Nassauische Allgemeine Zeitung.
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JR S7S Montag den 22. November 18X2
Die „NaffaugStt Allgememr Aeiinnq^ mit dem beiierristis^cn Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, SonntaqS ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumeration-Preis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch ür den ganzen Umsonst des Tour»- und lariö'schen Bermaltungsbeziiks mit Jnbegriis des PoNauischlagâ 2 fl, für die übrigen tänder des deutschaosterreichlschen Poüdereins, wie für daS Ausland 2 fl. 21 fr. — Inserate werden die Sierspallig« Petit, eile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhaiidlung von W. Friedri ch, Hanggaffe 42, auSwâriS bei den nächstgelSgenen Postämtern, zu machen.
□ Der Bundestag und die Zollfrage.
Anschließend an den kürzlich in diesen Blättern ent* Haltenen Artikel über „die Mission der Darmstädter Coa- lition"*) erscheint es, obgleich im Allgemeinen schon berührt, von Wichtigkeit, auf die Bedeutung der Z o l l f r a g e gegenüber dem deutschen Bunde etwas näher cinzugeben.
Ein kurzer Rückblick auf die Zollgeschichte Deutschlands seit Errichtung des Bundes, sagt uns, daß die beiden G r o ß m ä ch t e es waren , w e l ch e z u c r st Zo l l s ch r a nk c n u m i hre G ebiet e errichteten — und sich dadurch thatsächlich von den kleineren Staaten abschlossen. Diese materielle Jsolirung hatte offenbar eine große politische Tragweite, denn sie machte nicht allein das kaum geschürzte Band des deutschen Bundes wieder locker, indem sie eine der wichtigsten Verheißungen der Bundesacte in Frage stellte; sondern sie zwang auch die kleinern Staaten bezüglich ihrer Interessen zu demselben Mittel zu greifen, wodurch der Riß noch mehr erweitert wurde. Man mag über die materiellen Verhältnisse und Bedürfnisse der Völker noch so verschiedener Ansicht sein, so wird man doch zugeben müssen, daß diese Jsolirung der Großmächte kein geeignetes Mittel war, der Bundes- Verfassung und mit dieser dem Bunde eine lebenskräftige Entwicklungsfähigkeit zu verleihen. Vielmehr. tag in diesem traurigen Verhältnisse die fast einzige Ursache der Stagnation, die den Bundestag während einer langen Periode so unvortheilhaft auszeichnete — und seinen Untergang im Jahre 1848 so wenig betrauern ließ. Daß Preußen und Oesterreich sich so wenig für das Wohl und Wehe ihrer kleineren Verbündeten interessirteu, lag in der alten Eifersucht zwischen Urnen, die durch kein großes gemeinsames Interesse bei den Bundesangelegenseiten paralisirt wurde. Es war ein fester politischer Grundsatz bei ihnen geworden, lieber auswärtigen Eventualitäten gegenüber die passive Freundschaft zu erhalten, als den schlafenden Drachen des Duelismus wieder auf- zuwecken.
Mit dieser Politik war aber weder Deutsch lam
-mpt noch Den kleinern Staaten im Bunde gedient. Die schönen Verheißungen aus den Befreiungskriegen waren dadurch nicht allein zerronnen , sondern die ge- rechten Ansprüche, welche Deutschland aus der Bundesacte und dem tiefgefühlten historisch begründeten Bedürfnisse der Einheit herlciten konnte, waren ebenfalls in Frage gestellt.
Es war daher kein Wunder, daß die denkenden Geister der Nation und die Jugend, deren Kraft durch das herrschende Erziehungssystem eher gestärkt als gebrochen worden war, sich der nationalen Angelegenheiten zu bemächtigen suchten — und daß die Presse als vorzügliches Hülfsmittel dabei in Dienst genommen wurde. Die Maßregeln, welche hiergegen ergriffen wurden, gehören zu den bedeutendsten Lebenszeichen, welche der Bund als solcher von sich gegeben, da sie aber weder dem herrschenden Uebel abhalfen, noch geeignet waren, den in vollem Aufstehen begriffenen Geist der Nation niederzuhalten: so trugen sie nur dazu bei, die allgemeine Unzufriedenheit zu erhöhen und damit die herrschenden Mißstände noch fühlbarer zu machen. Wenn es außerdem noch wirksame Mittel geben konnte, die Nation so recht ihre Zerrissenheit und Erniedrigung fühlen zu lassen, so waren es gewiß die Schlagbäume, welche den Deutschen den Verkehr unter einander s v sauer machten.
Die politischen Bewegungen der 30r Jahre schöpften aus diesen Zuständen den größten Theil ihrer Nahrung und eS kam dadurch wenigstens so weit, daß einige Regierungen den Versuch machten, durch Verkehrs- crlcichternngcn, dem wachsenden Uebel der Zersplitterung und allmKlkgen Zersetzung des Bundes entgegen zu arbeiten; woraus dann der preußische Zollverein als wichtigstes Resultat hervorging.
So mangelhaft auch die Gestaltung und Verfassung des preußischen Zollvereins ist, und so »achtheilig er auf gewisse Gewerbszweige und Gegenden gewirkt haben mag, so darf doch nicht verkannt werden, daß er im Ganzen äußerst wohlthätige Folgen bezüglich der materiellen Bedürfnisse geholt — und daß er außerdem — wenn auch sehr wenig zu klarem Bewußtsein und
*) In diesem Artikel hat sich an der, von der Rcdacuou ganz richtig mit einem „?" versehenen Stelle ein Schreibfehler eingeschlichen und muß es Daselbst statt „die Religion ist z. B. nicht mehr eines der hervorragendsten Elemente" heißen: „die Religion ist z. B. nicht mehr oaö allein hervorragende Element" ic.
Urtheil gelangt — der Nation einen großen Aufschwung für ihre praktischen Interessen verliehen hat.
Wäre der Zollverein das geblieben , was er bisher war, nämlich das Resultat freiwilliger Ucbereinkunft von Seiten der Betheiligteu und gleicher Berechtigung der Mitglieder in demselben, so hätte die gegenwärtige Krisis nicht wohl eintreten könnest. Sobald er sich aber, als eine secundäre Verbindung im Bunde, von dieser Gleichberechtigung — wie jetzt geschehen i|t — entfernte, konnte diese Krisis nicht auSbleiben, da dadurch das G l e i â> g e w i ch t im Zollverein und i in Bunde gestört würd c. Es war dieser sehr natürlich, daß die Z o l lf r a g e sich zu einer Angelegenheit des Bundes', wie sie es auch nach d er Lun- desacte sein soll, zu gestalte-» sucht. Daß aber die Zollfrage auf diesen Standpunkt gelangt ist, von dem sie auch sicher gelöst werden wird, wenn — wie übrigens kaum anzunchmen ist — keine freiwillige Vereinigung erzielt werden sollte, zeugt von dem großen Werth, welcher ihr vo n den Regie- r u 11 g e n it n d zumal von den C o a l i t i o n s - R e- gieruugen bei gelegt wird. Obgleich diese Regierungen in einer engeren Verbindung wie sie bisher bestand, ihre Gleichberechtigung behaupten mußten, so werden sie doch nach ihrem offen vorliegenden Zweck gerne bereit sein, sich Beschränkungen, wie sie die Bundesverfassung mit sich bringt, zu unterwerfen, wenn die Zollfrage zu einer Bnndesangelegenbeit erwächst und ihr dadurch der particularistische E h a r alter genommen wird, den sie zum größten Nachtheile d er d eutschen E i n h-eir unter den ausschließlichen A u s p i c i e u Preußens a n g e- n o mme n h äb en w ürde.
Daß diese Anschauungsweise sich in der Nation immer mehr Bahn bricht, beweisen die zahlreichen Adressen 1'0ii Gewerbtreibeudcn und andern Kundgebungen in den Coalstionsstaaten, welche neben die Erhaltung des Zollvereins immer die Vereinigung mit Oesterreich re. stellen.
In Preußen werden dieselben Erscheinungen, welche als ein großer Fortschritt der Erkenntniß ^u begrüßen sind, welche die Nation in ihren Angelegenheiten gemacht hat, die aber nur das rein materiell zunächst Wünschens- werthe umfassen, ohne auf die höheren politischen Bc- dürfnisse Deutschlands Rücksicht zu nehmen, deren Wahrung den Regierungen obliege, sich ebenfalls bald Luft zu machen, wenn unterdessen die Vereinigung nicht näher gerückt ist, wie im wohlverstandenen Interesse ganz Deutschlands mit gutem Grunde zu erwarten steht.
Ist diese Einigung glücklich erreicht, und dadurch oder auf directem Wege die Zollangelegenheit zu einer Bundessache geworden, so ist die Idee der deutschen Einheit chuf praktischem Wege viel näher zur Verwirklichung gebracht, als dieses unter den be= bestehenden Verhältnissen durch andere Mittel geschehen könnte. Der politische Schwerpunkt Deutschlands, welcher bald in Wien, bald in Berlin lag, wird dann dahin kommen, wo er hingehört — nach Frankfurt. — Der Bundestag wird dann erst das weiden können, was er sein soll: der alleinige Träger der deutsche» Interessen. Er wird dann zu neuer belebender Thätigkeit im Sinne der nationalen Einheit nach Innen und nach Außen kommen und die Großmächte werden ihren Hauptstützpunkt im deutschen Element finden und sich dadurch gegen innere und äußere Eventualitäten — wovon die letzteren unter den jetzigen europäischen Conjuncturen gewiß nicht gering anzuschlagen sind — stärken. Die kleinern Staaten aber werden, wenn sie ihren wahren Vortheil begreifen und ihre Stellung zum Besten Deutschlands benutzen wollen — womit in der Darmstädter Koalition der Anfang gemacht ist — ihren Einfluß und ihr Gewicht am Bundestage dazu verwenden, die dualistischen Bestre- .bungen der Großmächte nicht mehr aufkommen zu lassen — und die Feder in Spannung zu erhalte», welche im Bundestage vorhanden und dazu bestimmt ist, den Mechanismus des deutschen Bundes in gedeihlicher Bewegung zu e r halten. ___________
DeuUchlmrd.
A Dillenburg, 19. Nov. Assisenverhandlung gegen Christian M ono aus Dillhausell wegen Verausgabung falscher Thalerscheine.
Präsident: Hofgerichtsdirector Ebhardt, Staatsanwalt: Staatsprocurator Lautz, Vertheidiger: Pro- curator Brau n.
Christian Mono, geboren und wohnhaft zu Dill^ Haufen, Amts Weilburg, 32 Jahre alt, Maurer von Gewerbe, ist angeklagt, mehrere falsche preußische Fünfthaleischeine wissentlich an sich gebracht, uud thcilweise ausgegeben zu haben. Der Angeklagte gibt an, er habe am 3. Februar d. J. nach Wiesbaden gehen wollen, und habe sich einiges Silbergeld und einen preußischen Fünfkhalrrschein mitgenommen , wofür er unter anderm ein paar fertige Hosen kaufen wollte. Er sei mit Holzsteiggeld noch im Rückstände gewesen, und habe in Wiesbaden um Erlaß desselben bitten wollen, und im Falle ihm sein Gesuch abgeschlagen worden sei, habe er auch dieses Holzgcld von jenem Gelde be^hlen wollen. Er will dabei über Runkel gegangen sein, sich jedoch hier gar nicht aufgehalten haben. Aus den Zeugenaussagen geht jedoch hervor, daß er an jenem Tage in Runkel in einem Kaufhause nach Hosenzeug gefragt hat; handelseinig geworden, hat er dieses mit einem Fünfthalerschein bezahlt, der ihm jedoch als un- ächt zurückgegeben wurde.. Er entfernte sich hieraus mit der Bemerkung, daß er den Thalcrschein bei einem Metzger wechseln werde, kam jedoch nicht wieder. Er begab sich hierauf nach Oberbrechen und machte hier bei der Wittwe Strauß einen ähnlichen Versuch. Auch hier kaufte er Tuch, wollte die Zahlung mit einem Thalerscheine bewerkstelligen und wurde auch hier zurückgewiesen. Von hier ging er nach Dauborn zu dem Handelsmanne Meyer, kaufte Tuch 'und bezahlte mit einem Fünfthalerscheine, der hier als ächt angenommen und ihm der Ueberschuß herausbezahlt wurde. Erst einige Zeit nach seiner Entfernung wurde die Unâcht- heit des Scheines erkannt, der Angeklagte verfolgt, und außerhalb Kirberg cingeholt. Bei seiner Festnehmung verschluckte er, ehe man es verhindern konnte, einen Thalerschein und fand man bei ihm außer einem Fünfthalerschein noch jenes Silbergeld, das er in Dauborn bei Meyer herausbekam.
Der Angeklagte leugnet nicht allein in Oberbrechen gewesen zu sein, sondern auch in Dauborn mit einem Fünfthalerschein bezahlt zu haben; er will Meyer mit Sllhcrgeld bezahlt haben. — Das Verschlucken des Thaterfchelns, der gemachte Fluchtversuch, sein Weinen und Bitten, mau möge ihn doch nicht unglücklich machen, er sei ein armer Mann, das er an die ihn fest» nehmenden Personen richtete, bezeugten nur zu klar, daß er ein Verbrechen begangen hatte.
Von den Geschwornen schuldig erkannt, wird er von dem Assiseuhofe zu 3 Monaten Correctionsbaus- strafe und zur Tragung der entstandenen Kosten vcr- urtheilt; weil er jedoch bereits länger als diese Zeit in Untersuchung zugebracht, so wird seine Freilassung verfügt.
Darmstadt, 20. Nov. In Folge allerhöchster Weisung ist die Uuiformirung der Civilstaatsdiener nun auch auf die Lehrer an den Gymnasien, Realschulen und der Gewerkschnle ausgedehnt worden.
Zweibrücken, 18. Nov. Vom 16. bis heute wurde vor den Afsisen die Sache des in den großen Hochverrathsproceß verwickelten und bereits in contumaciam zum Tdde oerurtheilten Hrn. Deutsch von Edenkoben , der sich freiwillig gestellt hatte, verhandelt. Heute erging das Urtheil. Nach dreiviertelstündiger Berathung erklärten die Geschworenen den Angeklagten bezüglich der drei gestellten Hochverrathsfragen nichtschuld i g, worauf derselbe in Freiheit gesetzt, jedoch vorher auf Antrag der Staatsbehörde zu den Kosten Codes ntumacialverfahrens verurtheilt wurde.
* Köln, 17. Nov. Gestern haben—wie die Elberfelder Ztg. meldet — sämmtliche in dein Com- munistenproceß Verurtheilten Kassation eingelegt.
Wie nicht anders zu erwarten war, sprechen sich die Organe, denen es wie der Köl. Zeitung, der Weser- Zeitung, der Zeitung für Norddeutjchland jetzt um Af« fcctirung eines wohlfeilen und einträglichen Liberalismus zu thun ist, über den Communistenproceß in wenig befriedigter Weise aus. Sie wagen znmr nicht, die Ver- Urtheilten offen in Schutz zu nehmen, sie suchen nur die Bedeutung des Umsturzcomplottes so viel als möglich zu verkleinern, dieses als sire Idee, als theoretische Spielerei hinzustellen > welche der ihr gewidmeten Beachtung gar nicht werth sei. Die Köln. Ztg. rühmt, sie habe schon vor einem Jahre bedauert, daß man „dergleichen widersinnige Phantasien nicht wie in England mit verdienter Geringschätzung ausnehme"; die Weser- Zeitung verarbeitet dieses Thema in einen weitschweifigen Leitartikel mit gehöriger Berelausulirung und Berufungen auf ihre bekannte umsturzfeindliche „Gesinnung". Beide Organe führten eine ganz andere Sprache über