der ruhige Beobachter kann sich nicht bergen, daß die Demokraten noch heute eng zusammenhalten , noch heute ihr Wesen wenn auch versteckt treiben, und ihr vorgcstecktcs Ziel zu erreichen streben. Man sehe
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