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Nassauische Allgemeine Zeitung.

â S-/ Freitag dcu 19. Aooember 18S3

Die,,Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag« ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch ür den ganzen Umfang des Thurn- und TarrS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deuifch-vsterreichischen Poswereigs, wie für das Ausland 2 fl. 24 fr. Inserate werden die »ierspaltig« Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Amtlicher Theil.

D i e n st r« a ch r i ch teN.

Der provisorische Lehrvicar Schorr zu Schren- bcrg, Amts Königstein, ist definitiv zum Lehrvicar da­selbst ernannt worden.

Der provisorische Lehrvicar Bechtel zu Zinnhaim ist definitiv zum Lehrvicar daselbst ernannt worden.

Nichtamtlicher Theil.

£V0 contra R NdN W liF (Schluß.)

Gesteigert ward die Stimmung durch die Stänkerei des Vereinigten Landtages und durch die dieser Stänke­rei gegenüber recht klar gewordene innere Schwäche der Negierung, durch die Männer von Heppenheim u. s. w. zur Vollendung gebracht ward der CoL-apsus durch die vollständige Nath- und Kopslofigkeit, um nicht zu sagen Feigheit, fast sämmtlicher Deutscher Regierungen den Februar- und Märzbewegungen gegenüber, deren Gipfel nur dieZustimmung und Anordnung" der Frankfurter Versammlung durck sämmtliche Regierungen war. Ans dem Boden pantheistischer Weltanschauungen war recht eigentlich diese ganze Blase, wie aus einem Abgrunde, aufgestiegen. Nun haben, wie wir gern an­erkennen, einige noch weniger inficirte Puncte Deutsch­lands auch fromme, rechtsachtende Männer nach Frauk- tnrt gewählt; und in manchen anderen, schon insicirten Kreisen hat die gute Absicht und Aufopferungsfähigkeit frommer rechtsachtender Männer noch bessere Wahlen erreichen lassen aber selbst diese besseren Elemente der Frankfurter Versammlung haben weder in Beziehung auf ihren religiösen Glauben, noch in Beziehung auf sittliche Weltanschauung ja auch nur in Beziehung auf gewerbliche und mercantile Bedürfnisfe einen Boden großartigeren Verständigens zu finden vermocht und dagegen im Ganzen waren Leute da, die an unseren modernen Dichtern ihr Evangelium, an unserem vom Rechtssinne verlassenen Consti'tutionalismus ihren sitt­lichen Katechismus hatten im Einzelnen sogar auch Leute , deren Anspruch auf das Vertrauen der Massen nur in deren langgenährtem Hasse und Unruhcgciste wurzelte eine solche Versammlung trat damals im Mai 1848 zusammen solche Leute waren es, die damals mit dem Vertrauen des Wesens, welches Herr v. Radowitz das Deutsche Volk nennt, beglückt frei­lich zugleich für die Zukunft (so weit die Ehrenhaftig- keit der einzelnen Personen nicht mächtig genug war, die levis notae macula vergessen zu machen) blamirt wurden. Eine so berufene, so zusammengewählte Ver­sammlung hätte man wirklichmit den heißesten Se­genswünschen" begleiten sollen? wahrhaftig dann hätte sich vor Gottes lichtfunkelndcm Auge der Segen in Fluch verwandelt und statt, daß nun jene Ver­sammlung nur wie ein Halt- und haltungsloser Pan­theistenhaufe (was er zwar nicht dem Bekenntnisse, aber der Gedankenbildung nach in bei weitem der Mehrzahl war) bankerutt gemacht hat, wäre der Bankerutt über das ganze Deutsche Land ausgedehnt worden. Hatte diese Versammlung nicht allmählich von allen Seiten stärkere Frictionen zu erfahren gehabt, wäre ihr wirklich Alles mit heißesten Segenswünschen beigefallcu und er­geben geblieben, wo wären wir jetzt? (Wir theilen hier Ansichten des Prof. Leo mit D. Ned.)

Wer in einem solchen Leben und Treiben mitten darin steht, wie Herr von Radowitz darin stand, wer sich dabei guter Absichten bewußt ist, Plane in die- feil Absichten und so verfolgt hat, daß die Natnr des Treibens in diesen Planen mit berechnet und als Agens verwendet war; wer in dieser Thätigkeit dann und wann die Erfahrung gemacht hat, daß er einige Ge­walt noch in diesem Treiben zu üben vermochte, dem wollen wir die Täuschung verzeihen, wenn er sich ein­bildet, er und noch einige Freunde hätten zuletzt die Sache noch zu Recht ziehen können, wenn nur Andere und namentlich Draußenftehcndc nicht so verblendet ge­wesen wären; aber wir theilen und theilten diese Täuschung nicht im Mindesten. Von Antipathien und Vorwürfen, auf die sich allerdings immer leicht verzich- ten läßt, wo es ein höheres Ziel gilt, war da keine Rede sondern: hie lebendiger Gott! und: hie Welt­geist! hie Deutsches Recht! und: hie modern-ver­worrenes Hexengebräu! Das war die Wahl und diesen Wcltgeist und dieses Hexengebräu hätte man noch mit seinen heißesten Segenswünschen begleiten sollen? Nein! vielmehr noch ganz anders hätte man

opponiren, ganz anders hätte man sich zu einer Gegen­wirkung anstrengen müssen, wenn nicht sehr bald klar geworden wäre, daß in Frankfurt überhaupt für uns der Schwerpunkt nicht liege, sondern in den Regierungs­sitzen der deutschen Fürstenthümer. Kamen die Re­gierungen erst wieder dazu, ans der Anarchie und Kraftlosigkeit, in welcher sie vorher Jahre lang sammt und sonders gewesen waren, sich herauszuarbeiten, so konnte man auch sicher darauf rechnen, daß Frankfurt an den Regierungen durch seine eigne Thorheit leicht scheitern müsse also die Frankfurter Vorgänge haben wir sehr bald zu sehr harmloser Unterhaltung verar­beitet. Die Frankfurter Versammlung erschien uns Al­len sehr bald als ein colossales Abbild jenes Typus Deutschen Humors, des Larou Münchhausen, der, in einen Sumpf gerathen, sich am eignen Zopfe aus dem­selben herauszuziehen bemüht ist. Daß diese Gesell­schaft bankerutt geboren sei, war bald sehr klar, wenn man dem Spiele zusah und nicht selbst in den Interes­sen des Spiels gefangen war; ihr Ende mußte über kurz oder lang dem gloriosen Anfänge vollkommen ent­sprechend ein treten und je länger die Herren bei- famen blieben, je besser denn um so länger auch blieben störende Elemente aus den Kreisen, wo man sie nicht brauchen konnte, entfernt, und in Frankfurt in einer Deutschen Kahbalgerei beschäftigt. Diese Segens­wünsche haben wir dem Dinge gewidmet; keine an­deren denn wenn wir zur Leichenwache den Leichen­gestank in den Kauf nehmen mußten,ihn ertragen" und ihnschön finden" sind verschiedene Sachen. Wir haben den Leichengcruch damals ertragen ertragen ihn heute noch zuweilen mit Humor, mit gut­müthigem Hohn, wie er sich eben trotz aller Trauerum den Verstorbenen zuweilen Platz machte ergrimmt sind wir nur zuweilen, wenn uns dieser Lcichengcstank als des verblichenen Helden edler Geist verkauft werden wollte von Leuten, deren Beschränktheit uns aus un­lauteren Quellen aufzusteigen schien. Herr von Ra- dowitz thut uns leid, daß er aus seiner Selbsttäuschung noch nicht herauskann und uns diesen Baron Münch­hausen und dessen hoffnungsvolles, freilich â^ schwäch­licheres , auch früh verblichenes Söhnchen immer von Neuem anpreist als des Schweißes der Edlen werth. Es waren aber wahrhaftig bloße Gespenster!

Aus dieser Selbsttäuschung, aus diesem Hexenge­schloß, was ihn umfängt, mochten wir ihm herausbelfen können. Wie ein Engel mit dem Flammenschwert steht diese Täuschung an allen Thüren, durch die Herr von Radowitz seiner übrigen eigensten Natur nach schrei­ten müßte wie ein jböser Engel begleitet sie ihn doch kann sein eigner Will' allein den Unhold von ihm wehren. _____

Deutsche Ausrvarrdeeuug und Soluuisalion

(Schluß.)

Auswanderern, welche nach Brasilien gehen wollen, kann für den Augenblick fast nur die Kolonie San Leo­poldo empfohlen werden, wo ihnen zwar kein Land ge­schenkt wird, sie aber auch frei von jeder Bevormun­dung und somit von mancherlei Täuschungen bleiben, auch Laud zu billigen Preisen zu kaufen ist. Von den dort lebenden 11,000 Deutschen haben sehr viele schon ansehnliche Summen erspart und in der Bank oder sonst angelegt.

Ueber Mexico sind dem Centralvereiu von dem königl. Ministerio abermals Nachrichten zugegangen, aus denen hervorgcht, daß zur Auswanderung dorthin un­ter keinen Umständen zu rathen sei. Der vom Vorsi­tzenden hierbei mitgetheilte officielle Bericht enthielt die eclatantesten Beweise hierfür.

Nach Mittelamerica findet, nach dem von der hiesigenColonisationsgesellschaft für Centralamerica" festgehaltenen Grundsätze: vor Vollendung der Vorbe­reitungsarbeiten keine Ansiedler anzuuehmen, noch keine Auswanderung statt. Zur großen Befriedigung muß es aber der gedachten Gesellschaft gereichen, daß der jetzt hier anwesende preußische Geucral-Consul für Cen- tralamerica Herr Klee nicht nur das Unternehmen für sehr gut und vollkommen richtig organisirt, auch die Persönlichkeit des erwähnten Colonialdirectors, des Barons Alex, von Bülow für vorzugsweise zur Durch­führung des großartigen Unternehmens geeignet erach­tet, sondern sich sogar selbst bei demselben als Actionär betheiligt hat. Nach den neuesten, dem Centralvereine mitgethcilten Berichten, ist von dem Hrn. von Bülow und dem Ingenieur der Gesellschaft, Herrn Kurze, ein guter Hafen an der atlantischen Küste und ein von die­

sem Hafen nach der alten Hauptstadt Carthago anzu- legender Weg aufgefunden, und dadurch im ganzen Lande großer Jubel verbreitet worden. Man hat die gedachten beiden Herren mit den mannigfaltigsten Ehren überhäuft, und sieht in dieser Auffindung den Keim einer großen Zukunft für das Land. Das Unter­nehmen erscheint hiernach vollkommen gesichert und sollen auch die Actien vollständig vergriffen sein.

Die üblen Nachrichten, welche von den nach Peru spedirten deutschen Auswanderern eingegangen sind, hat der peruanische General-Cousul in Abrede zu stellen, wenigstens zu mildern versucht; indeß ergeben die hier­her gelangten Berichte jedenfalls so viel,' daß der Cen- tralvereiu fortfahren muß, auf das dringenste vor der Auswanderung nach Peru zu warnen.

Nach Süd-Chili sind in neuester Zeit mehrere hundert Auswanderer, namentlich aus Kur-Hessen und zwar mit bedeutenden Capitalien abgegangen. (Die dor­tigen deutschen Kolonisten befinden sich auch fast alle in einer befriedigenden Lage.

Eben so hat die Auswanderung nach Venezuela zugenommen; und die neuesten Nachrichten von den dort angesiedelten Kolonisten lauten sehr günstig.

Ueber Ausstralien muß das in der vorigen Sitzung Gesagte wiederholt werden. Die Zustände sind dort durch das Goldfieber so wandelbar, daß man Nieman­dem rathen kann, sich jetzt in jenes Chaos zu begeben.

Die Kolonisation von Surinam durch Deutsche wird von der niederländischen Negierung sehr energisch betrieben. Zunächst sollen Kommissare einiger süd­deutschen Staaten das Land bereisen und darüber be­richten. Der Central Verein wird sich daher sein Urtheil bis zum Erscheinen jenes Berichtes vorbehalten können, zweifelt aber sehr, ob, selbst abgesehen von der Gesund- beitöfrage, die Kolonisation von Surinam ohne eine totale Reform der dortigen Colonial- und Finanz-Ver­waltung überhaupt zu realisiren sein möchten.

Auch St. Domingo fühlte das Bedürfniß, sich durch europäische Einwanderung zu stärken, und hat ein liberal klingendes Colonisations-Gesetz gegeben; in­deß wird schwerlich Jemandem einsalleu, dorthin auSzu- wandern.

Endlich werden jetzt wiederholt Pläne zu Coloni­sation in Ungarn veröffentlicht, was vielleicht mit der wachsenden Auswanderung aus den österreichischen Staa­ten, namentlich aus Böhmen, nach America in Verbin­dung steht. So lange indeß nicht die schon in einem frühern Vortrage speciell abgehandelten Hindernisse be­seitigt sind, welche der Leitung der deutschen Auswan­derung nach Ungarn entgegenstehen, wird man um so mehr vor dergleichen Offerten warnen müssen, als die­selben Privat- Speculation zu sein scheinen und die österreichische Regierung diese für dieselbe so wichtige Angelegenheit noch nicht organisirt, wenigstens die wirk­liche planmäßige Ansiedelung noch nicht begonnen hat.

Zum Schutz der Auswanderer sind Ver­ordnungen für Altona und Altenburg ergangen. Auch ist die neue Pasfagier-Acte für England in Kraft getreten. Die Regierung von Coburg hat vor der Tour über Liverpool gewarnt.

Als Geschenke sind beim Vereine eingegangen:

1) Jahrbuch der Volkswirthschaft und Statistik von Otto Hübner, (in welchem sich auch ein Aufsatz die Statistik der deutschen Auswanderung" von Gaebler befindet,) durch den Herrn Verfaffer.

2) Mehrere Exemplare der Mittheilungen, betreffend die deutsche Kolonie;Dona Francisca" von dem Hamburger Colonisations-Verein de 1849.

Nach dem Vorsitzenden erhielt Herr B l u m e das Wort, welcher im Anschlusse an seinen, in der letzten Sitzung begonnenen Vortrag über Venezuela hauptsäch­lich die Geschichte der deutschen Kolonie Tovar in Ve­nezuela, ihre befriedigende Lage und das günstige Schick­sal der neuerlich nach Venezuela ausgewanderten Deut­schen behandelte, und zu dem Schlüße kam, daß eine mäßige und nicht überstürzte deutsche Auswanderung nach Venezuela, sowohl diesem Lande, als den Auswan­derern zum Vorthcilgcreichen werde.

Die Sitzung war sehr zahlreich und diesmal auch von Damen besucht, bei denen die Vorträge, nament­lich die Schilderungen der tropischen Natur und der fremdenartigen Verhältnisse viel Interesse zu erregen schienen.

Deutschland.

Dillenburg, 16. Nov. Assisenverhandlung gegen Felix Braitsch und Konsorten aus Marienzell wegen Verausgabung falschen Geldes.