Nassauische Allgemeine Zeitung, â «?*•*. Samstag Bru 20. November 185%
Die,,Nassauische Allgemeine Zeitung^ mit dem beilelristischen Be>blalt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, lägltch und beträgt der PränumerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Possregulaiiv nunmehr auch ir den ganzen Umfang des Tdurn. und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschiags 2 fl„ für die übrigen Länder des dentsch.österreichischen Poffvereins, wie für das Ausland 2 ff. 24 fr. — Inserate werden die vierspaltig, Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
L. Napoleons Pläne.
* Die Andeutungen L. Napoleons in Toulon, das mittelländische Meer müsse ein französischer See werden, die Fricdensversichernngcn in Bordeaux, die Hinweisungen der letzten Botschaft auf die vor 35 Jahren erlittenen „Unfälle" lassen sich nicht zusammenreimcn. Man fürchtet, daß die eine Auslegung die richtige sei, nach welcher Die1 Wiederherstellung des Kaiserthums Frankreich nur als der erste Schritt auf dem Wege zu gelten hätte, der zur Wiederherstellung der früheren Größe Frankreichs, der Schöpfungen des großen Oheims, vielleicht zur Ausführung seiner mißlungenen oder im Entwurf aufgegebenen Pläne führt. Bald ist es die Rhein- gränze, die wieder gewonnen werden soll, bald sollen die beweglichen Gränzen des Bicekönigreiches jenseits des mittelländischen Meeres, jenseits des französischen See's, über welchen, wie die Festcantate Mery's lautet, der Dampf eine Brücke schlägt, über ganz Nordafrica gedehnt werden, bald gilt es einen Angriff aus England, bald eine Einverleibung Belgiens. Die genaue Befolgung der Handlungsweise des ersten Napoleon, die Annahme seiner Verfassung, das Eitiren seiner Aussprüche, kann leicht zu dem Glauben veranlassen, das neue französische Kaiserthum werde in Betreff der con- tinentalcu Stellung Frankreichs nur ein reiner Abklatsch des früheren Bnouapartischen Kaiserthums sein. Eine solche Annahme widerstreitet, wie in einem der Kass. Ztg. zur Veröffentlichung übergebenen Schreiben eines in Paris derzeit hoch gestellten Mannes an einen deutschen Diplomaten behauptet wird, durchaus dem speci- fischeu Unterschied, welcher die jetzige in Aussicht stehende politische Schöpfung von der frühern trennt. Nur in einem Puncte wird eine gemeinschaftliche Achnlicbkeit nicht ausbleiben, eine Aehnlichkeit, die aber Deutschland am allerwenigsten beunruhigen dürfte. Es ist dieses die Politik, welche der zweite Napoleon, oder wie man ihn hier nennt, der dritte, aller Wahrscheinlichkeit nach England gegenüber beobachten wird. Wenn man in Deutschland bedenken wollte, wie cs demselben bisher gelungen, die Spekulationen der französischen und überhaupt aller europäischen Revolutionäre in so fern zu täuschen, als er, obgleich ihm die Gewalt nur durch die Revolution zugefallen, dennoch ein jedes Vorgehen auf der von ihr eröffneten Bahm sorgfältig vermieden hat, so müsse man daraus allein schon sehen, daß das Ziel seiner Herrschaft nicht wie bei seinem Oheim über Frankreichs Grenzen hinausgeht. War es doch im Jahre 1848 die in Europa so ziemlich überall verbreitete Meinung, daß wenn das französische Staatsoberhaupt sich an die Spitze der europäischen Revolution stellen wollte, es im Namen derselben Europa erobern könnte.
Diese Meinung mag eine übertriebene gewesen sein; allein es gehörte doch für den größten Günstling der Revolution kein geringer Grad von Enthaltsamkeit dazu, sich von den Lockungen dieser verführerischen Meinung nicht bethören zu lassen; sein Oheim würde ihnen gewiß nicht widerstanden haben. Hat doch selbst eine große konservative, auf die monarchische Ordnung gegründete Regierung, die englische, cs nicht verschmäht, Oesterreichs Verlegenheiten zu benutzen, um es aus Italien auf immer zu verdrängen und dasselbe wie ein zweites Portugal in seine Dependenz zu bringen. Möglich, daß es vorzugsweise die von England in Italien angezettelten Intriguen gewesen sind, welche den Prinzen Louis Napoleon verhinderten, den alten Ambitionen Frankreichs auf Italien in jener Zeit ein williges Ohr zu leihen, indem seine eingewurzelte Antipathie gegen England es nicht zuließ, mit diesem gemeinschaftliche Sache zu machen; möglich, daß cs vielleicht nur diese Antipathie ist, welche ihn als Kaiser zu einer für die europäische Prosperität weniger gefährlichen Politik drängt. Er hat sich gewiß nicht verhehlt, daß es die unglücklichste Partie war, die sein Onkel ergreifen konnte, als er für den Schaden, den ihm England zufügte, sich durch Eroberungen auf dem Continente zu entschädigen suchte und eben dadurch alle Beschädigten zu Alliirten Englands machte.
Den Kampf mit England wird das neue kaiserliche Frankreich wieder aufnchmen müssen, indem ihm dieses in allen Regionen, zu Wasser und zu Lande, wo es glaubt, einen vorherrschenden Einfluß geltend machen zu dürfen, hindernd in den Weg tritt; es wird denselben aber in einer andern als in der frühern Weise führen. Ohne Continentalsperre sind keine Erfolge über England zu erzwingen, das weiß man in Paris so gut als anderwärts. Eine solche hängt aber von einem Hand in Hand gehen mit den übrigen Mächten ab; und es
wäre darum mehr als thöricht, durch ein Hinaussetzen über die Verträge, welche den continentalen Umfang Frankreichs geregelt haben, auf dieses Mittel zu verzichten und sich noch andere Feinde als England auf den Hals zu laden. Es gibt gewisse Ideen, welche nach einander die Politik der großen Mächte beherrschen. Früher glaubte man, das europäische Gleichgewicht bestände in einer proportionalen Vertheilung des Ländes- besitzes. Das war eine ziemlich grobe, materielle Auffassung. Jetzt ist man geneigt, dasselbe mehr in einen auf die verwandtschaftliche Abstammung der Völker ge- gründeten Einfluß zu setzen. Nach dieser Auffassung > würde Europa drei große Gruppen, Frankreich, Deutschland und Rußland bilden, zu teilen alle übrigen Staaten, je nach dem Grade ihrer Verwandtschaft in Sprache und Sitte, in ein intimeres Allianzverhältniß zu treten hätten. Die Aufstellung einer solchen Idee ist eigentlich von Rußland ausgegangen; dasselbe hat schon seit Jahrhunderten nach diesem Ziele gestrebt und zur Stunde seinen Antheil schon so ziemlich zum voraus in Beschlag genommen. Es wäre darum an der Zeit, daß Frankreich und Deutschland daran dächten, sich den ihrigen nicht entschwinden zu lassen; Dem neuen französischen Kaiser kann man zutrauen, daß er die Bedürfnisse der Gegenwart hinreichend begriffen hat, um dieser Idee ebenfalls zu huldigen. In ihr liegt, die Garantie des kontinentalen Friedens und die Hoffnung, den Conti- nent endlich von einer jeden englischen Anhängigkeit befreit zu sehen.
Wenn Sie daher, so heißt es in jenem Schreiben weiter, vielleicht in Bälde von Anträgen, welche die französische Regierung den deutschen Kabinetten in Betreff einer Milderung unserer bisher gehandhabten strengen Zoll- und Handelsabsperrnag und von dem Erbieten zu freundlicheren Beziehungen in dieser Richtung hören, so mögen sie nur darin einen Versuch erkennen, jene Idee ihrer praktischen Lösung entgegen zu führen. Sind aber erst die materiellen Interessen beider Länder einander näher gebracht, dÄin wird auch der alte-politische Antagonismus nicht so leicht wieder in eine blutige Befehdung Umschlägen.
Wir wünschen, daß die Ansichten dieses Mannes, dessen Stellung allerdings eine tiefere Einsicht in die Verhältnisse zu läßt, durch die Zukunft ihre Bestätigung erhielten; indessen dürfte die Möglichkeit, daß die jetzt gehegten Befürchtungen sich als gegründet erweisen könnten, hinrcichen, zur Verständigung und Einigung zu mahnen, um gegen jeden Wechselfall von Außen her gerüstet zu sein. Die neuesten Nachrichten lauten in dieser Beziehung befriedigend und dürften die Bemühungen, welche insbesondere von der österreichischen Regierung ausgehen, um eine schnelle versöhnliche Lösung bestehender Differenzen von dem besten Erfolg begleitet sein.
Deutschland.
§ Aus dem Amt Wiesbaden, 18. Novbr. Daß die so klare wie anständige und von gründlicher Sachkenntniß zeugende Rede des Abgeordneten Franck in der Deputirtenkammer zu Darmstadt über die Zoll- vcreinSangeicgenheit den Lesern der „Nassauischen All- gemeinen Zeitung" unverkürzt mitgetheilt werde, dürfte um so wünschensiverther sein, als die Rede ganz geeignet ist, zur Beruhigung gewisser ängstlicher Gemüther, spwie auch der nassauischen Partei Gotha, der Demokraten und Umstürzler und zur Abdämmung der von diesen künstlich hervorgerufenen Adressen- und Petitio- nenfluth wesentlich beantragen. Man sieht daher mit Verlangen der Fortsetzung der in dem heutigen Blatte theilweisc enthaltenen Rede entgegen.
△ Dillenburg, 18. Nov. (Assisenverhandlung gegen Philipp Stadel aus Selters, wegen Schrift- fälschung.) Präsident: Hofgerichtsrath von Reichenau, Staatsanwalt, Substitut Schröder; Vertheidiger, Pro- curatpr Keller. Johann Philipp Stadel, Wittwer, 35 Jahr alt, Taglöhner von Gewerbe, ist augeklagt, im Monat August l. J. in einem Berichte des Bürgermeister und der Gemeinderäthe seines Ortes, an das herzogliche Kreisamt in Hadamar gerichtet, seine Verehelichung mit M. K. Heller betreffend, die Worte nicht und auch ausradirt zu haben, um sich dadurch die Genehmigung seines Heirathsgesuches um so eher zu erwirken.
Der Angeklagte war im Begriffe, sich mit der oben genannten Person zu verehelichen und hatte deshalb an das betreffende Kreisamt ein Gesuch um Erlaubniß hierzu eingereicht, und wurde'hierauf der Gemeiudevvr- stand seines Ortes zum Bericht über den Bittsteller
aufgefordert. Der Angeklagte stand gerade nicht im besten Ruf, da er sein Vermögen so schlecht verwaltet, daß die Gemeinde bei dem Tode seiner ersten Frau den Sarg zu bezahlen sich genöthigt sah, und ihm außerdem auch noch eine Unterstützung, in Kartoffeln bestehend, verabreichen mußte. Zudem war M. K. Heller, seine Braut, bereits Mutter zweier unehelicher Kinder, und befürchtete der Gemeindevorstand, und zwar nicht mit Unrecht, daß der Angeklagte zur Ernährung dieser Familie, da er auch selbst aus der ersten Ehe Kinder hatte- nicht im Stande sei. Der Gemeindevorstand protestirte daher gegen die Willfahrung des Gesuchs , und wurde dieses Aktenstück dem. Angeklagten verschlossen, Bort dem Bürgermeistereiverwalter Paul, zur Ueberbringung an das Kreisamt, behändigt. Er ließ dasselbe jedoch noch längere Zeit in seiner Behausung liegen, und soll sich während dieser Zeit, seiner Angabe gemäß, der Verschluß desselben aufgelöst haben. Er nahm deßhalb den Bericht heraus und kratzte die oben angegebenen Worte darin aus, im Glauben, der Bericht werde dann eher günstig für ihn lauten, und sein Gesuch würde ihm dann genehmigt werden. Er verschloß denselben wieder und trug ihn demnächst persönlich auf das KreisaMt. — Dorten wurde die geschehene Fälschung sogleich bemerkt- und die Untersuchung sofort gegen den Angeklagten eingeleitet. Der Angeklagte gesteht die Fälschung zu, wird demzufolge von den Geschwornen schuldig ersannt, und da aber die aus dem Berichte entfernten beiden Worte im Wesentlichen nichts änderten und daher der Zweck des Angeklagten nicht erreicht werden konnte, so wurde er von dem Assisenhofe nur zu 14 Tagen Amtsarrest und zur Tragung der Kosten verurtheilt.
Frankfurt, 19. Nov. Der Bundesprâsidialge- sandte wird sich im Laufe der nächsten Woche nach Wien begeben. Graf Thun theilte dieß in der gestriger! Sitzung der Bundesversammlung mit und substitUirte den königl. preuß. Bundestagsgesandten- Hrn. v. Bismark-Schönhausen.
Gegen PH. Herlich, welcher im vergangenen Sommer im Oberforste einen meuchelmörderischen Anfall gegen Hrn. Schöff von Heyden unternahm, wodurch jedoch glücklicherweise demselben nur die Hand verwundet wurde, ist dieser Tag vom Kriminalgerichte das Urtheil gefällt worden. Dasselbe lautet auf 10 Jahre Zuchthaus und außerdem wird derselbe nach überstandener Strafzeit noch 5 Jahre lang unter polizeiliche Aufsicht gestellt.
Wie die „Fr. P. Z." berichtigend bemerkt, hat die Bundesversammlung in ihrer Sitzung vom 11. den Beschluß gefaßt, in Folge des Ablebens des k. k. Hofraths Freiherrn v. NeU, die Besorgung der Geschäfte der dermalen provisorisch bestehenden Bundescasscnabtheilung dem königlichen preußischen geheimen Regierungsrath C r ü g e r, unter Mitwirkung des BundeSkanzlei- Directors gegen die Bedingung zu übertragens, daß der Erstgenannte dem Bunde den üblichen Revers ausstelle.
Karlsruhe, 16. Nov. Diesen Morgen traf ein k. k. österreichischer Cahinetscourier aus Wien hier ein.- Da es ein höherer Diplomat war, der die Depeschen überbrachte, so vermuthet man, daß dieselben von Wichtigkeit sind. Sie betreffen sicherem Vernehmen nach die Heirathsangelegenheit des Prinzen Friedrich.
Da mit dieser Saison in Baden-Baden der Spiel- Pachtvertrag des Herrn Benazet zu Ende ging, so treten jetzt bei unserer Regierung eine Masse von Bewerbern dafür auf, die zum Theil sehr vortheilhafte Bedingungen stellen. Man glaubt jedoch, unsere Regierung werde Hrn. Benazet den Vorzug geben.
'Hannover, 15. Nov. Der königl. württcmber- gische Gesandte am preußischen Hose, Staatsrath von Linden, ist hier eingetroffen und nach einer Audienz, welche derselbe vorgestern beim Könige hatte, mit dem Minister des Auswärtigen, Hrn. v. Scheele, zur königl. Tafel geladen worden. — Die durch einige Blätier laufende Nachricht, daß die königl. hannöversche Armee eine neue, der österreichischen ähnlische Uniform erhalten werde, entbehrt allen Grundes, ebenso ungegründet ist das Gerücht von der Wiedereinführung der rothen Röcke in der Armee; richtig dagegen ist, daß von Neujahr an auch die Infanterie Schleppsäbel erhalten wird.
Oldenburg, 13. Nov. In der heutigen Sitzung des Landtags wurde der Antrag des Ausschusses: „der Landtag wolle auf die Berathung des vorgelegten Entwurfes eines Wahlgesetzes für die Wahl der Abgeordneten eingehen," nach einer lebhaften Debatte mit 28 gegen 15 Stimmen angenommen. Ebenso fand der Antrag des Präsidenten, daß diejenigen Paragraphen des Regierungs-Entwurfes, mit denen das Gutachten